Alkoholmißbrauch im Beruf

Suchttragödien auf allen Ebenen

Von Ursula Kals

12. September 2006 

Wilhelm Hochsteins Kollege meinte es gut und handelte dennoch grundverkehrt. Als sich der Industriemeister Hochstein mal wieder entschuldigt vom Arbeitsplatz entfernt hatte, um eine Wodkaflasche zu beschaffen, fand der Kollege Ausreden und schützte den Trinker vor den Vorgesetzten. „Ohne es zu wollen, hat er meine Alkoholsucht gedeckt und unterstützt“, sagt der 65 Jahre alte ehemalige Abteilungsleiter in der Autozulieferindustrie heute.

„Der Kollege war ein lieber, guter Kerl, er hat aber falsche Rücksichtnahme geübt.“ Heute trinkt Hochstein keinen Tropfen Alkohol mehr. Er ist Landesvorsitzender der Guttempler Hessen, einem bundesweit arbeitenden Verein, der sich für eine suchtmittelfreie Lebensweise einsetzt. Der nach einer Langzeittherapie „abstinent lebende Alkoholiker“ ist ehrenamtlicher Suchthelfer und fordert: „Alkohol und Arbeitsplatz gehören nicht zusammen. Man soll Betroffene damit konfrontieren und fallenlassen.“

„Vielleicht bessert sich das ja. Tut es aber nicht.“

Die meisten, die im Kollegenkreis ein Suchtproblem erahnen, handeln aber anders. Sie schauen weg. „Das ist falsch“, sagt auch Wolfgang Schmidt, Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen, die eine ausgezeichnete Dokumentation für Suchtberatung in Betrieben entwickelt hat. „Viele Menschen sind konfliktscheu und sagen sich, in Gottes Namen, wir tragen das mit, vielleicht bessert sich das ja. Tut es aber nicht. Sie verlängern die Krankheitsphase.“

Dabei haben längst alle auf dem Flur bemerkt, daß der Kollege es nicht bei dem einen rituellen Glas Geburtstagssekt beläßt, sondern daß er sich schon in der Morgenkonferenz ein zweites, drittes, viertes nachschenkt. Ihn darauf ansprechen, das ist unangenehm und verheißt Ärger. „Abgesehen davon, daß kein Abteilungsleiter erpicht darauf ist, zu zeigen, daß es in seinem Team Schwierigkeiten gibt. Das ist ein weitererer Grund dafür, daß das Problem unter den Teppich gekehrt wird“, sagt Schmidt. „Die Leidensphase des Betroffenen verlängert sich.“

„Mir fällt auf, daß in letzter Zeit Arbeit liegenbleibt“

Mutige Menschen handeln anders. „Konfrontieren Sie den Kollegen oder Mitarbeiter mit der Tatsache, daß Sie etwas feststellen, was nicht in Ordnung ist“, sagt Elisabeth Wienemann, Arbeitswissenschaftlerin an der Universität Hannover. Um das Gespräch sinnvoll und für beide erträglich zu machen, helfen klare Ich-Botschaften. Zum Beispiel: „Mir fällt auf, daß in letzter Zeit Arbeit liegenbleibt. Mich stört, daß die Vorlagen, die ich von Ihnen erhalte, immer fehlerhaft sind. Ich möchte diese Fehler nicht ausbessern. Wenn sich das nicht ändert, informiere ich den Chef. Ich mache mir Sorgen, weil Sie schon morgens eine Fahne haben.“

Daß der Angesprochene dann in Abwehrhaltung geht und das empört zurückweist - Wie kommen Sie dazu, mir nachzuspionieren! -, müsse man aushalten, ermutigen die Fachleute. Mit Anschwärzen hat das Verhalten nichts zu tun. Aber Nichtreagieren mit moralischer Fahrlässigkeit. Was aber schon den untereinander vertrauteren Kollegen schwerfällt, davor kapitulieren Chefs nur allzu gerne. Sie merken zwar, daß der Mitarbeiter mehr trinkt, als ihm guttut, und die Kollegin immer öfter unnatürlich agil erscheint, aber sie schweigen.

„Eine Scheidung läßt sich mit Alkohol übertünchen“

„Chefs sollten relativ früh Fürsorgegespräche führen, die Auffälligkeit zurückspiegeln und Unterstützung anbieten. Vorgesetzte sollen keine halben Therapeuten werden, aber ihre Führungsaufgaben wahrnehmen“, sagt die promovierte Soziologin Wienemann. Daß viele diese Verantwortung nicht übernehmen, ist um so bedauerlicher, weil ihr Einfluß auf eine Heilung der Krankheit groß ist. Das erfährt Wolfgang Schmidt aus Gesprächen mit ehemals Süchtigen. „Viele sagen, als der Führerschein weg war und die Frau gegangen ist, habe ich weitergetrunken. Erst als mein der Chef drohte, der Job ist weg, habe ich endlich etwas unternommen und eine Therapie begonnen.“

Für Männer habe der Beruf oft einen höheren Stellenwert als die Partnerschaft, gebe Struktur und Sinn, dessen drohender Verlust verändere das Leben so radikal, daß diese Aussicht wachrüttele. „Eine Scheidung läßt sich mit Alkohol übertünchen, aber wenn zehn Stunden am Tag ein schwarzes Loch bilden, dann wird es schwierig“, sagt Schmidt.

