FAZ.NET
Investor
Märkte
F.A.Z.-Archiv
Abo

FAZJOB.NET

FAZjob.NET Ingenieur-Channel

07. Oktober 2008

Mein FAZjob.NET:
FAZJOB.NET
NEU FAZjob.NET - Tour




FAZjob.NET >Beruf und Chance >

   
 Beruf und Chance 
 
Arbeitswelt
Vergütung
Arbeitsrecht
Neue Köpfe
Personalprofi
Campus
Stellensuche
F.A.Z.-Community
 
   

F.A.Z.-Stellensuche

   (Hilfe)


Unternehmen des Monats


Jobs der Woche

Innenarchitektur

Entrümpeln wirkt oft Wunder

Von Ursula Kals



"Überfüllung ist ein Problem": Martina Schuh
08. August 2006 
Nennt Martina Schuh ihren Beruf, folgt das Klischee auf dem Fuß: Ach, du bist Innenarchitektin? Das wäre ich auch gerne geworden! Die Offenburgerin fragt dann gerne zurück: Warum hast du es nicht gemacht? „Oft folgt die Antwort, mein Vater wollte nicht, daß ich etwas Brotloses mache.“ Brotlos ist ihr Dasein heute nicht. Sie hat früh vorgesorgt und das getan, was jeder Karriereratgeber empfiehlt - schon während des Studiums Kontakte zu möglichen Arbeitgebern geknüpft.

Sozusagen studienbegleitend hat sie in Möbelhäusern gejobbt. Heute ist sie Mitinhaberin eines exquisiten Einrichtungshauses am Frankfurter Goetheplatz, Hans Frick Inneneinrichtungen. Sie hat sich auf klassische Moderne konzentriert, plant und richtet Räume ein - von der Zweitwohnung über Vorstandsetagen bis hin zu Konferenzräumen. „Wir leben vom Verkauf, die Planungshonorare sind minimal. Leider ist es generell so, daß Dienstleistung nicht gut bezahlt wird.“

Wird oft gekocht? Gibt es viele Bücher?

Der Kundenstamm ist gut betucht und kann sich die Fachfrau leisten: Den Kunden mangelt es nicht an Geld, sondern an Zeit. Während es die meisten Menschen schon als Luxus empfinden, einen Raumausstatter zu beauftragen, um sich endlich neue Vorhänge zu gönnen, bucht die gehobene Kundschaft gerne gleich das ganze Paket: Die Räume sind nackt; vom Parkett über die Wandfarbe bis zur Anrichte unterbreitet Martina Schuh Vorschläge. Im Geschäft oder im Projekt beim Auftraggeber klopft sie dessen Vorstellungen ab.

In diesen Gesprächen verwundert sie oft, daß so mancher nur vage Ideen hat: Hauptsache, es soll schön werden! Leder lieber nicht. Und nein, Rot sei keine angenehme Farbe. Martina Schuh ist geradezu dankbar, wenn sie eine Gründerzeitkommode erblickt oder einen Freischwinger aus dem Hause Thonet, um einen Anhaltspunkt zu haben. Beraten kann sie vom kühlen Loungestil - dem gilt eher ihre Vorliebe - und notfalls bis zum verspielten Landhauslook. Wer lebt mit im Haushalt? Wird oft gekocht? Gibt es viele Bücher? Wie zeigt sich das Morgenlicht? Wo liegen die Fernsehanschlüsse?

„Aber kaufen tut sie dann keiner“

Zur Recherche gehören viele Fragen und ein Fotoapparat. „Ich fotografiere die Räume durch.“ Hat sie sich für eine Lichtlösung entschieden und vielleicht auch dafür, eine Wand herausreißen zu lassen oder eine hochzuziehen, dann entwirft sie am Computer den Plan. Später arbeitet sie gerne mit der berühmten Butterbrotpapierpause. Sie schnappt sich Stoff-, Farb-, Holz- und Steinproben und führt die Materialcollage dem Kunden vor. Stimmt er zu, kommen vom Fliesenfachmann bis zum Raumausstatter die Handwerker ins Spiel.

Die Fortbildung findet auf Messen statt, das verschafft einen Überblick über die Produkte. Die Mailänder Möbelmesse ist obligatorisch, aber auch Büromöbel-, Licht- und Accessoiremessen stehen auf dem Jahresplan. Manchmal sind die Kataloge wunderschön anzusehen, und im Hochglanzheft findet sich eine berückende Bilderstrecke dunkelbrauner Sitzmöbel, „aber kaufen tut sie dann keiner“.

„Den großen Aha-Effekt erzielt man nicht“

Konzentriert hält die 32 Jahre alte Frau den Überblick über die Katalog-Regalmeter: „So kann ich aus Tausenden Sofas wählen.“ Die Zahl ist realistisch, Formen und Materialien lassen sich schließlich in unendlichen Varianten zusammenstellen. Was der Laie nicht benennen kann, aber im Raum empfindet, hat sie im Studium gelernt: daß zum Beispiel eine geschwungene Sofaform harmonisch mit einem Panton Chair korrespondiert, jenem 1967 von Verner Panton entworfenen Vollkunststoffreischwinger.

Was machen die meisten Menschen beim Einrichten falsch? „Viele mixen zu viel. Bei Freundin A gefällt die Landhauskommode, bei Freund B ist es der Kelim, bei C dann die Bauhauslampe und dazu noch ein Erbstück von Oma. Aber zu viele Köche verderben den Brei.“ Zweites Problem sei die Überfüllung, oft wirke Entrümpelung Wunder: „Es ist besser, sich vom Gedanken weniger ist mehr leiten zu lassen.“ Mitunter fehle auch der Mut zu ungewöhnlichen Stücken. „Einerseits mag der Kunde etwas Tolles, Besonderes, etwa einen grasgrünen Sessel und eine orange Wand.“ Dann aber erscheine ihm eine knallige Wand doch zu schrill, und ein braves Beige erhält schließlich den Zuschlag. „So erreicht man immer nur die Zwei und nicht die Eins, weil man im Mittelmaß schwimmt. Den großen Aha-Effekt erzielt man nicht.“

„Vieles ist eine Frage der richtigen Proportionen“

Daß schöner Wohnen ein Thema ist, das unterstreichen die inflationären Wohnsendungen. Kinder erziehen, Suppe kochen, Möbel auswählen, damit scheint die halbe Nation überfordert und braucht Nachhilfe. Die TV-Tips sind für Profis alles andere als begeisternd. Was Martina Schuh moniert: „Man hat nicht den Eindruck, als ob die Bewohner zu den Möbeln passen und umgekehrt.“ Aber einen Stil aufdrängen, das ist bei den seriösen Vertretern der Inneneinrichter verpönt. Ganz bewußt arbeitet Martina Schuh im Verband der „Creative Inneneinrichter“: In ihm haben sich 50 qualitätsbewußte Einrichtungshäuser zusammengeschlossen, um sich unter anderem gemeinsam für Designklassiker zu engagieren und gegen billige Plagiate abzugrenzen. „Das ist zunehmend ein Problem.“

Denn so en passant ein paar Möbel zusammendübeln und -rücken und den Pinsel schwingen, damit sei es nicht getan. „Vieles ist eine Frage der richtigen Proportionen. Ich muß mir immer wieder anhören: Ich habe selbst einen guten Geschmack, ich brauche keinen Inneneinrichter. Das ist eine Fehlinterpretation. Klar haben viele Geschmack, aber sie sind unsicher, was wie zusammenpaßt.“ Die junge Geschäftsfrau ist von Anfang an systematisch an die Sache herangegangen.

Nummer 34, aber nur 33 Studienplätze

Nach dem Abitur in Offenburg - zwischendurch hat sie ein Jahr in Montpellier verbracht - war klar, daß sie entweder „etwas mit Französisch oder etwas Kreatives“ machen wollte. „Also die Sprache zum Beruf machen und die Kunst zum Hobby oder es halt andersherum tun.“ Dolmetscherin oder Lehrerin zu werden, den Gedanken verwarf sie. In die engere Wahl kamen Architektur, Grafik oder Produktdesign, „das eine war mir zu groß, das andere zu kleinteilig, so habe ich mich für die Zwischenlösung entschieden“. Einen Studienplatz an der Stuttgarter Fachhochschule für Technik zu ergattern war alles andere als leicht.

Es gab Hunderte Bewerber und 33 Plätze. Martina Schuh war die Nummer 34. Da nützte ihr auch das 2,0-Abitur nichts. Aber Stuttgart sollte es unbedingt sein. „Die Hochschule ist klar Bauhaus-geprägt, eher zurückhaltend-schnörkellos orientiert.“ Verschwenderische Hussen für eine Tischrunde einzuplanen, auf solche Dekor-Ideen komme man da nicht. Und das sagte ihr zu. Sie sprach persönlich vor und hatte schließlich Glück: Jemand war abgesprungen, sie konnte nachrücken. Da hatte sie schon eine Studentenbude in Mainz bezogen und packte nach zwei kurzen Wochen wieder die Umzugskisten.

„Das schaffe ich heute nicht mehr“

Zuvor hatte sie wie alle Kommilitonen ein halbes Jahr ein Praktikum gemacht, davon vier Monate in einer Schreinerei. „Ein bleibendes Erlebnis, da steht man hierarchisch unter dem Lehrling.“ Der Betrieb machte von der Haustür bis zum Badeschränkchen alles, die Praktikantin mußte aber auch zwanzig Fensterläden mit der Hand beschleifen, die Werkstatt fegen und die Autos be- und entladen. „Jedenfalls konnte ich hinterher zwei gefüllte Bierkästen tragen“, sagt sie lachend. „Das schaffe ich heute nicht mehr.“

Ehe sie mit schickem Design zu tun haben, müssen sich die Studenten der Innenarchitektur durch Fächer wie Bauphysik und Baurecht arbeiten. Und zum Beispiel den Durchmesser von Abwasserrohren berechnen oder sich damit beschäftigen, wie sich Beton und Asphalt in Hitze dehnen und bewegen. Nicht unbedingt prickelnd ist auch die Aufgabe zu klären, wie es um die Trockenzeiten des Estrich bestellt ist. Schön auch das Fach Akustik, hier geht es zum Beispiel um Trittschalldämmung und darum, den Rückschall eines Steinbodens zu berechnen. Martina Schuhs Lieblingsfach war Darstellungstechnik, Zeichnen bereitet ihr bis heute Freude.

„Die schönen Möbel mal in echt anfassen“

Und die Aushilfsjobs in hochpreisigen Stuttgarter Möbelgeschäften führten ihr anschaulich vor, weshalb sie sich für dieses passagenweise auch trockene Studium entschieden hat. Ihre Bewerbung für die Jobs war anfangs jedoch eher haptisch motiviert: „Ich wollte die schönen Möbel, die ich immer in Katalogen anschaute, mal in echt anfassen.“

Für ihre Diplomarbeit hat sie einen Flugzeug-Hangar in Büroräume verwandelt. Danach folgten einige Jahre in einem Möbelhaus in ihrer Heimatstadt. Unter anderem betreute sie von dort aus einen Großkunden in Frankfurt, in der Bankenstadt gestaltete sie eine ganze Büroetage. Die gefiel dem Auftraggeber so gut, daß er Martina Schuh bat, auch sein Privathaus zu planen. Weitere Aufträge und Jahre als Freiberuflerin folgten, in denen sie Empfangsbereiche, Büros, aber auch Ladenlokale entworfen und durchgeplant hat. Vor drei Jahren übernahm sie dann das Frankfurter Traditionshaus mit ihrem Kollegen Andreas Textor, der sich vor allem auf Großkunden konzentriert.

Zum Team gehört noch ein Vierbeiner namens „Aida“. Der ungarische Jagdhund, ein Vizsla, liegt - bevorzugt bei großer sommerlicher Hitze - wie hingegossen zwischen den Ausstellungsobjekten und entpuppt sich als zuverlässiger Werbeträger. Immer wieder bleiben Passanten stehen und betreten das Geschäft. Sie möchten zwar keinen Stuhl bestellen, sondern wissen: Ist der echt?

Text: F.A.Z., 05.08.2006, Nr. 180 / Seite 54
Bildmaterial: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt
 
 
   
 Artikel-Service 
 
Seite drucken
Versenden
Lesezeichen
Vorherige Seite
 
   
   
 Neue Köpfe 
   
 
Leyh wird neuer CEO von Swiss Life  
 
   
     
  FAZ JOB-Blog  
 
Per Anhalter durch die Arbeitswelt
 
 
 
 
 
Karriere im Takt
 
 
 
 
 
Coach Me If You Can
 
     
 




Impressum  |  Datenschutzerklärung  |  Nutzungsbedingungen  |  Preise  |  Über uns

Alle freien Jobs und Stellen  |  Stellenangebote nach Firmen und Unternehmen  |  Vorteile auf einen Blick  |  FAZjob.NET - Tour