21. Januar 2008
Die Logistikbranche boomt und klagt über Akademikermangel: Wie schon in den Jahren zuvor hat sie auch 2007 viel weniger Nachwuchskräfte bekommen als benötigt. Was für Hochschulabsolventen wiederum bedeutet: Vor Arbeitslosigkeit muss sich in den nächsten Jahren keiner fürchten.
Die Logistik braucht einen Akademikeranteil von 20 bis 25 Prozent, erklärt Prof. Frank Straube, Leiter des Bereichs Logistik der TU Berlin und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik (BVL). Aktuell hätten jedoch nur 17,5 Prozent der Branchenmitarbeiter einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. Für Straube ist klar: Die Akademikerquote der Branche muss in den kommenden Jahren steigen, damit Logistikdienstleister, Handel und Industrie ihre komplexen Abläufe weiterhin beherrschen können. Doch ist unklar, woher die Fachkräfte kommen sollen. Laut BVL braucht die Branche 12.000 Akademiker pro Jahr, um Stellen neu und nachzubesetzen. Doch von den 50 Unis und Fachhochschulen, die hierzulande Logistiker ausbilden, kommen jährlich nur 3.000 Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Bislang stopfen die Unternehmen Personallöcher durch interne Umbesetzungen. Bis zu 5.000 Stellen jährlich bleiben laut BVL offen. Straube kommt zu dem Schluss, dass sich die Ausbildungskapazität für Logistiker an deutschen Unis und Fachhochschulen verdreifachen muss.
 |
| Die etwa 50 Unis und Fhs bilden derzeit ca. 3000 Logistiker aus;dabei könnte die Branche jährlich weiteren 5000 Fachkräften Perspektiven bieten. Frank Straube, Professor an der TU Berlin,stellv. Vorsitzender des Vorstands der Bundesvereinigung Logistik |
Fehlende Fachkräfte sind nicht der einzige Engpass, mit dem die Branche zu kämpfen hat. Die globalen Warenströme schwellen derart an, dass die bestehende Infrastruktur aus allen Nähten platzt. So hat sich der globale Seehandel seit 1980 verdoppelt. Frachtraum ist knapp, obwohl die weltweite Handelsflotte schon das dritte Jahr in Folge um über 50 Millionen TDW (tons dead weight) gewachsen ist. Gerade die deutsche Handelsflotte wächst rasant. Mit über 3.000 Schiffen liegt sie weltweit auf Platz drei und hängt viele Konkurrenten ab. Seit 2001 kauften deutsche Reeder 1.000 neue Schiffe und haben ihren Frachtraum dabei mehr als verdoppelt. Auch 2007 wuchs die Flotte um ein Sechstel. Die Aufstiegschancen an Land und an Bord waren nie so gut wie heute, wirbt der Verband Deutscher Reeder (VDR). Jährlich benötigen deutsche Reedereien allein 650 Absolventen der Nautik, 300 mehr, als Fachschulen und Fachhochschulen ausbilden, sowie 150 Schiffsingenieure.
Längst nicht alle Waren können per Schiff transportiert werden. Viele Lieferungen sind zu eilig - sei es Post, seien es Ersatzteile oder verderbliche Waren. Zwar macht Luftfracht nach Gewicht weniger als ein Prozent der grenzüberschreitenden Transporte aus, doch nach Wert sind es über 40 Prozent. Ein lukratives Geschäft, das seit geraumer Zeit um mindestens fünf Prozent jährlich zulegt. Im Jahr 1986 wurden fünf Millionen Tonnen per Flugzeug in ihre Bestimmungsregion gebracht, 1995 schon 12,5 Millionen Tonnen und 2003 über 20 Millionen Tonnen. Laut Boeing World Air Cargo Forecast wird es kaum länger als ein Jahrzehnt dauern, bis sich das Luftfrachtvolumen abermals verdoppelt. Deshalb investieren Konzerne in Infrastruktur und neues Personal. Die DHL nimmt dieser Tage ihren europäischen Hauptumschlagplatz (Hub) am Flughafen Leipzig/Halle in Betrieb. Ziel ist es, die weltweite Marktführung für internationalen Expressversand, Überlandtransporte und Luftfrachtbeförderung auszubauen. Auch die Fraport AG plant eine Erweiterung des Flughafens Frankfurt. Die vorhandenen Startbahnen reichen nicht mehr, um sowohl europäisches Luftdrehkreuz im Passagierverkehr als auch größter Frachtflughafen Europas zu bleiben. Im letzten Jahr wurden dort 1,78 Millionen Tonnen Fracht und Post befördert. Laut Fraport-Prognose wird das Volumen bis 2020 um 70 Prozent auf über drei Millionen Tonnen steigen. DHL und Fraport suchen Absolventen verschiedener Fachrichtungen und bieten als Einstieg unter anderem Traineeprogramme an.
Neben globalen braucht die Logistikbranche auch europäische, nationale, regionale und lokale Netze. Die Deutsche Bahn AG knüpft sie unter anderem mit ihrer Spedition Schenker und ihren beiden Töchtern auf der Schiene, Railion und Intermodal. Daneben sorgen weitere Geschäftsfelder im Konzern für Anbindung sowohl an die globalen Güterströme als auch an die Verladerampen einzelner Betriebe. Als ehemaliges Staatsunternehmen nimmt die Bahn ebenso wie die DHL eine Sonderstellung in der Logistikbranche ein. Gegen die beiden Giganten mit 230.000 (Bahn) beziehungsweise 466.000 Beschäftigten (Deutsche Post World Net) wirken der dritt- und viertgrößte Dienstleister im deutschen Logistikmarkt, Kühne + Nagel und Dachser, fast klein. Obwohl beide 2006 knapp 2 Milliarden Euro umsetzten. Zum Vergleich: Der Logistikbereich der Post erzielte 2006 über 22 Milliarden Euro Umsatz. Und bei der Bahn beliefen sich die Umsätze von Schenker und Schienengüterverkehr allein im ersten Halbjahr 2007 auf 8,7 Milliarden Euro.
