Urlaub

Die Arbeit reist mit

Von Ralf Nöcker

Urlaub: Die Arbeit reist mit
15. August 2005 

Unglaublich stolz war der Manager, denn er hatte es geschafft, im Urlaub gleichzeitig am Laptop zu arbeiten und seine Kinder im Auge zu behalten. Damit war er immerhin einen Schritt weiter als jene Führungskräfte, die mit Stolz verkünden, sie hätten seit drei Jahren überhaupt keinen Urlaub gemacht.

Fest steht: Zu den für viele schönsten Wochen des Jahres haben Führungskräfte ein eher gespanntes Verhältnis - und das häufig, ohne es zu merken. Bei vielen heißt Urlaub nicht viel mehr, als einen Ortswechsel vorzunehmen. Die Arbeit reist aber häufig mit, viele schaffen es nicht, abzuschalten. Oder gar den Kontakt zum Unternehmen für zwei Wochen tatsächlich abreißen zu lassen. Der Internationale Controller-Verein hat seine Mitglieder jüngst danach gefragt, inwieweit sie im Urlaub zu Abstand von ihrem Beruf finden.

Dabei kam heraus, daß gerade einmal jeder zweite Controller konsequent auf jede Verbindung zu seinem Unternehmen verzichtet. 46 Prozent der Befragten melden sich mindestens einmal je Urlaubswoche bei ihrer Firma, 8 Prozent tun dies sogar täglich, bei weiteren 3 Prozent wird es dann fast schon bedenklich: Sie nehmen sogar mehrmals täglich mit ihrem Büro Kontakt auf.

Dies tun sie nicht unbedingt aus eigener Veranlassung, zeigt die Studie weiter: Knapp 60 Prozent der Controller mit Kontakten zum Unternehmen gaben an, diesen habe die Firma hergestellt, 18 Prozent haben die Initiative überwiegend selbst aufgenommen, bei den übrigen 23 Prozent werden beide Seiten gleichermaßen aktiv. Umfragen in den Vereinigten Staaten ergeben noch deutlich höhere Werte. Eine Befragung von 1400 amerikanischen Finanzchefs ergab, daß drei Viertel im Urlaub nicht von ihrem Unternehmen ablassen können, 34 Prozent treten täglich in Kontakt mit ihrem Büro.

„Leisure Sickness“

Daran ist nicht zuletzt die Technik schuld. Dank „Blackberry“, Mobiltelefon oder Laptop plus Internetanschluß im Hotelzimmer ist der Manager von heute praktisch überall erreichbar. Gerade die E-Mail-Flut erzeugt dabei auch im Urlaub einen gewissen Handlungsdruck. Denn wer möchte schon den ersten Arbeitstag nach den Ferien komplett für die Bearbeitung der elektronischen Post verwenden.

Die dank Technik ermöglichte Erreichbarkeit wird allerdings in einigen Branchen auch schlicht erwartet, und zwar auch von den Kunden. „Als Dienstleister kann man sich nicht erlauben, für seinen Kunden im Urlaub nicht erreichbar zu sein“, sagt Peter Behncke, Partner bei der Personalberatung Whitehead Mann in Frankfurt. Anwälte, Unternehmens- und Personalberater würden auch dafür sehr gut bezahlt, daß sie im Zweifel immer für ihre Kunden da sind. Und da heißt es dann auch schon einmal Koffer packen und kurzfristig abreisen, wenn ein wirklich wichtiger Kundentermin ansteht.

Krank im Urlaub

Dabei kann die Dauerverbindung zur Arbeit sogar krank machen. Denn gerade Menschen, die nicht abschalten können, sind besonders anfällig für ein mit „Leisure Sickness“ bezeichnetes Krankheitsbild, das sich offenbar zunehmend verbreitet. Eine niederländische Studie hat sich des Themas angenommen und herausgefunden, daß immer mehr Berufstätige - und hier ganz besonders geforderte Führungskräfte - in Erholungsphasen verschiedene Krankheitssymptome zeigen. Kaum fällt der Druck des Arbeitsalltags weg, klagen die Betroffenen über Symptome wie Kopf- und Muskelschmerzen, Migräne, Antriebslosigkeit und Müdigkeit sowie Übelkeit.

Zudem erwiesen sich die Freizeitkranken als besonders anfällig für Virusinfekte. Die niederländische Studie zeigte, daß die Symptome überwiegend in der ersten Urlaubswoche auftreten. Die Betroffenen zeigen, was den Konsum von Alkohol, Koffein oder Nikotin angeht, kein vom Durchschnitt abweichendes Verhalten. Wohl aber zeigen sich Unterschiede in der Persönlichkeit der „Leisure“-Kranken: „Sie sind immer mit einem Bein bei der Arbeit“, beschreiben die niederländischen Ärzte anschaulich die Besonderheit dieser Personengruppe in ihrer Studie.

„Innere Leere“ im Urlaub

„Arbeitsfähig und urlaubsfähig zugleich zu sein ist äußerst schwierig“, sagt Angela Feldhusen von der Akademie für Führungskräfte. Die (mangelnde) Urlaubsfähigkeit zeige sich bereits vor der Abreise. Dazu gehöre zunächst einmal die unter Führungskräften nicht im wünschenswerten Maße vorhandene Fähigkeit zum Delegieren von Aufgaben. „Hier stehen Perfektionismus und Angst dem Manager häufig im Wege“, weiß Feldhusen zu berichten. Perfektionismus, weil der Manager zu der Auffassung neigt, nur er selbst könne eine Aufgabe wirklich zufriedenstellend erfüllen. Angst, weil der Vertreter die Aufgabe womöglich zu gut erfüllen könnte.

