19. Januar 2004
Die deutsche Finanzwirtschaft ist mit ihren Controlling-Systemen der Industrie lange hinterhergestolpert, jetzt holt sie auf. Experten sagen: Die Verluste der letzten Jahre wären nicht so drastisch gewesen, wenn die Banken ihre Verlustbringer besser gekannt hätten. Der Lernprozeß war schmerzhaft und bringt Controllern neue Aufgaben.
Die negative Entwicklung der Wirtschaft und der Kapitalmärkte war in ihrem Ausmaß so nicht vorhersehbar", faßt Dr. Gabriele Pfeufer-Kinnel die Erfahrungen der letzten Jahre zusammen. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge seien komplexer geworden, das Bankenumfeld kompetitiver. Die Unternehmen seien gefordert, immer schneller auf wechselnde Marktbedingungen zu reagieren - so skizziert die Referatsleiterin für Grundsatzfragen im Konzern-Controlling der Dresdner Bank AG, Frankfurt am Main, die aktuellen Rahmenbedingungen ihrer Arbeit. Wie andere Kreditinstitute auch begegnete die Dresdner Bank den geänderten Marktgegebenheiten mit Kostensenkungsprogrammen und einer Konzentration auf ihr Kerngeschäft. Gute Zeiten für Controller: "Strukturveränderungen bringen einen verstärkten Informationsbedarf mit sich", weiß Pfeufer-Kinnel. Diese Informationen liefern Controller. "Der Beruf ist anspruchsvoller geworden. Sie brauchen heute neben analytischen Fähigkeiten Managementqualitäten und ein gutes Verständnis für das Geschäft", erklärt die Controllerin.
Die Ertragsentwicklung der deutschen Kreditwirtschaft war 2002 weiterhin angespannt, die Betriebsergebnisse und Jahresüberschüsse sind erneut niedriger als im Vorjahr ausgefallen, teilt die Deutsche Bundesbank in ihrem Monatsbericht vom September 2003 mit und hofft, daß die deutschen Banken nun "die Talsohle durchschritten" haben. Die Banken haben die Wende mit dem Rotstift geschafft: Für ihre Verwaltung gaben die Institute 2002 drei Milliarden Euro weniger aus als im Vorjahr (insgesamt 78,3 Mrd. Euro). Die Hälfte dieser Einsparungen erreichte sie durch Personalabbau: Das private Bankgewerbe schickte 12.000 Mitarbeiter nach Hause - drei Mal mehr als im Vorjahr. Die Sparkassen entließen 4.000 Menschen. 100 Institute und 2.245 Bankfilialen wurden geschlossen, und trotzdem schrieben die Banken keine guten Zahlen.
Ich bekomme einen guten Überblick über das, was im Konzern passiert.
Unter diesen Umständen wird Banken-Controlling zunehmend wichtig und zwar nicht nur in den traditionellen Controlling-Bereichen. Laut Lars Gehner, Partner der Mercer Management Consulting, haben sich fünf weitere Controlling-Felder etabliert: Vertriebs-Controlling, Investitions-Controlling, IT-Controlling, Projekt-Controlling und Personal-Controlling. "Eine Spezialisierung der Controlling-Tätigkeiten ist aufgrund der stark unterschiedlichen Anforderung an die Controlling-Funktion zwingend notwendig", legte er in einem Vortrag am Lehrstuhl für Unternehmensführung und Controlling an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg dar. Für alle Bereiche gelte zunehmend, daß "zur Durchsetzung der Wissensvorsprünge des Controlling immer stärker weiche Kompetenzen notwendig" sind, die seiner Meinung nach schon im Studium berücksichtigt werden sollten. "Verhandlungsgeschick, Projekterfahrung, Teamfähigkeit, Persönlichkeit" - darauf legt auch Ursula Verbeet, Personalerin der Landesbank NRW, großen Wert. Wer sich für einen Berufseinstieg im Controlling interessiert, sollte idealerweise BWL mit Schwerpunkt Rechnungswesen studiert oder sich in seiner Diplomarbeit, in Praktika oder in einer Ausbildung vor dem Studium mit diesem Thema befaßt haben. Aber bitte nicht nur das! Die Landesbank legt Wert auf eine breite und fundierte Ausbildung, außerdem auf praktisches Verständnis. "Wir schauen immer auf den einzelnen Menschen, ob er in das Gefüge der Bank paßt", sagt Verbeet. Ein einheitliches Idealprofil für Berufseinsteiger im Controlling möchte sie nicht festlegen, denn sie bedenkt bei jeder Einstellung gleich mit, wie jemand sich im Laufe seiner Karriere weiterentwickeln, also auch in anderen Stäben eingesetzt werden könnte.
Kerstin Tschapowetz zum Beispiel hat Handelswissenschaften mit den Schwerpunkten Kreditwirtschaft und Arbeitsrecht an der Wirtschaftsuniversität Wien studiert, jetzt arbeitet die 25jährige Österreicherin im Bereich Bilanzen und Bilanzstrukturmanagement der Landesbank NRW. Sie fühlt sich in der Welt der Zahlen ausgesprochen wohl und in Düsseldorf mittlerweile auch. "Zur Zeit schreibe ich an den Fachkonzepten mit", skizziert sie ihre Aufgabe. "Wir müssen schauen, welche Daten nach IAS und HGB gleich behandelt werden können, und welche nicht." Die Landesbank stellt 2006 von der Rechnungslegung nach dem deutschen Handelsgesetzbuch (HGB) auf International Accounting Standards (IAS) um. Daneben unterstützt Tschapowetz die Rechnungslegung der bankeigenen Wohnungsbauförderungsanstalt und die der öffentlichen Bank. Ein breites Aufgabenspektrum, das weit über das hinausgeht, was sie in Wien studiert hat.
Es muß nicht immer ein Unistudium sein: Ins Banken-Controlling führen viele Wege. Nicole Müller zum Beispiel hat parallel zu ihrer Ausbildung bei der Postbank einen FH-Abschluß an der Hochschule für Bankwirtschaft (HfB) in Frankfurt am Main erworben. Jetzt arbeitet die 24jährige im Controlling der Bonner Zentrale, Abteilung "Management Reporting". An ihrem Schreibtisch entsteht zur Zeit etwas ganz Neues: Eine Profit-Center-Rechnung für die einzelnen Verantwortlichen in den Bereichen Handel und Treasury. Was das ist? "Es geht um einen Bericht über die Ertragssituation der Abteilung", erklärt Nicole Müller. Dafür schafft sie derzeit die Grundlagen. Wenn das Modell fertig ist, wird sie die erste Rechnung durchführen.
Wir schauen auf den Menschen, ob er in das Gefüge der Bank paßt.
Neben diesem Einstieg ins Controlling bietet die Postbank auch ein fachspezifisches Traineeprogramm an. Es setzt sich zusammen aus Praxiseinheiten, die individuell kombiniert werden, aus Seminaren und Workshops. "Wenn Sie Ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften, Mathematik oder Wirtschaftsmathematik erfolgreich abgeschlossen haben, bringen Sie für dieses Traineeprogramm die maßgebliche Voraussetzung mit", informiert die Postbank. Wer außerdem eine kaufmännische Berufsausbildung vorweisen kann, hat die besten Karten.
Auch wenn in den Banken der Rotstift regiert - die Gehälter können sich sehen lassen: Führungskräfte auf der ersten Berichtsebene privater Banken tragen durchschnittlich 144.000 Euro pro Jahr nach Hause, ihre Kollegen in öffentlich-rechtlichen Instituten bekommen 100.000 Euro, in den genossenschaftlichen Häusern immerhin noch 72.000 Euro, so eine Analyse der Kienbaum Vergütungsberatung vom Januar 2003. Einen immer größeren Anteil des Jahressalärs machen variable Vergütungsbestandteile aus: Für 90 Prozent der besagten Führungskräfte in privaten Bankhäusern sind solche Bestandteile vorgesehen, in anderen Bankengruppen immerhin noch über 60 Prozent. Interessant für Berufseinsteiger und Young Professionals: Variable Vergütungssysteme, die das Erreichen zuvor vereinbarter Ziele honorieren, werden zunehmend auch bei Mitarbeitern der unteren Hierarchieebenen eingeführt, regelmäßig überprüft und gezielt weiterentwikkelt. Womit wir wieder beim Thema Controlling wären.
Weitere Informationen unter:
www.bdb.de (Bundesverband deutscher Banken)
www.dresdner-bank.de
www.postbank.de
www.lbnrw.de (Landesbank NRW)