18. Oktober 2004
Die Geschichte vom Ingenieurmangel wurde in Deutschland so oft und nachdrücklich erzählt, daß mittlerweile jeder daran glaubt. Schaut man sich die Zahlen näher an, zeigt sich ein anderes Bild: Nicht jeder Ingenieur findet leicht eine Stelle, vor allem Ingenieurinnen nicht. Und nicht jedes Unternehmen ist so händeringend auf der Suche, wie es tönt.
"Uns fehlen die Ingenieure!" - klagt die Branche, und warnt vor dem Untergang des Standortes Deutschland, seiner Innovationsfähigkeit, der weltweit führenden Automobilindustrie und so weiter. Doch die Klage trifft die Realität nicht ganz: Laut einer Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und den VDI Nachrichten vom März dieses Jahres haben zwar 42 Prozent der Unternehmen Probleme, offene Positionen für Ingenieure zu besetzen - und das selbst in einer konjunkturschwachen Phase, wie sie zum Befragungszeitraum im Herbst/ Winter 2003 herrschte. Als Reaktion darauf wollen die Unternehmen verstärkt um junge Hochschulabsolventen werben - was wie eine gute Nachricht für Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge klingt. Aber - und das wird gerne unterschlagen - nicht für alle gleichermaßen: Weibliche oder ausländische Ingenieure werden als Kandidaten für die Besetzung vakanter Stellen kaum in Betracht gezogen, das gleiche gilt laut ZEW und VDI für Ingenieure, die derzeit arbeitslos oder einfach älter sind. "Spezifische Programme zur Einbindung dieser offensichtlich als Randgruppen betrachteten Arbeitnehmer sehen jeweils weniger als 15 Prozent der Betriebe als wichtig an", so die Studie. Mehr als die Hälfte findet solche Bemühungen sogar eher unwichtig.
Dabei zeigen die Zahlen, daß bis zum Jahr 2010 rund 47.000 Ingenieure gebraucht werden, davon 31.000 im Maschinenbau, 11.000 Elektroingenieure und 5.000 weitere, zum Beispiel Wirtschaftsingenieure, so das Ergebnis von Prognos, die im Auftrag der Impuls-Stiftung des Verbandes der Investitionsgüterindustrie (VDMA) durchgeführt wurde. Auch der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) unterstreicht, daß es in Deutschland 15.000 unbesetzte Ingenieurstellen und davon abhängend rund 50.000 weitere nicht besetzbare Arbeitsplätze gebe. Die Zahl der Absolventen - sie schwankt je nach Forschungsinstitut - kann den Bedarf offensichtlich nicht decken. Und daß die im Studienjahr 2003/2004 gestiegenen Erstsemesterzahlen erst in ein paar Jahren zu mehr Jungingenieurinnen und -ingenieuren auf dem Arbeitsmarkt führen, ist auch klar. Immerhin: Es nahmen 33.459 Studienanfänger ein Studium im Bereich Maschinenbau oder Verfahrenstechnik auf, das sind acht Prozent mehr als im Vorjahr. Sieben Prozent Zuwachs auf jetzt 8.709 Erstsemester verzeichneten die Bauingenieure, während die E-Techniker einen Rückgang um drei Prozent auf nun 17.282 beklagen.
Die Arbeitsmarktstatistik des VDI unterstreicht: Während die Branche wegen Ingenieurmangels zetert, sind im vergangenen Jahr 67.569 Ingenieurinnen und Ingenieure arbeitslos gewesen - die Quote steigt seit 2001 wieder an. Dies betrifft entgegen der zumeist vertretenen Auffassung zunehmend die jüngeren Fach- und Führungskräfte zwischen 35 und 50 Jahren, während die Zahl der arbeitslosen Älteren kontinuierlich sinkt. Seit der Jahrtausendwende wächst auch die Zahl der arbeitslosen Ingenieurinnen - im vergangenen Jahr lag sie bei 17.778 - das entspricht einer Quote von rund 20 Prozent. Betrachtet man die Stellenangebote für technische Fach- und Führungskräfte, so zeigt sich, daß die Unternehmen in den vergangenen Jahren auch durchaus nicht so händeringend gesucht haben, wie sie gerne angeben: 2003 waren die Angebote im Vorjahresvergleich um 34 Prozent zurückgegangen, 2002 sogar um 52 Prozent. Mit 14.429 Inseraten zieht die Nachfrage auf dem Stellenmarkt erst seit dem ersten Halbjahr 2004 wieder leicht an - und zwar um 4,25 Prozent auf jetzt 13.841 Angebote, so eine Analyse der SCS Personalberatung auf Basis von 35 regionalen und überregionalen Zeitungen, die regelmäßig für die VDI Nachrichten erhoben wird.
