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Junge Wirtschaftsführer sollen von Künstlern lernen



Wo sind die Kandidaten, die das Zeug zur Führungskraft haben?
08. Oktober 2004 
Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI hat bei einem Festakt in Mannheim das Stipendien-Programm "Kulturelle Kompetenz" gestartet. Das zweisemestrige "Bronnbacher Stipendium" soll den 17 aus mehr als 80 Bewerbern ausgewählten Studenten kulturelle Kompetenz vermitteln, ihnen den Zugang zu schöpferischen Prozessen und kreativen Denkmodellen öffnen.

Das Stipendium soll dazu motivieren, privat und beruflich Verantwortung für Kunst und Kultur zu übernehmen. Studenten mit sehr guten Studienleistungen und Karrierepotenzial sollen sich zwei Semester lang an jeweils sieben Wochenenden und Abenden im Kloster Bronnbach im Dialog mit bekannten Künstlern fortbilden.

Jürgen Zech, dem Schöpfer des Stipendiums und Vorstandsvorsitzenden des Kulturkreises, bleibt eine Passage aus einem Vortrag von Jürgen Ponto unvergeßlich. Der später von Terroristen ermordete Dresdner-Bank-Chef hatte darin die geistige Verwandtschaft von Künstlern und Spitzenmanagern aufgezeigt: Beide generieren schöpferisch innovative Prozesse. Beide benötigen den Mut und das Engagement, über die Grenzen des Angestammten hinauszudenken. Beide übernehmen Verantwortung, wenn sie neues Terrain betreten.

Verantwortung für die Kunst

Diese Gedanken sind Nährboden für das neue Stipendium. In Abend- und Wochenendveranstaltungen, zum Teil in Kloster Bronnbach, einer Tagungsstätte der Uni Mannheim, soll den Studenten die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft und den einzelnen klargemacht werden. Als Führungskräfte von morgen sollen sie motiviert werden, auch privat und beruflich Verantwortung für die Kunst zu übernehmen, so beschreibt der frühere Gerling-Vorstandsvorsitzende das neue Projekt, für das es auch im Ausland keine Vorbilder gibt. Angesprochen werden Studenten insbesondere der Wirtschaftswissenschaften mit abgeschlossenem Grundstudium.

"Vor einigen Jahren, als alle Welt nur noch von Shareholder Value sprach, ist mir in einem Gespräch mit einem Münchener Kunsthistoriker die Idee gekommen, die Verbindung von Kunst und Unternehmen auch jungen Menschen aufzuzeigen", erinnert sich Zech. Von den angesprochenen Universitäten habe sich Mannheim durch besonders starkes Interesse empfohlen. Dort wurde in der Südzucker AG auch der erforderliche Hauptsponsor für das zunächst auf fünf Jahre ausgelegte Bronnbacher Stipendium gefunden.

Mannheim soll der Start sein

Mannheim soll der Start sein, schön wäre es, wenn weitere Universitäten folgten, wünscht sich der leidenschaftliche Kunstliebhaber und Sammler, der mit einer Kunsthistorikerin verheiratet ist. Freilich müßte er jeweils einen Hauptsponsor finden, der mit jährlich 50.000 Euro die Basis für ein anspruchsvolles Programm sichert. "Jeder, mit dem ich spreche, ist von dem Projekt begeistert, doch ob er dann auch Geld gibt, steht auf einem anderen Blatt", erzählt Zech und hofft dennoch, daß das Projekt einmal ein Selbstläufer wird.

Wo nur die Persönlichkeit zählt

Die Qualität des Stipendiums soll durch die Kandidatenwahl sichergestellt werden. Auswahlkriterium sei weder künstlerisches Talent noch einschlägige Vorbildung, sondern einzig die Persönlichkeit. In den Interviews komme es nicht darauf an, daß jemand bereits perfekt Cello spiele. "Wir suchen Kandidaten, die das Zeug zur Führungskraft haben, die kommunikative Fähigkeiten und Durchsetzungsvermögen besitzen." Diesen Ansprüchen haben im ersten, eigentlich für 25 Studenten vorgesehenen Stipendium nur 17 Bewerber - "und zu meinem Bedauern darunter nur zwei Frauen" - genügt.

Der von Zech mit zwölf weiteren namhaften Persönlichkeiten aus der Wirtschaft geführte Kulturkreis zählt etwa 400 Vertreter aus Industrie, Banken und Versicherungen sowie selbständige Unternehmer zu seinen Mitgliedern. Er ist 1951 in Köln von einigen Industriellen gegründet worden, um zur Wiederbelebung des Kulturlebens in Deutschland beizutragen. Seine Aufgabengebiete - Mäzenatentum und Lobbyismus - hält Zech heute mindestens für so wichtig wie in den Tagen der Gründung, als der materielle Wiederaufbau im Vordergrund stand. Er spricht von Verantwortung und Zusammenhalt in der Gesellschaft. Jedes Unternehmen müsse darauf achten, in Zeiten der Sparprogramme und Wertsteigerungs-Maximen vor lauter Renditeaspekten nicht den Blick für Kultur zu verlieren.

Vermittlung von schwer vermittelbaren Ideen und Werten

"Wir wollen in der Wirtschaft das Interesse für Kunst wecken. Dahinter steht die Überlegung, daß Kultur gesellschaftliche Prozesse widerspiegelt und auch beeinflußt", zeichnet Zech die Vorstellungen auf, die auch das Bronnbacher Stipendium charakterisieren. Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur liefere wichtige Impulse für unternehmerisches Tun. "Es geht um die Vermittlung von Ideen und Werten, die sonst im wirtschaftlichen Geschehen nicht zu vermitteln wären." Zech, der dreißig Jahre lang führende Positionen in der Versicherungswirtschaft bekleidet hat, widmet heute 10 bis 15 Prozent seiner Zeit dem Engagement für die Kunst. "Auch der Kulturkreis, die einzige Initiative dieser Art in Deutschland, hat Probleme mit Beiträgen und Spenden", beschreibt er die nicht einfacher gewordene Aufgabe in Zeiten, in denen Unternehmen an allen Fronten Kosten sparen. Zwar seien die Einnahmen stabil, aber man müsse um jedes neue Mitglied kämpfen. "Dem stehe ich sehr erstaunt gegenüber, denn gerade in der heutigen Zeit ist eine solche Institution für die Wirtschaft und jedes einzelne Unternehmen von großer Bedeutung." Der Mindestbeitrag betrage 1500 Euro, viele Mitglieder zahlten allerdings deutlich mehr.

Schon Böll und Grass gefördert

Der Kulturkreis ist vor einigen Jahren - obwohl vom Bundesverband der Deutschen Industrie weitgehend unabhängig - mit dem BDI von Köln nach Berlin gezogen, um weiterhin von dessen räumlichen und personellen Kapazitäten profitieren zu können. Aus dem Budget von etwa einer Million Euro müssen nicht nur sechs feste Mitarbeiterinnen bezahlt werden. Es werden Bücher und Kataloge herausgegeben sowie Projekte wie die Errichtung der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig finanziert. Seit der Gründung hat der Kulturkreis mehr als 1000 junge Künstler gefördert; zu den ersten gehörten Heinrich Böll und Günter Grass in den fünfziger Jahren. Seit Jahren werden in den Gattungen Literatur, bildende Kunst, Architektur und Musik jährlich Geldpreise ausgelobt.

Aus der Erkenntnis, daß Manager und Künstler viel voneinander lernen können, wurde 1996 der Arbeitskreis Kultursponsoring (AKS) entwickelt. Ihm gehören 60 Unternehmen an, die Kultursponsoring aktiv in ihr Marketingkonzept integriert und zu einem wirkungsvollen Kommunikationsinstrument geformt haben, nicht selten mit dem Ziel, daraus einen festen Bestandteil ihrer Unternehmenskultur zu entwickeln. "Wir glauben, auch anderen Unternehmen klarmachen zu können, daß Kultursponsoring positiv auf das Unternehmensimage abstrahlt", sagt Zech. Er verweist in diesem Zusammenhang auf eine Studie zur Aufmerksamkeitswirkung des Kultursponsorings, die gerade beim Vergleich mit klassischen Kommunikationsinstrumenten zu beeindruckenden Ergebnissen kommt.

„Sind längst nicht da, wo wir hinwollen“

Mit dem Engagement für eine größere Akzeptanz des Kultursponsorings will der Kulturkreis langfristig dazu beitragen, Deutschland als Kulturstandort attraktiver zu machen. Da bleibt noch eine Menge zu tun. Denn wie er bedauert, macht Kultursponsoring bisher nur 8 bis 10 Prozent des gesamten Sponsorings aus. "In der Sparwelle der letzten Jahre hat manche Kulturveranstaltung gelitten." In seiner Lobbyarbeit versucht der Kulturkreis auf gesetzliche Bestimmungen einzuwirken, die unternehmerische und private Kulturfinanzierung betreffen.

Zech zählt zu den großen Erfolgen der Organisation, daß bei der Novellierung des Sponsoringerlasses und des Stiftungsrechtes der steuerliche Spendenabzug für Kapitalgesellschaften erhalten blieb. "Wir sind allerdings längst nicht da, wo wir hinwollen", schränkt er ein. Denn in anderen Ländern seien die Abzugsmöglichkeiten weit großzügiger. Dabei sei die Wirtschaft wegen der leeren Kassen der öffentlichen Hand immer stärker gefordert. Andererseits dürfe die öffentliche Hand die private Förderung nicht zum Anlaß nehmen, die eigene Unterstützung zu drosseln. "Wir müssen darauf achten, daß sich die Politik nicht an der Kultur vergreift. Da sehen wir große Aufgaben auf uns zukommen."

Text: ddp, B.K./F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
 
 
   
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