24. November 2003
In der Wirtschaftsprüfungsbranche dominieren vier weltweit agierende Unternehmen den Markt, die sogenannten "Big Four". Hier gibt es auch die meisten Jobs für angehende und examinierte Wirtschaftsprüfer. Die Anforderungen für Bewerber sind hoch, und neue Trends - zum Beispiel zu internationalen Rechnungsstandards - verlangen vom Nachwuchs die Bereitschaft zu ständiger Fortbildung.
Der Startschuß fiel im Ausland: Sowohl Dana Scholz (25) als auch Katharina Höfner (29) bekamen ihre ersten Jobs bei weltweit führenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, als sie gerade nicht in Deutschland waren: "Während meiner Zeit an der Uni in Birmingham wurde ich durch eine Unternehmenspräsentation auf PricewaterhouseCoopers aufmerksam und ich bewarb mich sofort für ein Praktikum in Frankfurt - erfolgreich!" Im Herbst 2000 war es dann soweit: Scholz wurde bei einer Vorprüfung im Industriesektor sowie einer Abschlußprüfung eines Handelsunternehmens eingesetzt. "Auch nach Ende der Praktikantentätigkeit ist der Kontakt nie abgebrochen", erzählt Dana Scholz, die heute als Prüfungsassistentin im Bereich Wirtschaftsprüfung und prüfungsnahe Dienstleistungen bei PricewaterhouseCoopers (PwC) in Frankfurt arbeitet. Auch Katharina Höfner, Teamleiterin im Assurance & Advisory Business Bereich bei Ernst & Young in Stuttgart, wurde im Ausland angesprochen: "Ich war gerade zum Sprachkurs in Italien, als sich eine Dame aus der Ernst & Young-Personalabteilung bei mir meldete. Ich hatte ein Kurzprofil von mir auf eine der Absolventenseiten im Internet gestellt. Zehn Monate später habe ich bei Ernst & Young als Prüfungsassistentin angefangen." Nachwuchskräfte mit Auslandserfahrung: Sie haben die besten Chancen auf einen Job in der Wirtschaftsprüfungsbranche. Katharina Höfner und Dana Scholz haben es geschafft: den Einstieg bei zweien der vier Marktführer. Neben PwC und Ernst & Young gehören KPMG und Deloitte & Touche zu den sogenannten "Big Four", die das Geschäft mit den 500 bedeutendsten Unternehmen Deutschlands fast ganz unter sich aufteilen. So liegen je ein Drittel der begehrten Prüfmandate allein in den Händen der Riesen KPMG und PwC. Die Umsätze der "Big Four" gehen weltweit in den zweistelligen Milliardenbereich, die Mitarbeiterzahl ist zum Teil sechsstellig. Allein in Deutschland werden jährlich mehrere hundert Mitarbeiter eingestellt, die "Big Four" expandieren weiter - und bieten somit exzellente Karrierechancen.
Bedarf an Hochschulabsolventen besteht immer.
Deloitte & Touche zum Beispiel beschäftigt bundesweit an 17 Standorten rund 600 examinierte Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Für das laufende Jahr sind insgesamt 250 Einstellungen von Hochschulabsolventen geplant. PwC beschäftigt knapp 1.900 Wirtschaftsprüfer und Steuerberater an 37 deutschen Standorten. "Im laufenden Geschäftsjahr sind bis zu 400 Neueinstellungen geplant. Wir suchen Absolventen, die neben fachlichen Kenntnissen komplexe Unternehmensprozesse verstehen und beurteilen können", so Sonja Wagner, die für das Strategische Personalmarketing/Recruiting im Bereich Wirtschaftsprüfung und prüfungsnahe Dienstleistungen bei PwC zuständig ist. "Ein Bedarf an gut ausgebildeten und motivierten Hochschulabsolventen besteht immer, da Wirtschaftsprüfung eine Wachstumsbranche mit sehr guten Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten ist", faßt Christine Keiner, Head of Recruiting bei Ernst & Young, zusammen.
Wer als Wirtschaftsprüfer an großen Fusionen beteiligt ist, steht auf einer Stufe mit den Stars der Finanzbranche, den Investmentbankern.
