18. Juni 2007
Neben der Unterstützung von Mami und Papi sind kurzfristige Jobs die häufigste Form der Studienfinanzierung. Doch mit steigenden Kosten und erhöhtem Lernpensum wird es für Studenten immer schwieriger, den Spagat zwischen Nebenerwerb und Hochschule hinzubekommen.
Um sein Studium zu finanzieren, schlägt sich Michael Meisenheimer buchstäblich die Nächte um die Ohren: Dreimal pro Woche schuftet der 24-jährige Chemiestudent der Uni Köln von 22 bis 4 Uhr morgens am Förderband bei einem Paketservice: Das ist Knochenarbeit, stöhnt Meisenheimer. Pro Stunde sortiere ich nach Postleitzahl über 1.000 Pakete, die durchschnittlich fünf Kilo schwer sind und die ich teilweise auf eine Höhe von 1,80 Meter wuchten muss.

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Im Sommer wird es im Logistikzentrum des Transportunternehmens bis zu 40 Grad heiß. Spaß macht mir das nicht, aber ich brauche das Geld, sagt Michael Meisenheimer, dessen Verdienst im nächtlichen Job bei 15 Euro pro Stunde liegt. Nur so kann ich mir eine eigene Wohnung und das Studieren leisten. Darüber hinaus gibt er manchmal Nachhilfe oder verdingt sich als Türsteher auf Privatpartys: Da kann man auch schon mal 100 Euro an einem Abend verdienen. Den Nacht-Job im Paketservice wird Meisenheimer bald aufgeben: Ich habe schon etwas als Barkeeper in Aussicht.
So wie Meisenheimer hangeln sich viele Studenten von Job zu Job, um sich ihr Studium finanzieren zu können: Laut Deutschem Studentenwerk (DSW) müssen über 68 Prozent der Studierenden heute neben dem Studium arbeiten. Im Schnitt werden dabei zehn Stunden pro Woche für den Nebenjob aufgewendet. Die Zahl derjenigen, die sowohl im Semester als auch in den Ferien durchgehend jobben müssen, beträgt 31 Prozent. Im Jahr 1951 - zum Zeitpunkt der ersten Sozialerhebung des DSW - waren lediglich 11,7 Prozent der Studierenden laufend neben dem Studium erwerbstätig, 49 Prozent gelegentlich - wobei sich das Jobben hauptsächlich auf die Zeit der Semesterferien konzentrierte. Jobben als Finanzquelle zur Studienfinanzierung ist in Deutschland im Lauf der Jahre also zur Normalität geworden.
Luxus ist bei mir nicht drin. Seit ich studiere, habe ich keinen Urlaub mehr gemacht.
Für Michael Meisenheimer sind seine Nebenjobs die einzige Einnahmequelle, der Chemiestudent erhält weder Bafög, noch kann er von seiner Familie große Unterstützung erwarten. Manchmal ärgert es mich, dass ich mir die Nächte und Wochenenden um die Ohren schlagen muss, während andere ihr Studium von den Eltern finanziert bekommen, sagt Meisenheimer. Luxus ist bei mir nicht drin. Seit ich studiere, habe ich keinen Urlaub mehr gemacht. Im Gegensatz zu Meisenheimer werden knapp 89 Prozent der Studierenden laut DSW von ihren Eltern mit durchschnittlich 435 Euro im Monat unterstützt, gut 12 Prozent leben ausschließlich von den Eltern.
Wenn Studenten neben dem Studium viel arbeiten müssen, bleibt das nicht ohne Folgen: Klar wirkt sich das negativ auf mein Studium aus, berichtet der Chemiestudent. Ich habe schon so manche Klausur nicht mitgeschrieben, weil ich in der Nacht zuvor arbeiten musste. Mit Einführung der Studiengebühren hat sich die Situation für Meisenheimer noch einmal verschärft. Die 656 Euro für das laufende Sommersemester hat er mühsam angespart. Wie er die Gebühren künftig finanzieren soll, weiß er noch nicht. Ich merke, dass ich immer öfter über Studienabbruch nachdenke, und dass das Ziel, mit dem Studium fertig zu werden, mit den steigenden Kosten in immer weitere Ferne rückt.
Dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Studiendauer sowie Studienabbrüchen und der Nebentätigkeit von Studierenden gibt, hat das Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover herausgefunden: 17 Prozent der Studienabbrecher bezeichnen finanzielle Probleme als die ausschlaggebende Ursache ihrer Studienaufgabe, berichtet HIS-Experte Ulrich Heublein. Dahinter verbirgt sich auch die Unmöglichkeit, ausgedehnte Erwerbstätigkeit zur Studienfinanzierung mit den Studienverpflichtungen zu vereinbaren.
Auch Susan Hoffmann macht derzeit die Erfahrung, dass es immer schwieriger wird, Studium und Finanzierung unter einen Hut zu bringen: Die 24-Jährige studiert BWL an der Universität Köln und kann die neuen Studiengebühren nur mit Mühe und Not aufbringen. Die erste Rate konnte ich noch auf den Tisch legen, erzählt Hoffmann. Aber in Zukunft werde ich dafür wohl einen Kredit aufnehmen oder mehr arbeiten müssen. Das wird jedoch schwierig werden, denn die BWL-Studentin opfert schon jetzt einen Großteil ihrer Freizeit für den Nebenjob: 14 Stunden pro Woche arbeitet Hoffmann in einem Immobilienbüro. Dort verdient sie zwischen 300 und 400 Euro monatlich, hinzu kommen rund 260 Euro Bafög. Ich muss allein 320 Euro Miete zahlen, da bleibt nicht viel zum Leben. Laut DSW verfügen Studierende im Durchschnitt über 767 Euro Einnahmen im Monat. Allerdings gibt es eine erhebliche Spreizung der Einnahmen: Über ein Viertel der Studierenden muss mit weniger als 600 Euro im Monat auskommen, 14 Prozent hingegen haben mehr als 1.000 Euro monatlich zur Verfügung.
Manchmal bin ich so fertig, dass ich ernsthaft Zweifel bekomme, ob ich das alles so schaffe.
Hoffmann hat das Glück, einen verständigen Chef zu haben: Wenn ich Klausuren schreibe, kann ich mir in der Regel Urlaub zum Lernen nehmen, berichtet die Studentin. Trotzdem bin ich manchmal so fertig, dass ich ernsthaft Zweifel bekomme, ob ich das alles so schaffe. Innerhalb von elf Semestern will Susan Hoffmann ihr Studium beenden, während BWLer an der Uni Köln im Durchschnitt 13 Semester brauchen. Das wird anstrengend, aber es ist machbar, schätzt Hoffmann, die über Studierende, die komplett von den Eltern finanziert werden und ihr Studium dennoch nicht hinkriegen, nur den Kopf schütteln kann.
Dadurch, dass ich mein Studium ohne fremde Hilfe finanziere, bin ich sehr selbständig geworden und habe gelernt, meinen Alltag zu organisieren, sagt die BWL-Studentin, die neben ihrem Job auch in der Fachschaft der Kölner Universität engagiert ist. Außerdem kommt eine Nebentätigkeit während des Studiums bei späteren Arbeitgebern gut an. Immerhin kann ich damit belegen, dass ich stressresistent bin und schon Praxiserfahrung gesammelt habe. Im Immobilienjob, wo Susan Hoffmann an drei Tagen die Woche jobbt, bereitet die Studentin auch die Jahresabrechnung mit vor. Da lerne ich schon ein bisschen für die Zukunft, denn mein Berufsziel ist es, in die Wirtschaftsprüfung zu gehen.