Den größten Zuwachs an Stellenangeboten verzeichnen aktuell die Unternehmensberatungen: Hier wurden 595 technische Fach- und Führungskräfte nachgefragt, im Vorjahreshalbjahr waren es nur 208. Die Elektronikbranche suchte 23 Prozent mehr Ingenieure (848) und in der Elektrotechnik (1.319) gab es einen Zuwachs von 21 Prozent. Betrachtet man die gesuchten Einsatzbereiche, so steht die Forschung und Entwicklung mit 3.005 Positionen klar an der Spitze, gefolgt vom Vertrieb mit 2.744 Stellenangeboten (plus 15 Prozent). In der Produktion standen 1.934 Positionen zur Verfügung, im öffentlichen Bereich 1.798.
Die Automobilindustrie schreibt weniger Stellen aus; die Elektrotechnikindustrie baut Stellen ab.
Der Fahrzeugbau schrieb übrigens zehn Prozent weniger Stellen aus (1.128) als im Vorjahreszeitraum - der Stellenboom scheint also vorbei zu sein. Im vergangenen Jahr noch hatte die Branche ihr Personal um vier Prozent auf jetzt 772.600 aufgestockt, wobei das Beschäftigungswachstum ausschließlich auf das Konto der Zulieferindustrie ging. Mit einem Jahresumsatz von 208 Milliarden Euro in 2003 (Vorjahr: 204 Milliarden Euro) ist die Autobranche in Deutschland nach wie vor eine Schlüsselindustrie. Dicht gefolgt übrigens von der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie: Sie beschäftigt noch mehr Mitarbeiter als die Autobauer (819.000) und erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz von knapp 155 Milliarden Euro - so das Ministerium für Wirtschaft und Arbeit. Die Branche hat im ersten Halbjahr 2004 zwar 1.319 Stellen ausgeschrieben, insgesamt baut sie aber Arbeitsplätze ab: Allein im vergangenen Jahr ging die Zahl um 23.000 zurück. "Eine Trendwende ist noch nicht in Sicht, Gründe hierfür sind überwiegend weitere Produktionsverlagerungen ins Ausland", informiert das Ministerium.
Weder die ritualisierte Klage über den Ingenieurmangel sollte also für bare Münze genommen werden, noch darf man aus dieser Klage folgern, daß der Arbeitsmarkt für alle jungen Ingenieurinnen und Ingenieure ausschließlich glänzend aussieht. Es ist auch nicht so, daß die Unternehmen angesichts des beklagten Mangels nun Nachwuchskräfte mit mittelmäßigen Abschlüssen oder kurvenreichen Lebensläufen einstellten: Laut ZEW-Studie ist dazu nur etwa ein Fünftel der befragten Unternehmen bereit, 16 Prozent lassen die vakanten Positionen lieber unbesetzt, als sich mit Zweite-Wahl-Kandidaten zu begnügen. Die Probleme liegen aber nicht nur in der starr auf junge Männer fokussierten Rekrutierungspolitik der Unternehmen begründet - oft scheinen tatsächlich die Kandidatinnen und Kandidaten selbst nicht zu den ausgeschriebenen Stellen zu passen. "Ingenieure sind nicht sehr risikofreudig. Viele denken auch nicht unternehmerisch", schimpft etwa Dieter Stein, Managing Partner der Personalberatung Ray & Berndtson in Frankfurt. "Sie wollen auch keine Personalverantwortung haben, sondern lieber den großen Wurf' machen", als Konstrukteur, als Forscher oder Entwickler. Sie interessierten sich höchstens für Projektleiterstellen - "wenn überhaupt". Die Personaler der Ferchau Engineering GmbH können das bestätigten. Das auf Ingenieurdienstleistungen spezialisierte Unternehmen mit einem Netz von 28 Niederlassungen, 49 technischen Büros und über 2.000 Mitarbeitern sucht Leiter und Stellvertreter für Niederlassungen. Gar nicht leicht zu finden, denn für diese Jobs ist unternehmerisches Denken notwendig - wer hier einsteigt, muß aus eigener Initiative akquirieren und so das Geschäft strategisch ausbauen. Das ist mühsam - aber wenn es denn klappt, ein tolles Erfolgserlebnis: "Das ist der Kick", sagt der 32jährige Vertriebsingenieur Heiko Rosteck, der den Bochumer Standort des Unternehmens leitet. Der Vertrieb stellt eben besondere Anforderungen an das technische und kommunikative Wissen der jungen Ingenieure, bietet aber auch besondere Aufstiegs- und Verdienstchancen: Laut Personalmarkt.de können sich Young Professionals auf 57.000 Euro steigern, nachdem sie bei ihren Job mit rund 40.000 Euro Jahresgehalt gestartet haben. Noch komplexere Aufgaben hat der Technik-Nachwuchs übrigens in neueren Berufen wie "Kaizen-Management" zu bewältigen: Hier sind Mehrfachtalente gefragt, die sich mit Wirtschaft, Technik, Methoden zur Prozeßoptimierung und Kommunikation auskennen.
"Ingenieure sind nicht sehr risikofreudig. Viele denken auch nicht unternehmerisch."
