Studiengänge

Macher und Denker für eine komplexe Welt

Von Karen Horn

Klassiker wie Aristoteles bleiben den Bachelor-Studenten erspart

Klassiker wie Aristoteles bleiben den Bachelor-Studenten erspart

19. Juli 2006 Auf den ersten Blick mag einem die Verbindung vorkommen wie die Quadratur des Kreises: Philosophie und Ökonomie, wie geht das zusammen? Die Philosophie, wörtlich die „Liebe zur Weisheit“, die methodische Reflexion, führt den Menschen auf die Spur des folgerichtigen Denkens (Logik), des rechten Handelns (Ethik) sowie der ersten Gründe des Seins und der Wirklichkeit (Metaphysik). Die Philosophie ist der mühsam zu erklimmende Gipfel der geistigen Abstraktion. Die in der Antike schon von Aristoteles begründete Ökonomie hingegen, die Lehre vom Wirtschaften und vom effektiven Haushalten, vom vernünftigen Umgang mit knappen Ressourcen, ist geerdet. Sie gilt als nicht besonders hochfliegende, sondern durchaus bodenständige, konkrete Wissenschaft.

Der Gedanke, Philosophie und Ökonomie in einem gemeinsamen Studiengang zusammenzuführen, mag daher auf den ersten Blick überraschen. Ein Blick in die Geistesgeschichte indes zeigt, daß beide Wissenschaften derselben Wurzel entsprungen sind und daß die Wirtschaftswissenschaft - in ihrer mikroökonomischen Erscheinungsform als Entscheidungstheorie ebenso wie in ihrer makroökonomischen Variante als Interaktionstheorie - eigentlich nichts anderes darstellt als eine Unterabteilung der Philosophie. Beide Wissenschaften sind zudem über Jahrhunderte in enger Verbindung betrieben worden - nicht zuletzt von dem schottischen Denker Adam Smith (1723 bis 1790). Smith war nicht nur der Begründer der klassischen Nationalökonomie, sondern auch Moralphilosoph - und das genauso ohne jeden inneren Widerspruch wie später James Buchanan, John Harsanyi und Amartya Sen.

Wettlauf um die besten Lehrkräfte

Auf dieses wissenschaftliche Vorbild ebenso wie auf den generellen Nutzen von fachübergreifend geschärften analytischen Fähigkeiten besinnen sich jetzt die Hochschulen, von Nord nach Süd quer durch die Republik, in Bremen, Hamburg, Frankfurt, Bayreuth und München. Sie liefern sich dabei einen Wettlauf um die besten Lehrkräfte. Die Verbindung von Philosophie und Ökonomik hat in Zeiten einer immer stärker forcierten Interdisziplinarität Konjunktur - und das nicht nur an staatlichen Hochschulen.

So hat selbst die 1990 von den großen deutschen Privatbanken gemeinsam gegründete Frankfurter Hochschule für Bankwirtschaft, die sich trendbewußt „HfB Business School of Finance & Management“ nennt, zum Wintersemester einen neuen Bachelor-Studiengang „Management, Philosophy & Economics“ in ihr Programm aufgenommen. Wie es einer von Privatunternehmen getragenen Hochschule geziemt, geht es hier für die Studenten darum, Wirtschaftswissen ohne entsprechenden Tunnelblick zu erwerben. Der Praxisbezug ist vorrangig.

„Die Welt braucht Macher, die auch Nachdenker sind“, heißt es in der Informationsbroschüre für den Studiengang, den die HfB am Donnerstag der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Jede individuelle wie kollektive, jede politische wie unternehmerische Entscheidung ziehe heutzutage gleich eine ganze Kaskade von Konsequenzen nach sich. Klassisches Management-Know-how und das Wissen um ökonomische Zusammenhänge reichten da nicht aus, verknüpftes Denken sei gefragt. Im Zentrum des Studiums steht deshalb der Umgang mit „komplexen Entscheidungsprozessen im Umfeld widersprüchlicher Interessenlagen“ - da ist sie wieder, die Ökonomie in ihrer einzelwirtschaftlichen Urform als Entscheidungstheorie.

Interesse in der Banken-Community

Im Frankfurter Ostend sollen die Studenten nunmehr eine solide ökonomische Ausbildung erhalten, erweitert um die Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen. Dafür sind zwei Philosophie-Lehrstühle neu eingerichtet worden, die mit dem angesehenen Duisburger Gespann Hartmut Kliemt und Bernd Lahno besetzt werden sollen. Der als Vollzeitstudium konzipierte Bachelor-Studiengang dauert sieben Semester. Im Grundstudium sind die Fächer Philosophie, Management, Volkswirtschaft, Quantitative Methoden, Recht, Soziale Kompetenz und Sprachen zu belegen.

Darauf folgt ein Semester an einer Universität im Ausland, verbunden mit einem Praktikum. Im Hauptstudium wird dann neben Philosophie, Management und Volkswirtschaft vor allem die Interdisziplinarität gepflegt. Ein Master-Studiengang, der den Bachelor fortsetzt, ist an der HfB bisher nicht geplant. An einem in Blockeinheiten abgehaltenen Weiterbildungsstudiengang allerdings haben Vertreter der Frankfurter Banken-Community schon gesteigertes Interesse angemeldet, wie Angelika Werner von der HfB sagt.

Einen solchen berufsbegleitenden Weiterbildungsstudiengang unter dem Namen „Philosophie, Politik, Wirtschaft“ gibt es seit dem Wintersemester 2005 an der Universität München - unter der Ägide des Inhabers des Lehrstuhls für Philosophie und Ökonomik, Karl Homann, und gefördert von der Privatwirtschaft. Neben Homann wirken hier als Lehrkräfte unter anderem der frühere Staatsminister Julian Nida-Rümelin sowie der Betriebswirtschaftler Arnold Picot. Angehenden Führungskräften in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft werden auch hier vor allem Entscheidungs- und Problemlösungskompetenzen vermittelt. Der sich über zwei Jahre erstreckende, an Freitagen und Samstagen zu absolvierende Studiengang enthält zu etwa gleichen Teilen Elemente aus Philosophie, Politologie und Wirtschaftswissenschaften.

Akademische Perspektiven

Das Frankfurter Konzept lehnt sich an ein erfolgreiches Vorbild an: den Studiengang „Philosophy & Economics“ an der Universität Bayreuth, den Vorreiter in Deutschland, der mit seiner Konzentration auf das Problem der Entscheidungen stilprägend gewirkt hat. Der zum Wintersemester 2000 eingeführte Studiengang eröffnet dabei - trotz allen Praxisbezugs im Bachelor-Teil - auch akademische Perspektiven über den nachfolgenden Master und das geplante, auf eine Dauer von zwei Jahren beschränkte Promotionsprogramm. Von den knapp 100 Studenten, die das Bachelor-Programm bisher abgeschlossen haben, sind nur 10 Prozent gleich danach in den Beruf eingestiegen. 15 Prozent setzten ihr Studium in Bayreuth fort; etwa 50 Prozent haben in ausländischen Master-Programmen Aufnahme gefunden.

Der Initiator des Programms, der Philosoph Rainer Hegselmann, ist überzeugt, daß „Philosophie keine brotlose Kunst und Ökonomie kein reflexionsloses Geschäft sein muß“, sondern daß sich beide nutzbringend verbinden lassen. Ansatzpunkte und Stichworte für Verbindungen gibt es viele: Rationierung im Gesundheitswesen, Fairness im Außenhandel, Verteilungsgerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität. Hegselmanns Lieblingswort ist dabei der Begriff der „Vernünftigkeitsgewinne“, die durch philosophische Schulung in der Gestaltung der Gesellschaft und in der Führung von Unternehmen zu erzielen sind.

Hegselmann hat mit seinem Konzept eine kleine Revolution angezettelt. Wer den Studiengang „Philosophy & Economics“ belegt, der erlebt eine Horizonterweiterung gegenüber den Ökonomen, denen im üblichen wirtschaftswissenschaftlichen Studium allzu häufig eine intellektuelle Verengung in der künstlichen Welt der vereinfachenden Hypothesen und der mathematischen Modelle zuteil wird.

Schwunghafter Trend

Und den reinen Philosophen, die sich oftmals im Elfenbeinturm vergraben und sich völlig von der Realität entfernen, hat er die Relevanz voraus. Selbst die „wochenlange Lektüre und Auseinandersetzung mit den Klassikern“ bleibt einem im Bachelor-Programm erspart, wie die Studentin Andrea Lang erzählt. Dagegen konzentriert man sich in Bayreuth auf die praktische Philosophie - wobei auch die ihre Tücken hat. Wer sich daran gewöhnt, den bereitet das Programm vor für einen Einsatz in der Unternehmens- und Politikberatung, in Grundsatzabteilungen von Unternehmen und staatlichen Einrichtungen, im Management, in Planungsstäben internationaler Organisationen, in Kammern und Verbänden, in Presseabteilungen, Redaktionen und Weiterbildungseinrichtungen.

Der Trend zur Verbindung von Philosophie und Ökonomie nimmt insgesamt offenbar Schwung auf. An der Universität Hamburg bemühen sich Manfred Holler und Matthew Braham, einen Master-Studiengang „Philosophy, Economics, Politics“ aufzubauen, inspiriert vom Bayreuther Vorbild. Ähnliche Ansätze gibt es in Bremen; dort ist Dagmar Borchers die treibende Kraft. „Ich habe vor Konkurrenz keine Angst“, sagt Hegselmann dazu. „Gute Kopien sind sogar gut für uns. Angst habe ich nur vor schlechten. In Deutschland werden mehr P&E-Absolventen gebraucht als wir überhaupt ausbilden können.“

Der Bachelor-Studiengang „Management, Philosophy & Economics“ an der HfB in Frankfurt kostet je Semester 4000 Euro. Zulassungvoraussetzung ist die Hochschulreife; zudem gibt es ein Auswahlverfahren. Informationen im Internet unter www.hfb.de/mpe oder telefonisch unter 069/154008-186. Der berufsbegleitende Weiterbildungsstudiengang „Philosophie, Politik, Wirtschaft“ an der Universität München kostet über die gesamte Laufzeit von zwei Jahren derzeit 18 000 Euro. Voraussetzung sind ein akademischer Abschluß und zwei Jahre Berufserfahrung. Informationen unter www.ppw.philosophie. lmu.de. Die Zulassung zum Bachelor-Studiengang „Philosophy & Economics“ an der Universität Bayreuth erfolgt durch ein gesondertes Eignungsfeststellungsverfahren. Informationen unter www.pe.uni-bayreuth.de



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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