Familien

Familie ist ein Markt, auf dem Nischen besetzt werden

Von Ursula Kals

Familien: Familie ist ein Markt, auf dem Nischen besetzt werden
05. September 2005 

Geschwister treten miteinander in Konkurrenz, übernehmen rivalisierende Rollen, „messen sich im Wettbewerb und bereiten sich so auf das Leben vor“, sagt der Psychologe Ulrich Beer.

Ob sie nun wollen oder nicht, werden sie miteinander verglichen: „Die Familie ist ein Markt, auf dem Nischen besetzt werden.“ Beer, der mehr als sechzigmal Kommentator der Sendung „Ehen vor Gericht“ war, lebt heute im Hochschwarzwald und kennt Geschwisterprobleme nicht nur aus der Theorie: Der Psychologieprofessor ist der ältere Bruder einer Schwester, und er hat fünf Kinder.

Vom tüchtigen Thronfolger bis zum verwöhnten Nesthäkchen reichen die Klischees der Küchenpsychologie. Jeder kennt jemanden, der wieder einen kennt, dessen Schwester-Bruder-Einzelkindproblem ihn ins Unglück stößt und am Karrieremachen hindert. Solche Pauschalisierungen taugen wenig. Beispiel Einzelkind: Unfähig zu teilen, reisten sie auf dem Egoistenticket durchs Leben.

Zu teilen, das aber fällt zum Beispiel all jenen Geschwisterkindern schwer, deren Eltern jeden Schokoriegel rationierten. Die Angst, zu kurz zu kommen, speist später ihren Geiz ein Leben lang. Die einzige Tochter hat hingegen Geschenke in Fülle genossen und teilt sorglos. Da sie Spielkameraden immer herbeiorganisieren mußte, pflegt sie von klein auf ihren Freundeskreis.

Erstgeborene treten in die Fußstapfen der Eltern

Und trotzdem gibt es Konstellationen, die bestimmtes Verhalten im Berufsleben befördern. Ulrich Beer, der Zuspitzungen nicht scheut, faßt zusammen: „Die ersten werden auf Gradlinigkeit getrimmt, die mittleren auf das Lavieren und die Jüngsten auf Selbstverwirklichung.“

Überproportional häufig treten die Erstgeborenen in die Fußstapfen der Eltern und haben feste Rollen zu erfüllen. Hat der Vater eine Kanzlei oder Praxis, dann studieren sie Jura oder Medizin. Gibt es ein Geschäft oder Unternehmen, dann ruhen die Hoffnungen auf dem Stammhalter oder zunehmend der Stammhalterin. „Das wirkt als unterschwelliges Programm mit“, erklärt Beer. Manche Kinder erfüllen es, andere lehnen sich dagegen auf. Die Söhne großer Verleger führen das mit ihren Alternativkarrieren vor.

Der Darmstädter Soziologieprofessor Michael Hartmann illustriert seinen „erfahrungsgesättigten Eindruck, daß die Erstgeborenen, wenn es um Karriere geht, die ersten sind“, mit einem Beispiel aus dem Bekanntenkreis: der klassischen Juristenfamilie. Die beiden ältesten Söhne eines Landgerichtspräsidenten studierten Jura, „sie traten das Erbe an und übernahmen die Außendarstellung“. Der Älteste machte eine große politische Karriere. „Der dritte Sohn war der bunte Vogel, er hat Kunstgeschichte studiert.“

Geschwisterposition beeinflußt das Familiensystem

Thomas Bachmann ist Berater beim Berliner Artop-Institut der Humboldt-Universität und hat eine hohe Trefferquote, wenn er die Geschwisterposition seiner Klienten bestimmt. „Bei den Erstgeborenen liegt eine starke berufliche Prägung vor. Die Geschwisterposition beeinflußt das Familiensystem und hat einen starken Effekt auf die Persönlichkeitsentwicklung. Die Ältesten übernehmen früh die Werte und Normen und sind schneller erwachsener“, sagt der promovierte Psychologe.

Mitunter sei es sinnvoll, sich bewußtzumachen, „wie persönlichkeitsprägend" die Geschwisterposition ist, und dies als Überprüfungsinstrument zu nehmen: „Viele kommen mit impliziertem Wissen darüber, daß sie in einem Leben stecken, das nicht zu ihnen paßt. Das kann mit der Familienkonstellation zusammenhängen.“

Das älteste Kind, so schreibt der französische Psychologieprofessor Marcel Rufo, „trägt die meisten Risiken in einer Familie; alle Wünsche und Projektionen der Eltern lasten auf ihm; manchmal setzt sich eine belastende Erwartungshaltung sogar über Generationen fort.“ Denn die Eltern sind noch unsicher in der Erziehung und üben mehr Druck aus. Erstgeborene sind von vornherein nur mit Erwachsenen aufgewachsen und stellen sich auf deren Denk- und Verhaltensweisen ein.

„Der Ältere übernimmt den Hof, der Jüngste zieht in die Welt“

„Sie werden besonders herangezogen, im wahrsten Sinne des Wortes“, erklärt Ulrich Beer. Zum Beispiel bringt das die Verhaltensweise von Verantwortung mit, die sich praktisch an den Nachgeborenen erproben läßt: Sie sind die „Vernünftigen“ und müssen auf die Jüngeren aufpassen, das ist einerseits lästig, verschafft andererseits Macht und Selbstbewußtsein. „Die Erstgeborenen haben intern noch keine Konkurrenz, wissen mehr und sind die Clearingstelle“, sagt der Soziologe Hartmann. Nach einer norwegischen Studie sind die Erstgeborenen in einer Familie meist besser in der Schule als ihre jüngeren Geschwister.

Dabei ist der Leistungsunterschied am deutlichsten zwischen dem ältesten und dem zweitgeborenen Kind. Manche Erstgeborenen befreien sich jedoch von dem Erwartungsdruck, können oder wollen die elterlichen Ansprüche nicht erfüllen und brechen aus der Prinzenrolle aus. „In die Boheme, auf Weltreisen, oder sie spielen jahrelang Hippie“, sagt Ulrich Beer. Dieses Interregnum bestätige in gewisser Weise die Eigeninitiative und Selbständigkeit: „Nur im Gleis weiterziehen, das bringt nicht viel.“ Auch die Zweit- oder Drittgeborenen „wenden sich oft mit Absicht ab, um sich später wieder dem familiär erwünschten Weg zuzuwenden“, sagt Thomas Bachmann.

Die Nesthaken schlagen den vorgezeichneten Weg weniger willig ein. Müssen sie auch nicht, denn ihren Ideen stehen die Eltern in der Regel entspannter gegenüber. Manchmal probieren die Jüngsten sich und ihre Berufswünsche mehr aus und landen auch in Sackgassen. Das wird lockerer als bei den Erstgeborenen gesehen. „Die Jüngsten haben meistens größere Spielräume und dürfen sich zum Beispiel künstlerisch verwirklichen“, sagt Michael Hartmann. „Der Ältere übernimmt den Hof, der Jüngste zieht in die Welt, das ist empirisch belegt“, faßt Thomas Bachmann zusammen.

Zwischen allen Stühlen

Unterlagen die Älteren beim Ausgehen und Fernsehen noch strenger Kontrolle, handeln die Eltern jetzt milder. So wie in der Aachener Mittelstandsfamilie: Als der Älteste die erste Party besuchte, wachte der Vater mit der Stoppuhr hinter der Gardine. Als die Mittlere loszog, war die Rückkehrzeit generöser verhandelt. Dann ging die Jüngste aus, und es hieß lediglich: „Bitte schließe das Garagentor leise.“ Geschwister werden eben nicht gleichbehandelt. „Die Jüngeren haben mehr Privilegien, die die Älteren erkämpfen mußten“, faßt der Berliner Bachmann zusammen.

„Sie sind oft die Sorglosen und die Phantasievollen. Während die Älteren durch Pflichtbewußtsein gesteuert sind, sind die Jüngeren lebenslustiger und oft ein bißchen chaotisch. Playboys finden sich selten bei den Älteren. Die Jüngeren wissen sich aber bei Frauen gut einzuspielen", sagt Beer und nennt auch die Kehrseite. Die Jüngsten hätten Probleme, sich zu strukturieren, knüpften zwar schnell Kontakte, hielten sie aber nicht durch. „Oft sind sie Künstler oder Journalisten, die häufiger den Beruf wechseln. Da fehlt die Gradlinigkeit.“

Eine wenig angenehme Position haben in der Regel die mittleren Kinder, darüber herrscht nicht nur in der Literatur Einigkeit. Beer sagt: „Das sind die schwierigsten Menschen und Schicksale.“ Sie ziehen oft den kürzeren. Muß das Jüngste ins Bett, dann soll das mittlere Kind auch früh schlafen. Muß das älteste im Haushalt mit anpacken, dann trifft das auch das mittlere. „Diese Kinder müssen nach beiden Seiten schaukeln und fallen zwischen die Stühle.“

Ihre Sandwichposition ist unklarer und schwankender. Oft entwickeln die Mittleren einen Hang zur Pendeldiplomatie, bemühen sich um Ausgleich zwischen den Geschwisterpolen und orientieren sich vielseitig. Ihre weichen Eigenschaften wurden früh trainiert, ob sie wollten oder nicht. „Sie sind die Teamspieler, die man überall braucht. Aber zur ganz großen Karriere fehlt ihnen oft ein Quentchen an Ehrgeiz und Rücksichtslosigkeit“, sagt Michael Hartmann.

„Entweder sind sie zu ruppig, oder sie zeigen Machoverhalten“

Und wie spielt die Geschlechterfrage hinein? Männer, die mit mindestens einem Bruder aufgewachsen seien, könnten häufig „besser und sicherer mit Männern umgehen, weil sie die Rivalitätssituation gewohnt sind“, beobachtet Beer. Bewußtsein für den Wettbewerb ist fürs Karrieremachen unerläßlich. Gegenüber Kolleginnen tun sich die Brüder unter Brüdern eher schwer, „entweder sind sie zu ruppig, oder sie zeigen Machoverhalten bis zur linkischen Charmeoffensive“. Frauen, die mit Schwestern aufgewachsen sind und womöglich noch eine Mädchenschule besucht haben, neigten dazu, „sich in den Kokon einzuspinnen, in das, was sie für weiblich halten“.

Sie richteten sich im Beruf darauf ein, eher „nach der Stimmung statt nach Lösungen zu suchen“, eine lähmende Strategie fürs Arbeitsleben. Peer-Groups, also die sozialen Kontakte, und die Haltung der Eltern können viel relativieren. „Die Vorstellung, daß Erstgeborene Perfektionisten sind, die von Natur aus zur Identifikation mit dem Vater beziehungsweise der Mutter neigen, und daß Letztgeborene Rebellen sind, ist allzu simpel“, schreibt der Kinderpsychologe Marcel Rufo. Und Einzelkinder? „Die wissen früher etwas und wissen mehr“, behauptet Beer. Da ihnen oft mehr Wünsche erfüllt werden, seien sie häufig selbstbewußter.

Text: F.A.Z., 03.09.2005, Nr. 205 / Seite 55
Bildmaterial: F.A.Z.-Tresckow

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