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Berufswahl Auf der Suche nach den eigenen Werten Von Sebastian Flohr
Ein Schüler wird nie Meister. Eine These, die auf den ersten Blick eigenartig erscheint. Berufseinsteigern wird doch immer wieder vermittelt, eine akademische Ausbildung und Zusatzqualifikationen zahlten sich aus. Arbeitsmarktstatistiken belegen, daß das Arbeitslosigkeitsrisiko von Akademikern mit etwa 3,8 Prozent 2005 deutlich unter dem aller Vergleichsgruppen lag. Und in vielen schlummert die Vorstellung des American dream, nach der es jeder vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann. Das alles ist für Christian Richter nicht entscheidend. Der Unternehmens- und Personalberater hält fest an seiner These und fragt: War Mozart jemals Schüler oder ein Talent? Der ehemalige Investmentbanker ist überzeugt, daß in jedem ein kleiner Mozart steckt, man müsse seine Fähigkeiten und Talente nur erkennen und ihnen Raum zur Entfaltung geben. Das sei das einzige, was für ein glückliches und erfolgreiches Leben zähle. Die Spur der inneren Berufung Um einen Ausweg aus dem Labyrinth der Studienmöglichkeiten, Traineeprogramme und Weiterqualifizierungsangebote zu finden, suchen nicht nur Studierende, sondern vermehrt auch Führungskräfte Rat bei dem promovierten Juristen. In seinem Workshop Mission Statement versuchen die Teilnehmer auf die Spur ihrer inneren Berufung zu kommen und diese in einem kurzen Satz zu formulieren. Es geht darum zu begreifen, was einem im Leben wirklich wichtig ist und was den persönlichen Wesenskern ausmacht. Erst wenn man sich selbst erkennt, kann man anschließend ein passendes Berufsbild konstruieren, erklärt Richter. Weg vom Alltag, südlich von Nürnberg im Kloster Plankstetten sind die Seminarteilnehmer auf Talentsuche. Die Betriebswirtschafts- und Psychologie-Studentin Johanna Elgeti ist eine von ihnen. Mein Studium läuft zwar soweit ganz gut, aber ich bin nicht mit Elan bei der Sache. Vielleicht sollte ich an die Universität Mannheim wechseln, weil die Hochschule dort einen besseren Ruf hat. Von Hochschulrankings oder Ratschlägen wie: Studieren Sie gegen den Trend, wie sie hin und wieder propagiert werden, hält Richter nur wenig. Vielen Studenten und auch Managern ist überhaupt nicht klar, welche Werte sie eigentlich leben wollen. Die eigene Mission Um dies herauszufinden, fordert der Coach die Teilnehmer auf, eine Laudatio für den eigenen 80. Geburtstag zu schreiben. Berufliche Lobeshymnen gibt es bei dieser Übung eher selten. Vielmehr stehen persönliche Werte wie Vertrauen, Anerkennung und Beziehungen im Vordergrund. Auch Beispiele aus der Kindheit könnten Aufschluß für die eigene Mission geben. Wenn jemand gerne Mannschaftssport wie Fußball betrieben hat, kann das ein Indiz dafür sein, daß er sich in einem Job mit Teamarbeit wohl fühlt, sagt Richter. Daß der Weg zur Selbstfindung von vielen Irrtümern begleitet ist, weiß auch er: Die Vorstellung, meine Arbeit ist meine Mission, ist einer der größten Fehleinschätzungen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten würde das bedeuten, daß durch eine betriebsbedingte Kündigung plötzlich der Lebenssinn wegfalle. Die Arbeit kann immer nur einen Teil ausmachen, aber nicht Raum für den ganzen Lebensinhalt beanspruchen. Ein weiterer Irrtum sei die Annahme, daß eine berufliche Herausforderung immer schwierig sein müsse. Oft sind wir mit dem Hintergrund aufgewachsen, daß alles, was einfach geht und Spaß macht, wenig zählt, und alles, was schwer ist und nur mit viel Einsatz bewältigt werden kann, viel zählt. Doch gerade wenn etwas leicht von der Hand gehe, sei dies ein starkes Indiz für ein besonderes Talent. Machen Sie sich Gedanken, was Ihnen in Ihrer Kindheit und Jugend leichtgefallen ist oder auch heute noch zufällt, rät Richter. Vielleicht haben Sie dieses Talent nur deshalb nicht weiter verfolgt. Das Bauchgefühl Dem 26 Jahre alten Informatik-Studenten Michael Eftimov fällt es schwer, seine Fähigkeiten richtig einzuschätzen: Das Studium hat mir irgendwie nie richtig Spaß gemacht. Meine Eltern sind beide Ärzte, und ich überlege mir, ob ich vielleicht doch noch Medizin studieren sollte. Richter ist skeptisch. Wichtig sei es, sich von den bewußten oder unbewußten Einflüssen der Eltern zu lösen und auf das Bauchgefühl zu hören: Nicht gelebte Lebensträume der Eltern werden oft an die Kinder weitergegeben. Wenn die Neigung des Kindes aber in eine andere Richtung geht, kann das oft zu Problemen führen. Vielmehr fordert er die Teilnehmer auf, sich von alten Denkmustern und Ängsten zu lösen und Ideen sowie Träumen nachzugehen. Kein Unternehmen wäre jemals entstanden, wenn bei der Gründung schon der Finanzplan gestanden hätte. Dabei sei es völlig irrelevant, ob die Vision etwas Großes oder Kleines sei. Für den einen ist es wichtig, zehn Manager durch die Gegend zu scheuchen und einen Konzern zu leiten, für den anderen, zwei autistische Kinder großzuziehen. Feuer, Erde, Wasser, Wind Ein Universitätsabschluß mit 1,0, ein Sprachzertifikat in Businessenglisch und Praktika bei internationalen Konzernen wünschen sich viele karriereorientierte Berufseinsteiger. Ich möchte unbedingt in einer großen Unternehmensberatung wie Boston Consulting ein Praktikum machen, sagt Johanna Elgeti. Nur aufgrund des großen Unternehmensnamens ein Praktikum zu machen sei wenig sinnvoll, sagt Richter: Machen Sie ein Praktikum nur dort, wo auch die Chance besteht, übernommen zu werden. Wichtiger sei es, sich Gedanken darüber zu machen, ob das Unternehmen zu einem passe und man sich dort wohl fühle. Wie soll ich denn wissen, ob die Firma zu mir paßt? fragt die promovierte Soziologin Anja Lutz, die für das bayerische Wissenschaftsministerium arbeitet. Um dies herauszufinden, werden alle aufgefordert, sich spontan einem Element wie Feuer, Erde, Wasser oder Wind zuzuordnen. Das Bauchgefühl, also das Unterbewußtsein, weiß mehr über die eigenen Fähigkeiten als der Geist. Der Intellekt verhindert oft, sich selbst zu erkennen, sagt Richter. Um den Kopf auszutricksen, ist bei dieser Übung Schnelligkeit gefragt. Dann werden den Elementen positive Eigenschaftswörter zugeordnet: Der Wind etwa ist ortsunabhängig, erfrischend, schwach und stürmisch. Ein Windtyp, der für neue Ideen und frischen Geist steht, hat wahrscheinlich Schwierigkeiten mit Erde, die durch Strukturiertheit, Bodenhaftung und Beständigkeit charakterisiert wird, sagt Richter. Selbstreflexion ist ein Grundbaustein Die Teilnehmer blicken skeptisch. Wie sollen die Elemente zur Berufsfindung beitragen? Dadurch können Sie erkennen, welcher Arbeitsplatz zu Ihnen paßt. Ein Windtyp wird sich wahrscheinlich in einem Konzern schneller unwohl fühlen. Große Firmen haben immer einen hohen Anteil an formalisierten Strukturen, also einen hohen Anteil an Erde. Der Wassertyp hingegen könne sich vergleichsweise gut mit den Arbeitsprozessen in wissenschaftlichen Einrichtungen identifizieren. Seine Stärke sei es, eine Materie ganz zu durchdringen. Das Element Feuer setze stärker auf Emotionen und zeitliche Aktivitäten, wie sie in Werbe- und Eventagenturen benötigt werden. In der Übung geht es nicht um richtig oder falsch. Es gibt bei den Elementen auch Mischtypen. Sie sollen nur Anhaltspunkte geben, sich selbst zu erkennen. In den kleinen Eckzimmern des Klosters sollen die Teilnehmer ihren Lebensinhalt formulieren, Richter nennt das Mission Statement. Das Ergebnis soll in einem Leitsatz formuliert werden. Ein Teilnehmer schreibt: Durch Persönlichkeit gestalten, vermitteln, Substanz schaffen. Aber es fällt ihm schwer, damit etwas anzufangen. Berufsfinder Richter beharrt: Selbstreflexion ist ein Grundbaustein für Erfolg. Nur wer seine Stärken kennt, kann sein Leben danach zielgerecht ausrichten, Persönlichkeit entwickeln und im Job überzeugen. Dann werden Sie auch in jedem Assessment Center Erfolg haben. Text: F.A.Z., 20.05.2006, Nr. 117 / Seite 53Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb |
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