21. Januar 2008
Die zunehmend global agierenden Bauunternehmen können sich über zu wenig Aufträge wahrlich nicht beklagen. Nach dem massiven Personalabbau im letzten Jahrzehnt stellen sie jetzt wieder kräftig ein - zumindest würden sie es gerne.
Die Lage ist dramatisch. Diesen Satz hörte man in den vergangenen zehn Jahren häufig von Vertretern der hiesigen Baubranche. Kein Wunder: Eine ganze Dekade lang ging es mit der Bauwirtschaft immer nur in eine Richtung: bergab. Gelassenheit wäre fehl am Platz gewesen. Jetzt ist der Aufschwung da und mit ihm eine Sorge der ganz anderen Art: Die Bauunternehmen finden nicht genügend qualifiziertes Personal. Es gilt, die Hochschulabsolventen so früh wie möglich einzufangen. Die Personalabteilungen sind quasi mit dem Lasso unterwegs, sagt Heiko Stiepelmann, stellvertretender Geschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie (HDB). Und ergänzt: Die Lage ist dramatisch.
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| Selbst wenn der wirtschaftliche Aufschwung in den Jahren 2009 oder 2010 nachlassen sollte, können die nachrückenden Hochschuljahrgänge den Bedarf an Bauingenieuren nicht decken.
Heiko Stiepelmann, stellv. Geschäftsführer der Deutschen Bauindustrie |
Dennoch ist Aufatmen angesagt. In der Bauwirtschaft sieht es nämlich so gut aus wie lange nicht mehr. Das liegt vor allem am allgemeinen konjunkturellen Aufschwung, durch den vor allem der Wirtschaftsbau und der öffentliche Bau spürbar wieder an Dynamik gewonnen haben. Der Wirtschaftsbau profitiert von den Erweiterungen und Modernisierungen deutscher Unternehmen, die aufgrund der starken Nachfrage größere Kapazitäten brauchen. Der öffentliche Bau wurde durch die bessere Finanzlage der Kommunen angekurbelt. Zur kurzfristigen Erholung der Bauunternehmen trug auch der Bauboom vor der Abschaffung der Eigenheimzulage und der Einführung der Mehrwertsteuererhöhung zum Jahreswechsel 2006/2007 bei. Der Wohnungsbau bereitet der Branche inzwischen aber wieder Sorgen. In den vergangenen Monaten ist er regelrecht eingebrochen, was vor allem den kleineren Betrieben zu schaffen macht. Der HDB rechnet aber trotz der zunehmenden gesamtwirtschaftlichen Risiken für 2008 mit einem Umsatzplus von 3 Prozent für die Bauindustrie. So weit, so schön.
Leider hat die größte Baukrise seit dem Zweiten Weltkrieg auch ihre Spuren hinterlassen. Zwischen 1996 und 2006 wurde rund die Hälfte aller Beschäftigten entlassen. Mit der Philipp Holzmann AG ging trotz der Rettungsversuche des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder eines der größten deutschen Bauunternehmen Pleite. Dass der Bau Deutschlands Sorgenkind war, blieb auch den Abiturienten nicht verborgen. Aufgrund der trüben Aussichten auf dem Arbeitsmarkt entschieden sich immer weniger für ein Bauingenieurstudium. Die Folge: Seit Jahren ist die Zahl der Berufseinsteiger rückläufig. Eine Faustformel aus der Branche besagt, die Industrie benötigt jährlich etwa 4.500 Bauingenieure. 2006 verließen aber nur 3.350 Absolventen die Universitäten oder Fachhochschulen, 23 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Lücke ist da. Und in den kommenden Jahren wird sich das Verhältnis von Jobangeboten und nachfragenden Bewerbern weiter verschärfen - auch weil viele ältere Ingenieure in den Ruhestand wechseln. Jedes siebte Bauunternehmen stieß bereits 2006 bei der Einstellung von Bauingenieuren auf Probleme: 3.200 Stellen blieben unbesetzt - unfreiwillig.
Verzweifelt arbeitet der HDB nun an einer Imageverbesserung der Branche: Wir müssen definitiv das Reden über die Bauwirtschaft als Krisenbranche beenden und unser Low-Tech-Image überwinden, heißt es in einer offiziellen Mitteilung. Die Botschaft müsse sein, dass die Bauwirtschaft eine Vielzahl von technisch anspruchsvollen Berufen bietet, die in einem in Europa einmaligen und vorbildlichen Ausbildungssystem erlernt werden können und die dazu noch gut bezahlt werden.
