04. Juli 2009

Studieren auf Pump

Studienkredite mit Risiken und Nebenwirkungen

Von Meike Laaf




18. Juni 2007 
Schulden fürs Studium machen oder nicht? Keine leichte Entscheidung. Zumal sich in dieser Sache selbst Finanzexperten nur in einem Punkt einig sind: Patentrezepte gibt es nicht.

222 Jahre alt und ein Schuldenberg im fünfstelligen Euro-Bereich - für Sebastian Horn kein Grund für schlaflose Nächte. „Man muss darauf eingestellt sein, dass Bildung auch kosten darf“, sagt er, zupft sich am braunen Jackett und schaut aus dem Fenster hinaus auf die roten Backsteinbauten der Bremer Jacobs University. Ein Professor betreut hier acht Studenten, auf dem Campus leben und lernen Kommilitonen aus 85 Nationen - ein internationales Biotop in der Bremer Vorstadt. Dass ein Jahr seines Bachelorstudiums 15.000 Euro Studiengebühren kostet, hat Horn nicht abgeschreckt. Schließlich hat die Uni ihm einen Teil davon erlassen, und auch seine Eltern haben kräftig mitbezahlt. Übrig geblieben sind drei Mal 5.000 Euro, die Horn als Kredit aufnehmen musste. Ein bisschen davon hat er schon abbezahlen können, doch wenn er die Universität in wenigen Wochen mit einem Titel in „Integrated Social Sciences“ verlässt, wird er noch immer mit mehr als 10.000 Euro in der Kreide stehen.

Kredit für alle
Nicht nur an Privatuniversitäten, auch für Studierende an staatlichen Hochschulen sind Studienkredite zu einem möglichen Baustein in der Studienfinanzierung geworden: Allein bei der Förderbank der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) nahmen im letzten Jahr 19.000 Studenten einen Studienkredit auf. Alle Angebote, die in den letzten anderthalb Jahren auf den Markt gekommen sind, haben ein paar Rahmenbedingungen gemeinsam: Unabhängig vom Einkommen der Eltern, ohne Vermögensnachweise und bei verhältnismäßig günstigen Zinsen bekommen Studienkreditnehmer eine monatliche Summe ausbezahlt, die sie erst nach dem Hochschulabschluss zurückzahlen müssen. Doch in ihren genauen Konditionen, Zinssätzen und Zugangsbeschränkungen unterscheiden sich die einzelnen Studienkredite immens.

Studienkredit als letzte Option
„Ich rate den Studierenden davon ab, das Studium komplett über Kredite zu finanzieren“, sagt Achim Meyer auf der Heide, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Die Studierenden sollten sich nicht so hoch verschulden, meint er und rechnet vor:
Leiht sich ein Student zehn Semester lang den vollen Betrag für Lebenshaltungskosten und Studiengebühren von der Bank, kann die Kreditsumme schnell auf 50.000 Euro anschwellen. Keine Einzelmeinung: Kreditexperten aller Couleur, vom Studentenwerk bis zu den Banken selbst, warnen davor, leichtfertig Studienkredite aufzunehmen und verschuldet ins Berufsleben zu starten. Stattdessen sollten sie zuerst versuchen, mit Elternunterstützung oder Bafög über die Runden zu kommen, meinen die Experten unisono. Denn auch wenn die Konditionen beim Studienkredit verhältnismäßig günstig sind, bleibt es eben doch ein Kredit, der in vollem Umfang zuzüglich Zinsen zurückzuzahlen ist - angesichts von unsicherer Zukunft auf dem Arbeitsmarkt und der schlecht bezahlten Generation Praktikum ein Risiko.

