12. Dezember 2009

Selbständigkeit

Erfolgreiche Einzelkämpfer

Von Florian Vollmers




24. November 2003 
Typisch für die Wirtschaftsprüfungsbranche sind nicht nur große Prüfungsgesellschaften, sondern auch erfolgreiche Einzelkämpfer. Die zunehmende Konkurrenz setzt sie jedoch mehr und mehr unter Druck, und der Bedarf an professionellem Kanzleimarketing läßt sie von fachlich spezialisierten Inhabern zu Unternehmenslenkern werden.

Die Räume von Jürgen Nitsche haben Tradition: Seit über siebzig Jahren wird hier mit Zahlen gearbeitet, über Gesetzestexten gebrütet und mit Kunden verhandelt. "Schon in den dreißiger Jahren waren Wirtschaftsprüfer in diesen Räumen tätig", erzählt Nitsche stolz.

„Von den rund 11.350 Wirtschaftsprüfern Deutschlands sind fast 60 Prozent mit eigener Praxis gemeldet.“

Mitten in der Hamburger City am Neuen Wall liegt sie, die Sozietät Nitsche - ein Zusammenschluß von vier selbständigen Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern. Sechs Büros, Aktenräume und ein Besprechungsraum auf 210 Quadratmetern, auf den Bücherregalen sammeln sich die Bundessteuerblätter. Hier werden Jahresabschlüsse gemacht, Einkommensteuererklärungen durchgesehen und Erbschaftssteuerfragen diskutiert. "Tatsächlich bestehen rund 80 Prozent unserer Tätigkeiten aus reiner Steuerberatung", so Jürgen Nitsche. "In zehn bis 15 Prozent der Fälle werden wir jedoch auch in wirtschaftsprüfenden Fragen tätig."

Nitsche ist ein Paradebeispiel für Wirtschaftsprüfer in der Selbständigkeit. Seine Sozietät hat sich auf mittelständische Unternehmen spezialisiert - meist Familienbetriebe, "die gerade so die Grenze zur Prüfungspflicht überschreiten", erklärt der 37jährige, der nach seinem Studium der BWL mit den Schwerpunkten Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung dreieinhalb Jahre in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gearbeitet hat und dann vor fast acht Jahren bei der Sozietät Nitsche eingestiegen ist - die übrigens seinen Namen trägt, weil auch Jürgen Nitsches Vater und Schwester hier tätig sind.

Die meisten Wirtschaftsprüfer wählen die freiberufliche Selbständigkeit. Laut Wirtschaftsprüferkammer sind von den rund 11.350 Wirtschaftsprüfern Deutschlands nahezu 6.700 mit eigener Praxis gemeldet - also fast 60 Prozent. Ein häufiger Grund für die Selbständigkeit sind die relativ hohen Verdienstmöglichkeiten: Wirtschaftsprüfer stehen mit an der Spitze der Freiberufler. Eine Honorarumfrage der Wirtschaftsprüferkammer ergab, daß der durchschnittliche Stundensatz für Wirtschaftsprüfer als Praxisinhaber, Sozius oder Partner zwischen 100 und 250 Euro liegt. Bei qualifizierten Beratungsleistungen können die Stundensätze aber weit darüber liegen. Wichtiger als der Verdienst ist für die meisten Freiberufler jedoch etwas anderes: In der Selbständigkeit sind Selbstentfaltung und Unabhängigkeit am größten. Auch Jürgen Nitsche schätzt, "daß ich selbst gestalten kann und die Entscheidungsgewalt innehabe." So könne er beispielsweise seine Arbeitszeit flexibel planen und auch einmal von der Vollzeit abrücken, wenn es die Umstände erlauben. Allerdings herrscht bei all den Freiheiten auch größeres Risiko. Als Freiberufler trägt man die volle Verantwortung - angefangen bei der internen Organisation über die Honorarpolitik, Kommunikation und Prozeßoptimierung bis hin zum Aufbau neuer Geschäftsfelder. "Eine besondere Herausforderung ist natürlich die Kundenakquise, um die man sich ständig bemühen muß, um die eigene Existenz zu sichern", sagt Jürgen Nitsche.

Und gerade das wird auch durch die derzeitige Konjunkturflaute nicht einfacher: "Die wirtschaftliche Lage ist auch für die Branche der wirtschaftsprüfenden Berufe schwieriger geworden", weiß Kanzleiberater Andreas Schröder, der die Branche wie seine Westentasche kennt. "Zudem sind auch die Anforderungen an die Prüfer selbst gestiegen. Hier spielt im besonderen das Peer Review eine tragende Rolle." Damit ist gemeint, daß alle Berufsangehörigen neuerdings dazu verpflichtet sind, ihre Wirtschaftsprüferpraxen einer in dreijährigem Turnus stattfindenden Qualitätskontrolle durch externe Prüfer zu unterziehen. Durch Checklisten sollen bei dieser nach US-Vorbild "Peer Review" genannten Maßnahme die Arbeitsabläufe in den Kanzleien standardisiert und die Qualität der Arbeit gesichert werden.

