12. Dezember 2009

Mittelstand

Große Chancen bei den Kleinen

Von Florian Vollmers




24. November 2003 
Trotz der Konkurrenz durch die „Big Four" sind auch mittelständische Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sehr erfolgreich am Markt tätig. Hierarchien sind hier flach, Abteilungen nicht so sehr spezialisiert:

Christiane Stein hat erst vor wenigen Tagen ihr Wirtschaftsprüferexamen bestanden - und ist schon mitten in ihrem ersten Einsatz bei einem mittelständischen Produktionsunternehmen in Bayern: "Die sind hier etwas in Schieflage geraten. Wir erstellen jetzt ein Konzept zur Sanierung." Die 33jährige besichtigt die technischen Anlagen des Betriebes, wälzt Akten und überprüft im Rechnungswesen, ob man die Kosten im Griff hat, und sie forscht nach, wie die Besuchsfrequenz bei den Top-Kunden des Unternehmens aussieht. "Bei diesem Unternehmen ist es offensichtlich zu Problemen gekommen, weil durch den Einkauf von Material in rauhen Mengen zuviel Kapital gebunden wurde", gibt Stein eine erste Einschätzung ab.

Bei der größten deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rödl & Partner hat Christiane Stein eine steile Karriere hingelegt: 1991 fing sie dort als Steuerfachgehilfin an, bildete sich zur Bilanzbuchhalterin fort, absolvierte nebenher ein BWL-Studium an der FH Nürnberg mit Schwerpunkt Unternehmensbesteuerung, wurde 1997 Prüfungsassistentin, legte drei Jahre später ihr Steuerberater-Examen ab und schaffte schließlich im vergangenen Juli den Wirtschaftsprüfer. "Das war wirklich ein anstrengender Weg", resümiert sie erschöpft, aber zufrieden. "Ich war von Anfang an drin in der Branche, habe alles mitgemacht, und komme deshalb heute auf allen Ebenen zurecht." Mit einem 60jährigen Finanzbuchhalter müsse man sich eben auch als frischgebackene Wirtschaftsprüferin auseinandersetzen können, sagt sie mit Blick auf das Produktionsunternehmen, das sie derzeit berät.

Als Leiterin eines Prüfungsteams bei Rödl & Partner ist Christiane Stein nämlich nicht nur für die Prüfung und Erstellung von Jahresabschlüssen zuständig, sondern steht Unternehmen auch in Fragen der Steuer- und Unternehmensberatung zur Verfügung. Etwas, das in der Branche ty-pisch für den Mittelstand ist. Während viele börsennotierte Aktiengesellschaften nur Aufträge für spezielle Projekte vergeben, fragen Entscheider in mittelständischen Unternehmen meist Komplettlösungen aus einer Hand nach. Nicht zuletzt deshalb, weil etliche über keine eigenen Steuer- und Rechtsabteilungen verfügen. "Für die mittelständischen Mandanten ist der Wirtschaftsprüfer oftmals Ansprechpartner für alle mit der Tätigkeit des Unternehmens verbundenen Fragen", weiß Dr. Wolfgang Schaum, designiertes Vorstandsmitglied des Institutes der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. (IDW). "Die Leistung des Wirtschaftsprüfers ist hier auf eine individuelle vertrauensvolle Beratung der Geschäftsleitung und der Gesellschafter gerichtet."

„Der Weg zum Wirtschaftsprüfer ist kein Zuckerschlecken.“

Christiane Stein von Rödl & Partner kann das bestätigen. "Durch diese individuelle Betreuung ist es möglich, in relativ kurzer Zeit einen tiefen Einblick in ein Unternehmen zu bekommen", beschreibt sie das, was sie an ihrem Beruf besonders reizvoll findet. "Mittelständische Wirtschaftsprüferpraxen arbeiten überwiegend in kleinen, flexiblen Einheiten ohne umfassende Entscheidungsstrukturen, aber mit klaren personellen Verantwortlichkeiten", betont auch Dr. Schaum vom IDW. "Daraus ergibt sich die Chance zu einer frühzeitigen Übernahme von Verantwortung."

Der Einstieg ist auf den verschiedensten Hierarchiestufen möglich: Rainer Babilon zum Beispiel steht das Wirtschaftsprüferexamen noch bevor. Derzeit arbeitet der 27jährige aber bereits als Wirtschaftsprüfungsassistent bei der zweitgrößten nationalen mittelständischen Wirtschaftsprüfergesellschaft Rölfs WP Partner AG (RölfsPartner) in Düsseldorf. Im vergangenen April hat er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Ruhr-Uni in Bochum abgeschlossen. Schwerpunkte: Internationale Unternehmensrechnung und Wirtschaftsinformatik. "Ich habe mich ganz bewußt bei einem mittelständischen Unternehmen beworben", blickt Babilon zurück. "Ich prüfe die korrekte Bilanzierung der Zahlungsverpflichtungen sowohl auf Kunden- als auch auf Lieferantenseite", erklärt er seine Tätigkeit. Ein weiteres Arbeitsfeld von Rainer Babilon ist die Sanierung von Unternehmen: "Innerhalb eines Jahres habe ich bereits an drei Projekten dieser Art mitgearbeitet. Dem jeweiligen Betrieb den Wendepunkt zu ermöglichen, das ist besonders motivierend", so Babilon, der von den vielfältigen Aufgabenstellungen seines Jobs begeistert ist: "Ob Prüfung, Sanierung oder Unternehmensbewertung - ständig arbeitet man mit neuen Mandanten zusammen, immer im Team und quer durch die Branchen." Unabdingbar sei deshalb ein sicheres Auftreten gegenüber den Kunden unterschiedlichster Couleur. Und eine hohe Einsatzbereitschaft: "Abends und am Wochenende lerne ich ja bereits für meine bevorstehenden Prüfungen", erklärt Babilon.

„Die Mittelständler können zur Alternative für die großen Konzerne werden und bieten deshalb gute Perspektiven für den Nachwuchs.“

"Der Weg zum Wirtschaftsprüfer ist kein Zuckerschlecken", räumt Jochen Rölfs ein, Vorstandssprecher bei RölfsPartner. "Wer als Hochschulabsolvent bei uns als Prüfungsassistent anfängt, ist mit Job und Lernen doppelt belastet - und das über einen Zeitraum, der bis zu fünf Jahre dauern kann." Parallel zur Ausbildung wachse zudem die Verantwortung bei der täglichen Arbeit, da man vom Prüfungsassistenten schnell über den Prüfungsleiter zum Manager aufsteigen könne. "Für diese Positionen stellen wir das ganze Jahr über kontinuierlich Nachwuchs- und Führungskräfte ein", gibt Rölfs Auskunft.

Die Beispiele Rödl & Partner und RölfsPartner zeigen: Angehende Wirtschaftsprüfer müssen nicht unbedingt bei einem der "Big Four" einsteigen; auch mittlere und kleine WP-Gesellschaften bieten sehr gute Jobmöglichkeiten. Rödl & Partner mit seinen derzeit 2.300 Mitarbeitern in 30 Ländern gilt als wachstumsstärkste Kanzlei der letzten Jahre und stellt sich selbstbewußt als direkte Konkurrenz zu den "Big Four" der Branche auf. "Da wir ständig weiterexpandieren, haben wir einen jährlichen Bedarf von 50 bis 60 Nachwuchskräften - sei es als Praktikant, Werkstudent oder fertiger Wirtschaftsprüfer", sagt Matthias Weber, bei Rödl & Partner für Human Resources zuständig. Er empfiehlt, möglichst frühzeitig einzusteigen. Die Einstiegspositionen vor dem Wirtschaftsprüfer werden bei Rödl & Partner intern "Assistent" für Absolventen und "erfahrener Prüfer" für Fachkräfte mit ein paar Jahren Tätigkeit im Prüfungsteam genannt. Bei den Qualifikationen werden knallharte Anforderungen gestellt: BWL-Studium mit Schwerpunkt Prüfungswesen, mindestens ein Jahr Praktikum bei einer WP-Gesellschaft sowie ein ordentliches Englisch. "Außerdem muß man sich auf ein hemdsärmeliges Klima einstellen und sehr kommunikativ und selbstbewußt auftreten", ergänzt Weber. "Schließlich ist man bei unseren Mandanten als Imageträger von Rödl & Partner unterwegs." Die schlechte wirtschaftliche Lage habe auch den Markt für Absolventen härter gemacht: "Noch vor zwei Jahren hatten wir Schwierigkeiten, Prüfungsassistenten zu finden und sind häufig Kompromisse eingegangen. Heute ist das nicht mehr so", sagt Weber. Der Berufseinstieg ist bei Rödl & Partner übrigens bundesweit in 24 Niederlassungen möglich.

