12. Dezember 2009

Mergers & Acquisitions

Das Fusionskarussell dreht sich wieder

Von Karin Leppin



19. Januar 2004 
Es ist noch immer die Königsdisziplin für Banker und Unternehmensberater: das Einfädeln von Fusionen und Übernahmen. Nachdem das Fusionskarussell in den vergangenen Jahren irrwitzig gewirbelt ist, sind heute wieder kühle Strategen mit Gefühl fürs richtige Tempo gefragt.



Als er ins Investment-Banking einstieg, befand sich die Branche mitten in der Krise. Eine Riesenchance, sagt er heute. "Es gab relativ wenige Leute und sehr viel zu tun, so daß wir in meinem Einstiegsjahrgang schon sehr früh Verantwortung übernehmen konnten", berichtet Carsten Hagenbucher. Das war 2002 - in dem Jahr also, als die Private-Equity-Investitionen in Deutschland auf 5,7 Milliarden Euro und damit auf den Tiefpunkt gesunken waren. Damals begann er nach seinem BWL-Studium in Oestrich-Winkel und mit einem amerikanischen MBA in der Tasche als Analyst im Investment-Banking bei JPMorgan. Seit dem zweimonatigen Training in New York, bei dem er seine Kollegen aus der ganzen Welt kennenlernte, sitzt er mitten in Londons Finanzzentrum und tut das, was seine Berufsbezeichnung nahelegt: Er analysiert. Märkte, Firmen, Branchen, Gesetzeslagen, Steuervorteile. Darüber verfaßt er Memos und Branchenberichte. Er rechnet in Excel Szenarien für alternative Bewertungs- und Finanzierungsvarianten durch und bereitet Managementpräsentationen vor. Wegen der potentiellen Tragweite seiner Arbeit und der steilen Lernkurve ist Hagenbucher von seinem Job begeistert: "Ich lerne jeden Tag aufs Neue und arbeite mit äußerst intelligenten Leuten in einem internationalen Team zusammen." Konzentriert und präzise steuert das Team komplexe Transaktionen. "Die Fehlertoleranz der internen wie externen Kunden ist gering", so der 26jährige.

„Die Anforderungen für ein Praktikum sind fast so hoch wie für einen Job selbst.“

Auch wenn das Bild von Investment-Bankern einige Schrammen bekommen hat und viel vom coolen und beneidenswerten Lifestyle verloren- gegangen ist - ein lohnenswerter Job ist es allemal, betonen junge Analysten. Zumal der Markt für Fusionen und Übernahmen wieder wächst. Laut Bundesverband deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften wurde bereits mit den fünf größten Übernahmen des ersten Halbjahres 2003 der Vorjahreswert überschritten. Viele Nachwuchsanalysten hoffen, eines Tages über den Associate Status und die Position eines Managing Directors ganz nach oben zu kommen. Einige Jahre harter Arbeit, nicht selten bis spät in die Nacht und auch am Wochenende, stehen an, bevor der nächste Karriereschritt folgt. Kein Problem für die strategisch denkenden Energiebündel. Der Lohn ist eine steile internationale Karriere und eine sehr gute Bezahlung.

Der erste Schritt ist fast ausnahmslos ein Praktikum im Bereich Fusionen und Übernahmen, auch Mergers and Acquisitions oder kurz: M&A, genannt. Schon bei der Bewerbung um Praktikumsplätze bei den Investment-Banken sind professionelles Auftreten und viele Qualifikationen gefragt. "Die Anforderungen sind fast so hoch, wie für einen Job selbst", weiß Gertrud Hack, Personalreferentin bei JP Morgan. Denn wer sich im Praktikum bewährt, kann den Einstieg ohne weitere Bewerbungsrunden schaffen. Unter den Bewerbern um Stellen und Praktika wird neben den fachlichen Qualifikationen vor allem die Persönlichkeit genau betrachtet: "Die Einsteiger müssen zu uns passen, Elan haben, unter höchstem Druck noch konzentriert arbeiten können und gleichzeitig teamfähig sein", umschreibt Hack.

