18. Oktober 2004
Ingenieure aus dem Bereich Schiffbau und Meerestechnik sind Exoten der Branche. Jobmäßig steht ihnen das Wasser jedoch keineswegs bis zum Hals: Werften und Zulieferer vermelden konstanten Bedarf - für einmalig spannende Projekte, deren Inhalte sich nur selten wiederholen.
"Für unser Geschäft brauchen wir Zupacker von echtem Schrot und Korn, die gleichzeitig mit einer der kompliziertesten und modernsten Industrien überhaupt Schritt halten können", bringt Werner Peters das Wesen des Schiffbaus auf den Punkt. Der Personalleiter bei Blohm + Voss ist seit über dreißig Jahren im Schiffbau aktiv und weiß, daß der Spagat zwischen steigendem Innovationsdruck und historisch gewachsenen Strukturen typisch für die Branche ist. "Man muß schon ein bißchen verrückt sein, um mit den immer wieder neuartigen Herausforderungen arbeiten zu können. Aber wer schon einmal drei Tage vor Fertigstellung durch einen Dampfer gelaufen ist, weiß auch, daß es das wert ist."

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Obwohl die maritime Industrie Ingenieurnachwuchs aus Maschinenbau, Elektrotechnik oder Wirtschaftsingenieurwesen bei Werften, Zulieferunternehmen und Ingenieurbüros ausgezeichnete Berufsaussichten bietet, übersteigt der Bedarf nach wie vor die Zahl der Interessierten. Nur 70 Absolventen schiffs- und meerestechnischer Studiengänge wird es in diesem Jahr geben, schätzt der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). Gesucht werden allerdings 120. Insgesamt steht der maritime Sektor derzeit für rund 150.000 Arbeitsplätze mit einem Jahresumsatz von 20 Milliarden Euro.
"Weil wir nicht von der Stange produzieren, ist das Geschäft ungeheuer abwechslungsreich."
"Der nicht-technische Anspruch ist bei uns eben bei weitem höher, als man vielleicht glaubt", sagt Thomas Minks, Schiffbauingenieur und Projektleiter bei Blohm + Voss. "Wer keine Ahnung von Küste und See hat, wird es im Schiffbau schwer haben, weil er den rauhen Wind nicht kennt." Menschenkenntnis im Umgang mit gewachsenen Haudegen der Branche und Durchhaltevermögen in krisengeschüttelten Zeiten bei international hartem Wettbewerb gehörten zum Joballtag. Der 34jährige Thomas Minks hat durchgehalten und dabei eine erstaunliche Karriere hingelegt: Mit 16 Jahren begann er eine Schlosserlehre bei Blohm + Voss. Nach dem Abitur an der Abendschule studierte er bis 1998 Schiffbau in Hamburg, stieg als Projektleiter zur Einführung der Lasertechnik im Unternehmen ein, war lange im Stahlschiffbau tätig und übernahm schließlich im vergangenen Jahr die größte Abteilung bei Blohm + Voss: Vom Rohrwerk über Schlosserei bis zur Malerei ist ihm alles unterstellt, was mit der Ausrüstung der Schiffe zu tun hat.
Die hohe Innovationstätigkeit der Branche hat den Ingenieurbedarf kontinuierlich steigen lassen.
"Gleichzeitig bin ich Projektleiter für zwei Containerschiffe, die wir derzeit bauen", berichtet Minks, der im neuen Geschäftsjahr die Planungsabteilung des Unternehmens leiten wird. Erst kürzlich haben Blohm + Voss, die Kieler Werft HDW sowie die Nordseewerke in Emden unter dem Dach des ThyssenKrupp-Konzerns fusioniert. Bereits zuvor gehörten die beteiligten Werften weltweit zu den Marktführern. "Weil wir im Prototypenbau nicht von der Stange produzieren, ist das Geschäft ungeheuer abwechslungsreich", beschreibt Minks die Faszination für seinen Beruf. "Bei jedem Auftrag ein neues Schiff und ein neuer Kunde. Morgen kann das Telefon klingeln, und ich bin plötzlich irgendwo im Fernen Osten unterwegs."
