12. Dezember 2009

Interview

„Ich war der Berater"

Von Anne Jacoby




21. März 2005 
Karsten Sauer hat nach seiner Beraterkarriere bei KPMG-Consulting (heute BearingPoint) zusammen mit Ex-Consultant Michael Sahnau ein Tagebuch über den Alltag eines Unternehmensberaters geschrieben. Wir wollten von ihm wissen, wie Einsteiger um Fettnäpfe herumkommen, wie der Berufsalltag aussieht und was man als Berater fürs Leben lernt.

? Herr Sauer, sind Sie durch Ihre Beratertätigkeit klüger geworden?
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Ja, durchaus. Die enorm steile Lernkurve in dem Job bezieht sich vor allem auf Menschenkenntnis und Methodenwissen: In der Projektarbeit kommt man so oft mit neuen Klienten und Kollegen zusammen, daß man ein gutes Gespür entwickelt. Welche Kräfte herrschen in der Gruppe? Wer hat das Sagen? Wem hören die Leute zu, und bei wem schreiben sie sogar mit? Ich habe eine Menge über Politik und Positionsgerangel gelernt und über die menschlichen Grundströmungen wie Stolz, Wichtigtuerei, Egopflege und kindliche Sturheit. Außerdem habe ich unterschiedliche Lösungsansätze erlebt und praktiziert. In jedem Umfeld ist ja etwas anderes gefragt: Die schnelle Lösung, die aufwandsarme Lösung, dann wiederum steht die Einhaltung von Firmenstandards des Kunden im Vordergrund. Gerade Anfänger neigen dazu, lieber in Schönheit sterben als ein Ergebnis präsentieren zu wollen. Manchmal ist die Einhaltung eines Termins aber wichtiger als eine besonders elegante Lösung.

? Was können Einsteiger tun, um die fettnapfreiche Anfangszeit Ihrer Beraterkarriere zu überleben?
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Vollgas geben. Ihre Sache so gut und schnell wie möglich machen. Und sich gut verkaufen, schließlich kann man sich auch mit kleinen Dingen extrem hervortun. Mitdenken und nach Meetings oder Kunden-Workshops ruhig nachfragen: Warum habt Ihr so argumentiert und nicht anders? Warum war dieser Punkt jetzt wichtig? Hilfreich ist auch ein Stoff, mit dem zu große Schuhe aufgefüllt werden: Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit, kurz SABVA. Dazu gehört ein z.B. selbstsicherer Gesichtsausdruck, aktives Zuhören, Rückfragen, verständnisvolles Nicken und auch mal das Errichten von verbalen potemkinschen Kompetenzdörfern. Aber Achtung: Es geht auch schnell schief, wenn ein junger Kollege mit frischen Uni-Weisheiten dem Kunden versucht zu erklären, wie dessen Geschäft funktioniert. Bei einem Projekt in einer fremden Stadt ist es wichtig, auch viel Freizeit mit den Kollegen zu verbringen. Nirgendwo erfährt man so viel über ein Projekt wie beim gemeinsamen Abendessen mit anschließendem Absacker. Und noch etwas: Auch Anfänger sollten versuchen, einen korrekten Anzug zu tragen - ohne buntes T-Shirt unter dem Hemd. Papas alte Krawatte muß es auch nicht unbedingt sein.

? Wie geht man denn als aufsteigender Berater am besten mit übereifrigen Nachrückern um?
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Grundsätzlich sollte man sich von jungen Überfliegern nicht bedroht fühlen - je mehr ich nachrückenden Beratern übertragen konnte, desto besser! Ich selbst konnte mich dann mehr um übergeordnete Projekte kümmern. Die Hierarchie erhält sich nicht zuletzt durch mein Wissen, wie Projekte funktionieren und welche Wege eingehalten werden müssen. Aber ehrlich gesagt: Ich habe einem allzu forschen Jungberater während eines Kundenmeetings auch schon unter dem Tisch ans Schienbein getreten, als er aus der Spur lief.

