Leben und Arbeiten in Tokio

Tokio lebt heute schon im Morgen

Von Stephan Finsterbusch

Zwischen Tradition und Moderne: die japanische Kronprinzession Masako

Zwischen Tradition und Moderne: die japanische Kronprinzession Masako

09. Juni 2004 

Tokio lebt heute schon im Morgen. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Die Untergrundbahnen sind pünktlich, die Eisenbahnen schnell. Beim Friseur werden die Haare vollautomatisch von einer Maschine gewaschen, geschnitten und gelegt. In Museen sitzt ein Honda-Roboter auskunftgebend an der Rezeption. Der Toyota kann sich auch von selbst in die Parklücke schieben. Das Handy ersetzt bei der Reise durchs Internet den PC. Die autobahnbreiten Hauptverkehrsstraßen sind zwei, drei und manchmal auch vier Etagen hoch. An jeder Straßenecke steht ein Kaffee-, Zigaretten- oder Sandwich-Automat, an jeder Kreuzung ein Polizist. Wer im schier unendlichen Betonmeer unterzugehen droht, dem wird geholfen, wenn es sein muß mit Geld und ohne Worte.
Wer in Tokio landet, hat das Unerwartbare zu erwarten; andernfalls bekommt er ein Problem. Die Stadt ist so riesig wie bunt, so verwirrend wie klar. In ihrem Mittelpunkt thront ruhig, groß und prachtvoll der grüne Kaisergarten. Drumherum liegen in einem Netz von Straßen die Wirtschafts-, Geld-, Konsum- und Verwaltungszentren der Stadt.

Jedes Stadtviertel hat mehr Einwohner als Frankfurt

Weiter draußen sind die Wohngebiete angesiedelt. Für den täglichen Weg zur Arbeit sind daher leicht mehr als eine Stunde einzuplanen. Vor allem in den späteren Abendstunden wird das schnell zur Tortur. Jedes Viertel zählt mehr Einwohner als Frankfurt am Main samt Umgebung. Im Großraum leben derzeit knapp 30 Millionen Menschen. Damit gehört Tokio zu den am dichtesten bewohnten Gebieten der Welt.
Um dem scheinbaren Chaos ein System abzugewinnen, braucht es eine gute Verwaltung, viele unsichtbare Hände und eine Menge ungeschriebener Regeln. Von allem hat Japan mehr als genug. Das macht es für den Neuankömmling nicht immer ganz einfach. Doch das urbane Leben funktioniert. Jeder kennt seine Rolle; jeder spielt seinen Part; jeder weiß das. Ausländer fügen sich da in der Regel nahtlos ein. Dabei sind die Japaner so höflich und hilfsbereit wie ihr guter Ruf. So geht es in den kleinen Gassen vieler Wohnviertel manchmal zu wie auf dem Dorf.

Das Zentrum schläft nie

Das Zentrum schläft dagegen nie. Zu jeder Tages- und Nachtzeit haben die überall vorhandenen kleinen Verkaufsläden namens "Seven-Eleven" oder "Family-Markt" geöffnet. Dort gibt es vom französischen Landwein bis zum Lottoschein alles, was man auf die Schnelle kaufen kann.
Vom innersten bis zum äußersten Ring ist die Stadt sauber und sicher. Da steht Tokio in der internationalen Rangliste ganz vorn. Auch bei den Preisen nimmt Japans Hauptstadt den Erhebungen einschlägiger Agenturen zufolge eine weltweite Spitzenposition ein, weit vor New York und noch weiter vor London.
In der japanischen Beliebtheitsskala der Ausländer genießen die Deutschen ein hohes Ansehen. Darauf kann man bauen; und auch darauf, daß viele ältere Japaner in der Schule noch die Sprache Goethes und Schillers lernten. Dagegen sucht die Jugend in der englischen Sprache ihr Heil. Die Ergebnisse sind oft bescheiden. Es ist daher sinnvoll, sich einige Worte Japanisch anzueignen. Erste praktische Einführungen in Japanisch gibt es im weltweiten Datennetz auf den Seiten der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan.

Weiterführenden Unterricht bietet in Bochum das Japonicum oder in Tokio das Institut für modernes Japanisch. Auch offerieren die Verwaltungen der einzelnen Stadtbezirke preiswerte Sprachkurse. Sie werden von ehrenamtlich arbeitenden Japanern durchgeführt. Wer diese Mühe nicht scheut, der erkennt schnell, daß das Gesagte in Japan nicht immer das Gemeinte ist. Hier sind Hintergründe wichtig, Zusammenhänge entscheidend. Wie in jeder Tee-Zeremonie legt sich um einen scheinbar einfachen Vorgang ein ganzer Kranz von Regeln und Vorschriften. Diese sind für Außenstehende bestenfalls zu erahnen, zu erklären sind sie fast nie. Da ist oft Durchhaltevermögen gefragt.

