18. Oktober 2004
Trotz leichter Stagnation bietet die Bahnbranche Ingenieuren gute Perspektiven: Die Aufspaltung des Arbeitsmarktes verlangt nach Spezialisten für Innovationen, während der größte Arbeitgeber Deutsche Bahn AG den Einstieg für Absolventen und Young Professionals unter attraktiven Bedingungen anbietet.
"Einen ICE mit 300 km/h über die Neubaustrecke von Köln nach Frankfurt zu steuern, ist schon ein tolles Gefühl. Und einen Nahverkehrszug an einem Kleinstadt-Bahnsteig punktgenau zum Stehen zu bringen - das ist eine echte Herausforderung." Georg Aipperspach (29) ist kein Lokführer, und dennoch hat er den Bahnverkehr auf diese Weise an der Basis kennengelernt. Wie jeder Trainee bei der Deutschen Bahn AG: "Die verkürzte, zweimonatige Lokführerausbildung ist fester Teil beim Einstiegsprogramm für Absolventen", erzählt Aipperspach. "Und wirklich eine spannende Station."
Nach seinem Maschinenbaustudium an der RWTH Aachen mit der Fachrichtung Produktions- und Fertigungstechnik wollte Georg Aipperspach zu einem Unternehmen, das ihm die Möglichkeit zur Weiterentwicklung bietet: "Nicht zuletzt durch die Übernahme der Stinnes AG ist die Deutsche Bahn so gut aufgestellt wie keine andere in Europa und macht derzeit einen großen Wandel durch. Ich dachte mir, daß man dort sicher etwas bewegen kann." Als Trainee im Bereich Bereitstellung und Instandhaltung bei der DB Fernverkehr AG beschäftigt sich Aipperspach mit unterschiedlichen Projekten zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit. Da geht es zum Beispiel um die Verringerung von Störungen an ICE- und IC-Zügen. "Dazu können wir nur Züge betrachten, die länger als vier Stunden abgestellt werden, also zum Beispiel über Nacht", berichtet Aipperspach. "Dann werten wir verschiedene Informationsquellen aus - von der Art und Anzahl bereits bestehender Störungen über die eigentliche Behebung und Mitarbeiterplanung bis hin zu Möglichkeiten der geeigneten Verbuchung von Arbeitsaufwänden."
In einem weiteren Projekt schaute der Bahn-Trainee Handwerkern in den ICE-Instandhaltungswerken über die Schulter. Das Ziel: Werkstatt, Bereitstellung der Züge und die Arbeitsvorbereitung sollten unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten optimiert werden. "Es galt, die Informationen über den Zustand eines anrollenden Zuges so zu bündeln, daß Vorbereitungen bereits vor der Ankunft getroffen werden können und die Standzeit des Zuges in der Werkhalle so kurz wie möglich gehalten werden kann", erklärt Aipperspach.
In seinem Job muß er sowohl pragmatisch handeln - wenn er zum Beispiel den Werkstattmeistern Projektinhalte nahe- bringt - er muß aber auch bei der Entwicklung von Konzepten die hohe Theorie beherrschen. "Gerade die Kombination aus beidem finde ich sehr motivierend", sagt Aipperspach. Ingenieure auf dem Feld der Bahntechnik wie Georg Aipperspach sind begehrte Fachkräfte: "Selbst bei Firmen mit offiziellem Einstellungsstopp werden hochqualifizierte Spezialisten gesucht und zu guten Konditionen eingestellt", weiß Prof. Dr. Markus Hecht, Sprecher des Interdisziplinären Forschungsverbundes Bahntechnik (IFV). Der Grund sei eine chronische Unterbesetzung in der Vergangenheit, die einen Nachholbedarf bewirkt habe. "Aber auch auf den interessanten Auslandsmärkten für Engineering ist in der Bahntechnik mit erheblichen Zuwächsen zu rechnen."
Jeder zweite Nachwuchsingenieur kann in überschaubarer Zeit bei uns Führungskraft werden.
