18. Juni 2007
Timo Lauterbach (33) studiert Sonderpädagogik im 10. Semester an der Universität Bremen.
Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zum Physiotherapeuten gemacht und arbeite heute einen Tag pro Woche in einem integrativen Kindergarten, um mein Studium zu finanzieren. Dort verdiene ich 420 Euro monatlich, meine Eltern geben noch mal 200 Euro dazu. 620 Euro müssen zum Leben reichen. Aber es wird immer knapper. Die Lebenshaltungskosten steigen, und an der Bremer Uni wurde eine Verwaltungsgebühr von 50 Euro eingeführt. Die hat ordentlich reingehauen. Bei Sonderausgaben müssen meine Eltern einspringen: Im letzten Semester haben wir eine Studienexkursion in die Fränkische Schweiz gemacht. Die 250 Euro hatte ich einfach nicht übrig.
André Resch (24) studiert Jura im 6. Semester an der Universität Würzburg.
Ich habe das Glück, dass mir meine Eltern das Studium zu zwei Dritteln bezahlen. Den Rest verdiene ich mir in den Semesterferien mit Computerbetreuung bei einem Mittelständler dazu. Diesen Nebenjob könnte ich auch sein lassen, aber dann müsste ich auf einiges verzichten. Mir bedeutet es viel, dass ich einmal im Jahr in Urlaub fahren und zwischendurch auch mal Essen gehen kann. Von den Studiengebühren bin ich befreit, weil ich aus einer Familie mit drei Kindern komme. Ich glaube nicht, dass es in Zukunft schwieriger wird, Studium und Finanzierung unter einen Hut zu bekommen. Denn trotz Gebühren kann man sich immer Unterstützung holen - sei es mit einem Nebenjob, über Bafög oder mit Studiendarlehen.
Marie Luise Rauscher (21) studiert Regionalwissenschaften im 4. Semester an der Universität Bonn.
Bis vor kurzem hatte ich noch einen Nebenjob. Dann meinte mein Vater, ich solle die zwölf Stunden, die ich arbeite, zum Lernen verwenden. Er stellte mir ein Ultimatum: Nur wenn du den Job kündigst, bekommst du weiter Unterhalt. Und ganz nebenbei als Bonbon noch zweimal im Jahr 500 Euro. Die wollte ich ihm eigentlich ersparen, aber auch bei uns gibt es ab dem Sommersemester Studiengebühren. Nun lebe ich mit weniger als 350 Euro im Monat. Mein Wunsch, mir endlich ein Laptop zuzulegen, musste ich auf Eis legen. Dabei ist mein alter Rechner so laut, dass ich Ohropax trage, wenn ich in Ruhe davor arbeiten möchte. Aber ich glaube, anderen Studenten geht es noch schlechter als mir.
Tobia Darimont (22) studiert im 4. Semester Medizin an der MedUni in Graz (Österreich).
Ich habe den Numerus clausus für Medizin in Deutschland nicht geschafft, wurde aber in Graz über ein Auswahlverfahren angenommen, wo ich pro Semester 400 Euro Studiengebühren zahle. Dabei werde ich ausschließlich von meinen Eltern unterstützt. Sie bezahlen mir die Miete, die Studiengebühren und auch ein bisschen Taschengeld. Im Semester bleibt mir auf Grund des hohen Lernpensums keine Zeit, um nebenbei zu jobben. Und auch in der semesterfreien Zeit habe ich nicht die Möglichkeit dazu: Zum einen sind die Semesterferien hier nicht so lang wie in Deutschland, zum anderen nutze ich die Zeit für Praktika - und dafür gibt's nun mal keine Vergütung.
Andreas Tussing (22) studiert im 4. Semester Physik an der Uni Heidelberg.
350 Euro pro Monat bekomme ich von meinen Eltern, etwa genauso viel verdiene ich mir mit Nachhilfe und als Aushilfe in einem Diagnostiklabor hinzu. So kam ich bisher gut klar, konnte mir sogar etwas zurücklegen. Durch die Studiengebühren wird es enger. Meine Eltern zahlen die Hälfte der Gebühren, die andere Hälfte bringe ich selbst auf. Das heißt: kein neues Fahrrad, weniger ausgehen. Ich habe schon daran gedacht, einen Studienkredit aufzunehmen. Denn wegen meiner Jobberei werde ich für das Studium wohl länger brauchen als meine Kommilitonen, die nicht arbeiten.
Anne Böttcher (22) studiert im 6. Semester Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Ich finde nicht, dass ich verschwenderisch lebe, aber ich leiste mir halt gerne etwas. Meine große Leidenschaft sind Fernreisen. Letztes Jahr war ich in Amerika, und diesen Sommer werde ich nach Australien fliegen. Außerdem führe ich eine Fernbeziehung, auch das geht ins Geld. Und hin und wieder kaufe ich mir auch gern mal ein paar neue Klamotten. Insgesamt habe ich drei Nebenjobs: Zum einen arbeite ich als wissenschaftliche Hilfskraft in der Uni, dann arbeite ich als Aushilfe in einer Online-Redaktion und schließlich pflege ich noch eine Internet-Seite. Seitdem ich arbeite, bin ich mit dem Geld nicht mehr so knapp wie vorher. Es ist zwar stressig, neben dem Studium so viele Jobs zu haben, aber andererseits machen sie mir auch Spaß und ich lerne dadurch viel.
