23. Juni 2008
Kondome kaufen, Leserbriefe schreiben, auf der Treppe arbeiten: Im Praktikum gibt es viel zu erleben. Und noch mehr zu lernen. Das darf man sich auf keinen Fall entgehen lassen.
Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Auf diesem Gebiet bin ich Expertin, das kann ich fürwahr ohne jede Selbstherrlichkeit mal behaupten. Ich bin Praktikumserfahrungsexpertin. 15 Stück habe ich im Laufe meiner Lehrjahre absolviert. Das erste mit 15, da wollte ich noch Arzt werden. Nach Wochen vergnüglicher Bettpfannenentleerung suchte ich einen anderen Traumjob. Und fing an, wie es in allen Hesses und Schraders empfohlen wird, zu praktizieren, was das Zeitungs-Zunft-Zeug hält. Beim Fernsehen, beim Radio, im Print. Bei Zeitungen, Zeitschriften, Boulevardmedien. Und was soll ich sagen? Es gibt verschiedene Brutplätze, die man als junger Hüpfer anflattern kann - alle mit mehr oder weniger Nestwärme.
Verfasse mal fünf Leserbriefe mit Namen und alle zu einem anderen Thema, vier positive, einen negativen, hier ist das alte Heft.
Regionalableger von Regionalzeitungen sind ziemlich harte Orte. Da wartet zwar für den Praktikanten jede Menge Arbeit, aber nur selten ein eigener Schreibtisch. Ich habe anno 1990 meine Artikel beim Achimer Kurier noch auf einer echten Schreibmaschine getippt, immer an dem Schreibtisch, der gerade leer war, einmal sogar auf der Treppe. Tja, Lehrjahre...., sagte der Chefredakteur. Als der Bürgermeister dieses kleinen Ortes mit zwei Bäckereien und einer einzigen Tankstelle dann zum Wahlkampfstimmungsmachen oder zum Nur mal eben vorbeischauen, wie's so geht der Redaktion frische Berliner vorbeibrachte, brachte er abgezählt für jeden einen mit - nur nicht für mich. Du gehst ja eh nach vier Wochen wieder, sagte er. Und meinte es so! Meinte es tatsächlich so!
Das Schwierige war dann nicht, den Kollegen beim Futtern zuzugucken. Das Schwierige war, vorher das ernste Gesicht hinzukriegen: Nee, klar, das lohnt gar nicht. Ich kann ja schon mal die Tüte wegräumen.
Als Honorar war damals vereinbart worden, dass ich jeden Artikel, den ich schreibe und der veröffentlicht wird bzw. mit meinem Kürzel veröffentlicht wird (alles drei sehr feine Verhandlungsunterschiede!), nach Freien-Manier honoriert bekomme. Also pro Zeile ein paar Kröten. Am letzten Tag verkündete der Chefredakteur: Du hast so reiche Eltern, da können wir bei dir auf eine Bezahlung verzichten.
Ein mitleidiger Redakteur schenkte mir damals einen Plüsch-Pinguin, weil er sich stellvertretend so schämte. Seit dieser Zeit mag ich Pinguine.
Überhaupt die Bezahlung! Praktikanten arbeiten, aber eben nur praktikantenhaft. Weswegen landläufig die Meinung vorherrscht, diese Arbeit sei nichts wert. Was irgendwie auch stimmt. Bei Sat.1 verdiente ich damals 1,03 Mark pro Stunde. Da es immer mal wieder auch 20-Arbeitsstunden-Tage waren, kam ich auf erkleckliche Beträge. Die meisten refinanzierte ich in Wick Medinait und Wick Daymed. Weil ich auf keinen Fall krank sein wollte. Was macht das für einen Eindruck. Das Salär floss umgehend wieder zurück in die deutsche Wirtschaft.
