Die Headhunterin Christine Stimpel im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Noch ist das eine theoretische Frage. Leider. Wir können höchstens überlegen, in welcher Branche ein weiblicher CEO denkbar wäre.
In der traditionellen produzierenden Industrie ist das in der Tat sehr unwahrscheinlich, am unwahrscheinlichsten in der Autoindustrie. Anders sieht es in Branchen aus, die auf Innovation, Lifestyle, Services ausgerichtet sind. Bei Fresenius, Schering oder Adidas würde ich mich nicht wundern, wenn man sich irgendwann auf eine Frau einigt. Ich würde mich jedenfalls bemühen, eine zu finden.
Es gibt ja auch nur fünf oder sechs Top-Firmen in Deutschland. Und bei Spencer Stuart haben wir immerhin einen Frauenanteil von 20 Prozent aller Berater weltweit.
Zum einen wählen Frauen Studiengänge, die ihnen gewisse persönliche Freiheit versprechen. In selbständigen hochqualifizierten Berufen trifft man viele Frauen. Es gibt sehr viele erfolgreiche Rechtsanwältinnen, Notarinnen, Wissenschaftlerinnen. Es gibt auch ungeheuer viele Frauen im mittleren und oberen Management in den Stabsfunktionen. Wenn wir jemanden suchen im Personalbereich, im Marketing oder in der PR, haben wir manchmal nur weibliche Kandidatinnen. Das spiegelt sich überhaupt nicht wider in General- Management-Funktionen, schon gar nicht in Vorständen.
Die deutsche Infrastruktur ist schlecht.
Nicht nur, auch sonst gibt es zuwenig Service-Angebote. In Amerika ist es wesentlich einfacher, Unterstützung im Haushalt und viele Arten des Service zu bekommen. Hier nicht. Hier werden Frauen nicht so weitgehend entlastet, damit sie eine Karriere verfolgen können in Bereichen, in denen jede Stunde Anwesenheit zählt. In denen es sehr kompetitiv zugeht. Wenn jemand eine Außendienstmannschaft leitet, dann muß er 24 Stunden ansprechbar sein. Da ist man die Mutter der Truppe, ausfallen kommt nicht in Frage. Bei uns herrscht aber immer noch die Vorstellung, daß die Mutter sich überwiegend um die eigenen Kinder zu kümmern hat.
Nein. Das habe ich bewußt nicht gesagt. Die Unternehmen, die an uns herantreten, haben bei praktisch jeder Suche den Wunsch, daß wir ihnen Frauen als Kandidaten suchen. Die wären begeistert, könnten wir ihnen mehr weibliche Top-Leute präsentieren. Gewünscht sind die Frauen.
Beides.
Nein. Personalberatung ist ein Handwerk. Kein Freizeitsport, auch nicht Kunst, wie manche glauben machen. Es ist ein diskretes hochprofessionelles, hoch ausdifferenziertes Handwerk.
Ach, sagen Sie nur, hatten wir den Auftrag? Wir äußern uns grundsätzlich nicht zu Aufträgen und Kandidaten. Ein hohes Maß an Diskretion ist in unserem Geschäft äußerst wichtig.
Es gibt drei Varianten. Als erstes bemühen wir uns, mit großen Firmen weltweit "Key account agreements" einzugehen. Spencer Stuart hat eine Reihe von großen Klienten, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Das gibt uns eine gewisse finanzielle Planungssicherheit, für den Klienten ist dafür unsere gute Kenntnis des jeweiligen Unternehmens von Vorteil. Variante zwei ist, daß uns jemand beauftragt, mit dem wir bei früherer Gelegenheit zu tun hatten. Und als Drittes sprechen wir aktiv Vorstandsvorsitzende oder Aufsichtsratschefs an.
Das läuft nach einem ganz systematischen Schema. Wir überlegen mit dem Klienten, aus welcher Industrie der Kandidat kommen soll, was er gemacht haben soll. Daraus wird eine Liste mit Zielfirmen. Dann fragen wir uns so lange durch, mit Hilfe von Quellen: Wer hätte wohl Interesse an einem Wechsel? So kreisen wir nach und nach ein, wer in Frage kommt.
