Karrieresprung

Hoffen auf den Klebeeffekt

Von Birgit Obermeier

Karrieresprung - wöchentlich bei FAZ.NET

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06. Februar 2004 Auch wenn sich die Zeichen des Aufschwungs mehren: Noch ist die Tür zur qualifizierten Festanstellung für viele gut Ausgebildete verschlossen. Zum Jahresende 2003 waren 249.634 Akademiker arbeitslos gemeldet - 5,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Dem Jahr, das in dieser Zielgruppe bereits ein trauriges Rekordwachstum um 23,9 Prozent verzeichnete. Mehr als jeder vierte arbeitslose Akademiker sucht bereits seit länger als einem Jahr einen Job.

Die Alternative zum Prinzip bewerben und hoffen lautet für viele mittlerweile: Hauptsache arbeiten. Notfalls auf Zeit und unter Wert. Seit 2000 habe sich der Anteil der Akademiker in der Zeitarbeit von rund fünf auf zehn Prozent verdoppelt, sagt Werner Stolz, Geschäftsführer des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ). Die pragmatische Lösung muß nicht die schlechteste sein, versichert Ariane Durian, Geschäftsführerin der auf kaufmännische und technische Berufe spezialisierten Verleihfirma connect Personal Service in Karlsruhe. „Zeitarbeit hilft, die Bewerbungszeit sinnvoll zu überbrücken, vermittelt Berufserfahrung, Kontakte und Zugang zu den internen Stellenmärkten der Unternehmen.“ Mit etwas Glück öffnet sich die Tür ganz. Die Branche wirbt mit einem „Klebeeffekt“ von 30 Prozent.

Gleiche Behandlung, gleiches Gehalt

Arbeitsrechtlich sind Leiharbeiter keine Arbeitnehmer zweiter Klasse: Ihr Vertrag mit dem Verleiher ist unbefristet und beinhaltet Leistungen wie Renten-, Kranken-, Arbeitslosenversicherung, Urlaubsanspruch und gesetzlichen Kündigungsschutz. Das neue Arbeitnehmerüberlassungsgesetz - seit 01.01.2004 in Kraft - gewährleistet, daß sie für ihren Einsatz im Unternehmen gleiche Arbeitsbedingungen („equal treatment“) und gleiche Entlohnung („equal pay“) wie die Stammbelegschaft erhalten. Theoretisch zumindest. Weil die Lohnanpassung die Margen der Verleiher empfindlich schrumpfen ließe, können sie alternativ einen Tarifvertrag anwenden, den der Bundesverband Zeitarbeit (BZA), IGZ und eine Reihe kleinerer Branchenverbände mit dem DGB ausgehandelt haben. So manchen Akademiker mit Berufserfahrung mag ein Stundenlohn von rund 15,50 Euro freilich etwas enttäuschen.

Hinzu kommt: Häufiger als Festangestellte sind Leiharbeiter nicht in ihrem erlernten Beruf tätig. Ihre Arbeitswege sind oftmals länger, Gratifikationen seltener, die Nerven angespannter. Das ermittelte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus den Daten seines sozio-ökonomischen Panels. Und dennoch zeigen sich Leiharbeiter mit ihrer aktuellen beruflichen Situation danach nicht wesentlich unzufriedener als andere Arbeitnehmer. Vermutlich, so die DIW-Experten, weil sie beim Eintritt in die Zeitarbeit häufig keine Aussicht auf eine reguläre Anstellung hatten.

Erste PSA für Akademiker geflopt

Zeitarbeit nicht nur als Alternative zur, sondern als Sprungbrett aus der Arbeitslosigkeit - darauf setzt die Bundesregierung mit ihrem Konzept der Personal Service Agenturen (PSA): Private Betreiber verleihen Arbeitslose „mit Vermittlungshemmnissen“ über einen Zeitraum von maximal neun Monaten und erhalten eine Prämie, wenn der Sprung in eine Festanstellung gelingt. Anders als reguläre Zeitarbeitsfirmen sind sie folglich klar bestrebt, daß der „Klebeeffekt“ auch eintritt.

Für die Vermittlung von Akademikern scheint dieses Instrument aber offenbar kaum geeignet. Die erste auf diese Klientel spezialisierte PSA in Berlin stellte bereits wenige Wochen nach Gründung ihren Betrieb wieder ein. Ein ähnliches Projekt in Hamburg ist ebenfalls schon versandet. Die vom Arbeitsamt vorgeschlagenen Personen waren zu spezialisiert, zu alt, nicht ausreichend der deutschen Sprache mächtig oder zu lange nicht mehr im Job - und damit nicht geeignet für die hohen Anforderungen des akademischen Arbeitsmarkts, begründet Henry Florian, Geschäftsführer der Zeitarbeitsfirma Fireco und Gründer der kurzlebigen Berliner Akademiker-PSA „Dr. Career“.

Hinzu kamen bisweilen überzogene Gehaltsvorstellungen, sagt Florian. Akademiker hin oder her: „Wer seit Jahren nicht mehr in seinem Fach gearbeitet hat, zählt auf dem Markt nun mal wie ein Berufsanfänger.“ Zu einem bescheidenen Neuanfang seien die Hochqualifizierten aber oftmals nicht bereit, bestätigt Rainer Moitz, Projektleiter PSA bei der Firma ZIP Zeitarbeit & Personalentwicklung in Bremen. Für die pragmatische Lösung scheinen eben doch noch nicht alle Akademiker bereit zu sein.

Text: @wiz

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