Als Nächstes heuerte ich bei Prinz an, dem Szenemagazin, das damals so unglaublich hipp und modern war. Die Redakteure duzten sich und jeden, der ihnen über den Weg lief. Hunderte von Pizzakartons, Platten-Cover und Rezessionsexemplare lagen wie Legosteine auf einem Spielteppich. Und im Flur stand das einzige Regal auf einem Stapel alter Hefte. Vor halb elf fing keiner richtig an zu arbeiten und juchu! Schon am zweiten Tag konnten alle meinen Namen. Nix Kaffeekochen oder AOK-Gesundheitsfrühstücks-Berichterstattung. Ich durfte richtig Interviews führen, Artikel schreiben, Themen ausdenken. Na ja, zumindest nach einer Woche.
Am Anfang hieß es: Verfasse mal fünf Leserbriefe mit Namen und alle zu einem anderen Thema, vier positive, einen negativen, hier ist das alte Heft. In diesen Tagen stellte ich mir den Spiegel mit Hunderten von Praktikanten bevölkert vor. Der hatte immer fünf Seiten, randvoll mit Leserbriefen. Waren die auch alle gefälscht?
Leserbriefschreiben ist eine höchst delikate Angelegenheit. Ein negativer Leserbrief darf alles sein - nur nicht negativ. Am besten man hält sich an den Dingen fest, die eh außerhalb des Machbaren der Redaktion stehen. Schön, Ihr Bericht über das Wetter, aber ist es nicht furchtbar, dass man über so einen Regen überhaupt noch schreiben muss?
Kritisiert werden darf auf keinen Fall die Art des Autors zu schreiben, die Themenwahl oder der Tenor des Textes. Aus dem simplen Grund: Weil derjenige, der dir den Text hinterher redigiert, immer, immer, immer irgendwie an der Chose beteiligt war. Und dann wird es heikel. Was fandest du denn an meiner Idee nicht gut? - Nichts, ich fand alles gut, aber es sollte doch ein negativer Leserbrief dabei sein. - Aber doch nicht über meinen Text! Diplomatenhochleistungssport.
Aber alles noch besser als das Gegenteil: Man bekommt gar nichts zu tun. Damit strafen Redaktionen mitunter schlechte Leserbriefverfasser ab. Du, im Moment gibt es hier nichts zu tun, ist ein Todesurteil. Denn dann bekommt man die Aufgabe, intelligent, aufgeschlossen und interessiert zu gucken, aber dabei Maulaffen feilzuhalten. Find' ich persönlich noch schwieriger, als liebevolle Negativ-Leserbriefe zu verfassen. Irgendwann fängt man dann doch an. Und säubert die Kaffeemaschine. Spült das Geschirr. Besorgt den besten Döner der Stadt. Und dann ist man drin in der Hiwi-Putzkraft-Falle.
Ich habe an einem einzigen Tag mal Gummistiefel, Aspirin, Brot und Kondome (Nein! Keine Übertreibung!) für die Redaktion kaufen müssen. Das ist dermaßen komfortabel, dass am nächsten Tag auch keiner auf die Idee kommt, dir ein Thema zu geben. Sondern höchstens die Reinigungsabholschnipsel. Eine Freundin von mir hat das Problem kreativ gelöst. Sie hat sich einen Schutzumschlag gebastelt (Titel: Was läuft falsch am Arbeitsplatz, wenn Praktikanten nichts zu tun haben?) und las in aller Seelenruhe Ken Follet. Wer eine gut bestückte Bibliothek zu Hause hat - bitte schön. Alle anderen müssen das Klug-gucken-nichts-tun lernen. Für später.
Oder sich damit trösten, dass sie wenigstens noch unter den Augen aller anderen halbwegs geschützt sind. Es soll auch Praktikumsplätze geben, in denen sich Kameramänner oder Tontechniker an den Praktikantinnen bedienen, als wären sie frisch aufgeschnittene Mortadella. Hallo, liebe Kameraleute, bevor ihr dieses Fisch-Einwickel-Papier endgültig wegschmeißt: Nein, es ist kein Kompliment, von euch angebaggert zu werden und als Sedativum zu hören bekommen: Du willst doch hinterher auch schöne Bilder haben, oder?
Oder? Ich habe gelernt, dass man in berufsbegleitenden Praktika höchstens 30 Prozent über den jeweiligen Beruf lernt. Aber 130 Prozent Sozialkompetenz. Wie man sich in einem hysterischen Rudel seine Grenzen bewahrt. Wie man Frustrationstoleranz übt. Wie man Konflikte austrägt, auch wenn man das schwächste Glied der Gruppe ist.
Die hilfreichen Praktika sind die, die richtiger Mist sind. Weil sie am deutlichsten machen, wie die Branche tickt.
Klingt komisch, aber das ist das Eigentliche, was man in Praktika lernt. Und irgendwie auch das Entscheidende. Denn mal ehrlich: Journalist kann fast jeder werden, wenn er neugierig und lernbereit ist. Dazu muss man keine besonders großen Fähigkeiten haben, bzw. jeder hat irgendwelche Talente, die er irgendwo im Journalismus auch unterbringen kann. Sei es in der Redaktion oder in der Technik, Grafik oder Produktion. Aber zu gucken, ob dieses mitunter merkwürdige Völkchen Journalisten, sensibel, wortgewaltig und mitunter bizarr eitel, zu einem passt, ob man sich an der Kaffeetafel mit denen wohl fühlt, ob man in Redaktionskonferenzen innerlich strahlt und denkt: Toll, ich bin einer von denen oder ob man stöhnt und sich sagt: Nie, nie will ich so werden wie dieser Kameramann - dafür ist ein Praktikum, oder zwei, drei, vier, zehn, sehr gut geeignet.
Alles Bullshit mit einen Fuß in die Tür setzen und vielleicht hinterher dort weiterarbeiten - in Wirklichkeit geht es um eine Sorte Mensch - und die Frage, ob man mit denen dauerhaft auskäme, wenn man müsste. Und das Handwerk lernt man sowieso - beim Machen. Und wo soll man jetzt hingehen? Was sind die besten Praktikumsplätze? Die Zeit? FAZ? Der Spiegel?
Am tollsten sind die Medien, und das ist ein echter Geheimtipp für alle künftigen Praktikanten, die einen schlechten Ruf nach außen haben. Auf Deutsch: Die Regionalredaktion der Bild-Zeitung war in jeder Form vorzüglich, und wäre sie ein Gericht und ich Siebeck, würde ich sagen: Sie ist die beste Currywurst der Republik! Eigener Schreibtisch, eigenes Telefon, sogar eigene Visitenkarten (Praktikant) hatten die da! Dazu eine Chefredakteurin, die einen handfest Kaffee kochen ließ und ebenso handfest auf Außentermine schickte, die sich auch Zeit nahm, mal Texte zu redigieren, die einen Geld verdienen ließ, richtig viel Geld. Die einen davor bewahrte, die Miezen des Tages aussuchen zu müssen, wenn du nicht willst. Die sogar Kollegen losschickte, die einem den Platten am Fahrrad flickten. Und die dafür sorgte, dass man nachts mit dem Taxi nach Hause fuhr, wenn es spät geworden war. Auf Redaktionskosten! Es war, bei aller sonstigen Kritik, Praktikums-Paradieshausen.
Das Fazit also? Praktika meiden? Auf keinen Fall. Nehmt so viel mit, wie ihr kriegen könnt. Macht eins, macht zwei, macht so viele ihr bekommen könnt. Mit jeder neuen Stelle werdet ihr sicherer, was ihr wollt - und was nicht. Mit jeder neuen Redaktion lernt ihr ein Stück weit mehr eure Talente kennen. Lasst euch ausbeuten - und guckt dabei genau, was ihr später aushalten wollt - und was nicht. Die hilfreichen Praktika sind die, die richtiger Mist sind. Weil sie am deutlichsten machen, wie die Branche tickt. Was das für Leute sind, die dort arbeiten und mitunter sogar meinen, Berufsanfänger kommandieren, befehlen, aushalten zu müssen. So, und wenn ihr es dann geschafft habt, dann winkt bald ein Volontariat, eine freie Mitarbeit, eine Redakteursstelle, ein Presseausweis. Und dann gibt es nur noch eine Aufgabe: Erinnert euch lebenslang an diese Zeit. Und helft den Nächstjüngeren!