Ein Lapsus wird gern und schnell vergeben

Der Neuankömmling sollte sich auch nicht der Illusion hingeben, Fettnäpfe umgehen zu können. Meistens steht er schon mittendrin. Die Japaner sind dann oft so nett, einen nicht darauf aufmerksam zu machen. Ausländern wird außerhalb des Büros ein Lapsus gern und schnell vergeben. Am Arbeitsplatz sieht das etwas anders aus. Von der Sitzordnung bis zur Anrede scheint da jeder sein eigener kleiner Zeremonienmeister zu sein. Dabei werden die Tücken des Alltags mit der Zeit überschaubarer als man auf die ersten beiden Blicke hin gedacht hat. Gleichwohl braucht es einige Tricks und Techniken, um im täglichen Leben der Megastadt zu bestehen. Sie zu ergründen dauert Wochen, sie zu beherzigen oft Monate, vergessen wird man sie wohl nie. Jede Begrüßung wird von einer Verneigung begleitet, oft verbunden mit einem Händeschütteln. Das gleiche gilt für die Verabschiedung. Auf den Fußwegen ist es sicherer, links zu gehen, andernfalls wird man von den Entgegenkommenden schnell überrannt. Essen und Trinken auf der Straße gilt als unfein. Wer zur Rush-hour seine Ellenbogen nicht gebraucht, wird es spätestens bei der dritten U-Bahn-Fahrt durch Tokio gelernt haben. In einer Welt der Enge weiß man Distanz zu schätzen, vor allem sie zu verteidigen.

Bei der Suche nach einer passenden Wohnung können sich Ausländer auf einiges gefaßt machen. Die Mietpreise können leicht das Doppelte und Dreifache deutscher Verhältnisse erreichen, alles erscheint kleiner und einfacher. Küche mit Kühlschrank, Waschmaschine, Schleuder und Wäschetrockner gehören zur Ausstattung. Wenn nicht, gilt es zu verhandeln. Das mag nicht sehr japanisch sein, aber es hilft. Strom-, Gas- und Telefonrechnungen läßt man besser abbuchen oder zahlt sie gleich nach Eingang in einem der vielen kleinen Kaufläden. Die sind im High-Techland Japan natürlich bestens mit Computern ausgestattet und vernetzt.

Erdbeben in schöner Regelmäßigkeit

Ein Mieter muß dem Vermieter oft einen japanischen Bürgen vorweisen, der im Not- oder Unglücksfall mit Haus und Hof einzuspringen bereit ist. Auf alle Fälle sollte das Haus, in das man einziehen will, jüngeren Baudatums sein. Die mit schöner Regelmäßigkeit auftretenden Erdbeben und Erschütterungen lassen die Gläser im Schrank schon recht kräftig klirren. Ein gut betonierter Haussockel könnte im wirklichen Notfall entscheidend sein. Eine starke oder wenigstens hilfsbereite Firma ist in jedem Fall von Nutzen. Und große Immobilienmakler wie die Ken Corp. sind auf die Bedürfnisse und Wünsche ausländischer Kundschaft eingerichtet.

Wer als Entsandter ein Auto braucht, sollte sicher sein, einen Parkplatz zu haben. Viele bessergestellte deutsche Firmen lassen ihre nach Japan entsandten Mitarbeiter im ausländererprobten Tokioter Stadtteil Denen-Chofu oder nahe der deutschen Schule in Yokohama wohnen. Die Lehreinrichtung gilt als gut. Wer seinen Kindern die Erfahrung einer japanischen Schule machen lassen will, hat seitens der Behörden keine größeren Schwierigkeiten zu erwarten. Kommen doch ausländische Kinder mit japanischen Lebensformen oft schneller und besser zurecht als ihre Eltern.

Leben und arbeiten 16

in Tokio

Hilfreiche Tips rund um das Leben und Arbeiten in Japan sind auf den Seiten des Auswärtigen Amtes unter www.ger manembassy-japan.org abzurufen. Auch gibt es nützliche Hinweise auf der Homepage der Handelskammer www.dihkj.or.jp/de oder des Goethe-Instituts www.goethe.de/os/tok/dein dex.htm. Von japanischer Seite ist vor allem www.nhk.or.jp/index-e.html zu empfehlen. Einen guten Überblick über die Metropole, ihre Viertel und ihre Einwohner vermitteln einschlägige Reisebücher wie "Tokyo" von Martin Lutterjohann (Reise Know-How-Verlag Rump).

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2004, Nr. 134 / Seite 59
Bildmaterial: dpa

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