Fragt man Dieter Stein, bringen die meisten Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge solche Begabungen nicht mit: "Absolventen haben keine Vorstellung davon, wie die Wirtschaft tickt", ist er überzeugt und empfiehlt: früh den Praxisbezug suchen, Praktika absolvieren, IT-Kenntnisse aneignen, Sprachen lernen, "den Tunnelblick überwinden". Es fehle den Absolventen an Bildung im alten Sinne, an Kenntnissen der Kultur, der Geschichte, der Politik. Und an Drive: Die Studenten hätten sich eine sehr lange Orientierungsphase angewöhnt, viele schließen ihr Studium erst mit 30 Jahren ab. "Viel zu trödelig", findet Stein. "Bevor die Unternehmen Schlafmützen einstellen, stellen sie lieber gar keinen ein." Vor allem die Großindustrie sei an solchen Leuten nicht interessiert. Schuld an dieser Misere seien aber nicht nur die Studierenden selbst, sondern die praxisferne Ausbildung an den Universitäten, die der Fachhochschulen sei da etwas besser aufgestellt. "Hochschulen und Unternehmen meinen schlicht nicht dasselbe, wenn sie Diplom-Ingenieur' sagen", bestätigt Dr.-Ing. E.h. Heiko Mell, Geschäftsführer der MMC Unternehmens- und Personalberatung in Rösrath bei Köln: Erstere meinten allein technisches Wissen, letztere wollten zusätzlich noch ein ganzes Bündel aus Selbstkompetenzen, von anpassungsfähig bis zuverlässig. Fragt man Jens Plinke, der beim Kölner Recruiting-Dienstleister Access für Kandidatenbetreuung zuständig ist, ist die Situation an den Universitäten aber auf dem Wege der Besserung: Viele Hochschulen arbeiteten über Drittmittel-Projekte eng mit der Industrie zusammen, außerdem steige man - an den Fachhochschulen zumal - immer mehr auf fallbasiertes Lehren und Lernen um. "So schulen angehende Ingenieure ihre Soft Skills quasi nebenbei", erklärt Plinke.
Mir wurde als Frau eine gewisse Sozialkompetenz zugestanden."
Ingenieurinnen übrigens sind an hiesigen Universitäten und in den Unternehmen im europäischen Vergleich unterrepräsentiert, sie haben aber zahlreiche Vereinigungen wie zum Beispiel den Deutschen Ingenieurinnenbund geschaffen, in denen sie sich gegenseitig informieren und ermutigen - nicht zuletzt dazu, mit ihren Soft Skills zu punkten. "Selbstbewußtsein halte ich für die wichtigste Voraussetzung", um als Ingenieurin erfolgreich zu sein, betont Diplom-Maschinenbauingenieurin Maren Heinzerling, Jahrgang 1938, die bei Krauss-Maffei, MBB und AEG eine internationale Karriere gemacht hat. "Vielfach bekam ich Aufgaben, für die es noch keine etablierten Experten gab", blickt Maren Heinzerling zurück. Häufig seien das Aufgaben mit etwas problematischen menschlichen "Schnitt- beziehungsweise Nahtstellen" gewesen, wie zum Beispiel Abstimmung von Konstruktionsentwürfen zwischen Konstrukteuren und Service-Monteuren, Adapterfunktionen bei unterschiedlichen Standorten und Firmenkulturen oder die Zusammenarbeit mit Japanern, Engländern, Franzosen, Australiern, Chinesen und Amerikanern in internationalen Konsortien. "Ich denke, mir wurde als Frau eine gewisse Sozialkompetenz zugestanden", so die Ingenieurin.
Wenn Dieter Stein indes an die Bewerbungskünste von Ingenieuren denkt, stehen ihm die Haare zu Berge: "Teilweise ist das eine Katastrophe", moniert der Headhunter. "Die Bewerbungen sind nicht analytisch durchdacht, nicht logisch aufgebaut und haben sprachliche Mängel." Das gilt vor allem für die klassischen Bewerbungsmappen. Immer mehr Personalabteilungen, vor allem die der großen Konzerne, richten mittlerweile E-Recruiting-Systeme ein, um die Bewerbungsberge überhaupt bewältigen zu können: Bei der Boston Consulting Group etwa gehen jährlich rund 10.000 Bewerbungen ein, bei Airbus waren es im vergangenen Jahr sogar 50.000. Für die Bewerber allerdings bringen Online-Rekrutierungs-Systeme nicht unbedingt nur Vorteile: Frauen, Ausländer und Kandidaten mit krummen Lebensläufen können hier noch leichter herausgefiltert werden.
Immerhin: Ingenieure verdienen ganz gut. Nicht zuletzt deshalb, weil überall von Ingenieurmangel die Rede ist. Wer in welcher Funktion welches Gehalt bekommt, hat Personalmarkt.de per Online-Befragung erhoben (siehe Tabelle unten). Andererseits: 72 Prozent der vom ZEW befragten Unternehmen nannten als mittleren bis wichtigen Grund für ihre Rekrutierungsprobleme: "Gehaltsforderungen können nicht erfüllt werden."
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