Der Einstieg ist auf verschiedenen Stufen möglich. So ist Dana Scholz direkt nach dem betriebswirtschaftlichen Studium mit den Schwerpunkten Internationale Rechnungslegung, Wirtschaftsprüfung und Finanzen als Prüfungsassistentin bei PwC eingestiegen. Über ihren ersten Einsatz berichtet sie: "Zu Beginn des zweiwöchigen Prüfungseinsatzes fand ein intensives Planungsmeeting mit dem gesamten Prüfungsteam statt. Ich wurde über Ergebnisse aus den Mandantengesprächen und der Prüfungsplanung informiert, der Prüfungsablauf wurde besprochen, und die einzelnen Prüfer wurden je nach fachlichem Know-how mit speziellen Aufgaben betraut." Dabei gehörte die Planung und Durchführung von Inventurbeobachtungen zu Scholz' Aufgabenbereich. "Ich hatte festzustellen, ob die Bestandsaufnahme der Vorräte ordnungsgemäß und zuverlässig erfolgt, insbesondere hatte ich darauf zu achten, daß keine Warenbewegungen während einer Inventur stattfinden." Eine besondere Herausforderung für die Mitarbeiter in der Wirtschaftsprüfung sei es, sich in das jeweilige Branchenumfeld des Mandanten einzuarbeiten und kompetenter Ansprechpartner zu sein, betont Sonja Wagner von PwC: "Mit jedem Prüfungseinsatz nimmt die Verantwortung der Mitarbeiter zu. Wenn die fachlichen Fähigkeiten vorhanden sind und die Leistungen stimmen, übernehmen auch junge Teammitglieder eigenverantwortlich Teilbereiche der Prüfung." Ein Vorteil bei den "Big Four" ist, daß sie intern neben dem Training-on-the-job meist auch Fort- und Ausbildungsprogramme für ihren Nachwuchs anbieten: "Neben fachlichen Kursen bieten wir auch Trainingseinheiten im Soft-Skill-Bereich", betont Bernadette Busch, Leiterin Personalentwicklung und -marketing bei KPMG. "So werden unsere Mitarbeiter optimal auf das WP-Examen vorbereitet." Busch weiß, daß die Anforderungen an den WP-Nachwuchs steigen: "In einer globalen Wirtschaft werden viele Fähigkeiten von Prüfern erwartet." Dazu gehörten betriebswirtschaftliches Verständnis, Kenntnisse unternehmerischer Risiken und der Überblick über die steuer- und bilanzrechtlichen Möglichkeiten und Pflichten. "Die Wirtschaftsprüfer werden so zunehmend zu Gesprächspartnern der Top-Managementebenen", so Bernadette Busch.
"Zu den Großen schafft man es nur mit hervorragenden Noten und einem Profil, das viel internationale Erfahrung aufweist", weiß auch Thomas Friedenberger, Karriereberater beim Staufenbiel Institut in Köln. "Für flexiblen und lernbereiten Nachwuchs sind die Karrierechancen jedoch ausgezeichnet." Das wissen viele, und deshalb stehen WP-Gesellschaften als Arbeitgeber bei Absolventen und Young Professionals auf den vorderen Plätzen der Beliebtheitsskala. Viele fühlen sich auch durch die Verdienstmöglichkeiten angelockt: Eine Honorarumfrage der Wirtschaftsprüferkammer ergab, daß die durchschnittlichen Einstiegsgehälter bei großen Beratungsgesellschaften zwischen 40.000 und 60.000 Euro liegen. "Doch nicht nur das: Hinzu kommt die Chance, bei den "Big Four" eine internationale Karriere zu starten", weiß Karriereberater Friedenberger. "Wer als Wirtschaftsprüfer in der Unternehmensberatung an großen Fusionen beteiligt ist, steht auf einer Stufe mit den Stars der Finanzbranche, den Investmentbankern."
Für flexiblen und lernbereiten Nachwuchs sind die Karrierechancen ausgezeichnet.
Zentral für den Erfolg in der WP-Branche ist heute die Kenntnis internationaler Rechnungslegungssysteme: "Zwar fragen Mandanten in geringerem Umfang Beratungsleistungen bei Wirtschaftsprüfern nach. Aber die Umstellung der Unternehmen auf internationale Rechnungslegungsstandards, die ab 2005 auch in Deutschland Pflicht wird, kompensieren den Rückgang im Bereich der Beratung. Und Kenntnisse in diesem Bereich werden beim Nachwuchs mehr und mehr gefragt sein", prophezeit Prof. Dr. Hans Joachim Böcking, Inhaber des Lehrstuhls Betriebswirtschaftslehre insbesondere Wirtschaftsprüfung und Corporate Governance an der Frankfurter Goethe-Universität. "Dieses Berufsfeld befindet sich in einem stetigen Wandel. Die Eigeninitiative zur Fortbildung spielt deshalb eine entscheidende Rolle für den Erfolg", so Böcking.
