12. Dezember 2009

Aussteigen

Der Drang nach Selbstverwirklichung

Von Florian Vollmers




21. März 2005 
Tausende von Consultants wagen Jahr für Jahr den Schritt in die Selbständigkeit. Doch nur rund ein Drittel von ihnen ist erfolgreich - ob weiterhin als Unternehmensberater oder mit völlig neuen Geschäftsideen. Das Porträt zweier „Aussteiger".

Daß Thoran Thegemey für die Selbständigkeit geboren wurde, davon ist man sofort überzeugt: „Der größte Fehler meiner Karriere hätte eigentlich nur sein können, das Risiko der Selbständigkeit nicht gewagt zu haben", sagt der 33jährige. Und: „Ein Scheitern als Selbständiger wäre für mich nicht so schlimm wie untätig mit anzusehen, daß jemand anderes die eigene Idee verwirklicht." Lange gewartet hat Thegemey deshalb nicht: Vor knapp einem Jahr eröffnete er unter dem Titel „ZABOOS - The Smoothie Company" in Frankfurt am Main Deutschlands erste Smoothie-Bar, ein neuer Trend aus den USA und Australien: Starke Mixgetränke aus frisch gepreßten Früchten und Joghurt, die eine ganze Mahlzeit ersetzen, werden hier in gepflegt cooler Atmosphäre serviert. Durch sogenannte „Boosts" in den Mixdrinks wird dabei auf ganz spezielle Wirkungen gesetzt: Guaranapulver sorgt für Energie, die Alge Spirulina für Vitalität. „Dieser Markt entwickelt sich hier gerade erst noch, und wir haben das Ziel, die erste markenbetriebene deutsche Smoothie-Bar-Kette zu werden", erklärt Thoran Thegemey.

Der Erfolg gibt seiner Spürnase recht: Bereits vier Monate nach dem ersten Laden konnten er und sein Geschäftspartner Jascha Hofferbert die zweite Smoothie-Bar eröffnen. Auch dort laden grüngestrichene Wände, ein eleganter Holzfußboden und schlanke Stehtische den Besucher ein. Das knallige orange-rote „ZABOOS"-Logo springt ins Auge, in die Theke sind große Mixer eingelassen, in denen man dem bestellten „Smoothie" beim Entstehen zuschauen kann. „Das ZABOOS-Konzept gründet auf der Kombination von Gesundheit und Lifestyle", erklärt Thoran Thegemey. „Wir verbinden das Ambiente einer stilvollen Coffeebar mit sehr leckeren und gesunden Produkten." Dabei hat Thegemey die Rezeptur amerikanischer Smoothies auf europäische Verhältnisse angepaßt, das heißt vor allem: kein Hinzutun von Eis.

Bei Planung und Durchführung dieser innovativen Geschäftsidee war Thoran Thegemey seine Vergangenheit eine große Hilfe: Lange Jahre hat er „Erbsen gezählt", bevor er sich entschied, auch einmal „ein paar andere Früchte zu zählen", wie der ehemalige Unternehmensberater scherzhaft sagt. BWL-Studium an der Uni Münster, Praktika bei Wirtschaftsprüfern und Consultingfirmen, vier Jahre Berater bei Arthur Andersen (heute Ernst & Young), dabei Spezialisierung auf Corporate Finance, dann Ende 2003 die Kündigung. „Das habe ich nicht aus Unzufriedenheit gemacht", versichert Thegemey, „ich wollte es ganz einfach wissen." Denn da war diese Idee von „ZABOOS", die dem Consultant nicht aus dem Kopf ging und in Diskussionen mit dem Kollegen und Freund Hofferbert immer konkretere Formen annahm. „Irgendwann war die Zeit einfach reif, und ich sagte mir: jetzt oder nie." Der Businessplan war erstellt, die Finanzierung gesichert. Ein günstiges Ladenangebot gab den letzten Ausschlag. „Natürlich haben wir unsere Idee vom Ausstieg bis zum letztmöglichen Termin geheimgehalten", erzählt Thegemey. „Aber rechtzeitig kamen wir damit auch, so daß wir bis heute ein gutes kollegiales Verhältnis zu unserem ehemaligen Arbeitgeber haben."

Nur ein kleiner Teil der Einsteiger bei den großen Unternehmensberatern bleibt auf Dauer, orientiert sich die Branche doch strikt am Grundsatz „Aufsteigen oder Aussteigen". Die Mehrzahl wechselt auf gut bezahlte Positionen in der Industrie, nur wenige Einzelkämpfer wagen die Selbständigkeit, und auch unter ihnen ist Thoran Thegemey eine seltene Ausnahme. Denn die meisten Selbständigen versuchen es in jener Branche, aus der sie kommen: Unternehmensberatung. „Nur dreißig bis vierzig Prozent sind dabei erfolgreich und sind auch nach fünf Jahren noch am Markt", schätzt Rémi Redley, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU). „Das sind pro Jahr ein paar Tausend, wobei viele selbständige Berater auch aus der Industrie kommen." 14.190 Anbieter von Beratungsleistungen, in denen 66.800 Berater beschäftigt sind, gibt es derzeit in Deutschland. In kleineren Unternehmen mit einem Umsatz bis zu einer halben Million Euro arbeiten 15.300 Berater. Etwa 60 Prozent von ihnen, so schätzt der BDU, kann man als Selbständige bezeichnen. Und doch ist die Zahl derer, die sich selbständig machen, in den vergangenen Jahren „erheblich zurückgegangen", so Redley. „Die Konzentration auf dem Markt führt dazu, daß man viele Kunden nur noch mit einem Team und einer gewissen Unternehmensgröße gewinnen kann." Einzelkämpfer hätten es besonders schwer - ebenso wie jene, die sich nicht in zukunftsträchtigen Nischen tummeln.

„Uns reichte der Kampf an der internen Front, das ständige Profilieren, um ja nicht den Anschluß zu verlieren.“

Beide Kriterien erfüllt Bernhard Höveler (33). Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kollegen Dirk Nold hat er sich unter dem Firmennamen Höveler & Nold Consulting GmbH (HNC) selbständig gemacht und mit dem Spezialgebiet Beschaffungsoptimierung einen selbst für ihn überraschend guten Start hingelegt: Bei der Unternehmensgründung im Oktober 2004 hatten Höveler und Nold noch mit dem ersten Zahlungseingang nach acht Monaten gerechnet. Statt dessen kam der schon nach vier Wochen, mittlerweile arbeiten die Consultants an ihrem dritten Beschaffungsprojekt mit mehreren Hundert Millionen Euro Einkaufsvolumen. Die Hilfe bei der Reduzierung von Materialkosten zur Kostenoptimierung haben die Berater als Nische und „Wachstumstrend" für ihr junges Unternehmen entdeckt. Dabei bieten sie nicht nur Konzepte, sondern auch gleich die entsprechende Umsetzung an.

„Wir kommen beide aus Elternhäusern, in denen die Selbständigkeit eine lange Tradition hat", erzählt Höveler. „In unseren Jobs als Consultants haben wir die Eigenverantwortung schmerzlich vermißt", erzählt Höveler. Er und sein Geschäftskollege trafen sich bei AT Kearny. Nold hatte vor seiner Beratertätigkeit bei den Handelsriesen Metro und Aldi Branchenerfahrung gesammelt, Höveler hatte an der Uni Köln im Bereich Beschaffungsoptimierung promoviert und für seine Arbeit den Wissenschaftspreis des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik erhalten. „Die Arbeit bei einer großen Topmanagement-Beratung war für uns eine gute Schule, aber wir haben auch gesehen, wie gute Ideen in bürokratischen Strukturen ersticken und dabei oft das Interesse der Kunden vernachlässigt wird", berichtet Höveler. Hinzu kamen ständige Strategiewechsel des Consultingunternehmens, Umsatzeinbrüche und immer wiederkehrende Verkaufsgerüchte. „Uns reichte es auch mit dem Kampf an der internen Front, das ständige Profilieren, um ja nicht den Anschluß zu verlieren. Wir wollten lieber 100 Prozent unserer Energie zum Nutzen unserer Klienten einsetzen." Höveler und Nold hingen dennoch „mit Leib und Seele" am Beraterberuf und erwogen deshalb schon früh die gemeinsame Selbständigkeit.

„Man kann auch mal Aufträge ablehnen, die einem früher aufgedrückt wurden.“

Intensive zehn Monate bereiteten sie sich auf den Ausstieg vor, schrieben an den Wochenenden an einem Businessplan, klärten rechtliche Aspekte einer Unternehmensgründung und die Finanzierung, analysierten die Konkurrenz. „Die Arbeit hat sich gelohnt. Wir wußten vom ersten Tag an, wo es langgeht", so Höveler. Bei der Kundenakquise half ihnen das weite Netzwerk, das beide über Jahre hinweg als Berater und im privaten Umfeld aufgebaut hatten. Bernhard Höveler genießt seine neu gewonnene Freiheit als Berater: „Man muß keine endlosen internen Entscheidungsrunden drehen. Man kann auch mal Aufträge ablehnen, die einem früher aufgedrückt wurden." Und die selbständige Arbeit motiviert ihn: „Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn der eigene Name hinter eigenständig verkauften Projekten steht, wenn man mit der vollen Verantwortung direkt an den Kunden herantritt."

Es ist der „Drang nach Selbstverwirklichung", der die meisten Berater in die Selbständigkeit drängt, weiß BDU-Präsident Redley. Nicht wenige hätten den Wunsch, bereits direkt nach dem Studium eigene Schritte zu wagen, doch davon rät Redley - der selbst seit 1978 selbständig ist - dringend ab. „Man muß ein besseres Wissen als der Kunde mitbringen, denn das ist ja der Mehrwert, den man als Berater anbietet. Ohne Erfahrung geht es also nicht." Mindestens drei bis vier Jahre in einem Consultingunternehmen oder in der Industrie sollte man schon hinter sich bringen, erfolgreiche Einsteiger in die Selbständigkeit seien deshalb nie jünger als 30 Jahre. „Techniken und Methoden muß man sich erst einmal aneignen, die kann man nicht am Markt kaufen." Hinzu komme das viele „Lerngeld", das finanzielle Polster für etwaige Startschwierigkeiten - ein Posten, den laut Rémi Redley viele Einsteiger unterschätzen: „Wer darauf angewiesen ist, daß am Monatsende ein gewisser Geldbetrag eingeht, ist für die Selbständigkeit nicht geeignet."

„Übernachtungen in den teuersten Hotels und Flüge mit der Business Class - das ist erst einmal vorbei.“

Die Einschränkung finanzieller Freiheiten ist auch aus Bernhard Hövelers Sicht einer der zentralen Unterschiede zur vorigen Festanstellung als Unternehmensberater: Man brauche für mindestens zwölf Monate eine Absicherung, um auf Perioden ohne Aufträge reagieren zu können. „Insgesamt muß man sowieso den Gürtel enger schnallen", sagt Höveler. Übernachtungen in den teuersten Hotels und Flüge mit der Business Class - wie zu A.T. Kearny-Zeiten - seien erst einmal vorbei. „Die größte Hürde war für mich aber, das nötige Selbstvertrauen für die Selbständigkeit aufzubringen. Das hat mich schon einige schlaflose Nächte gekostet." Die fehlende Sicherheit eines festen Jobs müsse man sich vorab klar vor Augen halten. „Da ist es gut, mit einem zuverlässigen Geschäftspartner zusammenzuarbeiten. Ich habe das Glück, daß ich mich mit Dirk Nold blind verstehe", sagt Höveler über seinen Geschäftspartner.

Wer selbständig ist, muß lange Arbeitszeiten akzeptieren: „Bei A.T. Kearny hatte ich Arbeitstage von zwölf bis vierzehn Stunden, jetzt arbeite ich dazu auch noch am Wochenende", berichtet Bernhard Höveler. „Ohne das Einverständnis meiner Frau hätte ich mich deshalb nicht selbständig gemacht." Auch Thoran Thegemey sehnt sich danach, „mal wieder Urlaub zu haben". Es kommt nicht selten vor, daß er trotz seiner zehn Mitarbeiter bei Hochbetrieb in der Smoothie-Bar selbst am Mixer steht und Kunden bedient. „Klar, die Arbeitsbelastung ist hoch, der persönliche finanzielle Spielraum eingeschränkt", räumt er ein. Und dennoch würde er die Selbständigkeit nicht eintauschen. „Ich muß mich nach keinen Mustern richten, habe freien Handlungsspielraum, um meine eigenen Vorstellungen umzusetzen. Jedem, der eine gute Idee hat, würde ich deshalb empfehlen, mit der Umsetzung nicht zaghaft zu sein."

Beide Ex-Berater schauen ohne Reue auf ihren ehemaligen Job zurück. Sie wissen, daß er ihnen auf dem Weg in die Selbständigkeit so manches Tor geöffnet hat. Und doch werden sie wohl kaum wieder in eine Festanstellung zurückkehren. Dazu sind sie viel zu erfolgreich: „Wir müssen dringend Personal einstellen", sagt Bernhard Höveler. „Denn wir haben so viele Angebote für Projekte, daß wir das Geschäft zu zweit künftig gar nicht mehr bewältigen können." Und Thoran Thegemey hat sich mit „ZABOOS" keinen Geringeren als die größte Smoothie-Bar-Kette der USA „Jamba Juice" mit über 500 Läden zum Vorbild genommen. Bei „ZABOOS" ist derzeit schon der dritte Laden in Planung. „Es läuft sehr gut", freut sich Thegemey. „Ich kann der Selbständigkeit bislang nur Gutes abgewinnen."

Weitere Informationen unter:

http://www.bdu.de http://www.hnc-network.com http://www.zaboos.com

Text: Hochschulanzeiger Nr. 77, 2005
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor