21. März 2005
Zur Jahrhundertwende übertrumpften sich die Beratungshäuser mit Werbeveranstaltungen für Rekruten: Bergtouren, Segelturns oder Workshops in Übersee - nichts war zu aufwendig, um die besten Kandidaten zu begeistern. In der Rezession wurde es ruhiger, jetzt geht es wieder los. Wer teilnimmt, bekommt zwar keinen Job, aber einen ersten Einblick.
Was ist wohl außerhalb des juristischen Arbeitsfeldes möglich", fragte sich Roland Wiring nach seinem ersten Examen und bewarb sich kurzentschlossen als Teilnehmer der Strategy School" bei Boston Consulting (BCG). Mit Erfolg. Ich wußte vorher nicht genau, was eine Strategieberatung ist", sagt der 27jährige Doktorand, der am Hamburger Max-Planck-Insitut das Thema internationales Privatrecht beackert. Das änderte sich schon am ersten Tag der Strategy School", als BCG den rund 60 Teilnehmern Vorträge über die hohe Kunst der Strategielehre, aktuelle Themen aus der Wirtschaft und Beratungsprojekte präsentierte. Es ist faszinierend zu sehen, wie Ideen entstehen und zeitnah umgesetzt werden", kommentiert Roland Wiring. Am zweiten Tag standen Fallstudien auf dem Programm, und der junge Jurist fand sich in einer Gruppe mit Mathematikern, Politologen und Betriebswirten wieder, die eine Geschäftsstrategie für einen Breitbandkabelbetreiber entwickeln sollte. Die Zeit war viel zu knapp", findet er. Die Arbeit in der Gruppe aber hat ihm Spaß gemacht, nicht zuletzt aufgrund der interdisziplinären Zusammensetzung: Im Vergleich zu meinen Jura-Arbeitsgemeinschaften haben sich hier ganz andere Denkansätze entwickelt." Alles in allem war es ein runder, ehrlicher, offener Einblick in den Berateralltag", urteilt Wiring.
Es ist faszinierend zu sehen, wie Ideen entstehen und zeitnah umgesetzt werden."
Genau so wünscht sich BCG die Reaktion der Teilnehmer: Wichtig ist es uns, daß man Beratung hautnah erlebt", erklärt Just Schürmann, der für Rekrutierung zuständige Partner bei Boston Consulting. Bei den Fallstudien handele es sich zwar um eine Laborsituation", die Herangehensweise aber sei vergleichbar mit typischen Beratungsprojekten. Noch einen Schritt weiter geht das Veranstaltungsformat Inside": Hier bearbeiten rund 60 Teilnehmer in Kleingruppen ein reales Projekt für einen echten" Kunden - zum Beispiel eine Strategie für eine mittelständische Brauerei, die sich den Rat von BCG sonst nicht hätte leisten können. Zwei Wochen lang bereiteten sich die Kleingruppen vor, dann arbeiteten sie zwei Tage vor Ort und präsentierten der Brauerei-Geschäftsführung ihre Vorschläge.
Bei Events legen wir für Bewerber die gleichen Kritereien an wie bei einer Festeinstellung.
Rund 1.000 Bewerbungen bekommt BCG für jede Veranstaltung dieser Art. Es wird stark selektiert, wobei wir die gleichen Kriterien anlegen wie bei einer Festanstellung", erklärt Schürmann. Die Auserwählten zählen zu den besten zehn Prozent ihres Jahrgangs, haben interessante Auslandsaufenthalte und Praktika absolviert und auch noch das besondere Etwas" im Lebenslauf: ob als Leistungssportler oder Weltreisende. Oder sie waren Entwicklungshelfer, haben einen Film gedreht oder ein Musical geschrieben. Initiative zeigen, darauf kommt es an", so Schürmann. Er will wissen, was die Kandidaten antreibt, und wie sie genau das reflektieren können. Welches Fach sie studiert haben, steht nicht im Vordergrund. Weniger als die Hälfte der Strategy School-Teilnehmer habe BWL studiert, versichert Schürmann.
Nicht alle Unternehmensberatungen locken Bewerber mit Denksport-Tagen voller Vorträge und Fallstudien. McKinsey zum Beispiel bietet gerne echten Sport: Wandern, Skifahren oder Segeln zum Beispiel. Oder andere Spaß-Komponenten" wie etwa einen attraktiven Veranstaltungsort: die eigene Alpine University in Kitzbühel, Athen oder Miami. Als touristisch" möchten die Consultants ihre Events aber nicht bezeichnen. Wichtig ist, daß sich die Studenten für das Thema inhaltlich interessieren", unterstreicht Dr. Nina Wessels, Recruiting-Direktor bei McKinsey. Seit 1996 organisiert McKinsey Events für Bewerber, seit 2003 unter dem Motto Passion wanted". Der Claim steht für das, was wir suchen: Studenten und Doktoranden, die ihre Ziele im Leben mit großer Begeisterung verfolgen und dabei Spitzenleistungen vollbringen", so Wessels. Dabei zielen die Meckies" auf private Passionen wie Bergwandern, Autorennen oder Skifahren, und haben eigens dazu schon Gipfeltouren mit Bergsteiger Reinhold Messner, eine Motorsport-Veranstaltung mit Rennfahrerin Jutta Kleinschmidt und Schneespaß mit Ski-Olympiasieger Markus Wasmeier organisiert. Spitzensportler gehen ihrem Beruf mit Leidenschaft nach. Wir suchen Kandidaten, die Spaß an Herausforderungen haben und in ähnlicher Weise Engagement zeigen", erklärt Wessels. Es sei nicht ganz einfach, solche Leute zu finden. Die Bewerberzahlen für Passion wanted" liegen laut McKinsey bei 300 aufwärts", bei anderen Formaten dafür deutlich höher".
Es werden keine Strichlisten geführt oder Bewertungen vorgenommen."
Auch für passionierte, aber weniger sportliche Bewerber haben die Consultants etwas zu bieten: Berufliche Leidenschaften klopft McKinsey mit reinen Fallstudien-Workshops ab; um persönliches Engagement geht es z.B. bei Wissen schenken" - hier entwickelt die Beratung Ideen für Institutionen wie Museen oder Universitäten.
Roland Berger setzt auf ein Mischkonzept: Erst denken, dann Spaß haben. Bei start 2005" im Januar dieses Jahres konnten 30 Studenten drei Tage lang mit Wissenschaftlern, Managern und Beratern diskutieren, in die Rolle des Consultants schlüpfen, Lösungsvorschläge für einen echten Beratungsfall präsentierten. Am dritten Tag gab es dann Sport- und Kulturaktivitäten". Anschließend sollten sich die Teilnehmer für ein Praktikum bewerben - nicht etwa sofort für eine feste Stelle. Ein Weg, den übrigens viele Beratungshäuser gerne sehen. Denn während eines Praktikums können sie die Kandidaten dann unverbindlich, kostengünstig und sehr gut kennen lernen.
Neben den außergewöhnlichen Veranstaltungen mit großem Werbefeldzug im Vorfeld, Staraufgebot und Presserummel sorgen die Consultinghäuser für eine ständige Präsenz an den angesehenen Universitäten des Landes: Hier unterhalten sie Kooperationen zu Lehrstühlen, beteiligen sich an Ringvorlesungen, veranstalten Fallstudien. Ziel ist, möglichst früh und möglichst viel Kontaktfläche" zu Jungtalenten zu schaffen. Was aber bringen Recruiting-Events für die Teilnehmer? Einen Job bringen sie nicht. Es handelt sich dabei nicht um Auswahlseminare", unterstreicht BCG-Personaler Just Schürmann. Und auch McKinsey-Recruitingchefin Wessels betont: Es werden keine Strichlisten geführt oder Bewertungen vorgenommen." Studenten und Doktoranden sollen die Berater in ungezwungener Atmosphäre und ohne Verpflichtungen kennenlernen" und die Beratertätigkeit testen". Auch BCG will den Teilnehmern das Berufsbild ohne Leistungsdruck-Situation" näherbringen. Für eine anschließende Bewerbung bringt es unmittelbar gar nichts, mit McKinsey zu segeln oder mit BCG zu denken. Mittelbar aber schon: Einerseits tauschen schlaue Teilnehmer mit den anwesenden Beratern Visitenkarten aus und erhalten diese Kontakte von sich aus aufrecht. Andererseits bleibt zum Beispiel McKinsey von sich aus mit vielen Teilnehmern auch nach einem Event in Kontakt - per Mail oder telefonisch. Wir haben in Gesprächen festgestellt, daß viele Studenten Unterstützung auf ihrem Weg in den Beruf suchen. Deshalb haben wir beschlossen, dies in einem Programm professionell umzusetzen", kündigt Nina Wessels an. In Zukunft können junge Akademiker, die bereits mit McKinsey in Kontakt stehen, an einem speziellen Mentorenprogramm teilnehmen. Dabei werden sie gezielt von jungen Beratern betreut.
Auch Just Schürmann von BCG sieht für Event-Teilnehmer keine direkten Pluspunkte, hat aber beobachtet, daß diese besser vorbereitet in das Vorstellungsgespräch gehen". Roland Wiring schätzt die Strategy School" von BCG anders ein: Das war nicht zuletzt eine gut verpackte Recruitingveranstaltung", mutmaßt er. Abends beim Dinner wurde betont, daß Nachwuchs gesucht werde und daß die Teilnehmer der Strategy School" das Anforderungsprofil von BCG genau erfüllten.
Das war eine gut verpackte Recruitingveranstaltung.
Ganz selbstlos veranstalten die Consultings ihre Recruiting-Events natürlich nicht: Der Werbe- und Presserummel um die großen Events macht sie bei Bewerbern und Klienten bekannt, der persönliche Kontakt zu jungen Leuten ist ein handfestes Marketinginstrument, das bis in deren Freundeskreise hinein wirkt. McKinsey und BCG profilieren sich interessanterweise dabei genau entgegengesetzt zu dem Image, das sie in der Wirtschaft haben - vielleicht, um der Berater-Monokultur im eigenen Haus entgegen zu wirken? BCG steht zum Beispiel für Kreativität, für Kompetenz in Sachen Wachstum, Umgang mit Kunden und Wissensmanagement - und bietet keine Spaß-Komponenten" in den Events. McKinsey indes steht für Effizienz und für Expertise in den nüchternen, eher spaßbefreiten Themen Shareholder-Value, Prozeßoptimierung, Kernkompetenzen - und lockt mit Freizeitangeboten. Natürlich nicht nur.
Relativ neu ist die explizite Ansprache von Bewerbern, die die internationale Ausrichtung von McKinsey stärken sollen: Mit Neuland" hat die Beratung ein eigenes Format für Studenten und Doktoranden entwickelt, die in den USA studieren, und ließ 30 von ihnen in Miami Fallstudien lösen. Unter dem Motto Passion wanted for a new Europe" entwickelten 120 Teilnehmer mit führenden Vertretern aus der europäischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft Wachstumsstrategien für Europa - und segelten zur Belohnung eine Regatta vor der griechischen Küste.
Zwar wollen alle großen Unternehmensberatungen den Anteil ihrer weiblichen Consultants steigern - bei Events nur für Frauen spalten sich aber die Geister: BCG lockt Frauen regelmäßig mit Move on", einer Veranstaltung mit vielen Managerinnen aus dem eigenen Haus, aber auch aus der Industrie. Jeder der Karriere machen wolle, brauche schließlich Vorbilder, so die Begründung. McKinsey bietet keine Extra-Events für Frauen mehr an, sondern sorgt insgesamt für eine Themenvielfalt, die beide Geschlechter anspricht: Neben Wirtschaft auch Kunst, Kultur und Soziales. Die Teams bei McKinsey sind ebenfalls gemischt. Vielfalt ist unsere Stärke", läßt Nina Wessels sich zitieren.
Einen optimalen Zeitpunkt zur Teilnahme gibt es übrigens nicht: Viele Bewerber befinden sich im Hauptstudium, manche unmittelbar vor dem Abschluß, manche auch zwischen ihrem ersten und zweiten akademischen Grad - also mitten in der Promotion. Genau wie Wiring. Ob er sich als Consultant bewerben wird? Diese Entscheidung läßt er sich noch offen. Die Strategy School" hat ihm jedenfalls gefallen: Das war eine Bereicherung in jeder Hinsicht.
Weitere Informationen unter:
http://www.bcg.de http://www.mckinsey.de http://www.rolandberger.com