11. Dezember 2009

Elektrotechnik

Treiber für die Produkte von morgen

Von Florian Vollmers




18. Oktober 2004 
Der IT-Hype hatte alles Analoge alt aussehen lassen, dabei ist diese Technik nach wie vor unverzichtbar. Gleichzeitig müssen klassische Elektrotechniker heute mehr denn je auch als "Chipdesigner" auftreten. Gute Zeiten also für Fachkräfte, die analoge und digitale Technik kombinieren können.

Daß die Digitaltechnik selbst bei unserer täglichen Morgentoilette eine wichtige Rolle spielt, dafür ist auch Ingo Vetter verantwortlich: "Die Schaltungen, mit denen ich mich beschäftige, befinden sich heute in jeder elektrischen Zahnbürste und in den Rasierern sowieso." Der 26jährige Entwicklungsingenieur arbeitet in der F&E-Abteilung der Braun GmbH in Kronberg, die ein Teil von Gillette Technologies ist. Seine Aufgabe: Die Entwicklung elektronischer Schaltungen, in denen digitale und analoge Komponenten kombiniert werden. Herzstück ist der sogenannte Mikrocontroller. "Das ist letztendlich ein kleiner Computer, der kein Allroundtalent wie ein PC ist, sondern nur für das jeweilige Gerät arbeitet, in das er eingebaut ist", erklärt Ingo Vetter. Und das sind vom Elektrorasierer über Küchenmaschinen bis hin zum Bügeleisen verschiedenste Braun-Geräte für den alltäglichen Gebrauch. Für jeden, der es als anspornend empfindet, keine vorgekauten Lösungen serviert zu bekommen, sei der Job in einer elektrotechnischen Entwicklungsabteilung das Richtige. "Kreative Arbeit ist das allemal", findet Vetter, der Elektrotechnik an der FH Frankfurt studiert hat.

Ingo Vetters Job ist bezeichnend für den heutigen Stand der Elektrotechnik: Daß es neben der Digitalübertragung immer einen analogen Anteil auch in den innovativsten Produkten geben wird - auf diese Feststellung legt Prof. Dr. Stefan Heinen vom Lehrstuhl für Integrierte Analogschaltungen an der RMTH Aachen großen Wert: "Ohne die funktioniert das Gesamtsystem nicht. Selbst die neusten Handys müssen von Spezialisten designt werden, die beide Komponenten verstehen." Das Schlagwort IT habe, so Heinen, in den vergangenen Jahren diese Tatsache verdrängt. Die Folge: "Das Ausbildungsangebot an klassischen Übertragungstechniken ist an den Hochschulen immer dünner geworden. Dabei brauchen wir dringend Spezialisten, die ein grundlegendes Verständnis für Elektrotechnik haben und nicht nur Programmieren können."

„Wir brauchen dringend Spezialisten, die ein grundlegendes Verständnis für Elektrotechnik haben und nicht nur Programmieren können."

Aktuell suchen deutsche Unternehmen 13.000 Jung-Elektroingenieure, während es in diesem Jahr nur 7.000 Absolventen geben wird. Nach konservativen Schätzungen des VDI konnten allein im ersten Quartal 2004 sogar 15.000 freie Stellen nicht besetzt werden. Der Mangel an Ingenieuren in der Elektroindustrie ist laut VDI ein zentraler Faktor für den fehlenden Aufschwung. Prof. Heinen von der RWTH Aachen hält gar ein "Plädoyer für die Elektrotechnik": "Ein Großteil des Nachwuchses läßt sich vom IT-Hype dazu verleiten, Informatik zu studieren. So können aber die nötigen Hardwarekenntnisse nicht erlangt werden. Dabei beinhaltet doch die heutige Elektrotechnik von der klassischen Analogschaltung bis zur Software das ganze Spektrum."

Wolfgang Brickwedde, Recruitment Manager beim Elektronikriesen Philips, bestätigt: "Die meisten Produkte werden immer digitaler, aber alle diese Neuerungen werden bei uns maßgeblich von Elektrotechnikern vorangetrieben." Eine große Lücke zwischen Nachfrage und Angebot vermeldet Brickwedde. Von den Universitäten kämen nicht genügend Absolventen, der Bedarf nehme spürbar zu. "Es ist für E-Techniker eine sehr gute Zeit." So zum Beispiel auch für Spezialisten wie Christoph Piotrowski: Der Entwicklungsingenieur hat Elektrotechnik mit Schwerpunkt Mikroelektronik an der Uni Hannover studiert und entwickelt derzeit einen Videodekoder-Chip für die Philips Semiconductors GmbH in Hamburg: "Daß ich dabei immer auf dem neuesten Stand bleiben muß, was die aktuellen Chipdesign-Trends sowohl in Software wie Hardware betrifft, reizt mich besonders an meinem Beruf", sagt der 30jährige. Neben der zunehmenden Komplexität von Chips sei es besonders die steigende Nachfrage nach "Low Power Designs": "Der Chipdesigner muß sich in Zukunft noch mehr Gedanken über Spar-Konzepte beim Energieverbrauch machen - und das nicht nur bei Mobilanwendungen wie Handys oder Laptops", so Piotrowski.

Das Modul, an dem der Philips-Development Engineer momentan arbeitet, soll Videotext-Daten - beispielsweise aus einem Antennensignal - filtern und darstellen. "Die Herausforderung besteht darin, die sich teilweise widersprechenden Chip-Kriterien unter einen Hut zu bringen", beschreibt Christoph Piotrowski. "Eine Schaltung muß möglichst klein sein, weil mehr Fläche mehr Siliziumkristall und damit höhere Kosten bedeutet. Gleichzeitig muß sie schnell genug sein und nicht zuviel Energie verbrauchen - wofür man wiederum eine größere Fläche benötigt." In der Kundenbetreuung hat Piotrowski oft mit den Tücken der Software zu kämpfen. So konnte ein italienischer Hersteller von Bildschirmen mit einem Philips-Videorekorder nur verzerrte Videotextdaten ansehen: "Er glaubte, unser Chip funktioniere nicht. Bis sich herausstellte, daß der Fehler in der von ihm geschriebenen Software liegt und mit der Änderung einer einzigen Programmzeile behoben werden konnte."

Da Elektroingenieure so begehrte Spezialisten sind, gestalten sich ihre Karriereaussichten außergewöhnlich positiv: Laut VDE sind bereits 30 Prozent der unter 30jährigen E-Techniker in Führungspositionen. Die Einstiegsgehälter schwanken zwischen 30.000 und 50.000 Euro. Das Arbeitsumfeld wird weitgehend auf das Wohl der Fachkräfte zugeschnitten: So stehen nach dem gelungenen Einstieg bei Gillette/Braun Förderung und Weiterbildung im Mittelpunkt - und das fachlich wie persönlich. "Auf dem Weg vom Junior zum Senior wachsen Ingenieure bei uns durch internationale Projekte, moderne Teamstrukturen und technisch anspruchsvolle Aufgaben - immer an kompletten Produkten", sagt Jana Katte, Senior Placement Specialist in der Human Resources-Abteilung bei Gillette/ Braun. "Sie übernehmen dann auch die volle Verantwortung für ihr Produkt - zum Beispiel eine Zahnbürste - und bringen es zum Erfolg." Gillette ist mit seinen Produkten Weltmarktführer und verzeichnete im letzten Jahr einen Rekordgewinn. Jana Katte: "Wer arbeitet nicht gern in einem erfolgreichen Unternehmen mit Produkten, mit denen man sich identifizieren kann?"

"Als integrierter Konzern bieten wir von der Forschung bis zum Vertrieb in jedem Bereich Einsatzmöglichkeiten."

Auch beim Elektronikunternehmen Philips, das im zweiten Quartal dieses Jahres aus dem guten Geschäft mit Unterhaltungselektronik den höchsten Gewinn seit drei Jahren errechnete, rollt man dem E-Technik-Nachwuchs den roten Teppich aus: "Als integrierter Konzern bieten wir von der Forschung bis zum Vertrieb in jedem Bereich Einsatzmöglichkeiten", so Philips-Recruitment Manager Wolfgang Brickwedde. "Darüber hinaus eröffnet die internationale Organisation von Philips viele Möglichkeiten, große Karrieresprünge ins Ausland zu machen." Als E-Techniker kann man heute also auch viel herumkommen.

Weitere Informationen unter:

Text: Hochschulanzeiger Nr. 74, 2004
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor