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Schauspieler im Arbeitsamt

„Komm, umarme die Mörderin“

Von Sebastian Flohr



Die Schauspieler Christian Kröll und Simone Jürgens beim Vorspielen
08. April 2006 
„Komm, umarme die Mörderin“, ruft die junge Frau in den verdunkelten Saal hinein. Eine Antwort erhält sie nicht. Aber einen Mord hat die 26 Jahre alte Frau auch nicht begangen, denn Simone Jürgens ist keine Verbrecherin, sondern auf der Suche nach einer neuen Rolle als Schauspielerin. Sie ist nicht beim Vorsprechen an irgendeinem Theater, sondern im Arbeitsamt. „Zentrale Bühnen-, Fernseh- und Filmvermittlung“ (ZBF) nennt sich die Abteilung der Bundesagentur für Arbeit, die sich um die Vermittlung von Schauspielern kümmert.

Jeden zweiten Montag treten ausgebildete Nachwuchsschauspieler wie Simone Jürgens zum Casting im „Schauspielarbeitsamt“ in Köln an. Es ist eine seltsame Atmosphäre, in der Kunst und der Charme einer Behörde aufeinandertreffen. Auf den langen Fluren hängen Türschilder und Wegweiser. In den Beamtenbüros türmen sich Akten auf den Schreibtischen. Nichts erinnert hier an das Flair eines Schauspielhauses, außer die kleine schwarze Bühne im vierten Stock des Siebziger-Jahre-Baus.

Ohne Schauspielausbildung keine Chance

An diesem Nachmittag widmen sich die fünf Juroren des Arbeitsamtes drei Schauspielern. Das optische Erscheinungsbild der Prüfer läßt kaum Zweifel übrig: Hier handelt es sich um Theaterkritiker. Spitz zulaufende Lederschuhe, schwarzes Sakko, graumeliertes Haar und eine kleine kantige Lesebrille, die auf die Vita der Schauspielerin gerichtet ist. Jeweils drei unterschiedliche Charaktere sollen die Kandidaten heute präsentieren: „Die verschiedenen Rollen sind für uns wichtig, um die Fähigkeiten des Schauspielers möglichst komplett zu erfassen“, sagt Carmen Plate von der ZBF-Abteilung Schauspiel.

Carmen Plate und ihre Kollegen wissen, wovon sie sprechen. Sie und ihre 16 Kollegen von den weiteren Standorten der ZBF in München, Hamburg, Leipzig und Berlin haben alle selbst mehrere Jahre in der Branche gearbeitet. „Wir ,casten' hier niemanden für ein spezielles Schauspielstück. Wir überprüfen nur, ob der Darsteller Talent hat, technisch gut ausgebildet ist und ob er sich auch als vermittelbar erweist“, sagt Michael Schäfermeyer, Leiter der Abteilung ZBF. Ohne eine Schauspielausbildung haben Bewerber beim „Arbeitsamt für Schauspiel“ keine Chance, zum Vorsprechen geladen zu werden.

„Das soll es auch sein“

Neben den genannten Standorten ist die ZBF auch an den staatlichen Schauspielschulen aktiv. Nachwuchstalente können sich dann vor Ort den Agenten vom Arbeitsamt präsentieren. Erst der Eintrag in die Kartei der Bundesagentur für Arbeit eröffnet den darstellenden Künstlern die Chance, ein Engagement an einem deutschsprachigen Theater zu erhalten. „Für viele Schauspieler ist es eine völlige Irritation, wenn sie abgelehnt werden. Das soll es auch sein. Wir geben ihnen dann zu verstehen, daß sie sich einen anderen Beruf suchen müssen“, schildert Michael Schäfermeyer.

Neben Schauspielern kümmert sich die ZBF unter anderen auch um Balletttänzer, Sänger, Regisseure, Kameraleute sowie Bild- und Bühnentechniker. Momentan sind rund 59.200 Personen in der Datenbank der ZBF gespeichert. Darüber hinaus unterhält die Bundesagentur für Arbeit auch die Abteilung Künstlerdienste (KD). Hier werden arbeitslose Fotomodelle, Zauberer, Artisten oder auch Clowns vermittelt.

„Wir müssen uns intensiv Zeit nehmen“

Barfuß und im schwarzen Kleid bewegt sich Simone Jürgens auf der kleinen Bühne hin und her. Sie schwingt ihre Hüften. In der Hand hält sie eine Weinflasche, gefüllt mit Salbeitee. „Yvette“ aus dem Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht ist nun die dritte Figur, die sie vor den kritischen Blicken der Jury präsentieren muß.

