FAZ.NET
Investor
Märkte
F.A.Z.-Archiv
Abo

FAZJOB.NET

FAZjob.NET Ingenieur-Channel

07. Oktober 2008

Mein FAZjob.NET:
FAZJOB.NET
NEU FAZjob.NET - Tour




FAZjob.NET >Beruf und Chance >

   
 Beruf und Chance 
 
Arbeitswelt
Vergütung
Arbeitsrecht
Neue Köpfe
Personalprofi
Campus
Stellensuche
F.A.Z.-Community
 
   

F.A.Z.-Stellensuche

   (Hilfe)


Unternehmen des Monats


Jobs der Woche

Juristen

Karrierekick Großkanzlei

Von Corinna Budras



05. Oktober 2005 
Der Auftrag klingt simpel: „Liefern Sie einen für beide Seiten akzeptablen Vertrag ab - vermeiden Sie Extrempositionen.“ Doch die Verantwortung ist riesig.

Schließlich geht es um mehr als 200 Millionen Euro. Soviel soll der Kauf „sämtlicher Geschäftsanteile der Inflatable Deutschland GmbH“ kosten. Vertragsparteien: „Seller Corporation“ und „Käufer GmbH“. Außerdem soll ein Vermerk über die Risikoabsicherung des Kaufvertrages abgefaßt werden. „Der Vermerk darf nicht lang sein, nach zwei Seiten hören wir auf zu lesen. Das ist wie im richtigen Leben: Ein Vorstandsvorsitzender hat auch nicht viel Zeit“, warnt Rechtsanwalt Stephan Oppenhoff, Partner bei der internationalen Großkanzlei Linklaters Oppenhoff & Rädler.

Bedingungen wie in der Wirklichkeit. Nur daß hier im achten Stock eines Hochhauses mitten im Frankfurter Bankenviertel keine Topanwälte sitzen, sondern junge Hochschulabsolventen, die das noch werden wollen: sechzehn hochqualifizierte Juristen, die meisten mit einem Prädikatsexamen und diversen Auslandsaufenthalten.

Viele haben schon Erfahrungen in anderen Großsozietäten wie Baker & McKenzie, Gleiss Lutz, Hogan & Hartson Raue oder Lovells gemacht. Sie nehmen an dem zweitägigen „Linklaters Scholarship 2005“ teil. Den drei besten Kandidaten winkt ein Stipendium für einen dreimonatigen Aufenthalt in einem Auslandsbüro von Linklaters. Diese Station werden sie während ihres Referendariats vor dem zweiten Staatsexamen absolvieren.

Juristischer Nachwuchsmarkt ist „ein ganz schräger“

Der Anwaltsmarkt mag noch so überschwemmt sein, der Deutsche Anwaltverein noch so sehr auf eine Lösung des Problems „taxifahrende Anwälte“ drängen: In dieser Liga balgen sich die Kanzleien um Neueinsteiger. „Der juristische Nachwuchsmarkt ist ein ganz schräger“, sagt Oppenhoff. „In unserem Bereich gibt es nur 300 bis 500 Bewerber, die für den Beruf in Frage kommen und sich dafür auch interessieren.“

Diese Erfahrung hat auch Natascha Antonio, Partnerin der Personalberatung Whitehead Mann, gemacht: „Der Talentpool für diese Wirtschaftskanzleien ist knapp.“ Eine Hürde sind die Anforderungen: Diese Büros suchen Absolventen mit zwei Prädikatsexamina, also mindestens mit der Note „voll befriedigend“.

Positiv fallen auch ein Masterabschluß im Ausland und eine Promotion ins Gewicht. Das können aber nur etwa zehn Prozent der Absolventen vorweisen. Prädikat, Ausland, internationale Abschlüsse - diese Anforderungen zwingen die Jurastudenten zur Schnelligkeit. Inzwischen seien „Turboexamina“ sehr verbreitet, sagt Antonio.

Immer mehr Studenten nehmen die Gelegenheit wahr, einen „Freischuß“ zu machen: Wenn sie sich nach dem achten Semester zum Examen anmelden, haben sie für die Prüfung nicht nur zwei, sondern drei Chancen. „Die Zeit, die wir früher an der Uni herumgeplätschert haben, nutzen die heutigen Jurastudenten im Ausland“, sagt Antonio. Hinzu kommt, daß sich auch von dieser hochqualifizierten Gruppe nicht alle für einen Job in einer international tätigen Großkanzlei interessieren.

