12. Oktober 2009
Es muss nicht immer nur der typische Erasmus-Aufenthalt im vierten oder fünften Semester sein. Warum nicht im Ausland auf Recherche für die Abschlussarbeit gehen - vorausgesetzt natürlich, dass es sich thematisch anbietet? Wer klare Vorstellungen mitbringt und sich nicht vor dem (überschaubaren) Dschungel an Formalitäten scheut, für den stehen sogar die Chancen auf finanzielle Förderung gut.
Dem Studienobjekt möglichst nahe zu kommen, das ist für die meisten Studierenden die große Herausforderung in ihrer Abschlussarbeit. Joachim Treptow musste dagegen vor allem eins: Abstand halten. Zwar wollte er möglichst viel über die Lebensgewohnheiten von Suzy und Johnny herausfinden. Eine direkte Begegnung mit den beiden hätte für den Forstwirtschaftler der TU München aber mehr als schmerzhaft enden können.
Suzy und Johnny sind Grizzlybären. Joachim Treptow begleitete die beiden im vergangenen Jahr mehrere Monate lang in den Wäldern rund um Smithers im kanadischen Bundesstaat British Columbia. Die Recherche für seine Masterarbeit ist Teil eines Auswilderungsprojektes verschiedener kanadischer Naturschutzorganisationen. Jungbären, die ohne ihre Mutter und somit hilflos aufgefunden werden, sollen nach einer Aufzuchtszeit wieder in die Natur entlassen werden.
Treptows Aufgabe war es, zu beobachten, wie die Bären mit der Rückkehr in ein eigenständiges Leben klarkommen: Ob sie genug Nahrung finden, sich gegen ihre Artgenossen zur Wehr setzen können und sich irgendwann hoffentlich auch wieder vermehren. Mit Zelt, Gaskocher und Peilantenne ausgerüstet, folgte ihnen der damals 28-Jährige im Abstand von ein paar Tagen und untersuchte, was die Bären an ihren Futter- und Schlafplätzen zurücklassen. Die Grizzlybären tragen ein Funkhalsband, per GPS konnte er sie so jederzeit orten. Zurück in Deutschland hat er damit begonnen, die Ergebnisse für seine Abschlussarbeit für den Master of Science in Sustainable Resource Management aufzuschreiben.
Dass er seine Abschlussarbeit über große Wildtiere schreiben wollte, war im Prinzip gleichbedeutend mit der Entscheidung fürs Ausland und daher mit hohen Kosten verbunden. Aus eigener Tasche hätte sich der Forstwirtschaftler einen solchen Aufenthalt allerdings nicht leisten können. Dank eines Stipendiums vom DAAD, der einzigen Förderstelle, die speziell solche Vorhaben finanziell unterstützt, konnte er sein Projekt schließlich doch realisieren - und das sogar fünf Monate lang und damit deutlich länger als im Durchschnitt. An seine Bewerbung kann er sich noch lebhaft erinnern: Das war eine Katastrophe, stöhnt er noch heute, gefühlte tausend Dokumente musste ich einreichen.
Tatsächlich ist die Bewerbung um ein Stipendium kein Kinderspiel, das würden auch die Mitarbeiter des DAAD nicht behaupten. Sie empfehlen daher, möglichst früh mit dem Sammeln der Unterlagen anzufangen. Spätestens drei Monate vor der geplanten Ausreise muss die Bewerbung eingehen. Die hohen Anforderungen und die genaue Prüfung sind aber keine Schikane, sondern sollen sicherstellen, dass das Vorhaben gut geplant ist und Aussicht auf Erfolg hat: Ist die Fragestellung sinnvoll und innovativ? Wie realistisch ist die Zeitplanung? Gibt es für das Vorhaben schon Ansprechpartner vor Ort? Auf solche und ähnliche Fragen sollten Stipendienanwärter überzeugend antworten können.
Aber dass diese Voraussetzungen erfüllt sind, daran dürften nicht zuletzt die Bewerber ein hohes Eigeninteresse haben. Denn ob die Recherche und damit die Abschlussarbeit ein Erfolg werden, hängt im Wesentlichen von ihnen selbst ab. Wer in seinem Austauschjahr ein wenig zu oft das Nachtleben mit dem Hörsaal verwechselt oder vor Ort feststellt, dass die angebotenen Kurse kaum Lernfortschritt bringen, der kann letztendlich immer noch zu Hause Verpasstes nachholen. Wer aber die Interviewpartner für seine Abschlussarbeit nicht vors Mikrophon bekommt oder alles ganz anders vorfindet als gedacht, der sitzt anschließend vor leeren Blättern.
Bei Joachim Treptow ist die Recherche gut gelaufen. Die Organisatoren des Wildlife-Shelter in Kanada kannte er schon aus einem Praktikum während seines Studiums, und die Grizzlybären konnten ihm dank der Peilsender nicht davonlaufen. Seinem Berufswunsch ist er so einen Schritt näher gekommen. Treptow möchte nach seinem Abschluss zumindest für einige Jahre als Wildtiermanager im Ausland arbeiten, durch die Abschlussarbeit erhofft er sich jetzt bessere Chancen.
Was er dabei auf sich genommen hat, würden die meisten wohl als Entbehrung bezeichnen: Bis zu zehn Tage am Stück verbrachte er alleine im Wald; sein Essen, den Kocher, sogar seine Kleidung musste er weit entfernt von seinem Zelt in einem Baum aufhängen - damit die Grizzlybären nicht seine Nachtruhe stören. Joachim Treptow aber gerät ins Schwärmen: Wenn ich nachts in der Wildnis gezeltet habe und wusste, dass Grizzlybären in der Nähe sein könnten, habe ich schon etwas länger zum Einschlafen gebraucht. Aber wenn ich einen der Bären draußen in der Natur gesehen habe, hat es mir jedes Mal wieder aufs Neue den Atem verschlagen.
Ruhe, Abgeschiedenheit und unberührte Natur sind so ziemlich das Letzte, was Anne Binder bei der Recherche für ihre Abschlussarbeit begegnet ist. Zwei Monate lang sprach die Innenarchitektin in Mexiko-Stadt mit Designern, Künstlern und Sozialwissenschaftlern, besuchte Lucha-Libre-Kämpfe und durchquerte zu Fuß die riesige Stadt, immer auf der Suche nach dem Phänomen des diseo contracultura: Eine Gruppe junger mexikanischer Designer verarbeitet seit einiger Zeit in ihren Arbeiten Motive und Materialien, die eher mit den ärmeren Schichten in Verbindung gebracht werden. Ziemlich ungewöhnlich in einem Land wie Mexiko, in dem es traditionell eine starke Diskriminierung durch die wohlhabende Bevölkerung gibt.
Bei der Suche nach Gründen für diese Entwicklung und den Motiven der Designer konnte Anne Binder auf eine Art Heimvorteil bauen: Schon während ihres Studiums hatte die 26-Jährige zwei Jahre in Mexiko- Stadt gelebt. Dadurch war sie nicht nur auf die Hektik und den Lärm der Megalopolis vorbereitet, kannte klapprige Kleinbusse und überfüllte Märkte. Viel wichtiger war, dass sie ein großes Netzwerk aufgebaut hatte. Einige der Designer kannte sie schon, zumindest konnte sie immer über drei Ecken eine Verbindung herstellen - was in Mexiko häufig mehr wert ist als jedes Empfehlungsschreiben.
Es müssen aber nicht gleich Bären in Kanada oder Designer in Mexiko sein, um als Examenskandidat eine Finanzspritze für die Auslandsrecherche zu bekommen. Die vielen Studierenden etwa, die es in Labore und Forschungsinstitute vor allem nach Nordamerika zieht, weil sie hier bessere Instrumente und Apparaturen vorfinden als zu Hause, haben ebenfalls gute Aussichten auf ein Stipendium. Der Kontakt zu den Forschungsinstituten läuft in der Regel über die eigene Uni. Für die Bewerbung beim DAAD ist ein Bestätigungsschreiben der Gastinstitution ganz wichtig. Zudem sollten die Bewerber überzeugende Gründe dafür bereithalten, warum nur hier die Recherche für ihre Arbeit möglich ist - ein lapidarer Verweis auf die besseren Arbeitsbedingungen reicht dabei nicht aus.
Dass beim DAAD die Zahl der entsprechenden Förderanträge seit geraumer Zeit zunimmt, könnte eine Reaktion auf die Umstellung auf Bachelor und Master sein. Das vermutet zumindest Gabriele Knieps vom Nordamerika-Referat des DAAD. Während stringente Curricula einen ganzjährigen Studienaufenthalt vor allem während des Bachelor erschweren, ist zumindest in vielen Masterprogrammen eine Praxisphase für die Abschlussarbeit vorgesehen - und damit Gelegenheit für einen Auslandsaufenthalt. Trotz des Bewerberansturms sind die Aussichten auf finanzielle Förderung übrigens recht gut: Das Nordamerika-Referat beispielsweise vergab im Zeitraum 2007/2008 an 113 der 184 Bewerber ein Stipendium.
Voraussetzungen für die Antragstellung beim DAAD:
> ein klares Ziel, warum der Auslandsaufenthalt notwendig ist;
> eine Bestätigung der annehmenden Institution im Ausland; wenn das nicht möglich ist: ausdrückliche Unterstützung des Professors an der Heimatuni;
> Ansprechpartner vor Ort benennen;
> ein detaillierter Zeitplan des Vorhabens (am besten in Zweiwochenschritten);
> den Bewerbungszeitpunkt so früh wie möglich wählen, spätestens drei Monate vor Ausreise.
Informationen und formale Anforderungen unter:
http://www.daad.de/ausland/foerderungsmoeglichkeiten/ stipendiendatenbank/00658.de.html?detailid=228&fachrichtung= 10&land=23&status=1&seite=1