Lieber jobben statt verschulden?
Allerdings scheiden sich die Geister an der Frage, ob ein Kredit dem berühmten Studentenjob vorzuziehen sei: Achim Meyer auf der Heide, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, ist überzeugt, dass ein Studienkredit erst als „letztmöglicher Ausweg“ in Anspruch genommen werden sollte - Bildungsökonom Dieter Dohmen, Leiter des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) dagegen weist darauf hin, dass sich ein Kredit gegenüber einer Studienfinanzierung per fachfernem Job auch durchaus lohnen kann - nämlich wenn der Student einen schnelleren Uni-Abschluss machen und als Absolvent schneller ein höheres Gehalt beziehen kann. Und dennoch fällt es ihm schwer, eine generelle Empfehlung für Studienkredite auszusprechen: „Ich halte es für schwierig, wenn die Studienkredite kaum Rücksicht auf die Lebenssituation der Studierenden nehmen“, sagt er und plädiert für ein System, bei dem ein prozentualer Anteil des Einkommens zurückgezahlt wird.

Individueller Finanzierungsplan
Eine allgemeingültige Empfehlung für ein konkretes Studienkredit-Angebot auszusprechen ist schwierig - denn es hängt stark von den finanziellen Bedürfnissen und dem Studienfortschritt eines Studenten ab, welcher Anbieter besonders attraktiv ist. Zuallererst müssten Studierende einen Kassensturz machen und überlegen, wofür sie den Kredit eigentlich bräuchten, sagt Helga Springeneer, Spezialistin für Studienkredite beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Soll der Kredit nur die Studiengebühren finanzieren - oder auch die Lebenshaltungskosten abdecken? Jacobs-University-Student Sebastian Horn zum Beispiel lieh sich bei seiner Universität per Studienkredit einen Teil seiner Studiengebühren. Dabei profitierte er von einer Art verzinstem Lieferantenkredit, der ausschließlich Studenten an der Jacobs University offensteht - eine Praxis, die gerade an Privatuniversitäten keine Seltenheit ist. Dass es den meisten schwerfallen dürfte, gleich zu Beginn des Studiums einen konkreten Finanzierungsplan vorzulegen, hat die Dresdner Bank bei ihrem Angebot berücksichtigt. Sie bietet einen Studienkredit an, der wie ein Dispositionskredit funktioniert, das heißt, das Geld wird nur im Bedarfsfall abgehoben. Wer weniger benötigt, als ursprünglich kalkuliert, macht also weniger Schulden und spart Kreditzinsen. Auch mit dem Auslandskredit kommt die Dresdner den individuellen Bedürfnissen der Studierenden entgegen. Bis zu 1.500 Euro monatlich stellt die Bank für das in der Regel teurere Auslandsstudium zur Verfügung. Im Vergleich zur maximalen Auszahlungshöhe von 600 Euro für ein Inlandsstudium ein ordentliches Sümmchen, das den Schuldenstand schnell anwachsen lässt. Wer diesen Kredit für ein Semester in Anspruch nimmt, sollte sich den Kosten-Nutzen-Effekt also im Vorfeld gut überlegen.

Kleinkredite speziell für Studiengebühren
Doch auch überall da, wo staatliche Universitäten Studiengebühren eingeführt haben, können Studenten einen Gebührenkredit bei den jeweiligen Landesbanken aufnehmen. Damit sollen die circa 500 Euro pro Semester sozialverträglich abgefedert werden. „Kleinkredite nur zur Finanzierung von Studiengebühren, das kann man durchaus in Erwägung ziehen“, urteilt Verbraucherschützerin Springeneer - schließlich habe man nach zehn Semestern Studium nur eine überschaubare Summe von 5.000 Euro angehäuft. Die genauen Konditionen unterscheiden sich von Landesbank zu Landesbank - generell sind diese Darlehen aber recht attraktiv gestaltet: Die Zinssätze zwischen 5 und 6,5 Prozent sind recht niedrig, mit der Rückzahlung müssen die Ex-Studenten erst anfangen, wenn sie ein gewisses Mindesteinkommen haben. Und für Bafög-Empfänger bergen die Gebührenkredite in einigen Ländern ein besonderes Schmankerl: die Verschuldungsobergrenze. Die besagt, dass ein Student mit seinen Bafög- und Gebührendarlehen nicht mehr als 15.000, in NRW sogar 10.000 Euro Schulden machen darf - jeder Cent Schulden, den der Student oberhalb dieser Obergrenze aufnimmt, wird ihm erlassen.

Staatliche und private Kreditgeber
Wer sich dagegen mit einem Studienkredit seinen Lebensunterhalt finanzieren möchte, der muss auf die Angebote der KfW-Förderbank oder die Offerten von regionalen und bundesweit agierenden Privatbanken zurückgreifen. Pro Monat werden bei diesen Studienkrediten zwischen 100 und 1.500 Euro ausgezahlt, bei einzelnen Angeboten kann man sich auch einmalig eine größere Summe leihen. Zinssätze, Rückzahlungskonditionen und Vergabekriterien unterscheiden sich stark voneinander (siehe Tabelle). Populär ist der Studienkredit der KfW-Förderbank, den man bei der KfW selbst, bei den Studentenwerken und bei einer Reihe von Privatbanken beantragen kann (darunter einige Sparkassen, die HypoVereinsbank und die Volks- und Raiffeisenbanken). Als öffentliche Bank will die KfW-Förderbank mit ihren Krediten keinen Profit erwirtschaften, sondern lediglich haushaltsneutral arbeiten. Deshalb war sie in der Lage, bei ihrem anfänglichen Studienkreditangebot vor einem Jahr einen deutlich günstigeren Zinssatz zu verlangen als die Konkurrenz von den Privatbanken. Dieser Vorteil schwindet aber zusehends, denn erst Anfang April hat sie den Zinssatz für ihren Studienkredit erneut nach oben korrigiert - er kletterte innerhalb eines Jahres von 5,1 auf 6,3 Prozentpunkte. Es gibt aber noch einen anderen zentralen Unterschied zwischen Studienkrediten bei Privatbanken und bei der öffentlichen KfW: Die Privaten können „Rosinenpicken“ betreiben, wie Bildungsökonom Dohmen es nennt, sprich: Sie können sich selbst aussuchen, welchen Studenten sie fördern möchten und welchen nicht.

Günstige Alternative: der KfW-Bildungskredit
Gerade kurz vor Abschluss des Studiums könnte ein anderes Angebot der KfW für Studenten eine günstige Alternative sein: der sogenannte KfW-Bildungskredit. Dieser Bildungskredit wird seit 2001 als Studienabschlussfinanzierung staatlich unterstützt und bietet deshalb viel günstigere Konditionen als die Studienkredite der KfW oder anderer Anbieter. Studenten, die einen Bildungskredit beim Bundesverwaltungsamt bewilligt bekommen haben, bekommen bis zu zwei Jahre lang bis zu 300 Euro ausgezahlt - zu wesentlich niedrigeren Zinsen als bei allen Studienkrediten. Auch private Bildungsfonds investieren in Studenten und wählen ihre Förderschützlinge nach strengen Kriterien aus. Hier müssen sich Studenten einem mehrstufigen Auswahlverfahren stellen, das akademische Qualitäten, Jobchancen und Persönlichkeit abklopft. Wenn ein Kredit gewährt wird, vereinbaren Student und Fondsmanager die Konditionen für die Rückzahlung: Entweder in Form von individuellen Zinssätzen und Rückzahlungsfristen - oder aber die Studenten verpflichten sich, nach ihrem Berufseinstieg eine bestimmte Zeit lang einen individuell vereinbarten Prozentsatz ihres Einkommens an den Fonds zurückzuzahlen. Die letzte Variante sei aber ein Deal, der sich für die High Potentials, die mit diesem Bildungsfonds angesprochen werden sollen, in der Regel nicht lohne, meint Bildungsökonom Dohmen. Denn wenn diese Gruppe später in gut dotierten Positionen einen vorher vereinbarten Teil ihres hohen Gehalts an den Fonds abgeben, könnten sie schnell mehr zahlen als bei einem gewöhnlichen, verzinsten Studienkredit.

Auf Zinssatz achten
Worauf ist bei dem Dschungel an Studienkreditangeboten sonst noch zu achten? „Vor allem der Zinssatz ist wichtig“, meint Helga Springeneer vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Studenten sollten darauf achten, ob der angegebene Zinssatz der effektive Jahreszins sei oder nur ein Nominalzins, zu dem noch weitere Gebühren hinzukommen können. Außerdem sei ein fester Zinssatz besser als einer, der sich während des laufenden Kredites noch verändern kann - denn nur bei einem festen Zinssatz könne man die Kosten für den Kredit sicher einschätzen. Kredite mit variablen Zinssätzen können dagegen teurer werden, wenn die Zinsen auf dem Kapitalmarkt steigen. Einen solchen variablen Zinssatz hat zum Beispiel die KfW-Förderbank - hier können sich die Zinsen alle sechs Monate ändern. Um die Kreditkosten dennoch kalkulierbar zu halten, geben viele Banken einen Höchst-zins an, der während der Kreditlaufzeit garantiert nicht überschritten wird - bei der KfW liegt der beispielsweise bei 8,9 Prozent.

Rückzahlungsbedingungen
Augenmerk sollte auch auf die Rückzahlungsbedingungen für die Kredite gelegt werden. Die meisten Banken lassen ihren Schuldnern 6 bis 24 Monate nach Studienabschluss Zeit, bis sie beginnen, die Darlehenssumme in Raten zurückzufordern. Wenn Studenten dann mit der Tilgung ihrer Schulden ins Hintertreffen geraten, passiert im Grunde dasselbe wie bei einem normalen Ratenkredit, erläutert Verbraucherschützerin Helga Springeneer: Zuerst werden Verzugszinsen fällig; wenn mehrere Raten hintereinander nicht gezahlt werden können, kann die Bank den Kredit kündigen und die gesamte Summe auf einen Schlag zurückverlangen - oder aber die Schulden werden umgeschichtet, auf einen längeren Zeitraum gestreckt und so die Zinskosten wesentlich höher, als anfangs anvisiert. Weil die Kredite erst vor kurzer Zeit eingeführt wurden, gibt es noch keine Fälle von derart überschuldeten Studienkredit-Aufnehmern. „Ich gehe aber fest davon aus, dass wir Fälle haben werden“, meint Werner Sanio, Vorstandsmitglied bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung. Und auch Verbraucherschützerin Springeneer rechnet künftig mit einer größeren Zahl von überschuldeten Unter-Dreißig-Jährigen.

Davor hat Privat-Uni-Student Sebastian Horn keine Angst. Vor seinem 30. Geburtstag werde er die Schulden nicht mehr haben, ist er sich sicher - schließlich habe er schon einige lukrative Joboptionen auf dem Tisch liegen. Je nachdem ob er noch einen Masterstudiengang draufsetzt oder sofort ins Arbeitsleben einsteigt, hat er sieben bis zehn Jahre Zeit, sein Darlehen bei 7,75 Prozent Zinsen zurückzuzahlen. Und im Vergleich zu einem Studium in den USA, meint Horn, sei das Studium an der Jacobs University doch das reinste Schnäppchen.

Wie lang zahlt man für Studienkredite - ein Beispiel

Karin M. studiert Jura. Sie will sich von Beginn ihres Studiums an voll auf das Studieren konzentrieren. Da ihre Eltern noch zwei weitere Kinder haben, können sie Karin nur mit 350 Euro pro Monat unterstützen. Weil Karin in der Regelstudienzeit fertig werden will und nicht nebenher jobben möchte, nimmt sie zusätzlich 350 Euro Studienkredit pro Monat auf. Sie schafft ihr Studium in 8 Semestern und hat nun 16.800 Euro Schulden aus dem Studienkredit.
Ihre von der KfW vorgeschlagene monatliche Belastung aus der Rückzahlung beträgt 191,65 Euro bei einem Zinssatz von 6,29 Prozent p.a. und einer Tilgungsdauer von 10 Jahren. Das bedeutet 8,3 Prozent ihres jährlichen Bruttoeinkommens von 27.700 Euro.
Da Karin ihre Belastung zunächst reduzieren möchte, um über mehr Spielraum für mögliche Aufwendungen im Zusammenhang mit einem Wohnortwechsel zu verfügen, senkt sie ihre monatliche Annuität auf 146,46 Euro herab. Das entspricht in etwa 6,3 Prozent ihres jährlichen Bruttoeinkommens. Die Rückzahlungsdauer beträgt dann 15 Jahre.
Quelle: KfW

Text: Hochschulanzeiger Nr. 91, 2007
Bildmaterial: Meike Laaf