Von Josefine Janert
31. Januar 2006 Genuß und guter Geschmack sind für uns entscheidend, sagt Frank Lüske. Er hat in einem ehemaligen Berliner Kino einen Bio-Supermarkt eingerichtet. Damit die Verbraucher sehen, was sie aus Vollkorn-Spaghetti und Zucchini alles kochen können, hat der 37 Jahre alte Unternehmer auf der Empore ein Bio-Kochstudio aufgebaut.
Es kann von Firmen und Privatleuten gemietet werden. Dreißig Arbeitsplätze hat der Gartenbau-Diplomingenieur geschaffen, davon zwanzig für Vollzeitkräfte. Früher spielte es keine Rolle, ob die Möhren im Bioladen runzlig waren, erinnert sich Lüske an die achtziger Jahre. Heute muß die Ware gut aussehen und ansprechend verpackt sein.
Die Ökobranche ist professioneller geworden, nicht nur, was die Präsentation der Erzeugnisse anbelangt. Während es in der Anfangszeit gerade in den Bioläden viele Quereinsteiger gab, Studienabbrecher und Umweltaktivisten ohne Vorkenntnisse in Buchhaltung und Marketing, wird nun fast überall Wert auf Qualifikation gelegt. Das gilt für den Handel und erst recht für die Hersteller von Bio-Lebensmitteln und Naturkosmetika.
Wenn heute eine Firma einen Produktmanager einstellt, hat er in der Regel ein abgeschlossenes Studium, sagt Jeanine Tovar von Harting & Tovar. Die Agentur hat eine Studie über die Beschäftigten in der Biobranche veröffentlicht. Dazu rechnet sie unter anderem Biolandwirte, Hersteller von Lebensmitteln, Naturkosmetik und -textilien und den Handel. Die Zahl der Beschäftigten habe sich seit 1993 fast verdoppelt.
Der biologische Landbau wurde unter Verbraucherschutzministerin Künast gefördert. Unternehmer und Angestellte sehen in ihrem Nachfolger Horst Seehofer eher einen Befürworter der konventionellen Landwirtschaft. Sie befürchten, daß Fördergelder beschnitten werden und für Agrarumweltprogramme künftig auch aus dem EU-Haushalt weniger Geld zur Verfügung gestellt wird. Dabei schafft der Ökolandbau dort Arbeitsplätze, wo sie am schwersten zu halten sind - auf dem Lande, sagt Felix Prinz zu Löwenstein vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft.
Naturschützer haben den Ruf, Jobs zu vernichten, aber die Branche bringt tatsächlich etliche Vollzeitstellen hervor. Insgesamt sind in Deutschland knapp 1,5 Millionen Menschen im Umweltschutz tätig, 3,8 Prozent aller Beschäftigten. In dieser Ziffer mitgerechnet sind etwa die Stellen bei Betrieben, die Anlagen zur Abwasserreinigung produzieren oder Material für die Wärmedämmung von Gebäuden. Der Ökotourismus wird hingegen außer acht gelassen, da kaum verläßliche Daten darüber vorliegen.
Statistische Erhebungen sind ohnehin recht schwierig, da vielerorts ein und derselbe Angestellte sowohl herkömmliche Erzeugnisse betreut als auch Bio-Ware. Eine Verkäuferin in einem Kaiser's-Markt räumt die normale Milchtüte ins Regal und ebenso die hauseigene Naturkind-Marke. Diese Ware stammt aus dem kontrolliert-biologischen Landbau und trägt deshalb das Biosiegel. Bei der Lebensmittelkette Plus wurden für die mittlerweile 55 BioBio-Waren im Sortiment keine neuen Jobs geschaffen. Die Category-Manager, die sich um einzelne Produktgruppen wie zum Beispiel Milcherzeugnisse kümmern, haben auch die dazugehörigen Bio-Erzeugnisse unter ihren Fittichen.
Darüber hinaus existieren natürlich die Bereiche, die traditionell mit dem Umweltschutz in Verbindung gebracht werden. Ein Beispiel dafür ist die Solarenergie. Die Sonnenstrahlen werden für die Erzeugung von Wärme und Strom genutzt. Das ist ökologisch sinnvoll, macht jedoch allein wegen des Klimas nur einen winzigen Anteil des deutschen Stromverbrauchs aus: 0,25 Prozent.
Rund 20.000 Menschen sind in der Solarstrom-Erzeugung tätig, weit mehr als 2003. Die Zahl soll in den kommenden Jahren weiter wachsen, hofft Bernd Schüßler vom Bundesverband Solarwirtschaft. Gegenwärtig finde man die meisten Stellen in Handwerksbetrieben. Die haben unter anderem die Aufgabe, Solaranlagen in privaten Haushalten zu installieren. Dabei kommen Dachdecker und Elektroinstallateure zum Einsatz, also vor allem Angestellte mit einer Berufsausbildung.
Natürlich gibt es auch Akademiker, etwa bei Q-Cells, einem Solarzellenhersteller mit Sitz in Thalheim. Ein beträchtlicher Teil der Produkte geht in den Export. Die Kunden sitzen in der ganzen Welt, in Südeuropa, Japan, Thailand und den Vereinigten Staaten. Q-Cells wurde 1999 in Berlin gegründet, wanderte aber nach Sachsen-Anhalt ab. In der sonst recht öden Gegend nahe Bitterfeld wurden inzwischen 769 Arbeitsplätze geschaffen - für Physiker ebenso wie für Mitarbeiter in der Produktion.
Das Unternehmen profitiert kurioserweise davon, daß in der Region einst die chemische Industrie der DDR ansässig war, bekanntermaßen ein Umweltsünder. Nach wie vor leben dort viele Fachkräfte, die auch Schichtarbeit gewohnt sind, sagt Q-Cell-Sprecher Stefan Dietrich. Die Angestellten im Bereich Forschung und Entwicklung kämen aber meist von weiter her und hätten etwa bei wissenschaftlichen Instituten in den alten Bundesländern gearbeitet. Wer bereit ist, von Hamburg in den Raum Bitterfeld zu ziehen, beweist damit, daß er eine hohe Affinität zum Thema Solarenergie hat, sagt Dietrich.
Diese Identifikation mit dem Produkt ist auch in anderen Öko-Betrieben zu finden - ganz gleich, ob es sich um Biobauern oder um einen Vertrieb von Naturkosmetik handelt. Wohl hoffen viele Angestellte auch, daß sie in solchen Unternehmen ein angenehmes Klima erwartet, ein kollegiales Miteinander. Von der Mentalität der Bioladengründer in den siebziger Jahren sind die meisten Firmen aber weit entfernt. Statt basisdemokratischer Rituale findet man professionelle Strukturen. Da zählt vor allem die Freundlichkeit gegenüber dem Kunden, sagt Frank Lüske: Wie meine Mitarbeiter persönlich zum Bio-Landbau stehen, ist dem gegenüber zweitrangig.
Dennoch treiben die Lebensmittelskandale der Biobranche nicht nur Kunden zu, sondern auch Bewerber. Das zeigt das Beispiel Demeter, eine Marke für Waren aus biologisch-dynamischer Wirtschaftsweise. In der Zentrale des Demeter-Verbandes treffen regelmäßig Anfragen von Logistikern, Ernährungswissenschaftlern und Juristen ein, die auf Markenschutz spezialisiert sind. Viele suchen einen Arbeitgeber, der zu ihrer persönlichen Lebensweise paßt. Sie kaufen Bioprodukte, sind für die artgerechte Haltung von Tieren.
Die Angestellten sind persönlich hoch motiviert, sagt Jeanine Tovar und berichtet von Kollegen, die in ihrer Freizeit an Naturschutzprojekten mitwirken. Die Ökobranche kann auf manche Erfolgsmeldung verweisen, welche die breite Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis nimmt. Wer hat schon registriert, daß Deutschland im Jahr 2003 Weltmeister im Export von Umweltschutzgütern war und in diesem Bereich auch die meisten Patente anmeldete? Gemeint sind beispielsweise Anlagen zum Lärmschutz und zum Recycling, Pumpen und Meßgeräte. Insgesamt wurden Waren im Wert von 35 Milliarden US-Dollar ins Ausland geliefert.
Für den Arbeitsmarkt bedeutet das, daß vor allem die Nachfrage nach Personal mit einschlägigem Wissen steigt. Bislang haben viele Beschäftigte herkömmliche Examina - sind Betriebswirte, Physiker, Chemiker, Biologen. Vertreter von Branchenorganisationen fordern nun, daß der Umweltschutz noch stärker als bisher in den Lehrplänen berücksichtigt wird. Die Unternehmer sagen, es sei schwer, qualifiziertes Personal zu bekommen, berichtet Markus Ott vom Fachverband Biogas. Gebraucht würden zum Beispiel Montagetechniker, Mikrobiologen und Ingenieure. In landwirtschaftlichen Biogasanlagen werden Gülle und Mist verarbeitet und zur Erzeugung von Strom und Wärme genutzt.
Auch manche Konzerne haben erkannt, daß eine wachsende Konsumentenschar das Engagement für die Umwelt schätzt und an der Kasse honoriert. Während eine herkömmliche Hautcreme mittels einer teuren Werbekampagne erst einmal mit Werten aufgeladen werden muß, hat ein vergleichbares Erzeugnis aus der kontrollierten Naturkosmetik schon einen Wert an sich: Es enthält keine Paraffine oder andere Erdölprodukte, ist frei von synthetischen Duftstoffen und wurde angerührt ohne Tierversuche.
Weil solche Fakten gut klingen, rücken viele Unternehmen ihr Öko-Engagement kräftig in den Vordergrund. Das gilt für mittelständische Kosmetik-Hersteller ebenso wie für den Tourismusriesen TUI. Er verfügt über ein Konzern-Umweltmanagement mit zehn hauptamtlichen Mitarbeitern in der Zentrale, darunter Biologen, Geoökologen, Wirtschaftswissenschaftler und Agraringenieure.
Auch in den Hotels gibt es Techniker und Landschaftsgärtner mit ökologischer Verantwortung. Für den Unternehmer Frank Lüske hat sich die Öko-Masche ausgezahlt: Der Lebensmittel-Branchenverband CMA kürte seinen Bio-Supermarkt zu einem der besten Deutschlands.
Text: F.A.Z., 28.01.2006, Nr. 24 / Seite 53
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