02. September 2010

Alles nur Fassade

Hochstapler

Von Anne Jacoby und Florian Vollmers




20. März 2006 
Gert Postel ist der in Deutschland wohl berüchtigste Hochstapler der vergangenen Jahre. Doch er ist nicht der einzige ...

Ursprünglich war Gert Postel Briefträger von Beruf - Karriere machte er allerdings als geschätzter Oberarzt für Klinische Psychiatrie. Er verhandelte mit den Ministerialen im Dresdner Sozialministerium erfolgreich um Leitungspositionen, schrieb psychiatrische Gutachten für sächsische Schwurgerichte, fälschte Dokumente, umschwärmte Professorinnen und Klinikdirektoren - bis eine kleine Unregelmäßigkeit seiner schillernden Karriere ein jähes Ende setzte. Postel bereut dies alles nicht. Vielmehr ist es ihm im Rückblick eine herrliche Schadenfreude, der deutschen Gesellschaft unter die Nase zu reiben, wie sehr überall geblufft wird: Politiker, Mediziner, Richter, Sachverständige, Geliebte - sie alle hatten die unglaubliche Karriere des „Dr. Postel“ erst möglich gemacht.

Prominente Beispiele gibt es viele: So wurde der umstrittene Leichenpräparator Gunther von Hagen im April vergangenen Jahres zu einer Geldstrafe von 108.000 Euro verurteilt. Das Amtsgericht Heidelberg befand ihn für schuldig, seinen chinesischen Professorentitel ohne Zusatz in Deutschland geführt zu haben. Eine ähnliche Untersuchung läuft gegen einen Passauer Bundestagsabgeordneten, der Edmund Stoiber im letzten Wahlkampf unterstützte - und einen in Prag erworbenen Doktortitel möglicherweise in Deutschland nicht führen darf.

Besonders umtriebig sind die Hochstapler in der Trainerbranche. Denn „Karriere-Berater“ und „Motivations-Coaches“ stampfen ihre Unternehmungen regelrecht aus dem Boden. Wer fragt bei einem Berufstrainer schon nach dem akademischen Abschluß? Begriffe wie „Karrierecoach“ sind nicht geschützt - und das bei geschätzten 5.000 Karriereberatern allein in Deutschland. Im Jahr 2001 erlebte „Mr. Motivation“ Jürgen Höller mit seinem Bildungsunternehmen eine finanzielle Bruchlandung - Folge einer jahrelangen Hochstapelei. Höller hatte sich sensationelle Kompetenzen zugeschrieben und prognostizierte seinem Unternehmen Inline AG ungeheure Wachstumsprognosen. Dann platzte die riesige Seifenblase, und er mußte Insolvenz anmelden.

Die Selbständigkeit gewährt viele Freiheiten - auch was das Tricksen betrifft: „Als wir anfingen, kamen viele Coaches auf uns zu und boten an, daß wir uns gegenseitig Referenzen zuschieben, um das Geschäft anzukurbeln“, berichtet Gitte Härter, die seit 1999 gemeinsam mit Christine Öttl ein Coaching-Unternehmen in München betreibt und hier auch viele Selbständige berät. „Natürlich haben wir uns nicht darauf eingelassen.“ Die Bereitschaft zu Lügen sei gering, käme jedoch immer wieder vor: Visitenkarten mit falschen Titeln - geklaute Logos und Artikel in Referenzlisten - Einzelkämpfer, die auf ihrer Homepage den Eindruck einer Riesenfirma erwecken - Telefon-Lügner, die Kunden Beschäftigung vorheucheln, indem sie ein Call-Center zwischenschalten.

Für Gitte Härter ist das alles nicht nur unseriös - sondern auch gefährlich: „Gerade für Selbständige ist es das denkbar Schlechteste, eine Geschäftsbeziehung mit einer Lüge zu beginnen.“ Selbst wenn die Zusammenarbeit lange Zeit gut klappt, könne nach dem Auffliegen einer Schummelei alles mit einem Mal zunichte gemacht werden. Härter plädiert dafür, Unsicherheiten nicht zu verschleiern, sondern sie zu bekämpfen: „Fragen Sie sich: Warum will ich lügen? Woran muß ich arbeiten?“ Wer keine Referenzen vorzuweisen habe, solle offen damit umgehen und seinen potentiellen Kunden zum Beispiel ein Probeprojekt anbieten. „Gutes Selbstmarketing trickst nicht“, lautet das Fazit der Trainerin Gitte Härter.

Ursprünglich war Gert Postel Briefträger von Beruf - Karriere machte er allerdings als geschätzter Oberarzt für Klinische Psychiatrie. Er verhandelte mit den Ministerialen im Dresdner Sozialministerium erfolgreich um Leitungspositionen, schrieb psychiatrische Gutachten für sächsische Schwurgerichte, fälschte Dokumente, umschwärmte Professorinnen und Klinikdirektoren - bis eine kleine Unregelmäßigkeit seiner schillernden Karriere ein jähes Ende setzte.

Postel bereut dies alles nicht. Vielmehr ist es ihm im Rückblick eine herrliche Schadenfreude, der deutschen Gesellschaft unter die Nase zu reiben, wie sehr überall geblufft wird: Politiker, Mediziner, Richter, Sachverständige, Geliebte - sie alle hatten die unglaubliche Karriere des Dr. Postel erst möglich gemacht. Prominente Beispiele gibt es viele: So wurde der umstrittene Leichenpräparator Gunther von Hagen im April vergangenen Jahres zu einer Geldstrafe von 108.000 Euro verurteilt. Das Amtsgericht Heidelberg befand ihn für schuldig, seinen chinesischen Professorentitel ohne Zusatz in Deutschland geführt zu haben. Eine ähnliche Untersuchung läuft gegen einen Passauer Bundestagsabgeordneten, der Edmund Stoiber im letzten Wahlkampf unterstützte - und einen in Prag erworbenen Doktortitel möglicherweise in Deutschland nicht führen darf. Besonders umtriebig sind die Hochstapler in der Trainerbranche.

Denn Karriere-Berater und Motivations-Coaches stampfen ihre Unternehmungen regelrecht aus dem Boden. Wer fragt bei einem Berufstrainer schon nach dem akademischen Abschluß? Begriffe wie Karrierecoach sind nicht geschützt - und das bei geschätzten 5.000 Karriereberatern allein in Deutschland. Im Jahr 2001 erlebte Mr. Motivation Jürgen Höller mit seinem Bildungsunternehmen eine finanzielle Bruchlandung - Folge einer jahrelangen Hochstapelei. Höller hatte sich sensationelle Kompetenzen zugeschrieben und prognostizierte seinem Unternehmen Inline AG ungeheure Wachstumsprognosen. Dann platzte die riesige Seifenblase, und er mußte Insolvenz anmelden. Die Selbständigkeit gewährt viele Freiheiten - auch was das Tricksen betrifft: Als wir anfingen, kamen viele Coaches auf uns zu und boten an, daß wir uns gegenseitig Referenzen zuschieben, um das Geschäft anzukurbeln, berichtet Gitte Härter, die seit 1999 gemeinsam mit Christine Öttl ein Coaching-Unternehmen in München betreibt und hier auch viele Selbständige berät. Natürlich haben wir uns nicht darauf eingelassen.

Die Bereitschaft zu Lügen sei gering, käme jedoch immer wieder vor: Visitenkarten mit falschen Titeln - geklaute Logos und Artikel in Referenzlisten - Einzelkämpfer, die auf ihrer Homepage den Eindruck einer Riesenfirma erwecken - Telefon-Lügner, die Kunden Beschäftigung vorheucheln, indem sie ein Call-Center zwischenschalten. Für Gitte Härter ist das alles nicht nur unseriös - sondern auch gefährlich: Gerade für Selbständige ist es das denkbar Schlechteste, eine Geschäftsbeziehung mit einer Lüge zu beginnen. Selbst wenn die Zusammenarbeit lange Zeit gut klappt, könne nach dem Auffliegen einer Schummelei alles mit einem Mal zunichte gemacht werden. Härter plädiert dafür, Unsicherheiten nicht zu verschleiern, sondern sie zu bekämpfen: Fragen Sie sich: Warum will ich lügen? Woran muß ich arbeiten? Wer keine Referenzen vorzuweisen habe, solle offen damit umgehen und seinen potentiellen Kunden zum Beispiel ein Probeprojekt anbieten. Gutes Selbstmarketing trickst nicht, lautet das Fazit der Trainerin Gitte Härter.

Gert Postel: Doktorspiele - Geständnisse eines Hochstaplers
Goldmann Verlag, 2003, 192 Seiten, 7,90 Euro

Man reibt sich die Augen beim Lesen dieses Karriereweges, der Münchhausens unglaublichen Geschichten in nichts nachsteht. Mit Ausnahme, daß hier alles wahr ist: Gert Postel, ursprünglich Briefträger, schildert voller Charme und nicht ohne Eitelkeit, wie er sich zum Oberarzt für Klinische Psychiatrie hochmogelte. Er erfindet Legenden, erschwindelt Referenzen, fälscht Dokumente und umgarnt Förderer. Bis in hohe Staatsämter und Büros angesehener Institute glaubt man seinen Lügen - und befördert ihn immer weiter. Somit sind die „Doktorspiele“ auch eine ironische Abrechnung mit der Eitelkeit von Machtinhabern und mit der falschen Legende von den Leistungseliten. Die Tricks des Gert Postel erscheinen so einfach durchzusetzen, daß man das Buch mit der Überzeugung zuklappt, der „Bluff-Gesellschaft“ regelrecht ausgeliefert zu sein.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 83, 2006
Bildmaterial: Goldmann