Mirko Wahlen (25) studiert Latein und Geschichte auf Lehramt im 6. Semester an der Universität Greifswald.
Nach meinem Wehrdienst habe ich zwei Jahre bei der Bundeswehr gearbeitet und gut verdient, bevor ich mit meinem Studium anfing. Jetzt muss ich mit 600 Euro im Monat auskommen, das war schon eine Umstellung. Ich bekomme 400 Euro Bafög und verdiene mir rund 200 Euro mit Nebenjobs dazu, zum Beispiel als Umzugshelfer. Zwar muss ich jeden Cent zweimal umdrehen, bevor ich ihn ausgebe, aber noch ist es machbar, sich auf diese Weise ein Studium zu finanzieren. Doch die Mieten steigen weiter, und durch die erhöhte Mehrwertsteuer ist alles teurer geworden. Ich kann nur hoffen, dass endlich die Bafög-Sätze erhöht werden, was seit 2001 nicht mehr passiert ist.
Christine Zerbst (22) studiert im 5. Semester Geographie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Ich habe kein Bafög beantragt, weil ich eh nichts bekommen würde. Aber ich hätte auch ein schlechtes Gefühl, mit Schulden, die ich bis zu einer bestimmten Frist zurückzahlen müsste, ins Berufsleben zu starten. Meine Eltern bezahlen mir zwar die Miete und etwas Taschengeld - 100 Euro im Monat - aber das geht meistens schon allein für Essen, Bücher und all die anderen Sachen drauf, die ich speziell für die Uni brauche. Derzeit arbeite ich etwa sieben Stunden die Woche in einer öffentlichen Sauna. Dadurch kann ich wenigstens auch mal in den Urlaub fahren oder ins Kino gehen. Ohne diesen Job müsste ich schon sehr enthaltsam leben.
Quoc Thien Vu (28) studiert im 13. Semester Wirtschaftsinformatik an der TU Braunschweig.
Ich will möglichst immer unabhängig sein, deshalb finanziere ich mein Studium komplett selbst. Ich habe mehrere Jobs parallel - als Programmierer, Promoter auf Messen und Nachhilfelehrer. Seit kurzem gelte ich als Langzeitstudent und zahle noch mehr Studiengebühren als die meisten anderen - insgesamt 600 Euro im Semester. Um mir das leisten zu können, habe ich gerade einen weiteren Job angenommen: Ich warte die Rechner in einer Forschungseinrichtung. Ein paar Mal habe ich schon daran gedacht, das Studium hinzuschmeißen und meine eigene Firma aufzubauen.
Maria Quetscher (21) studiert im 4. Semester Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Wiesbaden.
Ich wohne mit meiner Mutter und meiner Schwester zusammen - Kost und Logis sind von daher schon mal umsonst - und von meinem Vater bekomme ich mein Kindergeld ausgezahlt. Ich muss also nicht ständig wie andere meiner Kommilitonen aufs Geld schauen. Eigentlich müsste ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben, weil ich meinen Eltern ja noch auf der Tasche liege, aber irgendwann werde ich mich bei ihnen dafür revanchieren. Ich habe mich auch schon um einen Nebenjob bemüht. Aber wenn ich ehrlich bin, mache ich dies nicht mit dem nötigen Ernst, wahrscheinlich weil ich nicht zwingend auf einen Zusatzverdienst angewiesen bin. Außerdem finde ich mein Studium schon stressig genug.
Alessa Lippert (23) studiert im 4. Semester Gebärdensprache und Sport an der Uni Hamburg.
Das Blöde an Studiengebühren ist, dass man so unfrei gemacht wird und sich noch weniger auf das Studium konzentrieren kann. Ich werde jetzt meine Eltern um noch mehr Geld bitten müssen und wohl auch mehr arbeiten. Mein WG-Zimmer kostet mit allem Drum und Dran 300 Euro im Monat, das zahlen mir meine Eltern. Dazu kommen 150 Euro Kindergeld, und 400 Euro verdiene ich als Kellnerin in einem spanischen Restaurant. Das Geld gebe ich für Essen, Feiern, Konzerte, Ausstellungen, Theater, Bücher und Sankt-Pauli-Spiele aus.
Stefan Haase (22) studiert im 4. Semester Architektur an der Technischen Universität Darmstadt.
Die Anforderungen in meinem Studium sind hoch, ich muss viele Hausarbeiten schreiben und ein Abgabetermin jagt den nächsten. Und richtige Semesterferien habe ich eigentlich auch nicht, viele Seminare und Workshops finden während der vorlesungsfreien Zeit statt. Aber wenigstens schaffe ich es, einmal in der Woche für ein paar Stunden in einer Metallbaufirma zu arbeiten - damit verdiene ich mir so ungefähr 200 bis 300 Euro im Monat. Wenn ich nicht bei meinen Eltern wohnen würde, käme ich damit natürlich nicht hin. Mit der geplanten Einführung der Studiengebühren in Hessen muss ich mich jetzt wirklich ranhalten. Schließlich kann ich es meinen Eltern nicht zumuten, pro Semester für mich und meine Schwester, die in Gießen studiert, 1.000 Euro zu zahlen.