11. November 2009

Public Management Berater

Als Rechenkünstler im Rathaus

Von Karin Leppin



19. Januar 2004 
Finanzlücken zwingen Kommunen, Behörden und Ministerien zu Modernisierungen und Einsparungen. Sie haben dafür Instrumente aus dem klassischen Management entdeckt - unter anderem das Controlling. Jetzt werden Publik Management Berater gesucht, die Bürgermeistern un Landräten beim Sparen helfen.



Vielleicht kann sie eines Tages sagen, daß es durch ihre Mithilfe weniger Arbeitslose in Deutschland gibt. Schon jetzt weiß sie, daß ihre Arbeit so manche Schwimmhalle oder Bibliothek vor der Schließung gerettet hat. "Das ist ein tolles Gefühl!" sagt Ute Lysk begeistert. Sie ist Projektleiterin im Beratungsbereich Public Services bei Roland Berger. Gerade beraten Teams von Roland Berger und anderen Consulting-Firmen die Bundesanstalt für Arbeit. Ansonsten betreut das Competence Center Public Services Kommunen, Ministerien der Länder und des Bundes sowie weitere öffentliche oder halböffentliche Einrichtungen bei der strategischen und organisatorischen Neuausrichtung. Die Einführung von Controlling-Instrumenten ist oft gefragt, aber auch die Neuorganisation von Serviceeinheiten oder die Beratung der politischen Entscheider bei der Frage, welche Produkte oder Dienstleistungen "ihre" Behörde zukünftig noch anbieten soll. Meist geht es in Zeiten knapper Kassen um Einsparungen. "Oft sind wir Tabu- und Eisbrecher", berichtet Lysk. Der Lohn für die Politiker, wenn sie auf Berater vertrauen: "Selbst bei Kunden mit großen Finanzproblemen haben wir oft noch Spielräume im Haushalt entdeckt."



Wer erfolgreich im öffentlichen Bereich beraten will, muß vor allem eines lernen: Anders denken. Denn was in Städten oder Ländern passiert, wird maßgeblich von der Politik bestimmt. Und Politiker haben eine andere Rationalität als Manager: Ist die Entscheidung mehrheitsfähig? Wie reagiert die Öffentlichkeit? Solche Fragen spielen oft eine genauso große Rolle wie der wirtschaftliche Erfolg einer Maßnahme. "Leider dominiert manchmal auch die Frage: Wie sichere ich meine Wiederwahl?", berichtet Ute Lysk. Wer da kein Fingerspitzengefühl hat und mit vorgefertigten Lösungen kommt, hat keine Chance.

„Selbst bie Kunden mit großen Finanzproblemen haben wir oft noch Spielräume im Haushalt entdeckt.“

"Es geht darum, Finanzcontrolling und politisches Controlling zu verbinden", beschreibt Lysk, die selbst aus der Verwaltung in die Beratung gewechselt ist. Politisches Controlling? Ein Beispiel: Ein politisches Ziel könnte sein, etwas gegen die Vereinsamung von alten Menschen zu tun. Der erste Gedanke ist oft, Begegnungszentren zu bauen. Ein Finanzcontroller behält Kosten und Bauplan dafür im Auge und wenn es nichts zu beanstanden gibt, scheint das Ziel erreicht. Doch gehen einsame Menschen wirklich in das neue Zentrum? Danach fragt das politische Controlling. Wenn Lysk über solche Beispiele spricht, geht ihre Begeisterung direkt auf ihre Zuhörer über. "Dennoch wollen nicht viele Absolventen in diesen Bereich", bedauert sie. "Manche meinen, ein klassischer Beraterjob im industriellen Umfeld sei besser für die Karriere.

„Manche meinen, ein klassischer Beraterjob im industriellen Umfeld sie besser für die Karriere.“

" Dabei stehen die Chancen gut, in das Public Consulting einzusteigen und Karriere zu machen, bestätigen Beratungsunternehmen. Bei der Unternehmensberatung Horváth & Partners achtet man neben der betriebswirtschaftlichen Qualifikation aus Fächern wie BWL, Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftsinformatik auch auf einen verwaltungswissenschaftlichen Hintergrund bei Bewerbern. "Die theoretischen Kenntnisse kann man in Fächern wie Public Management beispielsweise an den Universitäten Potsdam und Konstanz oder in einem Schwerpunktfach an der Uni Mannheim erwerben", zählt Alexander Göttling, Personalreferent bei Horváth & Partners, auf. Auch Beratungserfahrung und Praktika im öffentlichen Bereich oder praxisbezogene Diplomarbeiten und SAP-Kenntnisse werden gern gesehen. Bei den persönlichen Eigenschaften kommt es vor allem auf ein überzeugendes Auftreten und Sensibilität an. "Die öffentlichen Kunden sind grundsätzlich kritischer gegenüber betriebswirtschaftlichen Instrumenten als Unternehmen", begründet Göttling. Wer diese Qualifikationen mitbringt, kann bei Horváth & Partners - ebenso wie bei anderen Unternehmensberatungen - schon bald Verantwortung übernehmen und aufsteigen. Bei Roland Berger führt die mögliche Karriere vom Junior Consultant über den Senior Consultant bis hin zu Projektmanagern und sogar Partnern, erklärt Personalreferentin Katja Monschau. Drei Praktika, ein längerer Auslandsaufenthalt und sehr gute Noten sind Voraussetzung für einen Einstieg. 60 Prozent der jungen Berater waren bereits Praktikanten bei Roland Berger. Deshalb gilt es schon bei der Bewerbung um einen Praktikumsplatz viele der Voraussetzungen für den Berufseinstieg zu erfüllen. Für die Beratung der öffentlichen Hand können das Praktika in Behörden oder der Verwaltung sein: "Entscheidend ist, die Bedürfnisse der Kunden zu kennen. Das ist wichtiger als das Fach, das jemand studiert hat." Akzeptiert wird jede Fachrichtung, wenn ein Interesse für betriebswirtschaftliche Fragestellungen erkennbar ist, so Monschau. Wer es geschafft hat und dem Bereich Public Services als "fachliche Heimat" zugeordnet wird, braucht auf Abwechslung dennoch nicht verzichten: Über das "Central Staffing" werden auch Projekte aus anderen Branchen vergeben.

Erste Erfahrungen mit dem Denken und der Arbeit in der Verwaltung können Studenten an der Universität Potsdam schon während der Seminare sammeln. Seit sechs Jahren besteht die Möglichkeit, "Public Management", kurz PUMA, als Vertiefung im Hauptstudium zu wählen. Dies nehmen, so Professor Christoph Reichard, überwiegend Verwaltungs-, Politikwissenschaftler und zunehmend Betriebswirte wahr. Teil des Studiums sind Projekte, bei denen Studiengruppen Aufgaben für die Stadtverwaltung Potsdam oder benachbarte Landkreise übernehmen. "Das ist natürlich aufwendiger als ein normales Seminar", räumt Reichard ein. Viele Studenten müßten erst lernen, daß Projektberichte pünktlich abzugeben sind und es nicht einfach mit der Teilnahme getan ist. Dafür arbeiten sie am "lebenden Objekt" statt mit grauer Theorie - was das Interesse für den späteren Beruf anfacht. Kenntnisse in Kosten-Leistungsrechung, Finanzmanagement und neuen Steuerungsmodellen werden in Vorlesungen und Seminaren vertieft und auf öffentliche Einrichtungen angewandt. "Noch ist der Begriff Public Management für viele unscharf", sagt der Hochschullehrer und ärgert sich über alle, "die denken, sie können mit Eloquenz und politischem Interesse am weitesten kommen". Ohne eine Affinität für Zahlen werde man kaum ein guter Public Manager.

„In der Verwaltung fällt es noch unangenehmer auf, wenn man versucht, den Kunden zu belehren oder viele Anglizismen benutzt.“

Die Nachfrage nach Public Managern ist hoch, schätzt Reichard: "Im öffentlichen Bereich werden vor allem drei Controlling-Aufgaben immer wichtiger: das Personalcontrolling, das Beteiligungs- und das Investitions-Projektcontrolling." Philipp Häfner kann das bestätigen. Der Partner und Senior Manager bei Mummert Consulting in Hamburg berät seit zehn Jahren die öffentliche Hand. "Outsourcing ist ein wichtiges Thema für uns geworden. Dafür muß man vorher Kosten und Nutzen genau vergleichen", so Häfner. Eine Aufgabe für Spezialisten im Rechungswesen und Controlling. Projektbezogen werden bei Mummert Teams mit unterschiedlichen Fachkenntnissen zusammengestellt. Dabei müssen sich die Berater vorsichtiger verhalten als ihre Consulting-Kollegen in der Privatwirtschaft: "In der Verwaltung fällt es noch unangenehmer auf, wenn man versucht, den Kunden zu belehren oder viele Anglizismen benutzt - dort achten die Kunden auf solide Kenntnisse. Gestandene Verwaltungsbeamte arbeiten nicht gern mit Überfliegern zusammen", so Häfner. Auch wenn der Bereich nur langsam wächst, hier lohnt sich der Einstieg: "Wir hatten nie diesen Hype - aber dafür auch keinen Einbruch. Es ist ein Feld, auf das innerhalb der Beratungsbranche viele Hoffnungen gesetzt werden."

Einen wachsenden Bedarf an Spezialisten sieht auch Jürgen Zender, Vorstand bei der Beratungsfirma Conet aus Hennef. Die 250 Mitarbeiter sind bundesweit in Kommunen und Behörden vor allem im Oberber-gischen Land unterwegs und übernehmen Aufgaben von IT-Beratung über Privatisierung bis hin zur Finanzberatung. "Ohne Kenntnisse von Vergaberecht und die Struktur und den Aufbau großer Institutionen geht es dabei nicht", so Zender. Gefragt sind auch IT-Spezialisten und Techniker, die Informatik oder Elektrotechnik am besten mit einer betriebswirtschaftlichen Orientierung studiert haben. Eine zunehmend wichtige Aufgabe im Public Consulting ist das Beteiligungscontrolling, so Zender. Dabei kommt es vor allem auf die Gestaltung der Verträge an. "Was soll ein Dienstleistungsunternehmen wie eine Müllentsorgungsfirma konkret liefern? Wie kann es gemessen werden - solche Fragen werden oft vernachlässigt. Dabei hat man nach Vertragsabschluß kaum noch eine Chance, etwas zu verändern." Für Berufsanfänger ohne praktische Kenntnisse sind die Chancen bei Conet gering. Erst mit beruflichen Erfahrungen, mit einer Ausbildung oder Praktika und praxisbezogenen Diplomarbeiten wachsen die Aussichten. Letztere kann man direkt bei Conet-Projekten absolvieren. Neben dem Einstieg in große Beratungsunternehmen, besteht im Public Consulting die Chance, sich selb-ständig zu machen. Dieter Möllenhof hat das schon vor 20 Jahren getan und beobachtet, wie das Thema wichtiger wurde und auch große Beratungsfirmen ihre Dienste anboten. Bedarf an kleineren regional aufgestellten Beratungen sehe er weiterhin, so Möllenhof. Der bestehe vor allem in kleineren Städten zwischen 20.000 und 100.000 Einwohnern und sei in einigen Regionen noch nicht gedeckt. Dort lohne es sich, die Selbständigkeit zu wagen. Seine acht Mitarbeiter und er sind überwiegend im Umkreis von 300 bis 350 Kilometern rund um Hemsbach in Baden im Einsatz. Nach so vielen Jahren im Geschäft kennt er die Probleme und Strukturen in den Städten inzwischen schon und kann gezielt und langfristig beraten, auch dann "wenn die großen Berater mit ihren Beamern und Folien wieder weg sind", sagt er scherzhaft.

Ohne Beamer und Folien kommt Barbara Wöhler, Consultant bei Horváth & Partners zwar nicht aus - doch die Inhalte sind mehr als farbige Bilder. Sie arbeitet gemeinsam mit Mitarbeitern von Verwaltungen in Workshops daran, Ziele zu definieren und zu erkennen, Meßgrößen festzulegen und Maßnahmen darauf abzustimmen. "Oft ist meine Funktion eher die einer Moderatorin. Es ist für die Kunden meist schon erhellend, wenn sie im Team strukturiert über eigene Strategien und Ziele nachdenken". Die 29jährige kennt sowohl den Unternehmens- als auch den Public-Consulting-Bereich. Seit gut drei Jahren ist sie im Public Management bei Horváth &Partners tätig. Studiert hat die Österreicherin BWL in Lausanne und auch ihre heutige Arbeit führt sie noch oft in die Schweiz. Der größte Unterschied zwischen der Beratung von öffentlichen Einrichtungen gegenüber Unternehmen sei die Verantwortlichkeit. "Wenn ich bei einem Projekt Verantwortliche für bestimmte Aufgaben suche, meldeten sich in Unternehmen sofort zwei bis drei Leute, die sich positionieren wollen. Bei öffentlichen Projekten gehört manchmal Überzeugungsarbeit dazu."

Weitere Informationen unter:

www.conet.de

www.horvath-partners.com

www.moellenhoff-gmbh.de

www.mummert-consulting.de/index.html

www.rolandberger.de

www.uni-potsdam.de/u/ls_puma

Text: Hochschulanzeiger Nr. 70, 2004