Karrieresprung

Die Macht der (falschen) Glaubenssätze

Von Birgit Obermeier

Karrieresprung - Serie bei FAZ.NET

Karrieresprung - Serie bei FAZ.NET

01. Oktober 2004 „Wer hoch hinaus will, der fällt auch tief“ - Lebensweisheiten wie diese ersticken bei manchen Menschen jede Ambition im Keim. Andere lassen sich durch individuelle Pauschalkritik wie „Du bist völlig unkreativ“ oder „Das schaffst du nie“ paralysieren. Bannbotschaften nennt die Autorin und Psychotherapeutin Sabine Unger diese verbalen Totschläger, die im beruflichen wie privaten Leben - oftmals unbewußt - wie ein Bremsklotz am Bein schleifen.

Tückisch sind diese Sätze vor allem dann, wenn sie scheinbar ganz seriös daher kommen: Als Stimme der Vernunft, wohl gemeinter Ratschlag oder eigenes Erfahrungswissen. „In Mathe war ich immer schlecht“, mag der Mitarbeiter reflexartig abwiegeln, wenn es darum geht, die Budgetverantwortung für ein Projekt zu übernehmen. Daß dazu keine höhere Algebra nötig ist, blendet er in seiner Verallgemeinerung aus. Bisweilen dient diese auch als bequemer Selbstschutz: Mit einem „Ich bin kein Typ für Führungsaufgaben“ erspart man sich zweifellos viel Mühe, Verantwortung, Ärger und mögliche Kratzer am Selbstwertgefühl. Gleichzeitig bringt man sich vielleicht aber auch um eine berufliche Chance. Und um die Einsicht, daß man seit der Zeit als ungeliebter Klassensprecher eine Menge dazu gelernt hat.

Die Macht des Wörtchens „immer“

Der amerikanische Psychologe Martin Seligman erforschte bereits in den 70er Jahren die Macht der Wörter „immer“ und „nie“. Einen Mißerfolg zu erleiden, schmerzt jedermann zumindest für einen Augenblick, so Seligman. Menschen aber, die nicht die spezifische Situation analysieren, sondern zeitlich stabile und globale Erklärungen für ihren Mißerfolg heranziehen, verharren länger in der Niedergeschlagenheit und resignieren auch in anderen Lebensbereichen. Suchen sie die Schuld für das Scheitern zudem ausschließlich bei sich, spricht man von „erlernter Hilflosigkeit“.

Den so absolut klingenden Bannsätzen gilt es aktiv entgegen zu treten, fordert Sabine Unger. Nicht genug, daß sie blockieren: Fest verankert können sie zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Am Anfang steht die Überzeugung „Das geht sowieso schief“. Diese wiederum kann Angst auslösen und zu Fehlinterpretationen führen („Der Chef kuckt so zweifelnd“). Situationen, in denen etwas nicht geklappt hat, tauchen vor dem inneren Auge auf, erfolgreiche Teilschritte werden ausgeblendet. Schlußendlich kann diese gedankliche Abwärtsspirale das Projekt tatsächlich zum Scheitern bringen.

Wurzeln in der Kindheit

Ihren Ursprung haben die individuellen Glaubenssätze in der Kindheit sowie in der Sozialisation durch Freunde, Kollegen und Bekannte, schreibt die Autorin. Ansatzpunkte für den Wirkmechanismus liefen alle großen psychologischen Denkrichtungen. Der Tiefenpsychologie zufolge bildet der Mensch in frühester Kindheit die Grundzüge seines Vertrauens in sich selbst und seine Fähigkeiten aus. Scheitert er an den gestellten Anforderungen und bekommt dies zurück gemeldet, kann ihm dies später den Mut für Herausforderungen nehmen. Aus verhaltenstherapeutischer Sicht verfestigen sich Erfahrungen und Verstärkungen durch wichtige Bezugspersonen über Jahre hinweg zu einer (scheinbaren) Gewißheit über das eigene Können. Dem humanistischen Ansatz zufolge wurde Hänschen von seinen Eltern nicht so akzeptiert, wie er war, konnte dadurch kein realistisches Selbstbild aufbauen und geht als Hans schließlich ungerechtfertigt hart mit sich ins Gericht. Aus systemischer Sicht führt etwa der gesamte Familienkontext zur Verinnerlichung einer persönlichen Bannbotschaft.

Auch wenn sich deren Herkunft in der Regel nicht linear rekonstruieren lässt: Es lohnt, ihr nachzuspüren, rät Sabine Unger. Bisweilen hilft das Wissen über den Kontext, den Wahrheitsgehalt dieser Sätze zu begreifen. Bei den offenbar so klugen Lebensweisheiten handelt es sich oftmals lediglich um knackige Zitate aus der Literatur, denen gewisse - möglicherweise längst überalterte Moralvorstellungen - zu Grunde liegen. Ebenso mit Vorsicht zu genießen seien geschlechtsspezifische Normvorgaben wie „Frauen tun so etwas nicht“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“.

Die Mitteilung in der Botschaft

Generell ablehnen sollte man Bannsätze aber nicht, rät Sabine Unger: „Man muß sie hinterfragen um zu erkennen, ob sie für einen persönlich einen wahren Kern haben.“ Dazu braucht es eine gewiße Distanz und gleichzeitig absolute Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. In ihrem Buch beschreibt sie Übungen für den Umgang mit Bannsätzen, beispielsweise die konsequente innere Widerrede. Im Zweifelsfall könne es auch hilfreich sein, das Gegenüber - etwa den Kollegen oder Vorgesetzten - aufzufordern, Pauschalurteile wie „Du bist so chaotisch“ zu konkretisieren. Denn, so die Autorin: „Nur wenn ich klare Ansatzpunkte habe, eröffnen sich Lernmöglichkeiten.“

Buchtipp: Sabine Unger: Das schaffst du nie! Kreuz Verlag 2004, 16,90 €, ISBN 3-7831-2372-0



Text: @tor

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche