03. September 2006 Um es vorwegzunehmen: Thomas Schwarz ist ein Beispiel für einen sanften Berufswechsel, denn seiner Branche ist er treu geblieben. Das ist aber auch alles. Der Rundfunkreporter, -moderator und -nachrichtenmann arbeitet als Pressesprecher von Care International Deutschland. Er hat die Seiten gewechselt, nicht aber die Kommunikationsbranche.
Nun sendet er keine Interviews, er gibt sie seinen ehemaligen Berufskollegen. Zum Beispiel in den drei Wochen, in denen der Bonner jetzt im Nahen Osten war. Nachts im Beiruter Hotel ruft ein australischer Nachrichtensender an, um einen aktuellen Lagebericht zu bekommen. Zeitungen wollen Einschätzungen.
Ohne Handy bewegt sich Schwarz auf seinen Dienstreisen keine zwei Meter weit. Fünf Stunden Nachtruhe müssen reichen. Das macht mir nichts aus. Ich schlafe dann wie ein Sack Zement. Täglich aktualisiert er im Libanon sein Online-Tagebuch, das den Internetauftritt der Hilfsorganisation bereichert. Hinzu kommen aktuelle Bilder. Fotografie ist meine Passion.
Wieder zurück in Deutschland, ist er live im WDR zu hören, zuvor hat er in Berlin Interviews gegeben. Diese Öffentlichkeitsarbeit bringt den Hilfsprojekten von Care bares Geld. Denn natürlich gilt für alle Hilfsorganisationen, die untereinander im Wettbewerb stehen: Wer Geld spendet, der möchte wissen, wem das konkret zugute kommt. Thomas Schwarz macht das mit seinem Kollegen transparent.
Das gelingt ihm auch deshalb, weil er weiß, daß gehetzte Journalisten kompakt, sachlich und möglichst unkompliziert über Aktionen ins Bild gesetzt werden möchten. Das unterscheidet ihn von vielen anderen Pressesprechern, die zwar über ausgezeichnete Fachkenntnisse verfügen, nicht aber über Erfahrungen aus erster Hand, wie Journalisten ticken.
Der überzeugte Rheinländer und Anhänger katholisch-liberaler Tradition hingegen weiß, was die Medien wünschen und was die redaktionellen Strukturen fordern. Manchmal bedauert er, daß er bestimmte Themen kaum plazieren kann, zum Beispiel ein ganz wunderbares Aidswaisenprojekt in Lesotho. Nachhaltig, aber nicht schlagzeilenträchtig. Schade, aber so funktioniere die Medienwelt.
Die lernt er früh kennen. Für seine Linzer Schülerzeitung hat er ein Interview bei Radio Luxemburg gemacht. Als Abiturient klopft er dort wieder an, noch mit langen Haaren. Ich hatte eine Matte bis weit über die Schulter.
Von den kindlichen Wünschen Polizist, Schaffner und Pastor hat er sich längst verabschiedet. Die Berufe hatten immerhin alle in irgendeiner Form mit Kommunikation, Klarheit und Umgang mit Menschen zu tun. Aus dem Praktikum bei RTL entwickelt sich dann ein Volontariat. 1979 wird in der alten Luxemburger Stadtvilla Radio noch mit der Hand gemacht.
Sein Volontärsvater ist Hans Meiser, der später durch boulevardeske Formate bekannt wird. Ich halte ihn nach wie vor für einen großartigen Journalisten. Der hat mir die Flötentöne beigebracht und auf Objektivierbarkeit von Fakten gedrängt, also bei Nachrichten präzise und meinungsfrei zu sein. Darum geht es mir auch heute: auf der Grundlage von Realitäten ausgewogen zu bleiben.
Die ersten Nachrichten liest der Jungvolontär Schwarz nachts um 23.30 Uhr, unterstützt von hilfsbereiten Kollegen, die aufpassen, daß er richtig betont und bei aller Vereinfachung nicht zu flach wird. Das Handwerk fällt ihm leicht. Ich hatte Talent und mußte mich vor dem Mikrophon nur konzentrieren, aber es war keine Anstrengung.
Längst ist ihm da klar, daß er politischer Journalist werden möchte. Er und seine fünf Geschwister kommen aus einem sehr politischen Elternhaus, sein Vater ist der ehemalige rheinland-pfälzische Innenminister Heinz Schwarz. Aber das, was man heute Karrierplanung nennt, habe ich nie gemacht. Dazu lebe ich zu sehr im Hier und Jetzt.
Verstärkt wird diese Carpe-diem-Haltung durch den Tod des Bruders, der mit 18 Jahren an den Folgen eines Motorradunfalls stirbt. Das war das bisher Schlimmste in meinem Leben und eine prägende Wegmarke. Zum Glück waren mir Freunde immer wichtiger als der Beruf, Geld und Karriere.
Um näher bei seiner trauernden Familie zu sein, geht er als freier Journalist nach Bonn, macht unter anderem Reportagen für den Süddeutschen und den Bayerischen Rundfunk. Mit 23 Jahren wechselt er als Politikkorrespondent ins Bonner Hörfunkstudio von RTL, Studioleiter ist Geert Müller-Gerbes.
Ich war grün hinter den Ohren, bin aber rumgelaufen wie Graf Koks, lacht er heute. Zuständig ist er für die CDU/CSU und die Grünen, die neu im Bundestag sind, eine hochinteressante Kombination.
Vom Bonner Tulpenfeld zieht er in die Kufsteiner Straße in Berlin: Beim Rias moderiert er unter anderem die Jugendsendung Treffpunkt. Nach zwei Jahren kehrt er zurück nach Luxemburg, dort wird ein Nachrichtenmann gebraucht.
Dann packt er wieder seine Koffer für Berlin. Jede Menge Wechsel folgen - ganz so, wie sie in der Journalistenbranche üblich sind. Diese Unruhe und bisher fünfzehn Umzüge haben den Achtundvierzigjährigen privat wenig belastet. Ich war schon Single, als das Wort noch nicht geläufig war. Zum Glück bin ich jeden Tag mit vielen Menschen zusammen, da genieße ich abends die Ruhe.
Im Sommer 1990 ist er Chefredakteur von 100,6, dem Berliner Privatradio, und erlebt jeden Tag einen historischen Tag. Später leitet er fünfeinhalb Jahre lang als Chefredakteur die Redaktion von Radio Bonn-Rhein-Sieg.
Schließlich packen ihn Zweifel, ob es so erhebend ist, vor den Türen der Parlamente zu stehen und zu warten, daß jemand rauskommt, der dann doch nichts Substantielles sagt und dessen O-Ton man doch verwenden muß.
Was ihn auch belastet: Die Eindampfung des Wortes im nichtgebührenfinanzierten Radioprogramm schreitet voran. Mit 41 Jahren etabliert er sich freiberuflich als Kommunikationsberater. Unter den Kunden sind Werbeagenturen und Bundespolitiker.
Ein amerikanisches Softwareunternehmen mit deutschem Sitz in Frankfurt fragt an: Ein Jahr lang ist er hier verantwortlich für Marketing und Kommunikation. Dann haben wir uns in beiderseitigem Einvernehmen getrennt.
Die zweite Selbständigkeit vor fünf Jahren wird dann allerdings ein Fiasko, wie er ungeschminkt sagt: Er wollte eine Internet-Suchmaschine gründen, deren erste zwanzig Ergebnisse Topqualität und rasche Orientierung bieten sollten.
Im nachhinein bedauert er, daß er sich von der Skepsis Außenstehender habe so verrückt machen lassen. Bereut hat er den Versuch nicht. Ich bin kein vorsichtiger Mensch, und ich will das auch nicht sein. Ich möchte lieber dreimal auf die Nase fallen, als einmal auf die Realisierung einer Idee zu verzichten, von der ich überzeugt bin.
Hundertprozentig überzeugt ist er von seiner Arbeit bei Care. Um aus erster Hand berichten zu können, reist er. Im Dezember war er in Pakistan, zwei Monate nach dem Erdbeben, im Januar dann im Norden Kenias, da ging es um Flüchtlinge. Camp-Management heißt das bei den Organisationen.
Warum Care? Steckt dahinter nicht auch die berühmte Sinnsuche, auf die sich mit Vorliebe Menschen um die Vierzig begeben? Das ist mir zu hoch aufgehängt. Es muß Spaß machen. Und ja, es hat auch etwas mit Erfüllung zu tun.
Vor allem das Schicksal der Kinder behält er im Blick. Wer es nicht schafft, Kindern Lesen und Schreiben beizubringen, der schafft es nicht, Demokratisierung in korrupten Gesellschaften durchzusetzen. Idealismus sei kaum dienlich.
Gutmenschen alleine lösen keine Probleme, die verkomplizieren die Sache. Je weniger Emotion in humanitärer Arbeit eine Rolle spielt, desto erfolgreicher ist sie. Gerechtigkeit schafft man nicht durch Emotionalität.
Nichtsdestotrotz umweht ihn ein Hauch von Abenteuerlust. Wenn er nach der Rückkehr aus einem Krisengebiet auf dem Flughafen landet, ruft er als erstes seine 76 Jahre alte Mutter an. Die fragt dann: Bist du am Stück? Ja, ist er. Und froh dazu. Ich habe so viel Glück gehabt im Leben, daß ich irgendwann das Wort ,Demut' gefunden habe.
Text: F.A.Z., 02.09.2006, Nr. 204 / Seite 59
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