Einsteiger verdienen 80.000 Euro im Jahr

Einige werden lieber Richter oder Staatsanwalt oder gehen in die Wirtschaft. Denn das Betätigungsfeld dieser Großsozietäten unterscheidet sich ganz erheblich von den herkömmlichen Anwaltsbüros: „Wir sind eine Full-Service-Kanzlei. Das heißt, wir machen keine Mietstreitigkeiten und keine Ehescheidungen. Aber wir bieten alles an Beratung, was ein Wirtschaftsunternehmen nachfragt“, sagt Link-laters-Partner Jochen Laufersweiler Auch das Arbeitsumfeld ist ganz anders: Die Kanzlei hat 30 Büros in 22 Ländern mit insgesamt 5000 Mitarbeitern. Allein in Deutschland beschäftigt sie über 300 Rechtsanwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.

Nicht jedem Juraabsolventen liegen die speziellen Anforderungen einer Großkanzlei. Gerade im Bereich Unternehmenskäufe („Mergers & Acquisitions“) ist der Arbeitstag nicht mit einem normalen Bürojob zu vergleichen. Kurz vor einem Vertragsabschluß werden auch mal Sechzehn-Stunden-Tage fällig, nicht selten wird an den Wochenenden durchgearbeitet. Dafür fällt auch das Gehalt ordentlich aus. So liegen die Jahresgehälter von Einsteigern bei etwa 80.000 Euro.

Unter Jurastudenten sind auch viele Argumente gegen eine Arbeit in einer Kanzlei im Umlauf: Man könne nicht mehr unternehmerisch tätig sein, vielmehr sei man Anwalt in einer großen Firma. Der Kontakt zu den Mandanten sei erheblich eingeschränkt, auch die manchmal anfallende wochenlange Arbeit in den Datenräumen großer Firmen zur Vorbereitung von Unternehmenskäufen empfinden viele als abschreckend. Von diesen gängigen Klischees seien viele nicht richtig, sagt Antonio.

„Das ist eben die Champions League, hier sind die Topleute“

Allerdings unterschätzten einige der Absolventen den Umfang der Anforderungen in Großkanzleien. „Viele denken, Verträge zu schreiben reicht aus.“ Statt dessen seien die Nachwuchsanwälte jedoch einem ungeheuren Umsatzdruck ausgesetzt. Zudem werde von den meisten Partnern erwartet, daß sie drei bis vier Junioranwälte ausbilden.

Den 29 Jahre alten Referendar Christian Balzer kann all das nicht schrecken: „Lehrjahre sind nun einmal keine Herrenjahre“, sagt er lachend. Auf ihn übt die Arbeit in Großkanzleien, den „Law Firms“, eine große Faszination aus. Die Anwälte sind dort an großen, internationalen Transaktionen beteiligt, die viele Menschen betreffen und teilweise ein Volumen von mehreren Milliarden Euro umfassen.

Balzer reizt besonders das hohe Niveau der juristischen Arbeit: „Das ist eben die Champions League, hier sind die Topleute.“ Der 27 Jahre alte Martin Grabolle findet es interessant, daß auch abwegige Gedanken bei dem Job gefragt sind. Während man als normaler Anwalt eher rückwärtsgewandt argumentiere, weil man einen bereits bestehenden Sachverhalt bewerte, müsse man bei Unternehmenstransaktionen mögliche Konflikte vorwegnehmen. „Das ist wie beim Schachspielen“, sagt Grabolle. „Bei solchen Tätigkeiten gewinnt Jura den Charakter einer Denksportaufgabe.“

Geld, Haftungsfragen und Unterstellungen

Bei dem Linklaters-Wettbewerb beschäftigen sich die beiden konzentriert mit dem sechzehnseitigen Kaufvertrag, den ihnen die Kanzlei zur Bearbeitung präsentiert hat. Neun Stellen sind darin zumindest am Rande der Illegalität, sechs davon gilt es zu finden. Vier Stunden lang haben sie zusammen mit zwei Kollegen in ihrer „Gruppe Blau“ Zeit, den Vertrag zu verbessern.

Sie monieren, daß eine Regelung gegen das Kartellrecht verstößt, und legen fest, daß die Übertragungsbilanz von einem gemeinsam zu bestellenden Wirtschaftsprüfer abgenommen werden soll. Auch die danach folgende Präsentation vor einem aus vier Personen bestehenden Gremium gelingt ihnen bestens.

