09. November 2009

Wirtschaftskriminalität

"Dreh dich nicht um – der Prüfer geht um"

Von Karin Leppin




24. November 2003 
Die Wirtschaftskriminalität in Deutschland ist eine Wachstumsbranche: Noch nie wurde soviel gefälscht, gemogelt und unterschlagen. Als Ermittler in Sachen Betrug treten „Forensic Accountants" an - Wirtschaftsprüfer mit Scharfsinn, einem Gespür für Zahlentricksereien und Spaß an einem Hauch von James-Bond-Gefühl.

Am Anfang ist es nur ein Verdacht. Hat sich der Einkaufschef von den Lieferanten bestechen lassen? Fälscht der Buchhalter die Bilanzen und überweist den einen oder anderen Euro auf sein eigenes Konto? Liegt ein solcher Verdacht vor, kann es schon mal vorkommen, daß Uta Schröter von ihrem Chef früh morgens aus dem Bett geklingelt wird und beweisen muß, wie schnell sie ihren Koffer packen kann.

„Wir haben bie uns Juristen, BWLer, IT-Fachleute und Kriminalisten, und keiner von ihnen kann einen Fall allein lösen, das geht nur im Zusammenspiel.“

Dann reist die 32jährige gemeinsam mit Kollegen zu einem Klienten und kopiert Bücher, Bilanzen und Belege, bevor der Verdächtige Wind davon bekommt und wichtige Dokumente durch den Reißwolf jagt. In solchen Fällen geben sie vor, Abschlußprüfer zu sein, die "ganz normal" ihre Arbeit tun. Oft ist der Verdächtige aber auch längst suspendiert - oder gar selbst der Auftraggeber, der darauf hofft, daß Uta Schröter und ihre Kollegen seine Unschuld beweisen. Dann können sie sich ganz offen vorstellen: Als Forensic Accountants, als Ermittler in Sachen Betrug und Wirtschaftskriminalität aus der Abteilung "Forensic & Disput Services" beim Wirtschaftsprüfer Deloitte & Touche. Seit zwei Jahren arbeitet Schröter in dieser Abteilung und dort in Teams, die je nach Auftrag aus Kriminalitätsfachleuten, Computerexperten und Wirtschaftsprüfern zusammengestellt werden. Schröter geht Bücher und Bilanzen der Firma durch und wertet gelöscht geglaubte Daten aus, die ihre Kollegen auf einer Festplatte sicherstellen konnten. Dann beginnt der Wettkampf zwischen der kriminellen Kreativität des Täters und dem Spürsinn der Prüfer. Manchmal sind es unscheinbare Beträge, die einzeln über Jahre unbemerkt auf ein Konto überwiesen wurden. Oder es ist ein so geschicktes und kompliziertes System aus scheinbar ganz korrekten Buchungen quer durch die Firma, über Kunden und zurück, daß es eine Menge Sachkenntnis erfordert, die undichte Stelle zu entdecken. "Es ist die berühmte Nadel im Heuhaufen, die wir finden müssen. Der erste Hinweis ist der wichtigste", sagt Schröter. "Haben wir erst einmal etwas Spannendes gefunden, offenbart sich oft eine ganze Kette von Beweisen - dann wissen wir nämlich endlich, wo wir suchen müssen."

Nach ihrem BWL-Studium mit Schwerpunkt Controlling und Marketing in Berlin bewarb sie sich zunächst bei einem kleineren Unternehmen, das sich auf forensische Prüfungen spezialisiert hat. Interesse an kniffligen Aufgaben bewegte sie zu diesem Schritt. Hier kam Schröters Stunde als Spürnase. Die Tätigkeit brachte ihr die ersten Fälle als Forensic Accountant und die Erkenntnis: Das ist der richtige Job für mich. "Aufregend, manchmal kribbelig und anspruchsvoll", faßt sie zusammen und hat ihre Entscheidung, sich zu spezialisieren, nie bereut. Insbesondere nicht, seit sie nach ihrem Wechsel zu Deloitte & Touche mit Herausforderungen ganz anderer Dimensionen konfrontiert wurde.

Neben einigen spezialisierten Mittelständlern gibt es auch bei den "Big Four", den vier großen Prüfungsunternehmen der Branche, eigene Abteilungen für die Untersuchung von Wirtschaftskriminalität. Ihre Bedeutung in den Prüfungsgesellschaften wächst, ebenso ihre Mitarbeiterzahl. Denn neben den Fällen von Betrug und Straftaten übernehmen sie andere wichtige Aufgaben: Sie gehen beispielsweise die Bücher von Unternehmen durch, die von einem anderen gekauft wurden, und prüfen, ob der Kaufpreis gerechtfertigt ist und ob "Leichen im Keller liegen". Die Mitarbeiter haben den Weg in die Teams meist über einen Direkteinstieg und Learning-by-doing gefunden. Weil die Mandate meist internationale Firmen betreffen, sind gute Englischkenntnisse für Einsteiger unentbehrlich.

"Der ideale Einsteiger ist ein 25jähriger Absolvent in BWL und Jura, der drei Jahre beim BKA gearbeitet hat", sagt Steffen Salvenmoser schmunzelnd - denn der Senior Manager der Investigationsabteilung bei PricewaterhouseCoopers (PwC) weiß, daß er solche Bewerbungen nicht bekommen wird. Deshalb sei die Teamarbeit so wichtig: "Wir haben bei uns Juristen, BWLer, IT-Fachleute und Kriminalisten, und keiner von ihnen kann einen Fall allein lösen. Das geht nur im Zusammenspiel", beschreibt er. Die optimalen fachlichen Voraussetzungen sind ein BWL-Studium mit Schwerpunkt Rechnungswesen oder Wirtschaftsrecht, Jura mit Scheinen in Wirtschaftsstrafrecht und vielleicht einigen Vorlesungen in BWL. Daneben schaue er bei Bewerbern auf interessante Praktika oder andere Erfahrungen, die zeigen, "daß sie nicht mit Scheuklappen durch das Leben gegangen sind". Erfahrungen bei der Polizei seien ideal, so Salvenmoser, oder Juraabsolventen, die in ihrem Referendariat in der Wirtschaftsabteilung der Staatsanwaltschaft gearbeitet haben. Dazu kämen persönliche Eigenschaften wie Beharrlichkeit und Spürsinn. "Wir suchen Menschen, denen es Spaß macht, Rätsel zu lösen, die aber auch dann noch Biß haben, wenn der Kriminalfall nicht wie im Fernsehen nach 45 Minuten gelöst ist.“

„Wir suchen Menschen , denen es Spaß macht, Rätsel zu lösen, die aber auch dann noch Biß haben, wenn der Kriminalfall nicht wie im Fernsehen nach 45 Minuten gelöst ist.“

Eine Ausbildung, die speziell auf den Bedarf zugeschnitten ist, gibt es laut Salvenmoser in Deutschland noch nicht. Dafür erfreut sich ein neuer Aufbaustudiengang in der Schweiz wachsender Aufmerksamkeit, der auch von deutschen Staatsbürgern besucht werden kann: An der Hochschule für Wirtschaft in Luzern gibt es seit 2001 das sogenannte "Nachdiplomstudium zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität", dessen Teilnehmer innerhalb von drei Semestern in kriminologischen Themen und in Wirtschaft, Recht und Informatik ausgebildet werden. Dieser gebührenpflichtige Studiengang ist berufsbegleitend konzipiert und auf Praktiker und Freiberufler ausgerichtet, die sich in der Wirtschaft, bei der Polizei oder Justiz mit Wirtschaftskriminalität befassen, informiert Adrian Lobsiger, Kursleiter für diesen Studiengang. Geplant ist außerdem ein eigener Studiengang zur Forensik.

Neben den Prüfungsgesellschaften kommen für Prüfer mit Spürsinn auch das Bundeskriminalamt (BKA), die Landeskriminalämter (LKA) und Staatsanwaltschaften als Arbeitgeber in Frage. Beim BKA beispielsweise arbeiten Bilanzbuchhalter, Volks- und Betriebswirte im Wirtschaftsprüfdienst. "Neben den fachlichen Qualifikationen müssen die BKA-Buchprüfer über mehrjährige Berufserfahrung im Rechnungswesen, insbesondere in einer Revisionsabteilung, oder ähnlichen Prüfertätigkeiten verfügen", erklärt Dirk Büchner von der Pressestelle des Bundeskriminalamtes. Das Aufgabengebiet könne in Teilbereichen durchaus mit denen einer Buchprüfungsgesellschaft verglichen werden, so Külmer. "Die forensischen Ausarbeitungen und die erstellten Prüfberichte sind von den Prüfern, in der Eigenschaft des Sachverständigen, vor Gericht zu vertreten." Eine abwechslungsreiche Aufgabe, die nach Bundesangestelltentarif (BAT) vergütet wird.

Zuweilen ist aber auch das Gericht der Auftraggeber, erklärt Thomas Kurth, Leiter der Berliner Abteilung Forensic & Dispute Services bei Deloitte & Touche. Doch auch dann sind die über ein Dutzend Mitarbeiter, die deutschlandweit in Kurths Abteilung tätig sind, nur mit Sachverstand und Neugier bewaffnet und können weder Verhöre durchführen noch mit Konsequenzen drohen, um einen Mitarbeiter dazu zu bringen, Informationen herauszurücken. Sie müssen es mit Feingefühl und Beharrlichkeit schaffen. "Unser Beruf hat wenig mit James Bond oder Privatdetektiven zu tun. Viele Legenden über die Arbeit von Forensischen Prüfern sind maßlos übertrieben", betont Kurth.

„Unser Beruf hat wenig mit James Bond oder Privatdetektiven zu tun, viele Legenden über die Arbeit von Forensischen Prüfern sind maßlos übertrieben.“

Arndt Engelmann kann sich dennoch keineswegs über zu wenig Aufregung beklagen: "Eine gewisse Euphorie kommt auch bei ganz alltäglichen Aufgaben auf: Finden wir etwas oder nicht?" Gleich nach seinem BWL-Abschluß in Jena vor einem Jahr stieg er im Bereich "Dispute Analysis and Investigation" bei PwC ein. "Ich hatte die Schwerpunkte Rechnungswesen und Wirtschaftsrecht gewählt und wollte in meinem Job beides verbinden", berichtet er. Seine jetzige Aufgabe entspreche genau dem, was er gesucht habe. Momentan arbeitet er in einem Insolvenzmandat in einem großen internationalen Unternehmen. Das heißt, sein Team überprüft die Finanzströme und Rechnungen auf Unregelmäßigkeiten, zum Beispiel Unterschlagungen oder Insolvenzverschleppung. "Wir kommen praktisch in jeder Phase eines Unternehmens zum Einsatz, von der Gründung bis zur Insolvenz - da lernt man unheimlich viel", beschreibt Engelmann. Vor allem selbständiges Denken sei wichtig in seinem Job. Wer lieber nach Checklisten, in einem geregelten Tagesrhythmus und nur mit klaren Anweisungen arbeite, sei völlig fehl am Platz, so Engelmann. "Wir haben einen Verdacht - aber wir wissen zunächst nicht, wie wir vorgehen. Der Weg ist fast jedes Mal neu."

Dazu komme der Umgang mit den Mitarbeitern bei den Klienten und die Interviews mit Kollegen des Verdächtigen oder mit dem möglichen Übeltäter selbst. Die Anforderungen seien immer andere. Gerade hat Engelmann eine interne Schulung zur Interviewführung bei einem Richter absolviert und dabei gelernt, wie man herausfinden kann, ob der Gesprächspartner etwas verschweigt, und wie man ihn dazu bringt auszupacken. Man müsse zäh bleiben und gleichzeitig sachlich. Situationen, in denen er inkognito arbeite, seien selten, so Engelmann. "Es ist meist viel zu kompliziert und zu teuer, solche Legenden aufzubauen", bestätigt auch sein Chef Steffen Salvenmoser. "Wenn wir behaupten, wir kommen aus der Firmenzentrale in Amsterdam sind wir schon enttarnt, wenn uns jemand beiläufig fragt, ob die Kneipe an der Ecke noch existiert."

In seiner Abteilung gebe es nur eine sehr geringe Fluktuation der Mitarbeiter, sagt Salvenmoser. Ein Beweis dafür, daß der Job auch mit Laptop und Interview statt mit Pistole und Verfolgungsjagd aufregend genug ist.

Weitere Informationen unter:

www.bka.de

careers.deloitte.com

www.hsw.fhz.ch/ccfw/bwk/

www.pwc-career.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 69, 2004
Bildmaterial: Claudia Weikert, Labor