08. Oktober 2008

Studieren auf Kosten der Eltern

Abgenabelt wird später

Von Meike Laaf




18. Juni 2007 
Studieren wird in Deutschland immer mehr zur Familienangelegenheit. Neun von zehn Studenten beziehen Geld von ihren Eltern - dabei kommen Mama und Papa im Durchschnitt für gut die Hälfte aller anfallenden Studienkosten auf. Und auf die eigene Studentenbude verzichtet jeder fünfte.

„Sei du mal ganz ruhig - du kriegst doch von zu Hause alles finanziert.“ Solche Sprüche muss sich Sebastian Conzen von seinen Kumpels oft anhören. Schließlich bekommt der 22-jährige VWL-Student das Studium von seinen Eltern bezahlt und wohnt noch zu Hause. Doch so ungewöhnlich ist das gar nicht. Immerhin bei 12 Prozent aller Studierenden sind die Eltern die einzige Einnahmequelle.

Sebastian Conzen und seine ältere Schwester Stefanie, die Jura in Gießen studiert, sollen sich auf die Ausbildung konzentrieren und sich nicht mit Nebenjobs ablenken - da sind sich ihre Eltern einig. Doch da das Familieneinkommen für einen Bafög-Antrag einfach zu hoch ist, zahlen sie ihren Kindern den Lebensunterhalt - und ab dem nächsten Semester auch zweimal 500 Euro Studiengebühren. Dass sie ihre Kinder unterstützen, ist für die Conzens kein großes Thema, nur übermäßig verwöhnen wollen sie ihren Nachwuchs nicht: „Die Frage ist doch, ob man den Kindern das Geld in den Rachen schmeißt oder ob sie wissen, dass das Geld nicht einfach so nachwächst“, sagt Frau Conzen.

Als Sebastian zum Beispiel einen Studienplatz in seiner Heimatstadt Köln bekam, haben sich seine Eltern geweigert, ihm sofort eine eigene Wohnung zu zahlen. „Das fand ich auch in Ordnung“, so der Sohn, der heute im vierten Semester ist und noch immer zu Hause wohnt. Auch in diesem Punkt ist Familie Conzen kein Einzelfall: Laut Studentenwerk lebt jeder fünfte Studierende bei seinen Eltern - Tendenz steigend. Doch so angenehm es ist, bekocht und bebügelt zu werden, das Zusammenleben mit den Eltern habe auch seine Schattenseiten, gibt Sebastian zu: „Ich habe wie zu Schülerzeiten immer noch das Gefühl, mich abmelden zu müssen. Da sind andere, die nicht mehr bei ihren Eltern wohnen, schon freier.“ Nächstes Frühjahr wird er ein Auslandssemester in Tokio machen, und danach wird es wohl Zeit für ihn, sich endgültig abzunabeln und auszuziehen. Das findet auch seine Mutter.

Gleich zwei Kinder, die noch studieren, das ist eine ziemlich große finanzielle Belastung für die Familie. Zwar bekommt Sohn Sebastian pro Monat nur 200 Euro von seinen Eltern plus hin und wieder mal ein paar Euro für ein Essen mit der Freundin oder einen Kasten Bier. Dafür müssen die Eltern für das Studium von Tochter Stefanie, die auswärts studiert, schon etwas tiefer in die Tasche greifen: 920 Euro geben sie ihr monatlich für Wohnung, Essen und den Jura-Repetitor. Hinzu kommen demnächst die Studiengebühren für beide Kinder - das kann sich nicht jede Familie leisten. Das ergab auch die letzte Sozialstudie des Studentenwerks. Die Mehrzahl der Studierenden kommt aus wohlhabenden Familien; die Eltern haben hohe Bildungsabschlüsse und sind beruflich gut positioniert.

Immerhin: Das Rundum-Sorglos-Paket von Sebastian hat Früchte getragen: Schon nach drei Semestern hat er sein Vordiplom in VWL geschafft und damit ein ganzes Semester weniger, als es die Regelstudienzeit vorsieht. Viele seiner Freunde, die nebenher jobben, hätten länger gebraucht. „Ich versuche, so schnell wie möglich mit dem Studium fertig zu werden“, so sein erklärtes Ziel „Aber den Druck mache ich mir selbst, der kommt nicht von meinen Eltern.“ In zehn Semestern will er fertig sein - durchschnittliche Studiendauer an der überfüllten Uni Köln sind 14 Semester. „Wir stehen nicht ständig hinter ihm und gucken ihm über die Schulter“, sagt seine Mutter.

Wir haben natürlich schon verlangt, dass sich die Kinder kritisch damit beschäftigen, was sie da eigentlich studieren wollen und wie die beruflichen Aussichten sind.“

Und auch dass Sebastian VWL studiert und Tochter Stefanie mit dem Jura-Studium in die Fußstapfen von Vater Joachim tritt, sei keine Vorgabe von ihr und ihrem Mann gewesen, meint Frau Conzen. „Aber wir haben natürlich schon verlangt, dass sich die Kinder kritisch damit beschäftigen, was sie da eigentlich studieren wollen und wie die beruflichen Aussichten sind.“ Sebastian zum Beispiel habe als Gymnasiast mit einem Geschichts- und Politikstudium geliebäugelt - aber letztendlich habe er eben nicht gewusst, was man damit später einmal anfangen könne. Um ihn bei der Entscheidung zu unterstützen, ist Frau Conzen mit ihrem Sohn sogar extra zu einer Berufsberaterin nach Düsseldorf gefahren, um seine Stärken und Neigungen analysieren zu lassen. Mathe sei sein Ding, fand die Beraterin heraus und empfahl ein BWL-Studium. „Hätte jetzt eines von beiden Kindern das Studienfach wechseln wollen, wäre das auch kein Problem gewesen“, meint Yvonne Conzen. Schließlich hatte sie selbst ihr Germanistik- und Philosophiestudium schnell an den Nagel gehängt. Ihr sei es aber wichtig gewesen, die Kinder gerade am Anfang gut zu beraten, damit sie nicht zu lange das falsche Fach studieren. „Das ist eben eine Frage von Erziehung“, meint sie. „Eigenverantwortung muss man Kindern schon früh beibringen. Wenn sie erst einmal volljährig sind, ist es auch schon zu spät.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 91, 2007