Lifestyle

Erfolgreich, mobil, aber unglücklich

Von Christina Prüver

Lifestyle: Erfolgreich, mobil, aber unglücklich
13. September 2004 

Als Friederike zum ersten Mal lächelte, war ihr Papa gerade in Berlin. Als sie ihre ersten Schritte machte, war er in Münster. Friederike sieht ihren Vater nur am Wochenende - von Montag bis Freitag arbeitet er als Chefredakteur einer Wochenzeitung in Stuttgart.

Am Ende jeder Woche fährt Claudius Rosenthal zu seiner Frau und den zwei Kindern ins Sauerland, am Sonntagabend geht es zurück in sein Ein-Zimmer-Appartement. Damit ist der 32 Jahre alte Journalist einer von rund drei Millionen Deutschen, die in einer Wochenendbeziehung leben. "Wir haben uns dafür entschieden, weil es ein ähnlich verlockendes Jobangebot in meiner Umgebung nicht gab", sagt Rosenthal. Wer Karriere machen will, nimmt vieles in Kauf - sei es, die Familie nur am Wochenende zu sehen oder täglich etliche Kilometer zum Arbeitsplatz zu pendeln.

Höheres Einkommen

Je höher das Einkommen, desto größer die Bereitschaft zur Mobilität. Fast die Hälfte derjenigen, deren Zweisamkeit sich auf Samstage und Sonntage beschränkt, sind Akademiker oder haben Abitur. Nur wer genug verdient, kann sich eine Wochenendbeziehung überhaupt leisten: 500 Euro monatlich entstehen alleine durch Zusatzkosten wie Fahrkarten oder Benzin und hohe Telefonrechnungen.

Doch auch wer täglich weite Strecken pendelt, verdient überdurchschnittlich: Mehr als 29 Prozent der Berufspendler, die 50 Kilometer und mehr zum Arbeitsplatz zurücklegen, verfügen über mehr als 2000 Euro netto im Monat, ergab die jüngste Studie des Statistischen Bundesamtes zum Verhalten von Berufspendlern. Dabei werden diese Wege immer länger. "Wir nehmen an, daß die bisher geringe Zahl derer, die täglich für den einfachen Weg rund zwei Stunden brauchen, erheblich zugenommen hat", sagt der Mainzer Soziologieprofessor Norbert Schneider.

Pendler sind u nzufrieden

Wer mobil ist, bekommt den besseren Job, wer beruflich erfolgreich ist, lebt zufriedener? Gerade bei Berufstätigen, die jeden Morgen und Abend lange auf Straßen und Schienen unterwegs sind, ist das Gegenteil der Fall. "Pendler sind weniger glücklich", hat der Berner Ökonomieprofessor Bruno Frey herausgefunden, der sich mit den psychologischen Grundlagen von Ökonomie beschäftigt.

"Niemand pendelt gerne, und je weiter die Entfernung ist, desto unangenehmer wird es", sagt Frey und spricht von einer Fehleinschätzung: In den meisten Fällen entscheiden sich die Pendler freiwillig für die große Distanz zwischen Wohnort und Arbeitsplatz in der Annahme, so den besseren Job und die höhere Lebensqualität außerhalb der Städte gewählt zu haben. "Pendler machen in bezug auf ihr eigenes Handeln einen systematischen Fehler", meint Frey. Denn obwohl die Pendler mit ihrem Leben unzufrieden sind, ändern sie nichts an der Situation - offensichtlich will man sich nicht eingestehen, daß die Unzufriedenheit von der selbstgewählten Mobilität herrührt.

Weniger Streß durch Mitfahrgelegenheiten

"Ich bin genervt und abends total kaputt", sagt Sascha Müller. "Der Zustand belastet mich sehr." Müller ist Fernpendler im Rhein-Main-Gebiet, also jemand, der mehr als eine Stunde am Tag zu seiner Arbeitsstätte unterwegs ist: Er ist Projektleiter des "Pendlernetzes". Die von den Bundesländern Hessen und Rheinland-Pfalz sowie den Kreisen, Städten und Gemeinden der Region unterstützte Initiative bietet seit Mai im Internet eine Plattform für private Mitfahrgelegenheiten. Wie seit zwei Jahren in Nordrhein-Westfalen können sich unter www.pendlernetz.de Fahrer und Mitfahrer finden. Derzeit gebe es rund 10000 Angebote und Gesuche. "Die Resonanz bisher ist sehr gut", sagt Müller, der selbst gerade nach einem Mitfahrer sucht.

Studien hätten ergeben, daß Menschen am Steuer vorsichtiger fahren, wenn Beifahrer neben ihnen sitzen. Die Unfallwahrscheinlichkeit nehme um bis zu 50 Prozent ab. "Wer schon auf der Autofahrt nach Hause im Gespräch mit den Mitfahrern seinen Streß abbauen kann, kommt besser gelaunt und ausgeglichener an", glaubt Müller. Zweimal in der Woche steht er morgens um halb sechs auf, setzt sich ans Steuer seines Golf und fährt die 83 Kilometer von Bad Sobernheim zum Arbeitsplatz bei Frankfurt. Und abends wieder zurück.

Körperliche Beschwerden und Trennungsangst

"Alles, was über eine Stunde Fahrtzeit am Tag hinausgeht, ist absolut zuviel", meint Ellen Buckermann, deren Kölner Institut für Management und Gesundheit WHC-Consulting unter anderem Führungskräfte berät. Die Folgen des Pendelns sind laut Buckermann "hohe Streßbelastung, Herz- und Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen und Magen-Darm-Beschwerden". 76 Prozent aller Pendler berichten von Belastungen, die direkt mit ihrer mobilen Situation zusammenhängen, fand Soziologieprofessor Schneider heraus. "Neben körperlichen Beschwerden droht der Verlust sozialer Kontakte."

Pendler litten unter chronischem Zeitmangel. Die wenige Freizeit wollten sie in Ruhe verbringen - was wiederum zu Problemen mit dem Partner führe, der am Wochenende gerne aktiv sein möchte. "Auch Freundschaften oder die Tätigkeit in Vereinen kommen dadurch zu kurz." Die Angst davor, zugunsten des Traumjobs in einer anderen Stadt den Partner zu verlieren, ist entsprechend groß: 37 Prozent der Deutschen fürchten eine Trennung, ergab eine vom Internet-Stellenmarktdienstleister Jobpilot durchgeführte Studie.

200 Milliarden Euro für Krankenstände und Ausfälle

Daß Pendeln nicht nur eine physische und psychische Belastung für Erwerbstätige darstellt, sondern auch ein ernstzunehmender ökonomischer Faktor ist, wird mittlerweile auch von den Unternehmen erkannt. Beraterin Ellen Buckermann schätzt, daß Arbeitgeber jährlich rund 200 Milliarden Euro ausgeben müssen, um Krankenstände und Ausfälle zu bezahlen, die sich auf die Belastung durch weites Pendeln zurückführen lassen.

Bis zu 50 Prozent aller Berufsunfälle sind sogenannte Wegeunfälle, passieren also auf dem Weg vom oder zum Arbeitsplatz, schätzt Wolfgang Nickel vom Kasseler "Verein zur Entwicklung der Mobilitätswirtschaft". Während die Wissenschaft mittlerweile erste Ergebnisse im recht neuen Gebiet der Mobilitätsforschung geliefert habe, sei das Thema bei deutschen Unternehmen noch nicht wirklich angekommen, meint Nickel.

Individuelle Lösungen zahlen sich aus

Bereits vor acht Jahren begann er, mit einem Mobilitätskonzept für die Infineon Technologies AG in Dresden die Arbeitswege der Mitarbeiter zu optimieren. Das Ergebnis: Heute fahren 76 Prozent mehr Mitarbeiter in Fahrgemeinschaften zu ihrem Arbeitsplatz als 1996. 30 Prozent der rund 5500 Mitarbeiter wohnen in einem Umkreis von fünf Kilometern vom Unternehmen entfernt. "Die Mitarbeiter sind pünktlicher und flexibler, die Krankheitsrate ist gesunken", sagt der Mobilitätsexperte Nickel. "Jeder neu eingestellte Mitarbeiter bekam eine kostenlose Wohnstandortsberatung - mit dem Effekt, daß viele gleich bei ihrer Einstellung oder wenig später in die Nähe ihres Arbeitsplatzes zogen."