Das ist irrsinnig aufwendig.
Gewöhnlich sind wir nach zwei Monaten soweit, eine Sache abzuschließen.
Das ergibt sich über die Jahre, alle Kontakte speichern wir in unserem EDV-System.
Weltweit knapp unter zwei Millionen. Das ist ein großes Investment der Firma, eines unserer wichtigsten Assets.
Indem er einen Lebenslauf schickt.
Viele sogar. Wir kriegen jahrein, jahraus pro Monat etwa 250 Blindbewerbungen.
Selbstverständlich. Ich rede nur über Manager, nicht über Anfänger. Das sind zu 90 Prozent valide Personen. Wir gleichen das dann sofort ab mit den Posten, die wir gerade zu besetzen haben.
Meistens wollen die erst einen Überblick über den Markt. Wirklich sehen und sprechen, dazu reichen dann meist vier oder fünf.
Im Schnitt identifizieren wir 30 bis 50 potentielle Kandidaten. Je höher die Suche angesiedelt ist, um so kürzer wird die Liste.
Wenig, ganz wenig.
Ja. Wir holen zu jedem Referenzen ein, recherchieren über dritte Quellen. Im übrigen ist der deutsche Manager sehr bedacht auf seine Reputation, der will sich nicht selbst verbrennen. Zudem werden bei jeder Besetzung die Abschlüsse verifiziert. Weltweit. Dafür bezahlen wir externe Dienstleister, auch zur rechtlichen Absicherung für uns.
Nein. Wir arbeiten nicht erfolgsorientiert.
Wir vereinbaren mit den Klienten vorab ein festes Honorar.
Die stimmt. In unseren Verträgen ist aber eine Fußfessel eingebaut für den Fall, daß die Führungskraft nach kurzer Zeit wieder ausscheidet. Dann müssen wir noch mal suchen, und zwar kostenlos.
Etwa ab 200.000 Euro Jahresverdienst. Darunter stochern wir im Blinden, da können wir mit unserem Netz an Quellen keine passenden Kandidaten finden.
Das Geschäft ist die letzten anderthalb Jahre wieder etwas besser geworden. Ein flacher, moderater Anstieg, mehr nicht. So gut wie zu Zeiten der Internet-Blase wird es nie mehr. Heute sind die Leute sehr viel vorsichtiger. Man muß sehr viel mehr Argumente bieten, damit jemand wechselt.
Auch das. Es muß sich für denjenigen wirklich lohnen. Die Wechselwilligkeit hat abgenommen, quer durch alle Branchen. Da gibt es ab und zu eine Diskrepanz zur Wahrnehmung der Unternehmen. Es klappt nicht mehr, nur ein marginal besseres Gehalt zu bieten.
Gute Leute finden immer einen Job. Das ist so.
Ich bin überzeugt, daß er kein Problem haben wird, etwas zu finden.
Ja. Das ist für Headhunter ein gute Gelegenheit, jemanden kennenzulernen. Und sei es nur, um durchzuspielen, was für ihn in Frage kommen könnte. Ob er vielleicht etwas ganz anderes machen möchte. Wie zum Beispiel Ron Sommer oder Thomas Middelhoff.
Wenn er an uns heranträte, selbstverständlich gerne!
Die Jägerin
Headhunter, Kopfjäger, nennt der Volksmund sie und ihre Kollegen. Christine Stimpel selbst bezeichnet sich lieber als Personalberaterin. Von Frankfurt aus leitet die promovierte Tierärztin das Deutschland-Geschäft von Spencer Stuart, einer der führenden Personalberatungsgesellschaften der Welt mit 50 Büros in 25 Staaten und 1100 Angestellten.
Stimpel wurde 1961 in Erlangen geboren, studierte Tiermedizin in München und hat einen MBA der University of Washington. Von der Hochschule wechselte sie in die Pharmaindustrie, zunächst als Forscherin, dann als Managerin.
1994 kam sie dann zu Spencer Stuart. Ihr Revier ist die Chemie- und Pharmabranche; für Unternehmen aus diesen Bereichen sucht sie ständig Top-Manager und Forscher.
Das Gespräch führte Georg Meck.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.09.2005, Nr. 36 / Seite 37
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes