Gesundheit

Bei Männern streikt das Herz, bei Frauen die Psyche

Von Kerstin Liesem

Keine Seltenheit: Streß im Beruf kann krank machen

Keine Seltenheit: Streß im Beruf kann krank machen

09. Mai 2006 

„Männer sind anders, Frauen auch“- so heißt ein Bestseller des amerikanischen Paar- und Familientherapeuten John Gray. Dieser Titel könnte aber auch über einem Gesundheitsbuch für Führungskräfte stehen. „Denn Männer neigen bei starker Arbeitsbelastung zu anderen Krankheiten als Frauen“, sagt Andreas Weber, Mitherausgeber des Buches Psychosoziale Gesundheit im Beruf, das im Herbst auf den Markt kommen wird. Der Professor für Arbeits- und Sozialmedizin ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Typisch männliche Krankheiten? „Ja, die gibt es“, sagt Weber und nennt Herz- und Kreislauferkrankungen. „Übergewicht, hoher Blutdruck und ein hoher Cholesterinwert sind Risikofaktoren für diese Erkrankungen.“ Aber auch für Fettstoffwechselstörungen und Zucker seien Manager anfällig, die regelmäßig 60 Stunden „plus x“ schufteten. Wer täglich mit Summen jongliert, von denen ein Normalsterblicher nur träumen kann, muß fit sein. Große Unternehmen ließen deshalb ihre Manager regelmäßig gründlich und mit hohem Aufwand durchchecken. Besonders anfällig für Krankheiten seien Männer mittleren Alters. „Die Statistiken zeigen einen Ausschlag nach oben bei Führungskräften zwischen 50 und 60 Jahren“, sagt der Mediziner.

Weibliche Schwachstellen

Geht es um die Gesundheit männlicher Leistungsträger, so kann die Wissenschaft auf ausreichende Daten zurückgreifen. „Der Gesundheit von Frauen in Führungspositionen wurde bislang wesentlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt“, sagt Weber. Dies mag daran liegen, daß Frauen auf den obersten Sprossen der Karriereleiter eher selten zu finden sind. Nach Angaben der Hoppenstedt Fachinformation finden sich im Top-Management acht Prozent Frauen und im mittleren Management elf Prozent. Viel ist das nicht, aber immerhin schon knapp ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren. Die meisten Entscheiderinnen arbeiteten in der Bekleidungsindustrie, im Einzelhandel und in Dienstleistungsunternehmen.

Bettina Begerow ist Sportwissenschaftlerin am Kölner Institut und hat sich mit der Gesundheit von weiblichen Führungskräften auseinandergesetzt. Dabei hat sie festgestellt, daß Frauen für andere Krankheiten anfällig sind als ihre männlichen Kollegen auf den Chefetagen. Während die männlichen Schwachstellen vor allem das Herz und der Kreislauf seien, hätten Frauen vor allem mit Muskel-, Skelett- und Rückenschmerzen zu kämpfen. „Außerdem neigen sie eher zu psychischen und psychosomatischen Krankheiten.“ Überdies seien Frauen insgesamt unzufriedener mit ihrem Gesundheitszustand als Männer, hat Maike Weerts vom Zentrum für Public Health in Bremen herausgefunden.

Unterschiedliches Rollenverhalten

Bei Männern streikt das Herz, bei Frauen die Psyche. Woran liegt das? „Für dieses Phänomen gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze“, sagt Andreas Weber. Diejenigen, die rein biologisch argumentierten, machten Hormone, Chromosomen und den unterschiedlichen Serotoningehalt dafür verantwortlich. Aber auch soziale und gesellschaftliche Aspekte könnten eine Rolle spielen. „Zum Beispiel die Doppelbelastung von Frauen“, sagt Bettina Begerow. Denn immer noch sind sie es, die die meiste Haus- und Familienarbeit zu schultern hätten.

Als drittes Begründungsmodell nennt Andreas Weber das unterschiedliche Rollenverhalten von Frauen und Männern. „Frauen gehen häufiger zum Arzt, wenn sie sich krank fühlen. Dort beschreiben sie genau, was ihnen fehlt.“ Männer gäben weniger Beschwerden und Krankheiten an, obwohl sie nicht weniger oft krank seien. Ich Tarzan, du Jane? Ja. Gesundheitswissenschaftlerin Maike Weerts sagt: „Gesundheitshandeln und gesundheitliches Verhalten dienen immer auch der Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit.“

Wer Beschwerden ignoriere, gelte als männlich. Das sensible Wahrnehmen und Äußern von Beschwerden dagegen werde von der Gesellschaft oft als Ausdruck von Weiblichkeit gewertet. Ein „echter Mann“ halte Beschwerden aus und gebe sich der Illusion hin, unverwundbar zu sein.

Andere Definition von Gesundheit

Hinzu kommt, daß Männer, so erklärt Weerts, eine ganz andere Definition von Gesundheit haben als Frauen. Abwesenheit von Krankheit, das sei für Männer Gesundheit. Dazu gehörten Kraft, Ausdauer und Leistungsfähigkeit.