Draußen auf dem Flur wartet der 24 Jahre alte Christian Kröll auf seinen Auftritt. Trotz mehrerer Prüfungen an der staatlichen Schauspielschule in Wiesbaden und einigen Bühnenauftritten ist ihm die Nervosität anzusehen. „Ich darf bloß nicht den Text vergessen“, sagt er und schaut auf die Uhr. „Wir müssen uns für die Kandidaten intensiv Zeit nehmen. Schauspieler haben in der Regel keine Arbeitszeugnisse, die sie bei einer Bewerbung vorlegen können“, sagt Michael Schäfermeyer.

„Im Schauspiel keine unbefristeten Arbeitsverträge“

In Zeiten knapper öffentlicher Haushaltskassen wird auch die ZBF selbst genauer unter die Lupe genommen. Die Frage, warum die Bundesagentur für Arbeit eine Abteilung unterhält, die sich um die Vermittlung eines speziellen Berufsstandes kümmert, drängt sich auf. „Schauspieler leiden unter struktureller Arbeitslosigkeit. Es gibt im Gegensatz zu anderen Berufsbranchen im Schauspiel keine unbefristeten Arbeitsverträge. Schauspieler erhalten ein Engagement für vielleicht zwei Monate, und dann stehen sie wieder bei uns auf der Matte“, gibt Michael Schäfermeyer zu bedenken.

Simone Jürgens hat inzwischen die Bühne verlassen. Die Jury hat sich zur Beratung zurückgezogen. „Ich bin zwischendrin total aus dem Konzept gekommen, und die haben nicht mal eine Miene verzogen. Wirklich null Resonanz. Bei der Mutter Courage habe ich bis jetzt jeden zum Schmunzeln gebracht“, berichtet die junge Frau ihrem wartenden Kollegen Christian Kröll. Die Weinflasche mit dem Salbeitee, die sie als Requisite für ihre Aufführung mitgebracht hat, ist mittlerweile leer.

„Viele sind einfach schlecht ausgebildet“

„Die Luft in dem Raum war so trocken.“ Sie zieht auf dem Flur ihre Jeanshose über das schwarze Kleid, schlüpft in ihre Schuhe und sprüht sich etwas Parfüm über. Christian Kröll, der Mann mit den langen blonden Haaren, geht in Gedanken noch mal seinen Text durch. „Allein gute Vorbereitung reicht uns hier nicht aus. Viele Schauspieler sind einfach schlecht ausgebildet. Ihnen fehlen die handwerklichen Fähigkeiten. Auf dem Markt tummeln sich Profis wie auch Menschen, die sich Schauspieler nennen und von dem Metier überhaupt nichts verstehen“, sagt der ZBF-Abteilungsleiter Schäfermeyer. Auch deshalb hat das Vorsprechen für ihn so einen hohen Stellenwert.

Simone Jürgens hat es nicht geschafft, in die Schauspielerkartei aufgenommen zu werden. Bei der Entscheidung votierten drei von fünf Jury-Mitglieder gegen sie. „Man hat mir gesagt, es sei alles verstellt und unecht rübergekommen. Irgendwie ein komisches Gefühl. Wenigstens die Dame von der Fernsehabteilung hat mir eine Vermittlung angeboten.“

Im Nu zu Langzeitarbeitslosen herabgestuft

Für Christian Kröll sieht es besser aus. Der Schauspieler, der auch schon in einer kleinen Rolle in „Ein Fall für zwei“ zu sehen war und in einer Oper als „Nacktschnecke“ über die Bühne kriechen mußte, ist aufgenommen. „Ich kann Ihnen auch gleich mitteilen, daß Sie sich für eine Rolle am Theater in Bad Godesberg bewerben können“, sagt Beate Darius, die Dame aus der Jury mit der spitzen Lesebrille. „Denken Sie aber daran, daß die Anreisekosten zum Vorsprechen am Theater nur noch für Arbeitslosengeld-I-Empfänger erstattet werden.“

Harte Zeiten für Schauspieler. Die Hartz-Reformen treffen ihren Berufsstand schwer. Schauspieler haben einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I erst dann, wenn sie eine Festanstellung von 360 Tagen in zwei Jahren nachweisen können. Vor Hartz III betrug dieser Zeitraum noch drei Jahre. In der Schauspielbranche ist das durch die überwiegend befristeten Arbeitsverträge wohl kaum zu erreichen. So werden sie im Nu zu Langzeitarbeitslosen herabgestuft. Das weiß auch Michael Schäfermeyer: „Wir verstehen uns hier als Lobby für Schauspieler, die sonst kaum eine Vertretung haben.“ Wie lange er und seine Kollegen selbst noch mit der Vermittlung von jungen Darstellern betraut sind, bleibt ungewiß. Kultur kostet eben.

Text: F.A.Z., 08.04.2006, Nr. 84 / Seite 59
Bildmaterial: F.A.Z. - Edgar R. Schoepal
 
 
   
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