Des einen Leid ist des anderen Freud. Wer sich von der Baukrise nicht abschrecken ließ und trotzdem Bauingenieurwesen studierte, hat heute glänzende Aussichten auf dem Jobmarkt. Die Absolventen werden von den Unternehmen umgarnt. Wir wollen neue Mitarbeiter möglichst lange an uns binden, sagt Martina Steffen, Personalmanagerin beim Branchenprimus Hochtief. Wie alle anderen großen deutschen Bauunternehmen plant Hochtief 2008 zahlreiche Neueinstellungen. Besonders im Bereich Technische Gebäudeausrüstung sei es bereits im Jahr 2007 schwierig gewesen, genügend Mitarbeiter zu finden. Angesichts dessen führte das Unternehmen in diesem Jahr erstmals ein Mitarbeiter werben Mitarbeiter-Programm ein. Für jeden neuen Bauingenieur zahlte die Personalabteilung 500 bis 4.000 Euro Prämie. Um die Bauingenieure von morgen frühzeitig für sich zu gewinnen, betreiben viele Bauunternehmen verstärkt Hochschulmarketing. Sie zeigen in den Universitäten und Fachhochschulen mit Vortragsreihen oder Workshops Präsenz. Der Bedarf an Bauingenieuren ist gestiegen, aber der Markt leergefegt, bestätigt Max Fries, Personalleiter bei Max Bögl, einem internationalen Baudienstleister aus der Oberpfalz. Suchte Fries in den vergangenen Jahren primär Bauingenieure, um ausscheidende Mitarbeiter zu ersetzen, soll inzwischen die Belegschaft ausgeweitet werden.
Die Lage ist aber nicht überall in der Bundesrepublik gleich rosig. Der wirtschaftsstarke Süden Deutschlands ist ein Job-Eldorado für Bauingenieure - in Baden-Württemberg, Hessen und Bayern können sich die Absolventen aussuchen, wo sie arbeiten möchten. Im Osten der Republik brauchen die Unternehmen zwar auch junge Nachwuchskräfte, aber längst nicht so viele.
Sowieso gilt: Wer sich für die Karriere auf dem Bau entscheidet, sollte mobil sein. Es wird ja nicht jedes Jahr eine große Brücke in einer bestimmten Region Deutschlands gebaut, sagt HDB-Mann Stiepelmann. Wir haben unsere Baustellen nicht nur in Essen, Frankfurt und Dortmund, bestätigt Hochtief-Personalerin Martina Steffen. Das Schlagwort der Stunde heißt auch in der Bauindustrie Globalisierung: Hochtief erwirtschaftet etwa 85 Prozent der Umsätze im Ausland. Konkurrent Strabag schaut sich verstärkt nach deutschem Personal für Baustellen in Russland um. Kaefer und andere deutsche Baufirmen suchen für 2008 weitaus mehr Bauingenieure für den internationalen als für den Heimatmarkt.
Und welche Qualifikationen sollen die mitbringen? Neben den klassischen Studieninhalten ist Wirtschaftskompetenz gefragt. Denn nicht nur der tolle neue Büroturm, sondern auch die Rendite ist am Ende wichtig. Im Baubereich bekommt man sehr schnell sehr viel Verantwortung, sagt Personalerin Steffen. Ein Bauleiter müsse Mitarbeiter führen und technische sowie wirtschaftliche Konsequenzen eines Projektes mittragen. Ohne entsprechende Managementfähigkeiten wird das schwierig. Als Vorbereitung auf den Job durchlaufen die Nachwuchsingenieure bei Hochtief ein 12- bis 18-monatiges Traineeprogramm. Auch damit will man Berufseinsteiger ködern.
Hier gibt´s Jobs für Hochschulabsolventen
Alle großen Bauunternehmen suchen vor allem Hochschul- oder Fachhochschulabsolventen der Bauingenieurstudiengänge. Die Aufgabe eines Bauingenieurs ist nicht mehr allein die Bauausführung, sondern zunehmend auch die Projektentwicklung - von der Planung über die Konstruktion bis zur Ausführung. Übereinstimmung herrscht zudem bei den Wunschprofilen: Die Bewerber sollten bereits Berufserfahrung in der Baubranche gesammelt haben, Englisch als Fremdsprache beherrschen, Verantwortung übernehmen können und mobil und flexibel arbeiten wollen. Übrigens: In der Bauindustrie haben im Jahr 2008 auch Architekten wieder bessere Chancen auf einen Job.
Bauer
Bedarf 2008: mindestens 30 Hochschulabsolventen
http://www.bauer.de
Bilfinger Berger AG
Bedarf 2008: ca. 100 Hochschulabsolventen
http://www.bilfinger.de
Goldbeck
Bedarf 2008: genaue Anzahl steht noch nicht fest
http://www.goldbeck.de
Hochtief
Bedarf 2008: 80 bis 100 Hochschulabsolventen
http://www.hochtief.de
Kaefer
Bedarf 2008: 5 bis 10 Hochschulabsolventen in Deutschland und weitere im Ausland
http://www.kaefer.com
Max Bögl
Bedarf 2008: 30 bis 50 Hochschulabsolventen
www.max-boegl.de
Strabag
Bedarf 2008: ca. 50 Hochschulabsolventen
http://www.strabag.de
Wolff & Müller
Bedarf 2008: ca. 45 Hochschulabsolventen
http://www.wolff-mueller.de
Züblin
Bedarf 2008: ca. 50 Hochschulabsolventen
http://www.züblin.de