? Was denkt der Autor Karsten Sauer, über den Berater Karsten Sauer?
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Um es gleich vorweg zu sagen: Michael Sahnau und ich sind ziemlich versaut aus der Zeit. Wir haben das Buch „FRA-MUC-FRA" auch deshalb geschrieben, weil wir unsere Erlebnisse irgendwie verarbeiten mußten. Ich persönlich habe als Berater sehr gut gelernt, wie man Feuer gibt, wenn ein Projekt ins Stocken gerät. Wie man Situationen eskalieren läßt und Gewitterschläge auslöst. Das geht natürlich nur, wenn man nicht langfristig mit Kollegen und Klienten zusammenarbeiten muß. Mal war ich ungeduldig und fordernd, manche fanden mich auch arrogant, aber das war mir ziemlich egal. Ich war der Berater! Mit Anzug, großem Auto und unanständig hohem Jahresgehalt. Mal war ich auch zu weich, weil ich mir dachte: Mit diesen Menschen mußt Du dauerhaft auskommen. Heute ist der Beraterjob härter: Es wird schärfer gerechnet, die Leute müssen gleich funktionieren, es gibt Entlassungen. Ich glaube, heute würde ich das nicht mehr machen wollen. Nach meiner Beraterzeit wußte ich erst gar nicht, wie ich mit den Leuten umgehen soll.

Weitere Informationen unter:

http://www.fra-muc-fra.de Karsten Sauer, Michael Sahnau: „FRA-MUC-FRA: Einmal Beratung und zurück", Books on Demand, 2002, 228 Seiten, 15 Euro



Um die Kunst der Präsentation oder des Projektmanagements geht es nur am Rande. Dafür verrät das Autorenduo Sauer/ Sahnau, welche Nöte einen Jungberater am Frühstücksbuffet im Hotel erwarten, was passiert, wenn der eigene Handschweiß eine PC-Maus zerstört und wie man einen Supermarkt-Salat mit dem einzigen greifbaren Utensil im Hotelzimmer verspeist: Einem Flaschenöffner. Kein literarisches Meisterwerk - aber ein schonungsloser Einblick in die Ängste und Unsicherheiten eines Einsteigers und in die Eigenheiten der Beraterzunft. Fabian Hardenberg: „Heiße Phase. Ein Insider-Roman aus der Welt der Unternehmensberatung", Campus, 2002, 370 Seiten, 25,50 Euro





Fabian Hardenberg ist das Pseudonym eines Beraters, der für eine der ganz großen Unternehmensberatungen tätig ist. Oder tätig war? Klar ist, daß er die Welt der Consultants genau kennt. Sein Insider-Wissen präsentiert das Berater-Schriftsteller-Doppeltalent hier in einer wilden Mischung aus Fachbuch und Wirtschaftskrimi mit filmreifem Schluß: Berater Sebastian Ritter ist auf dem besten Weg, zum Partner aufzusteigen, wird dann aber Opfer einer Intrige. Ein Schmöker für alle, die einen Blick hinter die Kulissen der Branche werfen und gleichzeitig eine gute Portion Unterhaltung wollen. Joerg E. Staufenbiel, T. Friedenberger: „Karriere Inside Consulting: Die 50 wichtigsten Unternehmen für Bewerber", 392 Seiten, 29,90 Euro



Das Kölner Staufenbiel Institut präsentiert in seinem neuen Job-Ratgeber 25 Porträts der großen Unternehmensberatungen mit Sitz oder Büros in Deutschland. Vorgestellt werden die Geschichte der einzelnen Unternehmen, was von Bewerbern erwartet wird, wie die Karrierewege verlaufen und wie der Arbeitsalltag aussieht. Dazu kommen 25 Kurzporträts und noch 50 Adressen weiterer Beratungen, Literaturtips und eine Branchenanalyse. Unbedingt lesenswert für alle, die sich ernsthaft mit dem Gedanken tragen, ihre Karriere als Consultant zu starten.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 77, 2005
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor