11. Oktober 2004 Wer Karin Lorenz nach ihrer korrekten Berufsbezeichnung fragt, erntet ein Achselzucken. Vom Beruf der "Hörbuchproduzentin" will die Programmverantwortliche im Patmos-Verlag eigentlich nichts wissen. "Das ist zu einem Modebegriff geworden, der einfach nur gut klingt", sagt sie. Jeder nenne sich mittlerweile gerne "Produzent", so daß in der Branche schon in Anspielung auf die variable Vergütung über die "Prozenten" gespöttelt werde. Letztlich trifft die Bezeichnung aber.
Seit 1991 produziert Karin Lorenz Tonträger für den Düsseldorfer Verlag, der mit christlichen Titeln bekannt geworden ist. Mittlerweile gehört er mit seiner Hörbuchsparte zu den fünf größten Anbietern in Deutschland. Besonders mit vorgelesenen Geschichten für Kinder hat er sich einen Namen gemacht. Zu seinen größten Wettstreitern zählen der Marktführer, der Münchener Hörverlag, der Random House Audio/Ullstein Hörverlag sowie Lübbe Audio.
Umsatzzuwächse mit Hörbüchern
Hörbücher erleben seit Beginn der neunziger Jahre einen rasanten Aufschwung in Deutschland. Zwar gab es schon zuvor Hörspiele und Lesungen auf Schallplatte oder Musikkassette. Mit der großen Popularität der "Audio-Books" in den Vereinigten Staaten jedoch entdeckten auch die deutschen Bücherfreunde den Reiz des "Vorlesen lassen" neu. Erfolge wie "Der kleine Prinz" aus dem Patmos-Verlag, der mittlerweile fast 400 000 Mal verkauft wurde, oder "Harry-Potter" aus dem Hör-Verlag mit Verkaufszahlen von zwei Millionen kurbelten das Geschäft zusätzlich an.
Derzeit gehört die Hörbuchsparte zu den wenigen Zweigen in der Buchbranche, die trotz flauer Konjunktur Umsatzzuwächse verbuchen. Entsprechend zählen die Verlage auch zu begehrten Arbeitgebern - auch wenn die Beschäftigtenzahlen immer noch gering ausfallen. Insgesamt tummeln sich zwar nahezu 300 Unternehmen in diesem Geschäftsfeld, von diesen sind allerdings nur vereinzelte marktrelevant. Viele von ihnen arbeiten zudem eher mit freien Mitarbeitern als mit festen Angestellten zusammen.
Liebe zum gedruckten Wort reicht nicht
Karin Lorenz warnt neben überzogenen Vorstellungen von den Berufschancen auch vor einem falschen Bild der Arbeit selbst: "Viele glauben, daß das einfach ist: man läßt einen Text vorlesen und achtet darauf, daß der Schauspieler alle Wörter richtig liest." Tatsächlich gestaltet sich die Herausgabe eines Hörbuches oft komplexer als diejenige eines Buches. Sie verlangt von dem Produzenten die Fähigkeiten eines Lektors, eines Rundfunkredakteurs und eines Theaterregisseurs gleichermaßen. Nur die Liebe zum gedruckten Wort reicht nicht. Auch Rechenfähigkeiten, Kenntnisse des Controlling sowie organisatorisches Geschick werden gefordert, um einen Titel auch betriebswirtschaftlich zum Erfolg zu bringen.
Am Anfang steht die Auswahl des Textes. Dies übernimmt in der Regel ein Lektor oder der Programmverantwortliche selbst. Er sichtet die aktuellen Programme und Vorschauen, durchforstet das Angebot an Klassikern auf dem Markt, liest Rezensionen in Zeitungen, stöbert in Rundfunkarchiven oder sieht sich Theater- oder Kabarettaufführungen für eine mögliche Weiterverwertung an. Nicht jeder Bestseller in Buchform oder jedes bejubelte Stück auf der Bühne verspricht automatisch auch als Hörbuch ein Erfolg zu werden. Lange Reflektionen einer einzigen Hauptfigur eignen sich für dieses Genre ebensowenig wie "stille" Geschichten oder Romane von mehreren tausend Seiten. Genaue Kriterien freilich gibt es nicht.
Kurz muß es sein
"Man kriegt die Bücher in die Hand und spürt, da ist etwas", erklärt Renate Schönbeck, Programmleiterin des Hörverlags. "Beim Lesen denkt man das Hörbuch mit." Ohne den Erfolg des Buches aber funktioniert es nur selten. So setzt das Unternehmen derzeit große Hoffnungen in die Biographie von Bill Clinton, die von Christian Brückner, der deutschen Synchronstimme des amerikanischen Filmstars Robert De Niro, gesprochen wird.
Ist der Stoff gefunden, geht es an die Bearbeitung. Renate Schönbeck nennt das die "medienspezifische Umsetzung", bei der es nicht bei einer "Eins-zu-eins-Übertragung" bleiben dürfe. Vor allem wird gestrichen. 40 Seiten passen auf eine CD, mehr als vier CDs lassen sich selten zum gängigen Preis verkaufen. Alle Änderungen muß der Autor oder müssen die Erben des Urhebers genehmigen - auch das ist eine langwierige Prozedur, die Fingerspitzengefühl erfordert. "Manchmal kommt es vor, daß das Hörbuch durch die Verknappung besser ist als das Buch. Dann sind wir besonders stolz", erzählt Karin Lorenz. Gleichzeitig heißt es den passenden Schauspieler zu gewinnen. Von seinem Vorlesetalent und vor allem von seinem Bekanntheitsgrad hängt der Geschäftserfolg entscheidend ab. So hat beispielsweise der Fernsehunterhalter Dirk Bach das Patmos-Kinderhörbuch "Urmel aus dem Eis" zu einem Bestseller gemacht. Der Schauspieler Rufus Beck gewann als Vorleser der Harry-Potter-Bücher eine große Fangemeinde.
Gefragte Künstler
Hierbei ist Verhandlungsgeschick gefragt. Mit hohen Geldsummen können die Verlage Prominente auf Grund der meist angespannten Finanzlage nicht locken. Sie müssen sie allein für das Werk und das Genre begeistern - und oft Zeitverzögerungen oder Absagen der ausgebuchten Künstler hinnehmen.
Etwa vier bis fünf Wochen vor der Aufnahme erhält der Vorleser das Manuskript zur Vorbereitung, in einzelnen Fällen sogar schon mehrere Monate vorher. Er bearbeitet selbst den Text, überlegt sich die Intonation. Rufus Beck beispielsweise markiert die Passagen der einzelnen Protagonisten im "Harry-Potter" in unterschiedlichen Farben, um sie auch später sprachlich voneinander abgrenzen zu können und ihnen so einen eigenen Charakter zu verleihen.
Die Arbeit an einem Mosaik
Die Interpretation des Sprechers sorgt im Studio regelmäßig für rege Diskussionen. Die Betonung einzelner Silben oder Satzpassagen kann die Wirkung des Stückes auf den Zuhörer in das Gegenteil des Gewünschten verkehren. Während der Aufnahme obliegt es dem Produzenten und Regisseur außerdem, für eine entspannte Stimmung zu sorgen. Die Situation, alleine vor einem Mikrofon zu sitzen, ist für viele Akteure ungewohnt. Der Fernseh- und Filmschauspieler Joachim Król, der seine Stimme für das Romandebüt "Ich muß los" von Annette Pehnt geliehen hat, spricht von einem "einsamen Job", in dem man sich den Zuhörern hinter der Glasscheibe ausgeliefert fühlt.
Drei Stunden lang kann ein Schauspieler durchhalten, dann ermüdet erfahrungsgemäß die Stimme. Die Aufnahmearbeiten ziehen sich damit über mehrere Tage hin. Oft müssen Stellen mehrere Male aufgenommen werden - und am Schluß steht meist noch einmal der Anfang des Werkes. Trotz dieser Detailarbeit zeigen sich in der Nachbearbeitung stets noch Unsauberkeiten: ein vorbeifliegendes Flugzeug, ein schmatzendes Geräusch, Anflüge von Heiserkeit oder überlesene Buchstaben, Wörter oder ganze Textpassagen. "Das sind reine Bastelarbeiten", sagt Karin Lorenz. Wie in einem Mosaik versuchen die Hörbuchmacher die fehlenden Teile einzufügen, in dem sie Passagen aus anderen Teilen des Textes kopieren und am Computer bearbeiten, manchmal ergänzen sie nur einzelne Buchstaben oder Wortfetzen - eine mühsame Detailarbeit. "Wir haben schon I-Punkte eingesetzt", sagt sie lächelnd. Die Mischung mit Musikpassagen - die nicht selten eigens für das Hörbuch komponiert werden - sowie Originaltönen oder Geräuschen komplettiert das Werk. Von der Idee bis zur Auslieferung rechnet man im Patmos-Verlag mit einer Dauer von etwa einem halben Jahr, die reine Produktionszeit liegt bei mehreren Wochen.
Keine eigene Ausbildung
Erfolg haben in dieser Branche oft Quereinsteiger, die Erfahrungen im Rundfunk oder Theater gesammelt haben. Eigene Ausbildungsgänge gibt es nicht. "Man kann das nicht lernen", erklärt Karin Lorenz. Sie bezeichnet ihren Werdegang als klassisch: ein Studium der Theaterwissenschaften mit Schwerpunkt Dramaturgie, Regieassistenzen während des Studiums und ein Volontariat im Rundfunk in der Hörspielabteilung. Einige Zeit arbeitete sie als freie Produzentin für ein Ostberliner Plattenlabel. Renate Schönbeck vom Hörverlag begann mit einer Buchhändlerlehre und studierte Literaturwissenschaften, nebenbei jobbte sie in einem Musikverlag. Nach einem sechs Monate langen Einsatz in der Werbeabteilung bei Bertelsmann trat sie ihre erste feste Stelle als Assistentin der Verlegerin im Hörverlag an.
Aus Karrieregründen entscheidet sich kaum jemand für diesen Beruf. Wie in der Verlagswelt üblich ist kein üppiges Gehalt zu erwarten. Nach Angaben des Patmos-Verlags verdient ein Einsteiger zwischen 2300 und 2400 Euro im Monat, die Steigerungsraten fallen unterschiedlich aus. Die Faszination liegt - wie für die Kollegen des gedruckten Wortes - darin, mit Literatur zu arbeiten und diese auf vielseitige Weise zu Gehör zu bringen. "Man hat mit Autoren, mit Schauspielern, Rundfunkanstalten und Filmleuten zu tun", schwärmt Renate Schönbeck, "und läßt etwas ganz Neues entstehen, das dann irgendwann in die Welt geht - und vielleicht sogar Erfolg hat."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2004, Nr. 236 / Seite 53
Bildmaterial: dpa/dpaweb, F.A.Z.-Tresckow