„Nachwuchskräfte nehmen anregende Medikamente“

Daß das Thema Sucht am Arbeitsplatz zeitlos aktuell ist, davon zeugen nicht nur die über zwei Millionen Stichworte, die die Internetsuchmaschine „Google“ liefert, sondern auch die Zahlen: 10,4 Millionen Menschen zwischen 18 und 69 Jahren haben einen riskanten Alkoholkonsum, einen mißbräuchlichen betreiben 1,7 Millionen, und die Zahl der Abhängigen beträgt ebenfalls 1,7 Millionen. Was auch unbestritten ist: Sucht durchtränkt alle Hierarchieebenen. An den Bauarbeiter zu denken, der sein Bier kastenweise konsumiert, greift zu kurz. Im Mahagonibüro des Filialleiters rumpelt die Cognacflasche in der Schreibtischschublade. Alkohol ist einfach verfügbar und hilft, den wachsenden Druck auszuhalten.

Keine zuverlässigen Zahlen gibt es über ein anderes Suchtmittel, daß in Führungsetagen verbreitet ist. „Nämlich über Medikamente, die sich unauffällig konsumieren lassen“, sagt die Kölner Diplompsychologin Angelika Vogel-Hilberg: „Die Dunkelziffer ist hoch.“ Die Zahl der Medikamentenabhängigen wird mit 1,5 Millionen angegeben, wer sich davon aber gegen den täglichen Arbeitsdruck zu wappnen versucht, das ist unklar. „Gerade junge Führungskräfte werden hellhörig, wenn dieses Thema angesprochen wird“, sagt Elisabeth Wienemann. „Viele Nachwuchskräfte, die unter hohem Leistungsdruck stehen, nehmen anregende Medikamente, um fit zu sein. Es gibt ja heute kaum einen Bereich, wo es nicht zu Umstrukturierungen kommen kann. Angst- und Depressionsstörungen nehmen deutlich zu.“

„Wir schauen emotionale Schemata an“

Chefarzt Götz Mundle hilft diesen beruflich erfolgreichen, leistungsbereiten Führungskräften, die sich permanent überfordern. Er ist ärztlicher Geschäftsführer der drei Oberbergkliniken, die auf die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen spezialisiert sind. Während sich die einen aus dem Burn-out, dem Zustand des Ausgebranntseins befreien, indem sie ihr System ändern, Freizeit und Freunde zulassen, geraten die anderen in die Sucht.

„Wer das Einfache nicht mehr wahrnimmt, Entspannung und Ausgleich, der kriegt ein Problem“, sagt der Privatdozent. Neben einer medizinischen Basistherapie gibt es intensive individuelle Hilfe. „Viele haben eine hohe Willenskraft und Intelligenz, aber ihren Zugang zu ihren Emotionen verloren, so daß sie Erschöpfung gar nicht mehr wahrnehmen. Wir schauen emotionale Schemata an“, erklärt Mundle.

„Ein gutes Betriebsklima ist die beste Prävention“

Was unerläßlich scheint und Hochstein betont: Ehemals Süchtige brauchen Nachsorge „und müssen sich um ihre Abstinenz kümmern“. Auch wenn es daheim einen alkoholfreien Haushalt gebe, „so können wir die Welt um uns herum nicht trockenlegen“. Selbsthilfegruppen, von den Anonymen Alkoholikern bis zum katholischen Kreuzbund, können den Therapieerfolg stabilisieren. Nach der Therapie beginnt die eigentliche Bewährungsprobe, sagt Suchtexperte Schmidt: „Da wird im Betrieb getuschelt, und man braucht Rückhalt durch den Vorgesetzten. Und nicht jemanden, der sagt, kommen Sie, Meier, das ist vier Wochen her, ein kleines Glas Sekt wird Sie nicht umhauen . . .“

Gibt es Vorgesetzte, die nicht wissen, daß ein Tropfen Alkohol die Suchttragödie erneut auslösen kann? „Leider ja. Je nachdem, in was Sie für ein Haifischbecken zurückkehren, gibt es auch Konkurrenzdenken und Leute, die auf Posten spekulieren. Deshalb ist ein gutes Betriebsklima die beste Prävention.“

Text: F.A.Z., 09.09.2006, Nr. 210 / Seite 51

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