Daß sich die Globalisierung in der Schiffbauindustrie entscheidend auf Produktionsweisen und Qualifikationsanforderungen auswirkt, betont Dr. Ralf Sören Marquardt, Referent für Schiffstechnik beim VSM: "Die Internationalität beschränkt sich nicht nur auf die Kundenseite, sondern umfaßt den ganzen Produktionsprozeß." Werften seien heute Integrationsfläche für ein weitverzweigtes Netzwerk von Zulieferunternehmen. "Diese Strukturen betreffen auch die Produktentwicklung, die in zunehmendem Maße parallel mit Ingenieurbüros durchgeführt wird." Ein neuer Ingenieurtypus sei deshalb gefragt: "Im Vordergrund steht eher methodische Kompetenz bei der Anwendung von Grundlagenwissen auf technische Probleme als Spezialkenntnisse, deren Halbwertzeit abnimmt", so Marquardt. "Außerfachlich wächst der Bedarf an Fremdsprachen, Projektmanagement- und Logistikkenntnissen sowie Kommunikationsfähigkeit und Mobilität." Die hohe Innovationstätigkeit der Branche hat den Ingenieurbedarf kontinuierlich steigen lassen, ab 1980 hat er sich fast vervierfacht und liegt heute bei über 20 Prozent der Belegschaft in der maritimen Industrie.
"Dabei ist angesichts der geringen Absolventenzahlen die Arbeitsmarktlage nicht nur für Schiffbauingenieure als gut zu beurteilen", sagt Jörn Matthießen, Personalentwickler bei der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft. "Auch für andere Fachrichtungen der Ingenieurwissenschaften sind die Chancen positiv, weil sich der Bereich Schiffbau und Meerestechnik immer wieder innovativen Produkten der Zukunft stellen wird." Die Möglichkeiten der Branche waren auch Markus Brinkmann (30) anfangs nicht bewußt. "Ursprünglich wollte ich Maschinenbau studieren und wußte gar nicht, daß es auch eigene Studiengänge für Schiffbau gibt", erzählt er. "Weil ich hobbymäßig aber immer schon mit Wassersport zu tun hatte, erschien mir Schiffbauingenieur als Traumberuf - und das ist bis heute so geblieben."
An der Uni Duisburg absolvierte Markus Brinkmann bis 2001 ein Schiffbaustudium und arbeitet heute als Konstrukteur im Stahlschiffbau der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft. In seiner Abteilung werden alle Stahlbauteile am Computer konstruiert, nachdem die Entwurfsabteilung festgelegt hat, wie groß, breit und hoch ein Schiff sein muß oder wie viele Fahrzeuge zum Beispiel auf wie viele Decks passen müssen. "Wir berechnen dann alle Bauteile auf ihre Festigkeit, legen die Dicke der Stahlplatten fest oder die Anzahl und Position der Versteifungen", berichtet Brinkmann. "Salopp gesagt passen wir auf, daß das Schiff nicht auseinanderbricht, wenn es bei starkem Wellengang beladen unterwegs ist." 200 Meter lang, 31 Meter breit, fünf Decks und eine Kapazität von 848 Containern, 260 Lkw sowie 656 Pkw: So sehen die Eckdaten von Brinkmanns aktuellem Projekt aus, ein sogenanntes ConRo-Schiff für eine belgische Reederei. ConRo heißt, daß LKW auf- und abfahren und Container an Deck gestaut werden können.
Ich passe auf, daß das Schiff nicht auseinanderbricht, wenn es beladen unterwegs ist.
Obwohl Markus Brinkmann die Branche nicht wie viele seiner Kollegen von der Pike auf kennengelernt hat, weiß er inzwischen längst, worauf es ankommt: "Man muß auch dafür geboren sein, Schiffbauer sind schon ein besonderes Grüppchen." Die Begeisterung für Schiffe sei Voraussetzung: "Der Anblick eines fertigen Schiffes in der Bauhalle und die Gewißheit, selber einen Anteil an solch einem Koloß zu haben, ist Motivation genug." Dem Nachwuchs rät Markus Brinkmann, eine hohe Belastbarkeit mitzubringen: "Denn Schiffbau ist immer zeitkritisch." Was das Auf und Ab in der Industrie betrifft, empfiehlt der Konstrukteur eine gehörige Portion Gelassenheit: "Seit zwanzig Jahren stehen Werften immer wieder kurz vor der Pleite. Man darf sich davon nicht verunsichern lassen."
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