23. Juni 2008
Wer in seinem Lebenslauf vorweisen kann, dass er fremde Länder nicht nur aus der Touristenperspektive kennt, sondern sich als Praktikant in einem Unternehmen bewährt hat, verbessert seine Jobchancen enorm. Antje Theml hat es in ein südschwedisches Kaff namens Svängsta verschlagen. Hier berichtet die 24-jährige Studentin aus Clausthal-Zellerfeld, was sie in ihrem Praktikum fern der Heimat erlebt hat.
Svängsta ist ein kleines Dorf. Es gibt ein Geschäft und ein Postamt. Für alles andere muss ich in das 15 Kilometer entfernte Karlshamn fahren. Svängsta liegt in Südschweden auf der Hälfte des Weges zwischen Kristianstad und Karlskrona. Das Dorf ist nur ein Drittel so groß wie die Stadt Clausthal-Zellerfeld, in der ich an der TU im neunten Semester Wirtschaftsingenieurwesen studiere. Ich mache hier ein fünfmonatiges Praktikum bei einem kleinen mittelständischen Unternehmen. Es heißt NFO Drives und stellt Frequenzumrichter für Elektromotoren und Ventilatoren her. Mit einem Frequenzumrichter ist eine Drehzahlregulierung von Drehstrommotoren möglich. Dabei werden die Frequenz und die Motorspannung geregelt. So viel zum Technischen. Die Firma liegt mitten im Dorf in einem Entwicklungszentrum, in dem noch weitere Unternehmen untergebracht sind. Über unseren Räumen ist sogar eine Schule. Die meisten, die in diesem Gebäude arbeiten, essen zusammen in einer Gemeinschaftskantine, in der es oft auch diese Köttbullar-Fleischbällchen gibt, die wir in Deutschland von Ikea kennen.
Eigentlich komme ich aus dem technischen Bereich, aber bei NFO Drives arbeite ich im Marketing. Das habe ich mir bewusst so ausgesucht, weil dieses Gebiet im Studium bei mir bislang zu kurz gekommen ist. Die Firma ist in Skandinavien sehr bekannt, will sich aber neue Märkte erschließen. Zum Beispiel auch im deutschsprachigen Raum die patentierten Frequenzumrichter verkaufen. Darum kümmere ich mich und trete mit deutschen Unternehmen in Kontakt. In der Marketingabteilung arbeiten zwei weitere erfahrene Mitarbeiter, denen ich jederzeit über die Schulter gucken darf. Wir teilen uns ein Großraumbüro. Wenn wir Pausen machen, dann alle zusammen.
Die Arbeit macht weitestgehend Spaß, nur am ersten Tag hat mir der Kopf besonders gebrummt. Der Chef hielt für mich ganz persönlich auf Englisch eine zweistündige Präsentation über das Unternehmen und den Frequenzumrichter. Alles fand in einem abgedunkelten Raum mit Projektor statt, und ich habe nur die Hälfte verstanden. In den ersten Wochen habe ich mir die englischen Broschüren über den Frequenzumrichter vorgenommen und diese erst mal auf Deutsch übersetzt. Jetzt kann ich gut damit arbeiten, wenn ich mit Ingenieuren in Deutschland über das Produkt spreche. Das ist manchmal ganz schön schwierig, weil die viele Details wissen wollen.
Wie ich auf Schweden gekommen bin? Ich habe mich an der Uni im Auslandsamt informiert, weil ich unbedingt ein Auslandspraktikum machen wollte. Man hört ja immer, dass es eine tolle Erfahrung ist, auf die man im weiteren Berufsleben aufbauen kann. Im Auslandsamt haben sie mich auf das IAESTE-Programm hingewiesen. IAESTE steht für International Association for the Exchange of Students for Technical Experience. Das deutsche Komitee der IAESTE, das in den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) eingebunden ist, besorgt die Plätze in den Unternehmen und vergibt sie. Im Herbst habe ich mich beworben, im vergangenen Frühjahr wurde mir die Liste der Unternehmen zugeschickt, die Praktikanten suchen. Eigentlich wollte ich nach Indien, doch den Platz habe ich im Losverfahren nicht gekriegt. Bekommen habe ich stattdessen den Platz in Schweden. Ich habe dann noch eine ausführliche Bewerbung abgegeben, und dann war alles klar.
