05. September 2008

Was geht denn hier ab

Nach dem Studium kommt der Praxisschock

Von Mischa Täubner




12. Mai 2008 
Ingenieure, Mediziner und Juristen haben es gut: Die wissen schon vor dem Studium, was sie einmal werden können. Und haben dann am Ende auch schon eine ziemlich konkrete Vorstellung von dem, was sie in der Berufswelt erwartet. Die meisten Geisteswissenschaftler haben allenfalls einen blassen Schimmer.

„Der Schritt auf den Arbeitsmarkt bedeutet für Geisteswissenschaftler der Eintritt in ein völlig neues Wertesystem“, beschreibt Dirk Erfurth, Leiter des Instituts Student und Arbeitsmarkt an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Plötzlich stehe nicht mehr wissenschaftliche Genauigkeit, sondern Effizienz und Kundenorientierung an vorderster Stelle. „In einem Unternehmen ist die achtzigprozentige Sofortlösung für den Kunden oft besser als die hundertprozentige Lösung in einem Jahr“, formuliert es Erfurth. Geisteswissenschaftliche Studiengänge sind breit angelegt - die arbeitsteilige Wirtschaft verlangt jedoch Spezialisierung. Geisteswissenschaftlern fällt es beim Berufseinstieg deshalb emotional sehr schwer, sich auf einen kleinen Ausschnitt ihrer Qualifikationen zu fokussieren.

Andreas Eimer hält den Begriff „Praxisschock“ für unpassend. „Dieses Schlagwort löst doch nur Angst aus“, sagt der Leiter des Career Service Münster. „Ich würde das Phänomen eher als Erfahrung mit einem Rollenwechsel bezeichnen, die man als Geisteswissenschaftler heftiger durchlebt als andere Fachbereiche.“ An der Hochschule stehe noch die eigene Weiterbildung im Mittelpunkt, man erhalte eine Dienstleistung: Die Dozenten und Hochschulmitarbeiter sind für die Studierenden da. Im Beruf ist das dann umgekehrt: Der ehemalige Student stellt seine Kompetenzen dem Arbeitgeber zur Verfügung. „Diesen Schritt bekommen viele erst einmal nicht hin.“ Der nicht vollzogene Rollenwechsel führe auch häufig zu einer Haltung im Bewerbungsgespräch, die beim potentiellen Chef eher auf den Magen schlägt: „Ich möchte bei Ihnen arbeiten, um meine Fähigkeiten weiter zu entwickeln“, heißt es dann - aber der Arbeitgeber will vielmehr hören: „Ich möchte hier arbeiten, um Ihnen meine Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen.“

Angefacht werden die Schwierigkeiten bei Berufseintritt noch durch eine bereits bestehende Verunsicherung und ausgeprägte Minderwertigkeitsgefühle: „Es gibt keinen Geisteswissenschaftler, dem nicht aus dem Verwandtenkreis die Frage gestellt wird: Was machst du später eigentlich mit deinem Studium?“, weiß Andreas Eimer vom Münsteraner Career Service. „Das passiert einem nicht, wenn man Medizin studiert.“ Zudem sind Geisteswissenschaftler häufig blockiert und frustriert, weil sie den Praxisschock als persönliches Versagen interpretieren. „Das hilft natürlich nicht weiter“, warnt Dirk Erfurth. „Halten Sie sich immer vor Augen, dass die Umgewöhnung in das neue Wertesystem nichts mit Ihren persönlichen Fähigkeiten zu tun hat.“

Ganz vermeiden lässt sich der Praxisschock aufgrund der geisteswissenschaftlichen Studieninhalte offenbar nicht. Seine schadhaften Auswirkungen lassen sich allerdings begrenzen - und zwar, indem man sich der Praxiserfahrung möglichst früh probehalber aussetzt. Andreas Eimer vom Career Service Münster rät allen Geisteswissenschaftlern, sich mental und praktisch auf den Berufseinstieg vorzubereiten: „Im ersten Schritt müssen sich Studierende darüber bewusst werden, dass der Rollenwechsel kommen wird, und dabei vor allem die Angst davor abbauen“, sagt der Karriereberater. „Der zweite Schritt lautet schlicht und ergreifend Praxiserfahrung, und die muss begleitend zum Studium gemacht werden.“

Hier können Geisteswissenschaftler dem Praxisschock vorbeugen:

Career Service Center der Hochschulen: Im Zuge des Bologna-Prozesses führen immer mehr Universitäten und FHs diese Einrichtung zur beruflichen Persönlichkeitsbildung ein. Je nach Hochschule werden Seminare zu Praxis, Bewerbung und Berufseinstieg, aber auch Kurse zu Wirtschaftssprache, Marketing und Vertrieb, Auslandsgeschäften oder Computeranwendungen geboten. An vielen Hochschulen können Studenten übrigens auch Kurse belegen, obwohl sie dort nicht eingeschrieben sind. Der Career Service an der TU Berlin wurde kürzlich von der Hochschulrektorenkonferenz als der beste in Deutschland prämiert. Eine Liste der Career Service Center bietet das Career Service Netzwerk Deutschland (CSND) unter http://www.csnd.de/seiten.

Online-Netzwerke: Geisteswissenschaftler greifen sich gegenseitig unter die Arme, indem sie sich im Internet intensiv über ihre Erfahrungen in Wirtschaft und Arbeitsmarkt austauschen. Eines der größten und aktivsten Foren ist die Gruppe „Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft“ auf der Business-Plattform http://www.xing.com (Link „Gruppen“).

Text: Hochschulanzeiger Nr. 96, 2008, Seite 36
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor