16. November 2009

Wirtschaftsprüfer

Aus Lust auf Karriere

Von Anne Jacoby




24. November 2003 
Nach den Skandalen um Enron, Worldcom und Co. hat sich der Wind in der Wirtschaftsprüfer-Branche gedreht. Für Hochschulabsolventen ändert sich vieles zum Vorteil.

Die "Götter in Dunkelblau" sind von ihrem Olymp gestürzt. "Enronitis" hieß das Übel, das einen nach dem anderen dahingerafft hat: Nichtkonsolidierte Schulden bei Enron, Luft- und Falschbuchungen bei Worldcom, Flowtex und Comroad, zu hoch bewertete Vermögenswerte im Falle Holzmann - die Liste der Skandale ließe sich mühelos verlängern. Sie hat dem Ansehen der Wirtschaftsprüfer schweren Schaden zugefügt. Und sie hat die Branche so aufgerüttelt, daß sie jetzt mit tiefgreifenden Reformen zu ihrem alten Ansehen zurückfinden will: Mit der Peer-Review genannten externen Kontrolle durch Kollegen zum Beispiel, oder mit dem neuen Transparenz- und Publizitätsgesetz (TransPuG), nach dem die Prüfer den Aufsichtsrat früh über Risiken aufklären und bei dem leisesten Verdacht auf Unregelmäßigkeiten die Alarmglocke schlagen müssen. Auch für angehende Wirtschaftsprüfer ergeben sich etliche Änderungen, und was noch interessanter ist: Erleichterungen.

Die betreffen vor allem die Ausbildung. Bisher war das Wirtschaftsprüferexamen eine Tortur: Nach abgeschlossenem Unistudium und drei Jahren Berufspraxis mußten sich die Prüflinge hinter ihre Studienbücher klemmen und längst vergessenen Stoff pauken, der wenig mit ihrem Berufsalltag und noch weniger mit dem zu tun hatte, was sie als zukünftige Wirtschaftsprüfer wissen mußten. Und das neben einem Vollzeitjob. Die Durchfallquote war hoch, die Prüfungsergebnisse schlecht, und das Alter der Kandidaten lag bei fast 37 Jahren. Darüber hinaus war der Wissensstand der angehenden Wirtschaftsprüfer uneinheitlich. Damit soll jetzt Schluß sein: Das "Wirtschaftsprüfungsexamens-Reformgesetz", kurz: die Fünfte WPO-Novelle, soll die Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer verbessern. Zum 1. Januar 2004 wird ein bundeseinheitliches Examen eingeführt. Außerdem werden die Prüfungsgebiete neu bestimmt: Internationale Rechnungslegung und Informationstechnologie bekommen jetzt den Stellenwert, den sie in der Praxis längst haben. Künftig wird außerdem eine verkürzte Prüfung möglich sein, weil gleichwertige universitäre Prüfungsleistungen in "Angewandter Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre" und Wirtschaftsrecht angerechnet werden können. "Es geht allein darum, den Anforderungen eines Berufsexamens gerecht zu werden, indem die Fähigkeit der Bewerber geprüft wird, dieses Wissen auf die Lösung beruflicher Probleme umzusetzen, statt nochmals das theoretische Grundwissen zu prüfen, das bereits im Studium nachgewiesen wurde", erklärt Brigitte Rothkegel-Hoffmeister, Fachreferentin Aus- und Fortbildung am Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) in Düsseldorf.

Außerdem werden die Zugangsvoraussetzungen so verändert, daß FH-Absolventen nicht mehr benachteiligt sind. Bisher mußten sie zehn bis 15 Jahre Berufspraxis nachweisen, bevor sie sich zum Examen melden durften. Jetzt werden die Praxiszeiten von der Regelstudienzeit abhängig gemacht: Drei Jahre bei einem achtsemestrigen Studiengang, vier Jahre bei Studiengängen, die weniger als acht Semester dauern. "Die Neuregelung begünstigt sowohl Absolventen der Fachhochschulen als auch der Bachelor-Studiengänge", erklärt Rothkegel-Hoffmeister.

„Der Beruf hat sich stark weiterentwickelt: Weg vom häkchenmacher und hin zum Berater.“

Das ist noch nicht alles. Die Novelle sieht vor, daß zusätzliche Ausbildungswege zum Berufsziel Wirtschaftsprüfer aufgebaut werden. Ab diesem Wintersemester bietet etwa die Katholische Universität (KU) Eichstätt-Ingolstadt einen Studiengang für Wirtschaftsprüfung an. Den ersten in der Republik. Er ist zwar noch nicht von der Wirtschaftsprüferkammer (WPK) akkreditiert, ermöglicht es aber schon jetzt, bereits während des Studiums Punkte für das Wirtschaftsprüferexamen zu sammeln. Sollte die Akkreditierung scheitern - wovon Lehrstuhlinhaber Prof. Thomas Fischer natürlich nicht ausgeht -, können die eingeschriebenen Studenten ihre Leistungen in anderen betriebswirtschaftlichen Fächern anerkennen lassen. "Angehende Wirtschaftsprüfer müssen mehr wissen als nur etwas über Rechnungswesen", erklärt Fischer das Studienkonzept. "Sie müssen sich mit Controlling und Marketing auskennen, sie müssen unternehmerische Chancen und Risiken abschätzen und beurteilen können, ob ein Unternehmen die Fähigkeit hat, weiter zu bestehen." Wer an der KU Wirtschaftsprüfer wird, soll dies später aus dem Effeff beherrschen.

Die breit angelegte Ausbildung greift eine Entwicklung auf, die in der Praxis der Wirtschaftsprüfer schon längst an der Tagesordnung ist: "Der Beruf hat sich stark weiterentwickelt: Weg vom Häkchenmacher und hin zum Berater", erklärt Fischer. Wirtschaftsprüfung umfaßt heute neben den gesetzlich vorgeschriebenen Testaten zum Jahresabschluß auch die Prüfung von Gründungen, Übernahmen und Unternehmensverkäufen, von Sanierungen und Börsengängen. Selbst in Fällen von Wirtschaftskriminalität erstellen Wirtschaftsprüfer heute Gutachten, oder sie nehmen treuhänderische Aufgaben wahr. Zunehmend werden sie auch als Rating-Analysten eingesetzt, oder sie prüfen die wirtschaftlichen Verhältnisse bei öffentlichen Unternehmen und Genossenschaften.

"Wie in anderen Bereichen des Wirtschaftslebens spürt auch der Abschlußprüfer die Auswirkungen der Internationalisierung in seiner täglichen Arbeit", erklärt Adalbert Wahl, bis 2002 Vorsitzender der WPK und jetzt Beiratsvorsitzender. Er zählt auf: "Englische Sprachkenntnisse haben große Bedeutung. Internationale Grundsätze zur Rechnungslegung, die International Accounting Standards' (IAS) und die amerikanischen US-GAAP sind wichtig." Zukünftig werde der internationale Einfluß noch zunehmen: Ab 2005 sollen die IAS europaweit angewendet werden.

Daß das Know-how eines pingeligen Buchhalters dazu nicht mehr ausreicht, wissen natürlich auch die großen Arbeitgeber der Wirtschaftsprüfer, die "Big Four": KPMG, PriceWaterhouseCoopers (PwC), Ernst & Young und Deloitte & Touche. Als erstes der Big-Four-Unternehmen startet Ernst & Young im Dezember 2003 ein Traineeprogramm für Absolventen der Wirtschaftswissenschaften, die Erfahrungen in verschiedenen Bereichen der Wirtschaftsprüfung und prüfungsnahen Beratung sammeln wollen. Das Programm soll "Audit plus" heißen, 18 Monate lang dauern und neben dem Training- on-the-job einige Workshops bieten. PWC bietet interne Weiterbildungsseminare und unterstützt alle, die das Examen zum Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer ablegen wollen, mit einem bezahlten Sonderurlaub von rund sechs Wochen und finanziellen Beihilfen. KPMG wirft seine Einsteiger auch nicht ins kalte Wasser: Hier sorgt das START-Programm für einen ersten Durchblick im Unternehmen und hilft, erste Kontakte zu knüpfen. Und Deloitte & Touche verspricht, für jeden Einsteiger einen "flexiblen Plan" zu entwickeln, der genau auf dessen Bedürfnisse zugeschnitten wird.

„Junge Wirtschaftsprüfer haben sehr früh Kontakt zur Leitungsebene und begleiten Entscheidungsprozesse.“

Der Wirtschaftsprüfer als Berater - diese Entwicklung bringt eine Interessenverquickung mit sich und war auch mit eine Ursache der "Enronitis". Wenn ein Consulting-Unternehmen nämlich gleichzeitig Berater und Prüfer zur Verfügung stellte, wurde bei der Prüfung gelegentlich ein Auge zugedrückt, um den lukrativen Beratungsauftrag nicht zu gefährden. Mittlerweile haben zwar die meisten Häuser ihre Prüfungs- von den Beratungssparten abgetrennt und verkauft. Das weltweite Andersen-Netzwerk zum Beispiel wurde nach dem Enron-Skandal zerschlagen, die Ländergesellschaften schlüpften bei führenden Wettbewerbern unter - in Deutschland etwa bei Ernst & Young. Trotzdem reicht die Arbeit der Wirtschaftsprüfer nach wie vor in die Beratung hinein - vor allem, wenn es sich bei den Mandanten um Mittelständler handelt. Warum auch sollte ein Wirtschaftsprüfer, der sich hier mit Risikomanagement befaßt, aus seinen Ergebnissen keine Vorschläge ableiten? "Beratung beim geprüften Unternehmen bedeutet nicht in jedem Fall die Erstellung oder die Schaffung von Sachverhalten", erklärt Wahl von der WPK. "Von daher gibt es hier kein Selbstprüfungsverbot und ein Selbstprüfungsverbot wäre - von Ausnahmen abgesehen - auch nicht sinnvoll." Dort, wo die Beratung die Entscheidungsträger im Unternehmen unterstützt und ihnen gangbare Alternativen aufzeigt, ist sie Wahl zufolge mit der Prüfung vereinbar. Deshalb gehörten nicht Prüfung und Beratung ins Zentrum der Aufmerksamkeit, vielmehr sollte das Selbstprüfungsverbot konkretisiert und erweitert werden.

Die Grenzen im Beruf des Wirtschaftsprüfers sind auch an anderer Stelle fließend: "Junge Wirtschaftsprüfer haben sehr früh Kontakt zur Leitungsebene und begleiten Entscheidungsprozesse", weiß Prof. Fischer. Als Wirtschaftsprüfer stehe man immer schon an der Vorderkante des Karrieresprungbretts, der Weg zur "anderen Seite" - also zum Mandanten - sei nicht weit. Daß Prüfungsassistenten von ihren Vor-Ort-Einsätzen beim Kunden regelmäßig mit Jobangeboten in der Tasche nach Hause kommen, ist Branchenkennern zufolge keine Seltenheit.

Und wieviel verdient ein Wirtschaftsprüfer? "Das Einkommen bewegt sich in einem breiten Spektrum", weiß Tom Feldkamp, Senior Consultant bei Kienbaum. Je nachdem, ob der Prüfer Jura, BWL oder gar nicht studiert hat, ob er bei einer großen Gesellschaft oder bei einem Mittelständler arbeitet und auf welcher Karrierestufe er steht, kann das Jahressalär höher oder niedriger ausfallen. Eine Zahl will Feldkamp nicht nennen. Das Statistische Bundesamt gibt für Oktober 2002 ein durchschnittliches Jahresbrutto von 46.668 Euro an.

Wer innerhalb einer Prüfungsgesellschaft Karriere machen will, sollte sich auf Dauer übrigens nicht als Belege stempelnder Vollzugsgehilfe abstellen lassen und sich im Aktenstudium ergehen. Eigene Verantwortung für einen Mandanten oder ein Projekt, das zeichnet den aufsteigenden Prüfer aus. Eine Karriere als Wirtschaftsprüfer ist natürlich nicht nur bei den großen Vier möglich, sondern auch bei vielen Mittelständlern: Rölfs WP Partner AG, Rödl & Partner oder Peters, Schönberger & Partner, so heißen die Großen unter den Kleinen. In der Vergangenheit standen in der Prüferbranche alle Zeichen auf Konsolidierung. "Ob es zukünftig zu weiteren Konzentrationen kommen wird, läßt sich schwer voraussagen", sagt Wahl. Eine Fusion von Anbietern von Prüfungsleistungen führe zwangsläufig zu einer Verengung des Marktes. Das könne auch eine Öffnung dieses Bereichs für mittelständische Prüfungsunternehmen und damit eine große Chance für den Mittelstand bedeuten. Daneben bietet es sich für Wirtschaftsprüfer an, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Von den 11.350 Wirtschaftsprüfern in Deutschland sind nahezu 6.700, also fast 60 Prozent, mit eigener Praxis gemeldet, so die WPK.

Ob man bei einem großen Namen einsteigt oder sich lieber den eigenen Namen auf die Visitenkarten druckt, ist eine Neigungsfrage. Klar aber ist: "Die Berufsaussichten eines Wirtschaftsprüfers sind sehr gut und finanziell attraktiv. Für die besondere Kompetenz gibt es in allen Bereichen der Wirtschaft eine große Nachfrage", das stellt Wahl fest, und er ist überzeugt: "Dies wird auch zukünftig so bleiben, denn die ständigen Veränderungen der Gesetzgebung und der Rechtsprechung, die Weiterentwicklung der Informationstechnologien und die Anwendung internationaler Regeln der Rechnungslegung führen dazu, daß sich der Beruf des Wirtschaftsprüfers als klarer Wachstumsmarkt für Berufseinsteiger darstellt." Besonders gute Chancen bieten sich seiner Einschätzung nach für Absolventen eines betriebswirtschaftlichen Studiums mit Schwerpunkt Wirtschaftsprüfung, Betriebliche Steuerlehre beziehungsweise Steuerrecht.

„Da muß man unter Umständen mal an oder in den Öltank.“

Noch etwas hat sich durch die Skandale geändert: Der Job des Wirtschaftsprüfers setzt zwar nach wie vor brillante Kenntnisse der Theorie und ein beflissenes Studium von Aktenbergen voraus, in der Praxis allerdings kommt jetzt auch der angesehenste Prüfer nicht mehr ohne Gummistiefel aus. "Die Erfahrungen mit unlauteren Handlungen durch Führungsgremien in den Unternehmen haben auch dazu geführt, daß der Abschlußprüfer sensibilisierter an die Prüfung herangeht", erklärt Wahl. Das entspreche auch den fachlichen Regeln, wie sie im neuen Prüfungsstandard zur Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten im Rahmen der Abschlußprüfung festgelegt sind.

Dort heißt es: "Die Abschlußprüfung ist mit einer kritischen Grundhaltung gegenüber dem geprüften Unternehmen, den gesetzlichen Vertretern und dessen Mitarbeitern zu planen und durchzuführen." Was damit gemeint ist? "Da muß man unter Umständen mal an oder in den Öltank", erklärt Prof. Fischer. Daß man mit den eigenen Augen nachschauen muß, ob tatsächlich Ware da ist oder nicht, das haben die Götter in Blau aus den Skandalen gelernt. Mit ihren neuen Gummistiefeln in Gelb sind sie wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

Weitere Informationen unter:

www.wpk.de

www.idw.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 69, 2004
Bildmaterial: Claudia Weikert, Labor