Das Praktikum wird mit rund 1.200 Euro im Monat vergütet. Eigentlich habe ich damit gerechnet, auch für die Unterkunft zahlen zu müssen, aber ein Kollege hat mir ein ganzes Haus umsonst zur Verfügung gestellt. Es ist rot-weiß, hat in jedem Zimmer die typisch schwedischen Elektroheizungen und im Wohnzimmer sogar einen Kamin. Das ist natürlich der totale Luxus - und ich genieße ihn. Wenn ich frei habe, fahre ich mit dem Fahrrad auf den stillgelegten Eisenbahnlinien, die zu Wegen ausgebaut wurden, oder erkunde mit meinem Auto Südschweden. In der Umgebung gibt es sehr viele Seen. Im Sommer ist es hier bestimmt wunderschön. Wenn man richtig ans Wasser will, muss man wieder nach Karlshamn oder in einen der anderen vielen Orte direkt am Meer. Zu meinem Schwedischkurs, den ich jeden Dienstag in Karlskrona besuche, nehme ich allerdings das Auto. 70 Kilometer sind es bis Karlskrona, aber es lohnt sich. In meinem Kurs habe ich viele Mitarbeiter von Sony Ericsson kennengelernt. Ich kann immer noch nicht gut Schwedisch sprechen, aber immerhin ein paar Worte. Für den Alltag habe ich mir ein paar Redewendungen eingeprägt, so dass ich mir meine Zimtschnecken beim Bäcker auf Schwedisch bestellen kann.
Bei NFO Drives komme ich mit Englisch gut klar, alle sprechen ziemlich gut und sind sehr nett und hilfsbereit. Der Umgang unter den Kollegen in der Firma ist schon ein bisschen anders, als ich das von Praktika in Deutschland kenne. Es wird sehr viel gelacht, und die Stimmung ist gelöst. Wir arbeiten konzentriert von 8 bis 17 Uhr, aber wer etwas zwischendurch zu erledigen hat, der geht einfach. Sagt Bescheid, ohne sich groß zu erklären. Man vertraut sich. Diese Herzlichkeit gefällt mir sehr gut. Alle duzen sich. Nur die königliche Familie wird gesiezt, hat mir mein Chef erklärt. Vielleicht liegt es an der geringen Arbeitslosigkeit, dass alle so gut drauf sind. Ich weiß es nicht.
Unter der Woche gehen die Schweden nicht aus, sie bleiben bei ihrer Familie. Außerdem ist der Alkohol hier wirklich viel teurer als in Deutschland. Am Wochenende wird trotzdem gerne mal auf den Putz gehauen. Vieles findet allerdings zu Hause statt. Gleich in den ersten Wochen waren meine Kollegen und ich beim Chef eingeladen. Es gab Sushi, Wein und Bier. Vor jeder neuen Runde stimmte jemand ein Trinklied an. Ich wusste nicht, dass es in Schweden so viele verschiedene Trinklieder gibt. Jedenfalls haben alle gesungen und hatten sehr viel Spaß. Ich habe mich richtig wohl gefühlt, wie unter Freunden. Ich könnte mir vorstellen, vielleicht einmal in Schweden zu arbeiten, auf jeden Fall würde ich mich nie nur auf Deutschland begrenzen wollen. Vielleicht würde ich beim nächsten Auslandspraktikum einen Ort wählen, an dem mehr los ist. Andere Praktikanten von IAESTE sind in Stockholm, die habe ich auch mal getroffen, aber ich kann wegen der Entfernung nicht immer zu den Treffen fahren. Ein Problem ist das nicht. Ich kann mich sehr gut mit mir beschäftigen und liebe die Natur. Ich würde jederzeit wieder ein Auslandspraktikum machen. Ich habe die Strukturen und Abläufe in einem ausländischen Unternehmen kennengelernt und darüber hinaus meine Fremdsprachenkenntnisse vertieft.