"Aufgrund des steigenden Beratungsbedarfs sind die Perspektiven für den beruflichen Nachwuchs gerade bei mittelständischen Unternehmen gut", prognostiziert Dr. Schaum vom IDW. Einerseits werde die Rechnungslegung nach internationalen Grundsätzen (International Financial Reporting Standards, kurz: IFRS) mittel- und langfristig auch den Mittelstand betreffen und somit den Bedarf an Experten, die bei der Anwendung dieser Normen beraten, steigen lassen. "Außerdem erfordert der Generationenwechsel in vielen Unternehmen von den Wirtschaftsprüfern die Beantwortung vielfältiger Fragen zur Unternehmensnachfolge - von der Bewertung des Unternehmens bis zur organisatorischen Neugestaltung."

Doch nicht nur das: Jochen Rölfs, Vorstandssprecher der Rölfs WP Partner AG sagt große Chancen voraus, die zur Zeit durch den Trend hin zur Trennung von Prüfung und Beratung entstehen: "Die Branche hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Oligopol entwickelt, bei dem die Big Four' den Markt bestimmen. Sie haben dafür insbesondere das Jahresabschlußgeschäft zur Mandantenbindung genutzt und dieses über lukrative andere Beratungsleistungen querfinanziert." Das Ergebnis seien eine "Dumpingpreispolitik" und "ungesunde Abhängigkeiten" gewesen.

„Auch von Wirtschaftsprüfern mittelständischer Kanzleien werden umfassende Managementskills verlangt.“

Neue Vorschriften zur Trennung von Beratung und Prüfung als Konsequenzen aus Skandalen um Enron und Flowtex setzen nun laut Rölfs neue Marktanteile frei, die bislang von den "Big Four" besetzt worden seien: "Eine große Chance für alle mittelständischen WP-Gesellschaften, die frühzeitig entsprechendes Know-how zum Thema internationale Rechnungslegung aufgebaut haben. Sie können zur Alternative für die großen Konzerne werden, insbesondere wenn es um Bewertungsfragen oder Sonderprüfungen geht."

Das sind Branchenentwicklungen, auf die sich der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer einstellen muß: "Auch von Wirtschaftsprüfern mittelständischer Kanzleien werden umfassende Managementskills verlangt. Sie müssen sich mit immer komplexeren Projekten auseinandersetzen", urteilt Birgit Wahmes, Human Resources Managerin bei Peters, Schönberger & Partner (PSP), einer Münchener Sozietät von Rechtsanwälten, Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern mit 100 Beschäftigten. "Unsere Nachwuchskräfte sollten deshalb nicht nur sehr gute fachliche Voraussetzungen mitbringen, sondern auch unternehmerisch denken können und sehr kommunikativ sein." Auch die Mitarbeiter von PSP verstehen sich als Generalisten mit Spezialwissen, die Mandanten interdisziplinär betreuen. Birgit Wahmes: "In den ersten Jahren sind unsere Mitarbeiter sowohl steuerlich als auch prüferisch tätig. Mit zunehmender Berufserfahrung entwickelt sich dann in der Regel eine Spezialisierung für einen der Bereiche."

Vor mittlerweile fünf Jahren kam der 31jährige Stefan Käfferlein zu PSP: "Ich wollte zu einer mittelständischen Kanzlei wechseln, um neben der Wirtschaftsprüfung auch steuerliche Kenntnisse zu erwerben", erklärt Käfferlein, der bis 1996 BWL an der Uni Augsburg studiert hat, dann zwei Jahre bei PriceWaterhouseCoopers tätig war und anschließend bei PSP sein Steuerberater- und Wirtschaftsprüferexamen abgelegt hat. "Eine interdisziplinäre Ausbildung ist sehr nützlich. Denn für fortgeschrittene Mitarbeiter gilt es auch, im Rahmen der Abschlußprüfung steuerlichen, rechtlichen oder betriebswirtschaftlichen Beratungsbedarf der Mandanten zu erkennen und maßgeschneiderte Problemlösungen anzubieten." Studierenden rät Käfferlein deshalb, schon während der Studienzeit Praktika bei Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern zu machen und die Studienschwerpunkte entsprechend zu wählen. "Damit verbessert man seine Bewerbungschancen erheblich." Den Einstieg in den Berufszweig findet Käfferlein sehr empfehlenswert: "Der Weg zum Wirtschaftsprüfer erfordert im Vergleich zu einem Job in der Industrie zwar viel mehr Arbeitsaufwand", räumt er ein. "Der Lohn ist aber die Aussicht auf einen sicheren und hochqualifizierten Arbeitsplatz mit attraktiven Chancen zur Weiterentwicklung." Außerdem halte man sich alle Möglichkeiten offen: "Zum Beispiel für den Wechsel in die Selbständigkeit."

Weitere Infomrationen unter:

www.idw.de

www.pspmuc.de

www.roedl.de

www.roelfspartner.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 69, 2004
Bildmaterial: Claudia Weikert, Labor