07. Dezember 2009

Die Stichprobe

Und was treiben Sie so im Internet?

Von Florian Vollmers



Maik Wunder (31) studiert Bildungswissenschaft an der Fernuniversität Hagen. Sein Studium läuft fast ausschließlich über das Internet.
14. Mai 2009 
Ob fürs Fernstudium, als Recherchequelle für die Diplomarbeit oder als Spielwiese zur Selbstverwirklichung - Studierende nutzen das Internet ganz unterschiedlich. Hier ein paar Beispiele:

Der Fernstudent: Jeden Morgen studiere ich erst einmal drei Stunden am Rechner. Eine zweite Schicht lege ich am Nachmittag ein, dazwischen jobbe ich als Erzieher an einer Grundschule. Ich bekomme Studienbriefe auf DVD zugeschickt, schicke meine Hausarbeiten per E-Mail an die Uni und nehme an Videokonferenzen teil, in denen wir wissenschaftliche Fragestellungen diskutieren. Auch die persönliche Studienbetreuung läuft online. Nur wenn ich eine Klausur schreibe, muss ich an eine Hochschule vor Ort. Ein Fernstudium kann man sehr flexibel gestalten. Ich lerne eben, wann und wo es mir passt. Ich finde auch, dass man online intensiver arbeitet. Meine Fern-Kommilitonen sind jedenfalls alle sehr motiviert.
Maik Wunder (31) studiert Bildungswissenschaft an der Fernuniversität Hagen. Sein Studium läuft fast ausschließlich über das Internet.

Thorsten Wahner (21) studiert Game-Design an der Mediadesign Hochschule in München. Seit seiner Kindheit spielt er leidenschaftlich gern Online-Games.

Der Spieler: Ich spiele täglich bis zu zwei Stunden Computer. Oft treffe ich mich dabei mit meinen Kommilitonen zu gemeinsamen Spieleabenden, oder wir verabreden uns online zu Multiplayer-Wettkämpfen. Seit mein Vater einen Amiga 500 mit nach Hause brachte - da war ich ungefähr neun Jahre alt - liebe ich Computerspiele. Auch beruflich will ich unbedingt in die Game-Branche. Nach dem Abi habe ich mich aber erst nicht getraut, diesem Wunsch nachzugeben. Ich habe ein Mathematikstudium angefangen, das ich vor einem Jahr abgebrochen habe, um endlich Game-Design zu studieren. Vielleicht gehe ich später auch in die Lehre und Forschung und untersuche Videospiele in einem wissenschaftlichen Kontext. Das Faszinierende an Computerspielen ist, dass man im Gegensatz zu Büchern und Filmen ihre Handlung mitbestimmen und sich viel stärker mit den Figuren identifizieren kann.
Thorsten Wahner (21) studiert Game- Design an der Mediadesign Hochschule in München. Seit seiner Kindheit spielt er leidenschaftlich gern Online-Games.

Der Forscher: Für meine Abschlussarbeit brauche ich ganz spezielle Materialdatenblätter, die nur im Internet erhältlich sind. Zum Beispiel untersuche ich das Klebeverhalten von Titan, das bei der Herstellung von Triebwerken verwendet wird. Dafür muss ich die chemikalische Zusammensetzung, Schmelztemperatur und Wärmeleitfähigkeit von Titan kennen. Händler und Luftfahrtunternehmen haben dafür Dokumente öffentlich ins Netz gestellt, in denen genau diese Daten vorhanden sind. Ohne Bücher geht es trotzdem nicht. Ich habe mir eine ganze Menge Fachliteratur angeschafft, weil es viele essentielle Aufsätze nur in Buchform gibt. Außerdem ziehe ich es vor, beim Lesen Textstellen zu markieren und Notizen an den Rand zu schreiben.
Peter Koschade (32) studiert Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität Bremen. Für seine Bachelor-These recherchiert er Fachwissen im Internet.

Peter Koschade (32) studiert Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität Bremen. Für seine Bachelor-These recherchiert er Fachwissen im Internet.

Die Flirterin: Seit ich 15 bin, suche ich mir meine Freunde auch in Kontaktbörsen. Ursprünglich, weil ich sehr schüchtern war und mich in der realen Welt nicht getraut habe. Meinen ersten Freund habe ich auch über das Internet kennengelernt, und wir waren sogar recht lange zusammen. Heute treffe ich auf http://www.unikuscheln.de viele andere Studenten. In der Realität fällt es schwerer, Komplimente zu machen oder gar ein ernstes Gespräch zu führen. Im Netz kann man sich den anderen mehr oder weniger vorher ansehen, und wenn die ersten Mails einen fesseln, ist das schon mal ein gutes Zeichen. Aber natürlich erfüllt das Netz nur den Zweck des ersten Kontakts. Fürs Kennenlernen an sich braucht es mehr. Leider wird man komisch angesehen, wenn man offen damit umgeht. Ich kenne niemanden, der dazu steht, im Internet einen Partner zu suchen.
„Kornblume“ (23) studiert Medizin an der Universität in Hannover. In der Online-Kontaktbörse http://www.unikuscheln.de geht sie auf Männerfang.

Der Blogger: Für mich gibt es nichts Spannenderes, als aktuelle Themen aus Medien und Journalismus kritisch zu hinterfragen. Die Debatte um die Macht der Suchmaschine Google zum Beispiel ist viel lebhafter und anregender in diversen Blogs gelaufen als in der Presse. Im Internet kann man crossmedial argumentieren und Links, Videos oder Podcasts in seine Beiträge einbinden. In meinem Blog http://www.juiced.de bemühe ich mich, journalistische Inhalte mit einer eigenen Meinung zu verknüpfen und dabei alle Quellen offenzulegen. Dabei macht mir die Interaktion mit den Usern am meisten Spaß. Es gibt immer wieder neue Diskussionen, und ich lerne viele neue Menschen kennen. Ich sehe auch meine berufliche Zukunft im Online-Journalismus.
Daniel Höly (22) studiert Journalismus an der Hochschule Darmstadt. Für sein Blog ist er bis zu sechs Stunden am Tag online.

»Kornblume« (23) studiert Medizin an der Universität in Hannover. In der Online-Kontaktbörse www.unikuscheln.de geht sie auf Männerfang.

Die Künstlerin: Eigentlich habe ich meine Homepage für ein Medienkunst-Seminar an meiner Hochschule entworfen. Ich habe nur den Link bei meinem Dozenten abgegeben und prompt eine 1,0 dafür bekommen. Inzwischen habe ich auf http://www.selbstdarstellungssucht.de über 100 Stammleser pro Tag. Die Erlebnisse der Violette von Rosenweiß, die dort geschildert werden, sind meine eigenen als Studentin - nur pathetisch überspitzt. Mit Polaroidfotos, Kurzgedichten und wilden Texten mache ich Momentaufnahmen der Gesellschaft. Im Austausch mit den Usern merke ich, dass meine Homepage stark polarisiert. Viele können mit der codierten Sprache nicht umgehen.
Veronika D. (22) studiert Kommunikationsdesign an der Hochschule München. Als Kunstfigur „Violette von Rosenweiß“ begeistert sie eine wachsende Fangemeinde im Internet.

Der Aktivist: Als Baden-Württemberg im letzten Herbst das Versammlungsrecht nach bayerischem Vorbild verschärfen wollte, habe ich auf meiner Homepage dagegen Stellung bezogen und zu einer Demonstration aufgerufen. Danach gab's im Blog natürlich einen Demo-Bericht. Das Web 2.0 verändert die Politik bereits heute sehr stark. Wer auf einem Parteitag einen Antrag einbringen will, kann die dazu nötigen Unterstützer heute viel schneller über das Internet organisieren. Auch die Kommunikation mit dem Wähler findet viel unkomplizierter und ohne Filter durch die Medien statt. Im Netz kann man auch mal längere Statements abgeben und komplexere Botschaften vermitteln. Bis zu 700 Besucher lesen täglich meinen Blog, und ich freue mich immer über lebendige Debatten.
Henning Schürig (27) studiert BWL an der Universität Stuttgart. Für sein politisches Engagement bei den Grünen nutzt er vor allem das Internet.

Daniel Höly (22) studiert Journalismus an der Hochschule Darmstadt. Für sein Blog ist er bis zu sechs Stunden am Tag online.

Der Podcast-Fan: In meiner Abschlussarbeit habe ich eine Marktanalyse für Audio- und Videodateien im Internet erstellt. Diese Podcasts werden für IT-Dienstleister bei der Kundenansprache immer interessanter. Seit kurzem arbeite ich als Produktmanager bei demselben Unternehmen, mit dessen Kooperation ich auch meine Abschlussarbeit geschrieben habe. Schon als Student war ich ständig online und bin es auch heute noch. Für Podcasts sehe ich noch ein Riesenpotential. Erst wenige Profs stellen ihre Vorlesungen als Podcast ins Netz. Im Vergleich zu den USA ist Deutschland da noch ein Entwicklungsland. Auch in der IT-Branche, in der ich jetzt arbeite, steht uns die große Zeit der Podcasts noch bevor.
Stefan Stelthove (26) hat BWL in Emden studiert. Mit seiner Abschlussarbeit über ein Internetthema gelang ihm jetzt der Berufseinstieg.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 102, 2009, Seite 23
Bildmaterial: privat