26. September 2008 Deutlicher kann man es kaum sagen. Wir tragen die Jungs mit der Sänfte in die Firma“, verspricht Eberhard Glaser, der als Mitglied des Vorstands für die Ed. Züblin AG in Stuttgart arbeitet, eines der großen deutschen Bauunternehmen. Um den Nachwuchs sorgt sich aber nicht nur Eberhard Glaser, sondern die gesamte Branche. Denn der deutsche Arbeitsmarkt für Bauingenieure ist abgegrast. Auch im deutschsprachigen Ausland sind kaum noch qualifizierte Kräfte zu bekommen. Gerade im Bereich der akademischen Führungskräfte steht die Bauwirtschaft inzwischen vor einer Lücke, die auch in den kommenden Jahren kaum geschlossen werden kann. Folglich geben sich die Unternehmen nicht nur mehr Mühe um junge Absolventen, parallel dazu werden verstärkt ältere Arbeitskräfte auch jenseits ihres 60. Geburtstags in den Dienst zurückgeholt – auch bei Züblin.
Nach Schätzungen des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie waren im Durchschnitt des vergangenen Jahres rund 9100 Stellen nicht zu besetzen. Dem standen im Durchschnitt rund 5700 arbeitslose Bauingenieure gegenüber. Viel zu wenig also – und daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Jedes Jahr beginnen etwa 6000 Erstsemester ihr Studium mit dem Ziel, als Bauingenieur zu arbeiten. Davon kommen nach den 9 bis 14 Semestern, die dieses Studium normalerweise dauert, aber nur etwa die Hälfte mit dieser Qualifikation auch auf dem Arbeitsmarkt an. Denn die Abbrecherquote liegt in diesem sehr von Mathematik und naturwissenschaftlichen Inhalten geprägten Studium weiterhin zwischen 40 und 50 Prozent.
So sind die Absolventenzahlen seit dem Jahr 2000 kontinuierlich zurückgegangen. Im Jahr 2007 haben nur noch 3080 Studenten erfolgreich einen Bauingenieursabschluss erreicht. Das waren 8 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Nach Angaben der deutschen Bauindustrie hat sich damit der Negativtrend der vergangenen Jahre fortgesetzt und den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1986 erreicht.
Dies bedeutet eine drastische Zuspitzung der Lage. Wir werden uns auf einen scharfen Wettbewerb um Bauingenieure in Deutschland einstellen müssen“, erklärt daher Manfred Nussbaumer, der Vizepräsident Technik im Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. Der jährliche Bedarf der Branche liegt nach seinen Angaben bei rund 4500 Absolventen. Damit wachse die Lücke in den kommenden Jahren weiter, anstatt sich zu schließen. Schon im Sommer dieses Jahres habe es 5000 offene Stellen mehr als arbeitslose Bauingenieure gegeben. Der Mangel an qualifiziertem Personal droht in der deutschen Bauwirtschaft zur Wachstumsbremse zu werden“, fürchtet Nussbaumer.
Angesichts der sich weiter verschärfenden Knappheit ist in Stellenanzeigen immer häufiger von leistungsorientierten Gehaltspaketen“ und weiteren attraktiven Zusatzleistungen“ die Rede. Das hat gute Gründe: Wollen die Unternehmen die wirklich gut qualifizierten Bewerber für sich gewinnen, dann müssen sie inzwischen tiefer in die Tasche greifen (Lesen Sie dazu auch Das Geschäft mit dem Mangel). Bisher galten die Stellen in diesem Tätigkeitsfeld der Bauwirtschaft eher als nicht besonders gut entlohnt. So beträgt das tariflich festgelegte Einstiegsgehalt für Universitätsabsolventen aktuell rund 3150 Euro im Westen und 2800 Euro im Osten Deutschlands. Bei Fachhochschulabsolventen erreichen die Einstiegsgehälter aktuell 2800 Euro (West) und 2500 Euro (Ost). Allerdings sind Überstunden in diesem Gewerbe eher die Regel als die Ausnahme, außerdem sind Bauingenieure häufig und lange unterwegs – ein normales Familienleben ist daher oft schwierig.
Ob man sein Studium besser an einer Fachhochschule oder an einer Universität absolviert, hängt davon ab, welches Berufsziel dahintersteht. Das Studium an einer Fachhochschule qualifiziert in erster Linie für eine eher praktische Tätigkeit, zum Beispiel als Bauleiter und Statiker, oder für den gehobenen Dienst in der Verwaltung. Das längere und stärker theoretisch ausgerichtete Studium an der Universität bereitet auf kompliziertere Planungs- und Bauaufgaben vor sowie auf den höheren öffentlichen Dienst. Größere berufliche Perspektiven eröffnet sicher der Universitätsabschluss, die Anforderungen an die Studenten sind hier jedoch auch höher, und das Studium dauert entsprechend länger.
Einen Grund für die fehlenden Absolventen hat die Branche inzwischen auch im eher schlechten Image der Bauwirtschaft ausgemacht. So glauben nach Angaben des Instituts für Demoskopie in Allensbach zwar fast 70 Prozent der Deutschen, dass die Bauwirtschaft eine sehr große oder große wirtschaftliche Bedeutung hat. Sichere Arbeitsplätze und gute Zukunftsaussichten schreiben ihr aber nur 19 beziehungsweise 12 Prozent der Befragten zu. Auch mit den Verdienstmöglichkeiten ist es nach Ansicht der Befragten nicht weit her: Nur rund 14 Prozent verbinden die Bauwirtschaft mit finanzieller Attraktivität.
Nicht zuletzt glauben auch nur wenige der Befragten, dass es sich mit Abitur lohnt, eine Karriere im Bausektor anzustreben. Davon sind nur 18 Prozent überzeugt. Fast 60 Prozent sind hingegen der Ansicht, dass die Bauwirtschaft für junge Leute mit einer Lehre interessante und vielseitige Möglichkeiten bietet. In Sachen Imageverbesserung hat die Branche nach Ansicht von Beobachtern also durchaus Nachholbedarf. Löst sie diese Herausforderung nicht, dann könnte sich der Fachkräftemangel durchaus noch verschärfen. Schon sind die nächsten Warnungen zu hören: Jetzt wird der Nachwuchs auch bei Polieren und Meistern knapp.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Fotoplaner