Akustik

Röhren wie ein R8

Von Holger Appel

Soundsystem: Auch um die Akustik kümmern sich Ingenieure

Soundsystem: Auch um die Akustik kümmern sich Ingenieure

26. September 2008 

Wie man ein Auto leise bekommt? Ganz einfach: Dämmmaterial überallhin kleben, Motor verkapseln, Kofferraum abdecken, Innenraum isolieren, fertig... Von wegen! Eine eigene Kunst ist es, einen BMW wie einen BMW und einen Audi wie einen Audi klingen zu lassen. Schaum, Vlies, Textilien, Kunststoff, Aluminium und Keramik braucht es dazu, und wie man diese Stoffe verbindet, sollte der Ingenieur auch noch beherrschen. So gilt es zum Beispiel zu beachten, dass es sich in der Wiederverwertung nicht gut macht, wenn ein Teppich auf der Rückseite mit Latex versehen ist. „Wenn man das beim Recycling warm macht, stinkt es. Deshalb verkleben wir jetzt ohne Latex“, sagt Norbert Nicolai. Er ist seit drei Jahren Entwicklungschef des in Witten am Rand des Ruhrgebiets ansässigen Akustikspezialisten HP Pelzer und kennt die notwendigen Kniffe. „Wir sind dazu da, dass Autos ihre markentypischen Klänge erhalten“, beschreibt er seine Arbeit. „Ein Sportauto muss anders klingen als eine Luxuslimousine. Und zu leise darf das Fahrzeug auch nicht sein, damit die Fußgänger in der Stadt es noch hören“. Man kann sich schon vorstellen, dass durch die derzeit allerorten vorangetriebene Entwicklung des Elektroautos neue Herausforderungen auf Nicolai und seine Mannschaft zukommen.

„Low cost in China, Vorausberechnung in Russland“

Geräuschquellen gibt es überall, auch um Ventilatoren oder Lufteinlässe kümmert sich HP Pelzer. 4100 Mitarbeiter in 14 Ländern hat das Unternehmen, das lange Zeit ums wirtschaftliche Überleben gekämpft hat, sich jetzt mit den Finanzinvestoren Goldman Sachs und Silver Point im Rücken und einem guten Produktportfolio aber wieder im Aufschwung sieht – auch wenn der Druck der Autohersteller auf ihre unter 20 bis 30 Prozent Überkapazität leidenden Zulieferer sicher nicht kleiner wird. „In der Vergangenheit hatten wir genug damit zu tun, die Leute zu halten. Denn Pelzer-Mitarbeiter sind gesucht. Jetzt kommen viele wieder zurück, und wir stellen auch ein“, sagt Nicolai. „Das Vertrauen in das Unternehmen kehrt zurück.“ Er selbst trägt dazu mit einer Mischung aus Fachwissen, Leistungsanspruch und rustikal-kumpelhafter Offenheit bei. Mit seinen Mitarbeitern ist er per du, sagt mit einem verschmitzten Lächeln: „Ich suche mir aus, mit wem ich per Sie bin.“ Hierarchiedenken sei in der Technik hinderlich, er brauche Offenheit. Und: „Wenn ich mir fachlich keinen Respekt verschaffen kann, dann bin ich hier am falschen Platz.“

Mit diesen Voraussetzungen hofft Nicolai, den Standortnachteil Witten ausgleichen zu können, wenngleich die jüngsten Einstellungen auf Wunsch der Bewerber im Werk Neutraubling nahe Regensburg getätigt wurden. Fünf Standorte hat der Konzern in Deutschland, Auslandsfilialen in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Südkorea und China. Als Nächstes steht St. Petersburg auf dem Plan. „Im Niedrigpreissektor kommen wir in Deutschland nicht zurecht. Low cost können wir einfach nicht denken. Bei uns beträgt ein Entwicklungsbudget immer gleich 1 Million Euro. In China bekomme ich das für 25.000. Also machen wir Low Cost in China“, skizziert der Entwicklungschef die Lage. Ähnlich deutliche Worte findet er zu Russland. „Der Russe denkt anders, deutlich mathematischer. Er hat ein anderes Gehirn. Also lassen wir die Vorausberechnungen und die Vorausentwicklung in Russland machen. Außerdem ist Grundlagenentwicklung in Deutschland nicht mehr zu bezahlen.“ Die Sprache, sagt er, halb im Scherz, halb im Ernst, sei kein Hindernis. „Die Grundbedingung dort ist nicht die Beherrschung der Sprache, sondern die Trinkfestigkeit.“

Bewerbungsunterlagen sind zweitrangig

„Konfrontation im Denken“ fordert Nicolai von seinen Mitarbeitern. „Man muss sich streiten und hinterher ein Bier trinken können“, sagt er. Andere Ideen, andere Nationalitäten, andere Hintergründe brächten das Unternehmen weiter. Er fördere die ohnehin schon ausgeprägte Internationalität des Teams, und mehr Frauen wolle er auch einbinden. Bewerbungsunterlagen findet er zweitrangig. „Ich gehe mit den Bewerbern durch die technische Entwicklung. Da sehe ich schnell, ob jemand etwas in die Hand nimmt oder an der richtigen Stelle Fragen stellt“, sagt Nicolai und schiebt hinterher, bei Pelzer gebe es nur Halbtagsstellen: „Von 8 Uhr bis 20 Uhr.“ Dafür zahlt die Firma nach eigener Überzeugung besser als die Fahrzeughersteller, kann allerdings nicht das gleiche Maß an sozialer Sicherung bieten.

Wer sich für die etwas hemdsärmelige, aber persönliche Art erwärmen kann, dem steht die Konstruktion der Stirnwand für den nächsten Honda Civic in einem neuartigen Verfahren offen. Oder der Einbau von elastischem Leichtschaum in den Audi Sportwagen R8. Ein Audi, der klingt wie ein Lamborghini. Dank desselben Motors. Und ein bißchen auch dank Pelzer.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Audi

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