Frauen hingegen sehen Gesundheit ganzheitlicher. Für sie zählten auch psychische und soziale Aspekte wie Wohlbefinden, Entspannung, soziale Kontakte und gute Laune. Hinzu komme, daß Ärzte Frauen oft anders behandeln als Männern. „Viele Ärzte schieben Beschwerden bei Frauen auf deren Psyche“, hat Weerts herausgefunden. Insgesamt gehen Frauen sorgsamer mit ihrer Gesundheit um als Männer. Während jede zweite Frau zur Krebsvorsoge geht, ist es bei den Männern nur jeder fünfte.

Frauen neigen nicht nur zu anderen Krankheitsbildern als Männer. Ihre Körper reagieren auf dieselbe Erkrankung oft auch mit anderen Symptomen. Frauen mit einem Herzinfarkt spürten oft nicht das Symptom Brustschmerzen. „Vielmehr äußert sich der Infarkt häufig durch Magenbeschwerden, Übelkeit oder Schulterschmerzen“, sagt Verena Stangl, Herzspezialistin an der Berliner Charite.

„Hyperaktivität und Aggressivität“

Auch mit Streß gehen Männer und Frauen unterschiedlich um. „Typisch für Männer ist, daß sie zu Hyperaktivität und Aggressivität neigen“, sagt Bettina Begerow. Gestreßte Frauen hingegen neigten zu Depressionen, Ängsten, Selbstzweifeln und zögen sich zurück.

Viele weibliche Führungskräfte griffen ähnlich wie ihre männlichen Kollegen in Streßsituationen zur Flasche. Alkoholsucht unter Managerinnen? „Das ist durchaus ein Thema“, sagt Begerow. „Insbesondere scheinen kinderlose Frauen und ältere Frauen betroffen zu sein.“ Sie wertet es als Kompensationsverhalten. „Besonders wenn ihnen bewußt wird, daß ihre biologische Uhr abgelaufen ist und sie für die Karriere alles geopfert haben.“ Das werden in Zukunft nicht wenige sein. Denn schon jetzt bleiben über 40 Prozent der Akademikerinnen kinderlos.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Die derzeitige wirtschaftliche Situation in Deutschland schlägt aber nicht nur hochqualifizierten Frauen auf das Gemüt. „Auch unter männlichen Führungskräften nehmen psychische und psychosomatische Erkrankungen zu“, sagt Weber. Und nicht nur deshalb, weil früher viele seelische Krankheiten schlichtweg nicht erkannt wurden. Auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen spielten eine große Rolle.

Wenn der Arbeitsplatz nicht mehr sicher ist, wenn man mit 50 Jahren auf dem Arbeitsmarkt schon als kaum mehr vermittelbar gilt, nimmt der Druck zu. Lebenssituationen werden immer unübersichtlicher. Manager müssen mobil, flexibel und jederzeit erreichbar sein. Der Streß wird größer, Familien zerbrechen. Gesellschaftliche Werte brechen weg. Viele Manager werden „workaholics“, also arbeitssüchtig.

Pathologischer Anwesenheitsdrang

Wie erkennt man, daß jemand arbeitssüchtig ist? „Das ist schwer zu sagen“, sagt Weber, „denn die Grenzen zwischen dem Glücksgefühl des Work-flow, bei dem man Ort und Zeit vergißt und in der Arbeit aufgeht, und der Sucht sind fließend.“ Teilweise wird argumentiert, die Arbeitssucht sei durch dieselben Merkmale gekennzeichnet wie eine stoffgebundene Sucht: durch die Unfähigkeit, abstinent zu sein, also nicht zu arbeiten, und Kontrollverlust. Hinzu kommt, daß es sozial erwünscht ist, viel zu arbeiten. „Die meisten sind stolz darauf.“

„Viele gehen auch dann zur Arbeit, wenn sie krank sind“, sagt der Arzt. Er nennt das pathologischen Anwesenheitsdrang aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren und durch das soziale Netz zu fallen. Angsterkrankungen schleichen sich immer häufiger auf Chefetagen ein. „Oft sind sie nur schwer zu erkennen, weil die Symptome häufig körperlichen Krankheiten wie einem Herzinfarkt ähneln.“

Betriebliche Gesundheitsprogramme

Um ihre Mitarbeiter fit zu halten, bieten Unternehmen betriebliche Gesundheitsprogramme an. Wer zum Beispiel regelmäßig im Fitness-Studio trainiert, bekommt einen Teil der Gebühr vom Arbeitgeber erstattet. Ein gutgemeinter Ansatz. Nur fruchtet er nicht bei jedem. „Wie man Streß abbaut, ist individuell verschieden“, sagt Weber. Der eine entspanne bei einem Gläschen Rotwein, der andere auf dem Laufband und der dritte auf der Couch im Wohnzimmer.

Ein betriebliches Gesundheitsprogramm, das sich über jeden ergieße, sei nicht optimal. Andreas Weber rät vielmehr dazu, die Mitarbeiter selbst wählen zu lassen, wie sie sich entspannen wollen. Die Unternehmen sollten sich fragen: Was sind die Hauptursachen für Fehlzeiten? Und: Welche Entspannungsmaßnahmen wären für uns sinnvoll? Und noch einen Tip hat der Professor: Wichtiger als jedes Sportprogramm ist die Anerkennung der Mitarbeiter. Denn wer sich wohl fühlt, der wird auch weniger krank. Und diese Aussage trifft - ausnahmsweise - für Frauen wie für Männer zu.

Text: F.A.Z., 06.05.2006, Nr. 105 / Seite 57
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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