Trotz einer spürbaren Stagnation in der Branche durch zurückgehende Aufträge besonders im Infrastrukturbereich bestätigt Michael Clausecker, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland (VDB), daß "Ingenieure in der Bahnindustrie immer gesucht" werden. "Wir gehen von einem kontinuierlichen Wachstum in den nächsten Jahren aus, das sich vor allem in einem steigenden Bedarf an Ingenieuren für Entwicklung sowie Projekt- und Qualitätsmanagement niederschlagen wird." Die Bahnindustrie in Deutschland wird wesentlich geprägt durch das Miteinander von großen Systemhäusern, wie Alstom, Bombardier oder Siemens, und einer breitaufgestellten, mittelständisch geprägten Zulieferindustrie. "Und auf ihr basiert auch der Erfolg der Bahnindustrie in Deutschland", so Clausecker. "Unsere mittelständische Zulieferindustrie hat sich in den zurückliegenden Jahren zu einem der produktivsten und innovativsten Wirtschaftszweige entwickelt. Alles, was man zur Herstellung von Bahnsystemen benötigt, ist in führender Technologie hierzulande erhältlich."
Da heute anders als noch vor wenigen Jahren große Teile der Wertschöpfungskette nicht mehr bei den Herstellern seien, komme es laut VDB-Geschäftsführer Clausecker immer mehr darauf an, das Zusammenspiel zwischen eigener Entwicklung, der Produktion und den Lieferanten zu managen: "Ingenieure haben in der Bahnindustrie deshalb die außergewöhnliche Chance, schon relativ jung die Projektverantwortung für ein Subsystem oder ein Projekt zu übernehmen." Daß sich der Arbeitsmarkt für Bahntechnik-Spezialisten dabei zunehmend diversifiziert, bemerkt IFV-Sprecher Prof. Dr. Markus Hecht: "Voll im Trend liegen selbständige Ingenieurbüros mit innovativen Arbeitsschwerpunkten. Fahrdynamische Simulationstechniken oder Fahrgastkomfort, zum Beispiel durch die Klimatisierung von Schienenfahrzeugen, um nur zwei Schwerpunkte zu nennen." Auch das Thema Sicherheit, insbesondere Brandsicherheit, sei zukunftsträchtig - ebenso wie das Fachgebiet Eisenbahnakustik, zu dem der IFV auch Seminare anbietet.
Im vergangenen Jahr konnte die Bahnindustrie ihren Umsatz auf die Rekordsumme von 9,9 Milliarden Euro steigern, wozu vor allem das Exportgeschäft beigetragen hat. Mittlerweile macht es 42 Prozent der Gesamtleistungen aus. Die im vergangenen Jahr rund 1.000 neuen Arbeitsplätze wurden überwiegend in den mittelständischen Unternehmen geschaffen, über 40.000 Menschen arbeiten direkt in den Werken. Größter Arbeitgeber ist selbstverständlich die Deutsche Bahn AG, die mit ihren diversen Töchtern wie Netz, Regio, Railion und Schenker rund 230.000 Menschen beschäftigt und damit zu den zehn größten Arbeitgebern Deutschlands zählt. "Wir bieten dem Fach- und Führungsnachwuchs deutlich mehr, als der eine oder andere vermutet", sagt Roger Paeth, Personalleiter der Deutschen Bahn AG. "Nach zehn Jahren Bahnreform sind wir nicht mehr nur ein Eisenbahnunternehmen, sondern entwickeln uns zu einem der führenden internationalen Mobilitäts- und Logistikdienstleister." Ein vielfältiges Aufgabenspektrum für motivierte Absolventen und Young Professionals stehe deshalb zur Verfügung. Ein Schmankerl bietet die Bahn mit einem die Konzernbereiche übergreifenden Netzwerk aller Nachwuchskräfte, der sogenannte TraineeClub. Seminare, Exkursionen und natürlich auch Partys dienen zum Austausch.
"Die Karriereaussichten sind bei der Bahn ausgezeichnet", sagt DB-Personalleiter Paeth. Das liege nicht nur an der Förderung und Unterstützung des Nachwuchses durch gezielte Programme. "Im Verlauf der nächsten fünf Jahre werden wir in den technischen Bereichen viele Führungskräfte im mittleren Management aus Altersgründen verlieren. Rechnerisch kann dann jeder zweite Nachwuchsingenieur in überschaubarer Zeit Führungskraft bei uns werden."
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