Laut geht es dann bei einer weiteren Simulation zu. „Gruppe Blau“ auf der Seite der Verkäufer und die „Gruppe Gelb“ als Käufer verhandeln knallhart über eine Umweltklausel des Vertrages. Wie mühelos die Kandidaten in ihre Rollen finden, wird rasch deutlich: „Es war mal wieder Nebel auf der Stadtbahn West, da konnten wir auch nichts machen“, entschuldigt Mitstreiter Carlos Katins die Verspätung seiner beiden Kollegen. Dann handeln die beiden Gruppen zwanzig Minuten lang so, als ginge es tatsächlich um viel Geld, gravierende Haftungsfragen und schwerwiegende Unterstellungen.

Nicht gerade ein „graues Mäuschen“

„Der Ton wurde sehr gut getroffen“, urteilt Linklaters-Partner Hans-Joachim Holzapfel später. Zusammen mit drei anderen Experten bildet er das Gremium, das über die Stipendien entscheidet. Neben den inhaltlichen Aspekten hätten sie die Art der Präsentation beurteilt, erläutert Holzapfel. Auch die Kölner Professorin Barbara Dauner-Lieb bescheinigt den Kandidaten eine „erstaunliche Praxisnähe“.

Das Ergebnis zeige, wie sehr sich die Ausbildung an den Universitäten verändert habe. Inzwischen werde dort der Umgang mit Präsentationen oder Unternehmenskaufverträgen trainiert. Auch die hohen Anforderungen der Großkanzleien seien oft der Motor für diese Veränderungen, urteilt Dauner-Lieb. „Sie machen keine Abstriche am juristischen Fachwissen - ganz im Gegenteil.“

Die Verhandlung mag praxisnah gewesen sein, für eine von den nur drei Kandidatinnen bei dem Wettbewerb war sie auch ein Lehrstück über die männliche Dominanz bei Diskussionen. „Die Männer hatten einfach weniger Probleme damit, ihren Standpunkt zu verkaufen, selbst wenn er juristisch völlig falsch war“, kritisiert die Absolventin, die sich sonst „nicht gerade als graues Mäuschen“ sieht.

Familie und Beruf sind schwer vereinbar

Auch in der Realität sind die Wirtschaftskanzleien noch immer sehr männerdominiert. Auf Partnerebene sei der Anteil der Frauen - auch gemessen an ihren guten Ergebnissen im Juraexamen - sehr gering, berichtet Antonio. Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf lasse sich bei den gängigen Arbeitszeiten kaum lösen. Allerdings steht der Frauenanteil beim Wettbewerb nicht in einem Verhältnis zu der Quote der weiblichen Neuzugänge bei Linklaters, die im vergangenen Jahr bei 40 Prozent lag.

Bei der Siegerehrung im Schloßhotel Kronberg jedenfalls trifft es jemanden, der noch nicht in das weitverbreitete Klischee des typischen Topanwalts paßt: Studiert hat Balzer in Bochum, Marburg und Rostock, sein Referendariat macht er gerade in Hannover. Auslandsaufenthalte kann er bisher noch nicht vorweisen, auch mit Großkanzleien hatte er kaum Berührung.

Trotzdem hatte er die besten juristischen Argumente und konnte sie auch am überzeugendsten präsentieren. Den gewonnenen Champagner will er noch mit allen Anwesenden teilen. Nach New York, London oder Singapur wird er dann aber allein gehen.

Text: F.A.Z., 01.10.2005, Nr. 229 / Seite 59
 
 
   
 Zum Thema 
 
Entrümpelung: Zweite Juristische Staatsprüfung
Arbeitslos werden die wenigsten
 
   
   
 Artikel-Service 
 
Seite drucken
Versenden
Lesezeichen
Vorherige Seite
 
   
   
 Neue Köpfe 
   
 
Leyh wird neuer CEO von Swiss Life  
 
   
     
  FAZ JOB-Blog  
 
Per Anhalter durch die Arbeitswelt
 
 
 
 
 
Karriere im Takt
 
 
 
 
 
Coach Me If You Can
 
     
 




Impressum  |  Datenschutzerklärung  |  Nutzungsbedingungen  |  Preise  |  Über uns

Alle freien Jobs und Stellen  |  Stellenangebote nach Firmen und Unternehmen  |  Vorteile auf einen Blick  |  FAZjob.NET - Tour