18. Oktober 2004
Lange Zeit litt die Kerntechnik unter einem Negativimage. Jetzt läßt eine Renaissance der Nuklearenergie den Bedarf an Fach- und Führungsnachwuchs sprunghaft ansteigen. Doch auch in anderen Bereichen werden Spezialisten der Nukleartechnik gebraucht - zum Beispiel in der Medizin.
Andreas Zucker hat den Überblick: Die Abläufe in fünf Kernkraftwerken an drei Standorten beobachtet der promovierte Physiker aus der Zentrale der RWE Power AG in Essen, Direktion Kernkraftwerke, Abteilung "Koordination der Flotte". "Wir sind das Bindeglied zwischen den Kraftwerken und dem RWE Power-Vorstand, den wir über Zustand und aktuelle Maßnahmen in den Blöcken informieren", erklärt Zucker. Tagtäglich bearbeitet der 33jährige neue Fragestellungen, holt aktuelle Informationen aus den verschiedensten Quellen ein: Mal nimmt Zuckers Abteilung Stellung zu der Finanzplanung eines Kraftwerkes, dann wird der Zustand einer Werkskomponente vor dem Hintergrund eines Sanierungsprogramms abgefragt. Dann muß zu aktuellen Ereignissen Stellung bezogen werden - auch hierfür sammelt Andreas Zucker Fakten, die dann von der Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens aufbereitet werden. "Die Abwechslung und vor allem die Möglichkeit, Kernenergie live und aus der Vogelperspektive mitzuerleben, machen den besonderen Reiz meines Berufes aus", sagt Zucker.
Sein Arbeitgeber RWE Power betreibt das KKW Emsland, die Blöcke A und B in Biblis sowie zwei Kraftwerke im bayerischen Gundremmingen. Kernenergie ist nach wie vor ein brisantes Thema, und das bekommt Andreas Zucker häufig zu spüren. Zum Beispiel bei Störfällen, wie zuletzt in Japan, liege innerhalb einer halben Stunde eine Anfrage auf dem Tisch: "Die Leute wollen dann wissen: Was ist da genau passiert? Ist das auch bei uns möglich?" Nicht zuletzt durch die Politik änderten sich die Verhältnisse in der Branche so schnell, daß ein Job in der Kernenergie keine Zeit zum Ausruhen lasse.
Dies zeigt auch die aktuelle energiepolitische Diskussion: Gerade noch schien der Atomausstieg besiegelt, inzwischen ist die Rede vom "Ausstieg aus dem Ausstieg". Branchenkenner rechnen auf lange Sicht nicht nur mit einer Verlängerung der deutschen KKW-Laufzeiten, sondern auch mit der Errichtung von Neubauten. "Auch ich glaube an eine Renaissance der Kernenergie", sagt Andreas Zucker, der Physik an der RWTH Aachen studiert, im Forschungszentrum Jülich gearbeitet und schließlich im Bereich Reaktortechnik promoviert hat. "Die Branche bietet dem Nachwuchs ausgezeichnete Karriereperspektiven." Experten geben ihm recht: "Ein Generationswechsel und die internationale Nachfrage werden dazu führen, daß bei den Herstellern, Betreibern und Forschungseinrichtungen bis 2010 rund 2.000 Stellen zu besetzen sind", schätzt Dr. Peter Fritz, Sprecher des Kompetenzverbundes Kerntechnik, ein Zusammenschluß von Forschungseinrichtungen und Universitäten. Das Beispiel Framatome ANP zeige, wohin die Entwicklung geht: Das deutsch-französische Unternehmen hatte sich Ende 2003 den Auftrag zur Errichtung eines AKW im finnischen Olkiluoto gesichert. "Dafür und für Folgeaufträge werden jetzt händeringend Spezialisten gesucht - was vor wenigen Jahren niemand gedacht hätte", so Fritz. Und selbst wenn es zum Ausstieg komme, verlangten Sicherheitsforschung und Endlagerung noch für mehrere Jahrzehnte Top-Leistungen vom Fach- und Führungsnachwuchs. "Die Branche weiß derzeit gar nicht, wie sie den Bedarf der kommenden Jahre decken soll", sagt Peter Fritz. Das jahrzehntelange Negativimage der Atomenergie hat dafür gesorgt, daß trotz des hohen Bedarfs die Zahl der Kerntechnik-Absolventen drastisch abgenommen hat. Dr. Peter Fritz vom Kompetenzverbund Kerntechnik findet das besorgniserregend: "Die Betreiber und Hersteller bieten auch Quereinsteigern Karrieremöglichkeiten, zum Beispiel aus dem Maschinenbau oder der Verfahrenstechnik. Bei Gutachtern und Behörden aber werden Kerntechnik-Spezialisten gebraucht." Der Bedarf belaufe sich dort auf 300 - die Absolventenzahl tendiere seit Jahren gegen Null. Gleichzeitig beschränkt sich die nukleare Technik nicht nur auf Energiegewinnung - für Strahlenschutz und Medizin ist sie längst unverzichtbar geworden: "Nuklearmedizin ist ein stark wachsender Bereich, besonders auf dem Markt der PET", weiß Jörg Pfeiffer, Manager Clinical Collaborations bei Siemens Medical Solutions. PET steht für Positronen-Emissions-Tomographie, ein diagnostisches Verfahren, bei dem die Strahlung radioaktiver Teilchen Organe und zum Beispiel Stoffwechselanomalien sichtbar macht. PET wird derzeit besonders in der Krebsforschung eingesetzt.
"Die Branche weiß derzeit gar nicht, wie sie den Bedarf der kommenden Jahre decken soll."
In der europäischen Abteilung der Nuklearmedizin von Siemens Medical Solutions, deren Hauptsitz in den USA liegt, ist der 29jährige Pfeiffer seit zwei Jahren für die physikalische Vertriebsunterstützung und die Betreuung von klinischen Kooperationen in Europa, Afrika und im Mittleren Osten verantwortlich. "Bei aktuellen Vertriebsprojekten werde ich als Ansprechpartner für fachliche Fragen hinzugerufen und bei Kongressen und Workshops für Vorträge und Diskussionsrunden eingeladen", berichtet Jörg Pfeiffer. Ein weiteres Aufgabenfeld sei die Betreuung von Kooperationen mit Universitäten und Kliniken. "Zur Zeit kümmere ich mich um ein Projekt mit mehreren europäischen Unis zur atmungskorrelierten Aufnahme von PET-Daten." Dabei geht es darum, bei der PET die durch die Atmung des Patienten auftretenden Störungen in der Bildaufnahme zu vermindern.
Das Schöne an der Nuklearmedizin ist, daß sie den physikalisch-technischen Aspekt mit den gesundheitlichen Ansprüchen, Menschen zu helfen, verbindet", findet Jörg Pfeiffer. Um in diesem Bereich ideal arbeiten zu können, sei ein offizieller, zum Beispiel von den Landesärztekammern vergebener Nachweis über den Erwerb der Fachkunde Strahlenschutz sinnvoll. "Und weil die Kommunikation auch in der Nuklearmedizin vorrangig auf Englisch stattfindet, ist ein Auslandssemester von Vorteil." Pfeiffer selbst hat Physikalische und Biomedizinische Technik mit der Vertiefung Nuklearmedizin an der FH Aachen studiert. Schon während seines Praxissemesters und für seine Diplomarbeit beschäftigte sich Pfeiffer mit dem PET-Verfahren. "Nach meinem Abschluß rief ich einfach bei Siemens Medical Solutions an und fragte, ob man jemanden wie mich gebrauchen könne", erzählt er. "Bereits eine Woche später war das Vorstellungsgespräch und dann die prompte Einstellung."
Rund 18.000 Akademiker bewarben sich 2003 bei Siemens Medical Solutions, das Renommee des Unternehmens ist enorm. "Siemens ist mit über 400.000 Mitarbeitern in 190 Ländern vertreten - die Einsatzmöglichkeiten sind deshalb global", sagt Claudia Schwalb, Leiterin Human Resources Strategy bei Medical Solutions. "Wir bieten Ihnen eigenverantwortliches Arbeiten, attraktive Weiterbildungsmöglichkeiten und spannende Aufgaben in einem erfolgreichen Unternehmen mit Innovationskraft." Die Größe eines Unternehmens wie Siemens mit verschiedenen Gesellschaften wie Medical Solutions, Transportation oder auch Power ermöglicht außerdem den internen Wechsel. Eine Eigenschaft, die auch auf die Kerntechnik selbst zutrifft, wie Andreas Zucker von RWE Power findet: "Als Kerntechniker ist man so fundiert ausgebildet, daß man problemlos auch branchenfremd erfolgreich sein kann."
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