Ständiger Kontakt zum Büro auch im Urlaub lindert diese Beschwerden, denn man mischt mit und signalisiert die eigene Unentbehrlichkeit. Dabei sollte allerdings bedacht werden, daß dieser Führungsstil bei den eigenen Mitarbeitern nicht immer gut ankommt. Die fehlende Fähigkeit zum Delegieren ist aber nur ein Grund für den Arbeitseifer der Manager im Urlaub. „Viele spüren im Urlaub eine innere Leere und begegnen dieser durch Flucht in den Job“, hat Kienbaum-Berater Niermeyer beobachtet.

Schwierig kann es außerdem werden, wenn die Führungskraft mit Familie reist. Denn die typische Alltagssituation vieler Manager ist dadurch gekennzeichnet, daß sie allenfalls am Wochenende Zeit für die eigene Familie finden. Im Urlaub sollen sie dann plötzlich zwei oder drei Wochen mit ihr verbringen, was sich in vielen Fällen als äußerst schwierig erweist. „Die Erwartungen der Familie sind sehr hoch, und in vielen Fällen kommt es angesichts dessen, ähnlich wie Weihnachten, zu Konflikten“, sagt Organisationspsychologe Mario Schmitz-Buhl.

„Wenn ich nichts tue, bin ich nichts mehr“

Auch im Urlaub gebe es schließlich unterschiedliche Interessen. Führungskräften fehle jedoch, weil sie im Alltag praktisch nicht am Familienleben teilnehmen, die Erfahrung, mit der Familie zu diskutieren oder Kompromisse herbeizuführen. Häufig würden sich Manager in dieser Situation im Urlaub aus einem System, das ihnen als weitgehend fremd erscheint - die eigene Familie -, zurückziehen in ein System, das ihnen äußerst vertraut ist - die Firma.

Doch selbst dann, wenn Hochleistungs-Führungskräfte es tatsächlich schaffen, das Laptop im Urlaub nur zu benutzen, um Bundesligaresultate abzufragen, ist Erholung für sie und ihre Familie keinesfalls garantiert. „Manager sind es gewohnt, ständig mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Nur noch Urlaub zu machen und abzuschalten fällt ihnen zumindest am Anfang schwer“, sagt Felicitas von Elverfeldt, die als Coach arbeitet.

Nach dem Motto „Wenn ich nichts tue, bin ich nichts mehr“ plant und implementiert der Manager seine Prozesse auch im Urlaub in dem Tempo, das er von zu Hause (seinem Arbeitsplatz) gewöhnt ist. Oder er legt die Ferien möglichst gleich als Erholungsurlaub plus Fortbildung an. Längst gibt es Reiseveranstalter, die entsprechende Angebote machen. Zur Safari in Südafrika gibt es den Englischkurs dazu. Erholung und Familienleben nicht unbedingt.

„Man muß im Alltag üben, abzuschalten “

Dabei ist Urlaub gerade für Top-Manager, die extrem beansprucht sind, besonders wichtig. Einerseits, weil sie schlicht ausspannen müssen, um nicht auszubrennen, andererseits aber auch, weil sie zumindest ein wenig Einblick ins normale Leben erhalten. „Manager leben in einem Elfenbeinturm. Viele wissen nicht einmal mehr, wie es ist, in einem Geschäft etwas einzukaufen und tun sich außerhalb ihrer verantwortungsvollen beruflichen Rolle im Alltag häufig schwer“, berichtet Coach von Elverfeldt aus ihrer Beratungspraxis. Der Urlaub kann zudem neue Anregungen geben, aber auch den Blick für die eigenen Prioritäten freilegen.

„Man muß im Alltag üben, abzuschalten, sonst gelingt es einem im Urlaub auch nicht“, rät Beraterin Feldhusen. Managern, die im Job viel unterwegs sind, rät Feldhusen zudem, den Urlaub schlicht zu Hause zu verbringen. Als Statussymbol hätten Fernreisen ohnehin weitgehend ausgedient. In den Firmen selbst wird bisher wenig getan, um Managern die verdiente Erholung zu ermöglichen. „Die Unternehmen bereiten ihre Mitarbeiter nicht vor, sie wollen vielmehr von den Managern auf deren Urlaub vorbereitet werden“, sagt Kienbaum-Berater Niermeyer.

Frühzeitige Aufgabenverteilung hilft

Sprich: Der Manager soll tunlichst seine Urlaubsadresse hinterlassen. „Dabei kann man im Vorfeld des Urlaubs dafür sorgen, daß der Laden auch ohne einen läuft“, sagt Organisationspsychologe Schmitz-Buhl. Etwa indem man die Frage klärt, welche Themen so wichtig sind, daß sich unbedingt die verreisende Führungskraft selbst darum kümmern muß. Oder wer die Ansprechpartner sind, die in Abwesenheit der Führungskraft deren Aufgaben wahrnehmen.

Rainer Niermeyer von der Managementberatung Kienbaum rät den Führungskräften, „sich im Urlaub komplett vom Unternehmen abzukoppeln“. Allerdings komme es auch darauf an, inwieweit der Manager die Unterbrechung des Urlaubs durch Kontaktaufnahme zur Firma überhaupt als Belastung empfindet. „Es gibt Manager, die für zwei Stunden in der Woche zu hundert Prozent im Job leben und anschließend nicht einmal wissen, worum es bei den Telefonaten überhaupt gegangen ist“, beschreibt Kienbaum-Berater Niermeyer den - seltenen - Managertyp, der die beiden Welten strikt voneinander trennen kann.

Text: F.A.Z., 13.08.2005, Nr. 187 / Seite 49
Bildmaterial: F.A.Z.-Tresckow

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