Management

Chefsessel wird mehr und mehr zum Schleudersitz

18. Mai 2005 

Noch nie waren die Sessel der Vorstandsvorsitzenden so wackelig wie heute, zeigt eine Studie von Booz Allen Hamilton über die weltweit 2.500 größten börsennotierten Unternehmen.

2004 wurde jeder siebte Vorstandschef ausgetauscht, im Jahr davor nur jeder zehnte. Druck kam von Investoren und Aufsichtsräten, die auf Gewinn- und Kurssteigerung pochen. So sind die leistungsbedingten Abgänge letztes Jahr um 44 Prozent gestiegen, angeführt von europäischen Unternehmen wie Rentokil Initial und Infineon Technologies.

Entlassungsrate in zehn Jahren um 300 Prozent gestiegen

Seit 1995 ist die Entlassungsrate 300 Prozent geklettert, weil Aktionäre und Aufsichtsbehörden die Unternehmen drängen, Management und Performance zu verbessern. Gewinn-, Dividenden- und Kurseinbußen haben so manchen aus dem Chefsessel gekippt. In Europa saßen die Betroffenen im Schnitt zweieinhalb Jahre darauf, verglichen mit viereinhalb Jahren in den Vereinigten Staaten.

"Die Ära des Kurzzeit-Vorstandschefs hat begonnen", sagte Alan Gemes, Vizepräsident von Booz Allen, einer Managementberatung aus McLean, Virginia. "CEOs brauchen eine Agenda, die das Unternehmen auf den strategisch richtigen Weg bringt und deren Etappensiege dem Unternehmen langfristig nicht schaden."

In Europa 42 Prozent der Abgänge leistungsbezogen

Mit einer Rate von 17,5 Prozent haben die größten Unternehmen im asiatisch-pazifischen Raum letztes Jahr die meisten Vorstandschefs ausgetauscht. Ein Beispiel dafür ist Frank Cicutto, der am 2. Februar 2004 als CEO von National Australia Bank zurücktrat, nachdem die größte australische Bank mit unerlaubten Devisenhandelsgeschäften einen Verlust von 252 Millionen australische Dollar machte.

In Europa waren 42 Prozent der Abgänge leistungsbezogen, in den Vereinigten Staaten lag die Quote bei 31 Prozent, ermittelte Booz Allen. Rentokil, der weltgrößte Hersteller von Schädlingsbekämpfungsmitteln, setzte James Wilde am 27. Juli vor die Tür, nachdem der Aktienkurs in den 18 Monaten seit seiner Ernennung zum CEO 34 Prozent eingebrochen war.

Möglicherweise zu großer Aktionismus

"In Europa tickt die Uhr besonders laut, dort könnte der Zeiger zu sehr auf Kurzfristigkeit stehen", teilte Booz Allen mit. "Dagegen ist die CEO-Fluktuation in Nordamerika eher zu niedrig, denn leistungsschwache Vorstandschefs werden im internationalen Vergleich am langsamsten entlassen."

Besonders kraß ist das Beispiel von Eurotunnel SA, deren Aktionäre am 7. April 2004 für einen Austausch des gesamten Vorstands votierten, nachdem ihr Investment in den Eisenbahntunnel unter dem Ärmelkanal seit 1987 90 Prozent an Wert verloren hatte. "Die Macht hat sich verlagert", konstatierte Eleanor Bloxham, Präsidentin von Corporate Governance Alliance, in dem Bericht. "Den Aufsichtsräten gefällt ihre strategische Einflußnahme und sie wollen sie beibehalten."

Am sichersten in Energieunternehmen

Am sichersten waren Vorstandsvorsitzende letztes Jahr in Energieunternehmen aufgehoben. Dort lag die Entlassungsrate nur bei 10,3 Prozent. Die meisten Veränderungen gab es dagegen in der IT-Branche, gefolgt vom Telekomsektor, zeigt die Studie von Booz Allen. Das Durchschnittsalter der Betroffenen fiel in Europa auf 54,1 Jahre und lag weltweit bei 57,8 Jahren.

Text: Bloomberg

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