Ursprünglich habe man "nur das Parkplatzproblem" lösen wollen, erklärt Kathleen Kühnel, Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsabteilung von Infineon. "Dazu kam der Gedanke, unseren Mitarbeitern den Weg zur Arbeit so angenehm wie möglich zu machen." Jetzt kommen 16 Prozent der Mitarbeiter, darunter sogar Mitglieder der Betriebsleitung, mit dem Fahrrad; Duschen und Umkleiden machen's möglich. Verschwitzte Trainingsanzüge können in Trockenschränke gehängt werden. In Zusammenarbeit mit den lokalen Verkehrsverbänden und der Stadt Dresden wurden die Fahrtzeiten der Straßenbahn und die Schichtarbeit optimiert. Für jeden Mitarbeiter wurde ein individueller Fahrplan erarbeitet, außerdem wurden mit den Verkehrsbetrieben vergünstigte Fahrkarten ausgehandelt.

Brauchen wir die Mobilität

Ein Beispiel, das nach Meinung der Mobilitätsexperten Schule machen sollte. Neben der Verbesserung der Infrastruktur sind vor allem flexible Arbeitszeitmodelle gefragt. "An ihren Arbeitsorten haben Wochenendpendler meist wenig soziale Kontakte und arbeiten bereitwillig zehn Stunden am Tag", sagt Schneider, so daß die Vierzig-Stunden-Woche auch in vier Tagen abgearbeitet werden könne. Weiterhin müßten Anreize geschaffen werden, mit der Familie umzuziehen, fordert Wolfgang Nickel und kritisiert: "Es gibt noch immer zuwenig Kindertagesstätten in den Firmen."

Allerdings besteht nicht nur auf seiten der Arbeitgeber mangelnde Bereitschaft zur Lösung des Problems: "Fernpendler wollen als solche nicht unbedingt von ihren Arbeitgebern wahrgenommen werden, da sie in der Firma als unflexibel gelten", hat Norbert Schneider festgestellt. Wer seine Arbeitszeit nach der Erreichbarkeit von Zügen und der Vermeidung von Staus einteilen müsse, habe oft Angst vor einer Entlassung. "Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir eine Gesellschaft brauchen, in der so viel Mobilität gefordert wird", sagt Ökonomieprofessor Frey. Wenn Claudius Rosenthal am Sonntag abend zurück in sein Stuttgarter Ein-Zimmer-Apartment fährt, hört er die "Roadshow" auf SWR3. Hier grüßen sich Menschen, die vom gemeinsamen Wochenende mit Familie oder Partner zurück an ihre Arbeitsstätte fahren. Den Gutenachtkuß für Friederike gibt's nachher per Telefon.

Alles doppelt haben

Folgende Bücher handeln von Problemen der Pendler:

Alexandra Berger: "Liebe aus dem Koffer", Kreuz Verlag, 16,90 Euro.

Norbert Schneider, Ruth Limmer, Kerstin Ruckdeschel: "Mobil, flexibel, gebunden. Beruf und Familie in der mobilen Gesellschaft", Campus Verlag, 29,90 Euro.

Karin Freymeyer, Manfred Otzelberger: In der Ferne so nah. Lust und Last von Wochenendbeziehungen", Ch. Links Verlag, 12,80 Euro.

Christine Koller: Liebe auf Distanz. Fernbeziehungen und wie man sie meistert. Mvg-Verlag, 15,90 Euro.

Sylvia Gräbe, Erich Ott: " ,... man muß alles doppelt haben.' Wochenpendler mit Zweithaushalt am Arbeitsort", LIT Verlag, 19,90 Euro.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2004, Nr. 212 / Seite 53
Bildmaterial: F.A.Z.-Tresckow

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