14. Mai 2009
Obwohl Studenten gern bloggen, sind Online-Tagebücher, in denen sich Blogger speziell über das Leben auf dem Campus auslassen, in Deutschland noch eine Seltenheit. Auch Hochschulen sind zurückhaltend, da Blog-Einträge oft schonungslose Kritik üben.
So schnell kann man von der Hochschule fliegen: Uni-Blog-Betreiber Frank Feil (23) konnte es nicht fassen, als sich ein hilfesuchender Student per E-Mail an ihn wandte und von seinem drohenden Hochschulausschluss berichtete. Nur weil er auf dem Überweisungsformular für die Studiengebühren seine Matrikelnummer nicht eingetragen hatte, schickte ihm die Uni-Verwaltung kurzerhand die Exmatrikulationsunterlagen zu. Die Geschichte habe ich gleich in mein Blog gestellt, erzählt Feil, der selbst Englisch und Politik an der Uni Heidelberg studiert. Zum Glück klärte sich die Sache schnell auf, die Exmatrikulation wurde wieder rückgängig gemacht.
Der alltägliche Wahnsinn an Deutschlands Unis - so lautet die Unterzeile von Frank Feils Blog, dem ersten überregionalen Web-Logbuch zum deutschen Campusleben, wo der Student alles sammelt und veröffentlicht, was im Hochschulalltag so schiefläuft: Ein Prof liefert eine beschämend schlechte Vorlesung ab, eine als Elite-Uni betitelte Hochschule mutet ihren Studis klapprige Stühle zu, oder ein Antrag auf Bafög zieht sich unzumutbar in die Länge. Mit dem Uni-Blog will ich Studenten die Möglichkeit geben, andere an ihren Erlebnissen teilhaben zu lassen und darüber zu diskutieren. Ende Februar ging http://www.uni-blog.info online. Knapp 100 Besucher tummeln sich dort täglich - im Vergleich zu anderen Blogs ist das wenig, doch für den Anfang ganz ordentlich.
Studentische Blogs haben es in Deutschland schwer. Weder StudiVZ noch andere bei Hochschülern beliebte Web-Communities bieten diesen Service an. Auch haben bislang nur wenige Hochschulen und Fachbereiche eigene Web-Logbücher eingerichtet. Mäßige Bekanntheit erlangte zum Beispiel das Studenten-Blog der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig. Und unter http://blog.scholarz.net haben sich die Doktoranden der Universität Würzburg ein Forum geschaffen. Den großen Durchbruch erlebte bislang kein Studenten-Blog. Ich finde es wichtig, dass ein Blog nicht an eine Hochschule angegliedert ist, sagt Uni-Blog-Betreiber Frank Feil. Es ist schon häufig vorgekommen, dass unbeliebte Einträge und Kommentare von der Hochschule einfach aus dem Netz genommen wurden.
Ein unabhängiges Blog war auch FU Watch, das im Mai 2005 eingerichtet wurde und Entwicklungen an der Freien Universität Berlin aus Studentenperspektive kritisch kommentierte. So wehrten sich Studierende im Blog gegen den Abriss eines Mensagebäudes und gegen die Schließung der Asta-Druckerei. Das Blog war als eine Art Kanal gedacht, in dem Informationen aus unterschiedlichsten Quellen so gebündelt und so kompakt wie möglich den hochschulpolitisch Interessierten zur Verfügung gestellt werden, sagt FU-Watch-Betreiber Niklas Fichtenberg. Neben Studierenden wurde das Blog auch zunehmend von Dozenten und Teilen der Uni-Verwaltung besucht. Weil Fichtenberg sein Studium beendet hat, wurde FU Watch jedoch im vergangenen Februar eingestellt. Bislang hat sich kein Nachwuchs-Blogger gefunden.
Im Gegensatz zu Deutschland sind in den USA studentische Blogger, die in eigens dafür eingerichteten Portalen über ihr Campusleben berichten, weit verbreitet. Die Hochschulen tolerieren die mitunter sehr kritischen Beiträge, weil sie Blogs als Werbung in eigener Sache betrachten. Studienanfänger würden so am schnellsten auf ein Hochschulangebot aufmerksam. Deshalb seien Blogs der beste Weg, um die Aufmerksamkeit der Myspace-Generation zu gewinnen, argumentieren die toleranten US-Hochschulen.
Auch Frank Feil wünscht sich für seinen frisch gestarteten Uni-Blog eine große Aufmerksamkeit. Als Blogger im Netz zu Berühmtheit gelangen will er hingegen nicht. Die Glaubwürdigkeit eines Blogs hängt nicht von einer Person ab, sagt Feil. Populäre Blogger wie der Bildblog-Gründer Stefan Niggemeier oder der Ex-BWL-Student Robert Basic, dessen Blog so bekannt wurde, dass er es für 40.000 Euro verkaufen konnte, seien Ausnahmen. Ich will einfach nur, dass möglichst viele Studis mitmachen.
Das Blog-Lexikon
Was ist ein Blog? Als Blog bezeichnet man ein Tagebuch, das öffentlich auf einer Internetsite geführt wird. Es besteht in der Regel aus einer chronologisch sortierten Liste von Einträgen, die mit Kommentaren von Besuchern des Blogs bestückt sind. Blogs existieren seit 1997, doch einem Massenpublikum wurden sie in den USA erst 2005 und in Deutschland ein Jahr später bekannt. Das Wort Blog ist eine Schöpfung aus den Begriffen Web und Logbuch.
Wie funktioniert ein Blog? Der Autor des Blogs verfasst einen Beitrag - häufig einen kritischen Kommentar zum aktuellen Tagesgeschehen - und stellt diesen online. Im Gegensatz zu Print-Publikationen und üblichen Online-Magazinen geht es beim Bloggen stärker um Aktualität. Neue Informationen erscheinen deshalb möglichst schnell und möglichst knapp aufbereitet im Internet.
Wie richtet man ein Blog ein? Bei sogenannten Blog-Diensten wie http://www.blogger.com, http://www.wordpress.com oder http://www.kulando.de kann man nach einer kostenlosen Registrierung mit dem eigenen Blog starten. Wichtig sind der Titel und die Definition der Themen, die behandelt werden sollen. Blogs funktionieren wie Websites: Wenn sie nicht regelmäßig aktualisiert werden und ihr Inhalt nicht von guter Qualität ist, verlieren Besucher schnell das Interesse.