An der Universität Witten/Herdecke können Studenten seit einigen Jahren das Fach M&A als Teil ihres Wirtschaftsstudiums wählen. Jetzt soll sogar ein eigenes Schwerpunkt-Modul entstehen. Im deutschlandweit einzigen Institut für M&A wurde ein ganzheitlicher Ansatz für die Ausbildung der Studenten gewählt, so Jan Ising, der das Institut als General Manager betreut. Neben den betriebswirtschaftlichen Fragen zu Finanzierung und Strategie kommen auch juristische Aspekte und Fragen in der Lehre vor. Letztere werden interessant, wenn es darum geht, fusionierte Unternehmen auch auf der Ebene der Mitarbeiter zusammenzuschweißen. Nicht selten zeigt sich hier und nicht an der Börse, ob sich ein Unternehmenskauf wirklich gelohnt hat. Um im M&A richtig gut zu sein, müsse man eine Leidenschaft dafür entwikkeln, beschreibt Ising: "Man muß M&A lieben." Solide Kenntnisse im Bereich Finanzierung und M&A sind in vielen Unternehmensbereichen wertvoll. "Unsere interdisziplinäre Ausbildung mit hoher praktischer Relevanz macht sich in jedem Fall gut auf dem Zeugnis". Bei einer Bewerbung als Assistent des Geschäftsführers ebenso wie als Berater.

Dem kann Ralf Rudolf, Leiter des Hochschulrecruitments bei der Deutschen Bank, nur zustimmen. "Wer bei uns in die Abteilung Global Corporate Finance einsteigt, ist nicht auf diese eine Karriere festgelegt, sondern ist später auch im Firmen- oder Privatkundengeschäft sehr gut aufgehoben." Mit einem anderen Vorurteil räumt Swetlana Wilke, Recruiterin bei der Deutschen Bank, auf: "Es sind keinesfalls nur Wirtschaftswissenschaftler für das Investment-Banking gefragt. Neben VWLern und BWLern kommen auch Juristen in Frage sowie Physiker, Chemiker und andere Naturwissenschaftler." Nur sollten die Quereinsteiger bewiesen haben, daß sie eine Affinität zu Finanzfragen besitzen. Indem sie zum Beispiel entsprechende Praktika vorweisen können und in der Uni auch wirtschaftswissenschaftliche Schwerpunkte gesetzt haben. "Praktika sind essentiell. Wer noch nie ein Praktikum in der Unternehmensbewertung gemacht hat, wird es ungleich schwerer haben", so Wilke.

Es sind keinesfalls nur Wirtschaftswissenschaftler für das Investment-Banking gefragt.“

Bei Meryll Lynch nehmen erfahrene Banker das Recruiting des High-Potential-Nachwuchses selbst in die Hand, erklärt Thomas Racky, Director in der Investment-Bank-Division der Investment-Bank. Sie bleiben als Staffing Officer auch noch dann aktiv, wenn die jungen Analysten schon an Bord sind und achten darauf, daß sie viel lernen - in unterschiedlichen Projekten, in immer neuen Teams. Unter den deutschen Bewerbern werden fast ausschließlich solche mit wirtschaftlichen Fächern ausgesucht, während es in den USA oder England schon mal Exoten sein dürfen: "Sie sind üblicherweise jünger und machen später in der Regel noch einen MBA-Abschluß", so Racky. Neben den Noten, die beweisen, daß der Bewerber zu den Besten gehört, halten die Investment-Banker auch Ausschau nach Spitzenleistungen in der Vergangenheit: "Frühere Erfolge sind ein guter Hinweis darauf, ob jemand in der Zukunft erfolgreich sein wird", begründet Racky. Solche Erfolge können die Bewerber im Sport gehabt haben, im Verein oder in der Politik - aber auch Privates zählt. Dies gilt es in den Bewerbungsgesprächen herauszukitzeln. "Die Bewerber bereiten sich immer professioneller auf die Fragen, die ihnen wahrscheinlich gestellt werden, vor. Da müssen auch wir im Recruiting sehr gut vorbereitet sein." Noch einen zweiten Trend beobachtet Thomas Racky bei den Bewerbern: Im Vergleich zu denen vor einigen Jahren lassen sie sich heute längst nicht mehr vom einst vielgepriesenen Lifestyle der Investment-Banker blenden. "Es werden sehr kritische Fragen gestellt - über den Arbeitsaufwand und die damit verbundene Einschränkung der Lebensqualität", berichtet Racky, der diese Einwände für enorm wichtig hält: "Es ist in unserem Interesse, daß sich die Bewerber ehrlich damit auseinandersetzen, ob sie bereit sind, ungeachtet der sehr interessanten Arbeit, die hohe Arbeitsbelastung der ersten Berufsjahre von teilweise über 80 Arbeitsstunden pro Woche zu leisten."

Weitere Informationen unter:

www.deutsche-bank.de

www.ml.com/careers

careers.jpmorganchase.com/

notesweb.uni-wh.de/wg/wiwi/wgwiwi.nsf/name/ima_profil-DE

Text: Hochschulanzeiger Nr. 70, 2004