Mit der Globalisierung hat sich die Disziplin stark verändert. Logistik ist über Speditionsbüros und Lagerhallen hinausgewachsen und hat heute einen festen Platz im Management von Unternehmen. Darüber hinaus wächst der Bedarf an Informatikern ständig - auch dies ein Indiz für Veränderungen. Die Automation schreitet voran, Hochregale und Transportwagen kommen ohne menschliche Lenker aus, in Fabriken bestellen Kanban-Systeme automatisch Nachschub, sobald ein Teil verbaut ist, und mit Hilfe von RFID-Chips sollen Waren, Produkte oder Ersatzteile künftig rund um den Globus zu verfolgen sein und auf den Speicherchips auch gleich ihre gesamte Produktions- und Liefergeschichte bei sich tragen. Forscher arbeiten auch daran, mit RFID-Technik die Vision, selbst steuernder Verteilungssysteme zu realisieren, in denen Waren ihre Routen selbst finden. Entsprechende Forschungen laufen an Hochschulen und Forschungsinstituten.
Ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld für junge Akademiker ist die Logistikberatung, in der renommierte, global agierende Unternehmensberatungen ebenso aktiv sind wie spezialisierte Beratungshäuser. Wer in diesen Teil der Branche einsteigt, braucht fundiertes Fachwissen, bekommt es im Gegenzug aber auch mit spannenden und abwechslungsreichen Projekten zu tun. Sei es die Organisation der Abläufe an Flughäfen und Häfen, sei es das Planen und Einrichten großer Logistikzentren für Handelsgesellschaften oder sei es das Überdenken der Produktionsprozesse in Unternehmen, um schlummernde Potentiale zu heben. Um Einsteiger für die komplexe Materie fit zu machen, sorgen gerade die Beratungshäuser für Weiterbildung. Das Thema nimmt in der Branche allgemein viel Raum ein - und sorgt für den nächsten Engpass: Für die Weiterbildung von Mitarbeitern der operativen und mittleren Ebene gibt es heute in Deutschland kein ausreichendes außeruniversitäres Angebot, beklagte jüngst die BVL.
Hier gibt´s Jobs für Hochschulabsolventen
Dachser
Bedarf 2008: 50 - 70 Hochschulabsolventen
Gesuchte Fachrichtungen: Wirtschaftsingenieurwesen (Transport, Verkehr, Logistik), Wirtschaftswissenschaften (hauptsächlich Schwerpunkt Logistik), internationales Management, Informatik, Wirtschaftsinformatik
Für welche Bereiche wird gesucht: Qualitätsmanagement, Warehouse, Betriebsleitung, Kontraktlogistik, Verkauf, Controlling, Luft- und Seefracht-Ressort
http://www.dachser.com
Deutsche Bahn
Bedarf 2008: ca. 400 Hochschulabsolventen
Gesuchte Fachrichtungen: Ingenieurwesen (Elektrotechnik, Maschinenbau, Nachrichtentechnik, Wirtschaftsingenieurwesen, Verkehrsingenieurwesen), Wirtschaftswissenschaften (Finanzwirtschaft, Controlling, Rechnungswesen, Industriebetriebslehre, Produktion, Logistik, Beschaffung, Internationales Management, Marketing, Vertrieb, Verkauf, Personal, Organisationsentwicklung), Naturwissenschaften (Physik, Mathematik), Informatik, Psychologie, Rechtswissenschaften
Für welche Bereiche wird gesucht: Anlagen/Bau, Infrastruktur, Betrieb/ Produktion, Technische Logistik, Einkauf, Finanzen/Controlling, Strategie, IT, Marketing, Vertrieb, kaufmännische Logistik, Personal
http://www.db.de/karriere
Deutsche Post World Net
Bedarf 2008: ca. 100 Hochschulabsolventen (Deutschland)
Gesuchte Fachrichtungen: unterschiedlich, u. a. Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsingenieure, Juristen, aber auch Physiker, Psychologen und Naturwissenschaftler
Für welche Bereiche wird gesucht: Traineeprogramm, Inhouse Consulting und Direkteinstieg in verschiedenen Positionen
http://www.dpwn.de
Eurogate
Bedarf 2008: ca. 15 Hochschulabsolventen
Gesuchte Fachrichtungen: Maschinenbau, Elektrotechnik, Informatik, Wirtschaftsinformatik, auch Praxissemester oder Diplomarbeit
Für welche Bereiche wird gesucht: Anlagen/Bau, Infrastruktur, IT in allen Unternehmensbereichen, technische und kaufmännische Logistik
http://www.eurogate.eu
Kühne + Nagel
Bedarf 2008: weltweit ca. 220 Hochschulabsolventen
Gesuchte Fachrichtungen: Betriebswirtschaftslehre, Informatik, Ingenieurwissenschaften, Wirtschaftsingenieurwesen, Wirtschaftswissenschaften
Für welche Bereiche wird gesucht: Logistik/Materialwirtschaft, Controlling/Rechnungswesen, Finanzen, IT, Personal, Strategie/Unternehmensentwicklung, Versicherung
http://www.kn-portal.com