Solche Vorteile des Jobbens bestätigt auch die Münchener Karriereberaterin Gitte Härter: In den Personalabteilungen kommt es gut an, wenn man einen Bewerber vor sich hat, der Jobpraxis mitbringt. Entscheidend dabei sei, wie ein Kandidat mit seiner Nebentätigkeit umgeht: Wer darüber flucht, dass er kellnern musste, um sich das Studium zu finanzieren, wirkt natürlich nicht so positiv wie jemand, der den Vorteil hervorhebt, bereits Erfahrung im Servicebereich gesammelt zu haben. Die Beraterin empfiehlt deshalb, Nebenjobs in einer Bewerbung mit anzugeben - durchaus auch in einer eigenen Rubrik. Prinzipiell sollten jobbende Studenten immer auch die positive Seite des Nebenerwerbs würdigen, sagt Gitte Härter. Denn auch wenn es nicht der Arbeitgeber der Zukunft ist - jeder Job lehrt Berufsalltag, und das ist im Studium und für die Bewerbung unheimlich wichtig.
Genaue Zahlen darüber, wie viele Studenten über ihre Nebenjobs den Berufseinstieg schaffen, gibt es nicht. Als das HIS im Jahr 2001 eine Absolventenbefragung durchführte, gaben 14 Prozent der Uni-Absolventen und 15 Prozent der FH-Abgänger an, dass ihre erste Beschäftigung auf einen Job während des Studiums zurückzuführen ist. Bei einer Wiederholung der Befragung 2005 blieben die Werte auf ähnlichem Niveau.
Der Zusammenhang zwischen Nebenjob und späterer Berufstätigkeit sollte also nicht unterschätzt werden: Ich kenne einen Elektroingenieur, der in der Kundenbetreuung einsteigen wollte, erzählt Karriereberaterin Härter. Bei der Bewerbung wurde es plötzlich relevant, dass er einmal in einem Drogeriemarkt gejobbt hatte und Kundenkontakt im Einzelhandel nachweisen konnte. Auch das Hochschul-Informations-System hat in einer Untersuchung über die Nebentätigkeit von Studenten festgestellt: Schränkt das Geldverdienen einerseits das Zeitbudget für das Studium ein, so können andererseits aus der Erwerbstätigkeit auch sehr positive Effekte resultieren, zum Beispiel der Erwerb von Schlüsselqualifikationen. Studentische Erwerbstätigkeit müsse deshalb als Mischung aus Chance und Risiko betrachtet werden.
Trotzdem wird es nach Einschätzung von Experten in Zukunft noch schwieriger werden, ein Studium zu meistern. Nicht nur erschweren die Studiengebühren die Finanzierung. Auch die Umstellung auf Bachelor und Master wird Studenten in Deutschland unter höheren Druck setzen: Durch die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge müssen die Studierenden deutlich mehr Zeit an den Hochschulen verbringen, sagt Achim Meyer auf der Heide, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Das bringt diejenigen in eine schwierige Situation, die sich ihr Studium durch harte Arbeit finanzieren müssen und die Zeit neben dem Studium zum Jobben brauchen.
Schon jetzt gebe es deshalb rückläufige Studienanfängerzahlen, aber der Trend wird sich noch verstärken, schätzt Wolfgang Isserstedt von HIS: In Zukunft wird die Schere zwischen höherer Präsenz an den Hochschulen und größerer finanzieller Belastung dazu führen, dass sich weniger für ein Studium entschließen.
HIER FINDET MAN NEBENJOBS:
Bundesagentur für Arbeit
Die staatliche Arbeitsvermittlung verfügt an vielen Hochschul-Standorten über eine Extra-Jobbörse für Studenten: http://www.arbeitsagentur.de.
Eigene Hochschule
Zahlreiche Universitäten und Fachhochschulen betreiben eigene Jobvermittlungen, häufig in Zusammenarbeit mit den Studentenvertretungen. Prominentes Beispiel ist der Verein Student und Arbeitsmarkt an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Tipp: Einfach beim Asta der eigenen Hochschule nachfragen.
Online-Jobbörsen:
http://www.jobber.de vermittelt kurzfristige Studentenjobs
http://www.jobmailing.de Jobvermittlung für Studenten, die auf die Einhaltung eines Mindestlohns achtet und nur bezahlte Praktika anbietet.
http://www.jobs3000.net vermittelt kurzfristige Studentenjobs