„Man ist ständiger Begleiter lebendiger Betriebe.“

Hinzu kommt, daß für selbständige Wirtschaftsprüfer nun auch die "Big Four" der Branche immer stärker als Konkurrenten auftreten, weil sie ihr Geschäft auf kleine und mittelständische Betriebe ausdehnen. "Die besten Chancen am Markt haben deshalb gut organisierte Kanzleien mit zielorientierter Arbeitsweise und einem professionellen Kanzleimarketing", so Schröder. "Das Profil eines Wirtschaftsprüfers wird sich vom fachlich orientierten Kanzleiinhaber zum Unternehmenslenker wandeln." Dabei komme es bei den Wirtschaftsprüfern, die ja auf Zahlen spezialisiert sind, gerade bei Marketingfragen häufig zu Unsicherheiten. "Man muß wissen, worauf man sich als Selbständiger einläßt", sagt auch Jürgen Nitsche. "Heute zählen in der Wirtschaftsprüferbranche die Markennamen der Big Four'. Kleinere Unternehmen haben es dabei zunehmend schwerer. Gleichzeitig werden außerdem die Steuergesetze immer komplizierter und kurzlebiger. Man ist auf sehr viel Fortbildung angewiesen, um wettbewerbsfähig zu bleiben."

Dennoch schätzen Branchenexperten die Aussichten für selbständige Wirtschaftsprüfer positiv ein: "Trotz der Trends hin zu Fusionen und Konzentration in der Branche bleiben auch die Chancen, in der Selbständigkeit erfolgreich zu sein, weiterhin sehr groß", urteilt beispielsweise das Staufenbiel Institut in Köln. Nach bestandenem Examen gibt es für jene mit dem Ziel Selbständigkeit verschiedene Möglichkeiten: Von der freien Mitarbeit bei Kollegen über die Gründung einer neuen Praxis und den Kauf einer bestehenden Praxis bis hin zur Anstellung und der späteren Übernahme einer Praxis: Dieser Weg, für den sich auch Jürgen Nitsche entschieden hat, bezeichnet der selbständige Steuerberater Lothar Th. Jasper in seinem Karriereratgeber "Steuerprüfung und Wirtschaftsprüfung" als "den Königsweg zum Freiberufler". Vorteile dabei seien ein gesichertes Einkommen, Risiken nicht allein tragen zu müssen und ein ausreichendes Umsatzvolumen, das es auszubauen gelte. "Allerdings wird kaum ein Berufskollege sich gleich zu Beginn darauf festlegen lassen, Sie als Partner zu akzeptieren", so Jasper weiter. "Es wird immer eine mehr oder weniger lange Zeit vereinbart werden, bis es zu einer vertraglichen Bindung kommen wird. Während dieser Zeit haben Sie keinerlei Sicherheiten, ob aus der Ihnen in Aussicht gestellten Partnerschaft etwas wird." Sollte es dann doch zur Trennung kommen, könne man seine weiteren Schritte zumindest auf einem gehörigen Maß an Praxiserfahrung aufbauen.

Trotz aller Risiken kann sich Jürgen Nitsche nicht vorstellen, die Selbständigkeit aufzugeben: "Man kommt mit so vielen unterschiedlichen Unternehmenskulturen in Verbindung und lernt die unterschiedlichsten Lagen von Unternehmen kennen: solche, die nicht wissen, wohin mit dem Geld, oder andere, bei denen es um die Existenz geht." Ständig sei er "Begleiter der lebenden Betriebe" und könne als selbständiger Wirtschaftsprüfer "mit dem Mittelstand auf gleicher Augenhöhe sprechen". Wichtig für die Vorbereitung einer freiberuflichen Karriere ist aus Nitsches Sicht deshalb auch, daß man schon direkt nach dem Studium wissen sollte, ob man selbständig arbeiten möchte oder nicht. Wenn ja, müsse die erste Praxiserfahrung bei kleineren Unternehmen gesammelt werden. "Denn nur dort kommt man mit seinen späteren Kunden zusammen."

Weitere Informationen unter:

www.kanzleiberatung.de

www.Sozietaet-Nitsche.de

www.wpk.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 69, 2004
Bildmaterial: Claudia Weikert, Labor