Man kann in kurzer Zeit umfassende Branchenkenntnisse erwerben.
Mit der Umstellung auf das neue Rechnungslegungssystem IFRS (International Financial Reporting Standards) beschäftigt sich zum Beispiel Katharina Höfner, Teamleiterin bei Ernst & Young: "Ich bewerte zunächst verschiedene Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden hinsichtlich ihrer Relevanz für unseren Mandanten", erzählt sie. "Dann wird eine Methode ausgewählt, beschlossen und in einer Bilanzierungsrichtlinie festgelegt. Darauf folgt meist ein Probeabschluß unter Anwendung der neuen Bilanzierungsrichtlinie nach IFRS. Manchmal müssen die Bilanzierungsrichtlinien dann nochmals überarbeitet werden. Schließlich wird das Unternehmen im kommenden Jahr den ersten Konzernabschluß nach IFRS veröffentlichen." Daß sich die deutsche Rechnungslegung immer mehr internationalen Strömungen öffne, sei eine gute Chance für junge Wirtschaftsprüfer, auch ihre Karriere international anzulegen: "Das ist aber auch eine ganz schöne Herausforderung", weiß Höfner. "Die gesetzlichen Grundlagen, wie zum Beispiel mit IFRS, ändern sich immer schneller, und da muß man mithalten können. Aber gerade wegen solchen Herausforderungen, die mein Beruf mir stellt, übe ich ihn so gerne aus."
Auch Gerold Keller, Senior Manager im Bereich Assurance Financial Services bei KPMG in Frankfurt am Main, ist derzeit mit der Prüfung des nach den IFRS aufgestellten Konzernabschlusses einer international agierenden Unternehmensgruppe beauftragt: "Dabei bin ich für die Entwicklung und Umsetzung von Prüfungsrichtlinien zuständig, die einheitlich allen im In- und Ausland stattfindenden Prüfungen zugrunde gelegt werden können", erzählt der 34jährige, der VWL und Mathematik in Konstanz und Leipzig studiert hat. "An meinem Job reizen mich die vielfältigen Aufgabenstellungen, man kann so in kurzer Zeit umfassende Branchenkenntnisse erwerben", so Keller. Darüber hinaus befinde sich der Beruf des Wirtschaftsprüfers in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Die Erwartungen an den Prüfer gingen weit über die Feststellung der Ordnungsmäßigkeit der Rechnungslegung hinaus: "Bereits seit einigen Jahren sind die Wirtschaftsprüfer verpflichtet, ein Urteil darüber abzugeben, ob das geprüfte Unternehmen die Risiken der künftigen Entwicklung in der Finanzberichterstattung angemessen dargestellt hat." Die rasanten Veränderungen in der Finanzbranche bringen laut Gerold Keller immer wieder spannende neue Aufgaben an den Nachwuchs heran. Sein Tip: "Welchen Weg man auch immer nach seinem Einstieg in die WP-Branche wählt: Man sollte sich mit Zuversicht den ständig neuen Herausforderungen stellen."
Auch Prof. Böcking empfiehlt Hochschulabsolventen, in die Wirtschaftsprüfung einzusteigen: "Sie gehört zu den wenigen Disziplinen, bei denen das im Hochschulstudium erworbene Wissen unmittelbar auf praktische Probleme anwendbar ist. Lernwilligen und engagierten Mitarbeitern stehen gerade bei den Großen der Branche gute Karrierechancen bevor." Die Kenntnis internationaler Prüfungsgrundsätze sei jedoch neben Praktika und Auslandsaufenthalten unabdingbar geworden. Und Prof. Böcking macht noch auf einen weiteren Karriereweg aufmerksam: "Auch die Unternehmen stellen weiterhin gerne Quereinsteiger ein, die von den Big Four' kommen."
Weitere Informationen unter:
www.wiwi.uni-frankfurt.de
www.staufenbiel.de
www.de.pwcglobal.de
www.de.ey.com