Worauf man beim Auslandspraktikum achten muss
1. Stellensuche
Es ist ratsam, mindestens ein Jahr vor dem gewünschten Praktikumstermin mit der Suche zu starten. Gute Tipps findet man im Ratgeber Wege ins Auslandspraktikum, der unter anderem vom DAAD herausgegeben wurde. Internetadresse: http://www.wege-ins-ausland.org. Natürlich kann man eigenständig seine Bewerbung an ein ausländisches Unternehmen schicken, doch leichter ist es, über eine Vermittlungsstelle einer großen Organisation in Deutschland zu gehen, die Programme für Auslandspraktikanten anbietet und Stellen vermittelt. Die unterstützen das Praktikum auch manchmal mit Fahrkostenzuschüssen, Beihilfen und Stipendien.
2. Bewerbung
Generell läuft eine Bewerbung so ab: Beim ersten Kontakt mit der Vermittlungsstelle teilt man auf einem Formular das Fachgebiet, den Zeitraum und den Ortswunsch mit. Dem schließt sich ein Bewerbungsgespräch mit der Vermittlungsstelle an, in dem Motivation und Vorstellungen abgefragt werden. Wichtig ist es, seine Sprachkenntnisse realistisch einzuschätzen, denn häufig werden die späteren Bewerbungsgespräche in der Sprache des Ziellandes geführt. Die Arbeitgeber im Ausland verlangen zusätzlich nach einer Bewerbung mit Anschreiben und Lebenslauf.
3. Vergütung und Kosten
Kriegt man einen Praktikumsplatz, ist der Abschluss eines Vertrages dringend empfohlen. An dem Punkt sollte geklärt werden, ob das Praktikum bezahlt wird. Apropos Geld: Vorsicht bei privaten Vermittlungsstellen! Hier ist es ratsam, sich ganz genau über die Kosten zu informieren, denn die Preise für die Vermittlung eines Praktikums variieren zwischen 30 und 700 Euro. Darüber hinaus können Vorsorgeuntersuchungen und Kosten für die Anreise anfallen. Auch an die Ausgaben vor Ort sollte man denken. Hierzu zählen Unterkunft, Freizeit, Schulen und Lebenshaltung. Manchmal braucht man für Länder eine Aufenthaltserlaubnis bzw. ein Visum.
Organisationen, die - überwiegend bezahlte - Auslandspraktika vermitteln:
Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) richtet sich mit einem umfangreichen Angebot an alle Studierenden:
http://www.arbeitsagentur.de
AIESEC vermittelt hauptsächlich Wirtschaftswissenschaftler:
http://www.aiesec.de
Elsa ist eine Anlaufstelle für Juristen:
http://www.elsa-germany.org
IAESTE ist spezialisiert auf Studierende der Forst- und Landwirtschaft, Ingenieur- und Naturwissenschaften:
http://www.iaeste.de
Die Internationale Medienhilfe richtet sich an Journalisten:
http://www.imh-deutschland.de
International Placement Center ist ausgerichtet auf Wirtschaftsingenieure und Wirtschaftsinformatiker:
http://www.ipc-darmstadt.de
Intern Abroad ist eine umfangreiche Quelle für internationale Praktikumsplätze geordnet nach Fachgebieten:
http://www.internabroad.com
Idealist vermittelt weltweit Praktika im gemeinnützigen Sektor:
http://www.idealist.com
Stipendien für Auslandspraktika:
Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) vermittelt für alle Studienfächer Praktika in internationalen Organisationen und EU-Institutionen:
http://www.daad.de/csp
Das EU-Programm Leonardo da Vinci fördert Hochschulabsolventen. Es beteiligt sich bis ein Jahr nach Studienabschluss mit bis zu 500 Euro pro Monat an den Kosten für Praktika, die nur im Rahmen bestimmter Projekte vergeben werden: www.eu.daad.de
Invent (ehemals Carl Duisberg Gesellschaft) richtet sich mit ihren Programmen vor allem an Studenten und Absolventen technischer und wirtschaftlicher Fächer, aber auch an Nachwuchs-, Fach- und Führungskräfte:
http://www.invent.org
Das ASA-Praktikumsprogramm kümmert sich um Praktika in entwicklungspolitischen Organisationen in Afrika, Asien, Lateinamerika, und Südosteuropa:
http://www.asa-programm.de
Auslandspraktika:
Weltweit größte Praktikanten-Austauschorganisation für Studierende der Natur- und Ingenieurwissenschaften, Land- und Forstwirtschaft:
http://www.iaeste.de
Interkulturelle Praktika beim Institut für Auslandsbeziehungen:
http://www.ifa.de